Talon Nummer 24
Die Dunkelheit in uns
von
Thomas Knip
Talon konnte ein Frösteln nur mühsam unterdrücken. Die unverhohlene Drohung, die in den Worten der vermummten Frau mitschwang, hatte nichts von einer Bitte an sich. Es war eine Aufforderung, die keinen Widerspruch duldete.
Es ist ein langer Weg zurück zum Tempel, setzte er zu einer Erklärung an. Mitten durch unwegsames Gelände. Und selbst wenn wir den Tempel erreichen, kann ich nicht versprechen, dass es Hilfe für euch geben wird.
Das heißt, du weigerst dich?, kam die tonlose Feststellung der Frau. Ihre linke Hand legte sich erneut auf die glatte, steinerne Oberfläche der Löwenstatue. Welchen Wert hättest du dann noch für uns?
Mit einer Schnelligkeit, die der Mann aus dem Dschungel dem entstellten Körper nicht zugetraut hätte, zuckte die rechte Hand vor und strich in einer leichten Bewegung, die dem Flügelschlag eines Schmetterlings glich, über seinen Brustkorb. Es war, als würde heißes, flüssiges Metall auf seine Haut gegossen. Der Schmerz war so überwältigend, dass sich nicht mehr als ein lang gezogenes Stöhnen von Talons Lippen lösen konnte. Wie in Zeitlupe senkte sich sein Blick und brannte sich auf der Stelle fest, die der eiterverschmierte Finger berührte. Die Haut auf seiner Brust verlor an Farbe. Ein dunkler, vernarbter Striemen folgte dem Weg des Fingers. Doch gleichzeitig spürte er, wie sich etwas tief in ihm löste und nach oben gespült wurde, durch den Finger floss und verschwand.
Der Schlag seines Herzens pochte in seinen Ohren. Eine bleierne Schwäche legte sich auf seine Glieder. Sie ließ den hochgewachsenen Mann taumeln. In seiner Kehle brannte ein Feuer, das mit zerstörerischer Intensität in die Fasern seines Körpers vordrang. Er spürte, wie mit jeder Sekunde das Leben aus ihm gezerrt wurde und sich an einem Punkt sammelte, dort, wo der dürre Finger seine Haut berührte.
Dann, mit einem Mal, war es vorbei. Talon kippte nach vorne. Mit voller Wucht prallte sein geschwächter Körper schmerzhaft gegen die fein behauene Wand der Nische. Die Kälte im Tal schwappte wie eine Flutwelle über ihm zusammen und raubte ihm den Atem. Er zitterte, als läge er schutzlos im Schnee.
Eine leinenumwickelte Hand stützte ihn bei der Schulter und zog ihn hoch.
Du wirst uns helfen, stellte die Frau ein weiteres Mal fest. Talon hob müde seinen Kopf an und suchte die glühenden Augen der Vermummten. Als sich ihre Blicke trafen, nickte er schwach, und sie ließ ihn los. Kraftlos sackte er an der Wand zu Boden. Nur langsam kehrte das Gefühl von Leben in seinen Körper zurück. Wie eine Puppe wurde er von zwei weiteren Vermummten hochgezogen und aus der Nische getragen. Ein kühlender Wind strich über seine schweißglänzende Haut, als er die künstliche Vertiefung im Fels hinter sich ließ. Übergangslos legte sich die allgegenwärtige Dunkelheit des Tals auf ihn. Die vereinzelten Feuer, die in der weitläufigen Schlucht brannten, vermochten ihre Umgebung nur unzureichend zu erhellen.
Talons Gedanken kreisten unablässig um das, was gerade geschehen war. Er musste eine Lösung finden. Doch dazu brauchte er Zeit. Er konnte nicht zulassen, dass die Ausgestoßenen diese Macht in ihren Händen behielten. Und die Frau, die offensichtlich die Rolle einer Anführerin übernahm, hatte ihm deutlich gemacht, dass keiner von ihnen gewillt war, sich mit tröstenden Worten abspeisen zu lassen.
Sie waren bereit, die Kräfte der Statue auch gegen Menschen einzusetzen. Er hielt in seinen Gedanken kurz inne. Welche Wahl blieb ihnen auch? Es war nur zu verständlich, dass sie eine Lösung für ihre ausweglos scheinende Situation suchten. Sie hätten diese Macht schon längst auf Menschen in der Umgebung anwenden können. Dennoch hatten sie bisher in diesem Tal ausgeharrt.
Seine beiden Träger setzten ihn auf dem Lager ab, auf dem er erst vor einer Stunde erwacht war. Langsam ging sein Atem weder gleichmäßig. Das Gefühl tief im Inneren, sich auf die Kraft seines Körpers verlassen zu können, kehrte nach und nach zurück. Ein Schatten zog an seinem Blickfeld vorbei.
Nun?, fragte die Frau unvermittelt. Sie blieb neben ihm stehen und stützte sich auf den schweren, mannshohen Stab aus dunklem Holz. Bringst du uns zum Tempel oder willst du hier sterben?
Der beißende Spott in ihren Worten brachte Talon wieder zur Besinnung. Sollte er den Menschen helfen können, würde er es tun. Doch in erster Linie waren sie eine Bedrohung für das Leben um sie herum. Er musste einen Weg finden, die Ausgestoßenen von der Statuette zu trennen. Sie musste zurück in den Tempel. Shion sollte entscheiden, was damit zu geschehen hatte.
Ja, antwortete er nach langen Sekunden, ich werde euch führen. Ich werde euch zum Tempel führen. Und ich denke, der schwarze Löwe kann euch helfen. Den letzten Satz schickte er hinterher, um dafür zu sorgen, dass er sich im Kopf der Frau festbrannte. Sie musste daran glauben, dass es eine Chance auf Heilung gab.
Dann ist es gut, löste sich die brüchige Stimme mit einem leichten Zögern wie ein Murmeln unter den dreckverschmierten Tüchern. Ihre dunklen Augen richteten sich auf den Mann, der halb gegen den kalten Stein gelehnt auf seinem einfachen Lager saß.
Es ist spät heute. Wir werden morgen früh aufbrechen. Nutze die Zeit, dich zu erholen.
Trotz der inneren Unruhe fiel die Anspannung von Talons Körper ab. Er nickte ihr schwach zu und sah der Frau nach, wie sie in der Dämmerung der Umgebung verschwand. Mühevoll versuchte er sich wach zu halten, doch dann fiel er übergangslos in einen traumlosen Schlaf.
Als er erwachte, durchzogen Schmerzen seinen ganzen Körper. Ein Geräusch hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Drei Vermummte umringten ihn. Sie hatten scheinbar darauf gewartet, dass er aufwachte.
Komm, folgte die knappe Aufforderung von einer massigen Gestalt, von der Talon kaum mehr erkannte als die blutunterlaufenen Augen. Er setzte sich auf und unterdrückte ein Stöhnen. Seine Gliedmaßen fühlten sich an, als sei er verprügelt worden. Kurz ging sein Blick auf die Stelle, an der ihn die Frau gestern berührt hatte. Auf seiner rechten Brust war noch immer ein dünner Streifen zu erkennen. Er sah aus wie eine Brandspur, die an den Rändern leicht entzündet war.
Talon strich mit einem Finger darüber. Die Haut fühlte sich wie brüchiges Leder an.
Gedankenversunken folgte er den drei Gestalten, die ihm den Weg durch die dämmrige Umgebung wiesen. Es musste noch früh am Morgen sein. Neblige Dunstschwaden waberten über den Boden. Ab und zu unterbrach ein Husten die morgendliche Stille. An der Stelle, an der die Einbuchtung in das eigentliche Tal überging, war ein Feuer entzündet worden. Eine Handvoll Vermummter kauerte um die prasselnden Holzscheite versammelt am Boden.
Keiner von ihnen sprach. Es war eine bedrückende Stille, die die Szenerie erfüllte. Etwas in Talon zögerte. Normalerweise erfüllten Lachen und belanglose Gespräche über den Tag solche Zusammenkünfte. Doch dieses Lebens sahen sich die gezeichneten Menschen vor ihm beraubt. In einer kurz auflodernden Wut unterdrückte er das Mitgefühl, das sich in ihm breit zu machen versuchte.
Ihm wurde eine Stelle zugewiesen, an der er Platz nehmen sollte. Der Geruch von Ausdünstungen und Exkrementen, der ihm entgegenschlug, sorgte für einen reflexartigen Würgereiz. Doch er setzte sich mit zusammengekniffenen Lippen vor das Feuer.
Jetzt erst nahm er den flachen Kessel wahr, in dem eine milchige Flüssigkeit erhitzt wurde. Kommentarlos füllte jemand mit einem Holzlöffel etwas von der Suppe ab und reichte die Schale weiter an Talon. Zwei Plätze rechts von ihm erklang eine ihm bekannte Stimme.
Stärk' dich gut. Du wirst es nach dem gestrigen Tag brauchen.
In dem fahlen Licht der Morgendämmerung war es für Talon unmöglich gewesen, die Vermummten voneinander unterscheiden zu können. Er blickte hinüber, während er die Schale entgegennahm. Zwei dunkle Augen taxierten ihn aufmerksam. Ohne sie an ihrem Aussehen wirklich zu erkennen, wusste er, dass er von der Anführerin betrachtet wurde.
Talon versuchte, in der Art und Weise, wie die Menschen ihren Körper verhüllten, Unterschiede auszumachen. Bis jetzt waren die Vermummten für ihn nicht mehr als gesichtslose Gestalten ohne individuellen Charakter. Es fiel ihm schwer, sie als lebendige Menschen mit eigenen Gedanken und Wünschen zu betrachten.
Doch so sehr er sich auch bemühte, es wollte ihm nicht gelingen, sie anhand ihrer Kleidung wirklich voneinander zu unterscheiden. Er trank die geschmacklose Brühe mit durstigen Zügen und nahm eine zweite Portion dankbar an. Die Wärme brachte etwas Leben zurück in seinen ausgezehrten Körper.
In der Ferne war leise das Zirpen von Insekten zu hören. Auch die ersten Vögel erwachten und erfüllten mit ihrem Gezwitscher und Gekrächze schnell den frühen Morgen. Das Tal ließ nur wenig Licht bis zum Boden durchdringen, und so war es kaum zu erkennen, wie spät es tatsächlich war. Weit über sich konnte Talon Wolkenschlieren sehen, die in einem wässrigen Grau den Himmel bedeckten. Es begann leicht zu regnen.
Mit einem kurzen Nicken beendete die Anführerin das karge Frühstück und stützte sich auf ihrem Stab auf. Sie erhob sich in eckigen Bewegungen, die es Talon deutlich machten, wie schwer ihr die Kontrolle über ihren geschundenen Körper fiel. Er stellte die geleerte Holzschale ab und stand zusammen mit den übrigen Anwesenden auf. Mehreren der Vermummten wurden von den anderen Beutel überreicht, die sie sich über die Schulter warfen.
Drei werden mit dir kommen, erklärte die Frau, während sie auf Talon zutrat.
Was ist mit den anderen?, wollte er wissen.
Der Blick aus den dunklen Augen legte sich auf ihn. Sie werden hier bleiben. Viele von uns sind so schwach, dass sie solch einen langen Marsch nicht überstehen würden. Wie lange werden wir brauchen? Zwei, drei Wochen?
Talon überlegte kurz und nickte dann. Ich gehe von mindestens zwei Wochen aus.
Siehst du. Das kann ich ihnen nicht zumuten. Deshalb werden wir drei gehen, ihre Hand wies auf die beiden Gestalten, die sich direkt um sie herum versammelt hatten, und sehen, was wir erreichen können.
Der Mann aus dem Dschungel ließ die Vermummte nicht aus den Augen.
Du glaubst nicht wirklich daran, dass ich euch helfen kann, oder?
Unvermittelt begegnete sie seinem Blick. Als ich auf der Technischen Akademie in Khartum war, habe ich diesen Spruch aus dem Westen gehört
Die Hoffnung stirbt zuletzt'. Sie zurrte den Beutel fest. Doch davor stirbt einiges andere ab. Und dies alles macht es mir schwer zu hoffen.
Zum ersten Mal hatte sie sich ihm gegenüber so weit geöffnet und über ihr Leben davor berichtet. Talon merkte genau, wie schwer es ihr gefallen war, die Maske der Unnahbarkeit abzulegen und ein Zeichen von Schwäche zu offenbaren.
Wie heißt du?, wollte er von ihr wissen.
Hajia, antwortete sie müde. Doch nenn' mich niemals so! Verstanden? Wir haben uns geschworen, unsere Namen erst wieder anzunehmen, wenn dieser Fluch von uns genommen ist. Wenn wir wieder die Menschen sind, die wir einmal waren.
Bevor er etwas erwidern konnte, packten ihn zwei prankenhafte Hände und schlangen seine Arme auf den Rücken. Was soll das?, rief Talon aus. Seine Handgelenke wurden aneinander gepresst, und dann spürte er, wie sie mit Lederriemen gefesselt wurden.
Nur, damit du uns nicht wegläufst, hörte er die grollende, brüchige Stimme des kräftigen Mannes in seinem Rücken. Hajia sah teilnahmslos zu und zog sich die Kutte über ihrem Kopf zurecht. Es fiel noch immer leichter Regen.
Ein schwacher Schlag mit dem Handrücken ließ Talon einen Schritt nach vorne stolpern. Das Mitgefühl, das kurz in ihm aufgekommen war, wich wieder der Wut über die Hilflosigkeit, in der er sich befand. Sie machten ihm bewusst, dass sie ihn als ihren Gefangenen ansahen. Und ihn auch dementsprechend behandelten.
Was ist mit der Statue?, wollte Talon von Hajia wissen. Er konnte seine Unruhe nur schwer zurückhalten. Ohne die kontrollierende Hand ihrer Anführerin mochten die Zurückgebliebenen diese Kräfte ungezügelt freisetzen. Und genau das hatte er versucht zu vermeiden.
Darüber brauchst du dir keine Gedanken machen, erwiderte sie nur knapp und schenkte ihm keine weitere Beachtung.
Ohne sich groß zu verabschieden setzte sich die kleine Gruppe in Bewegung und folgte den Windungen des Tals. Kurz noch warf Talon einen Blick zurück, doch außer einer schwachen Rauchfahne des Feuers, das durch den Regen gelöscht wurde, wies nichts darauf hin, dass an dieser Stelle Menschen lebten. Sie waren schon längst wieder mit den Schatten in der Felswand verschmolzen.
Die nächsten Tage vergingen voller Eintönigkeit. Auch wenn Talon die Gegend fremd war, wusste etwas in ihm genau, in welcher Richtung der Tempel lag. Der Weg führte sie nach Nordwesten, an einer lang gestreckten Hügelkette vorbei, die rechts von ihnen emporstieg. Immer wieder machten unwegsame Schluchten einen Umweg nötig, die sich quer zu ihrer Marschrichtung nach Süden zogen und in ein weites, tief liegendes Becken übergingen, das am Horizont die gesamte Fläche einzunehmen schien.
Um kein Aufsehen zu erregen, hielt sich die Gruppe von den Straßen entfernt und nutzte deren Möglichkeiten nur, sobald es dunkel geworden war. Der Baumbewuchs war in dieser Gegend nicht sehr ausgeprägt, und so gab es kaum Gelegenheiten, in dieser offenen Savanne in den Schutz der Fauna einzutauchen, um sich vor neugierigen Blicken zu schützen. Talon fürchtete dabei weniger Passanten oder Händler, die ihrem Tagwerk nachgingen, als bewaffnete Patrouillen. Und dabei zählte es wenig, ob es sich um Regierungstruppen oder um rebellierende Banden handelte.
Doch ihre Vorsicht schien völlig unbegründet, und dies erfüllte den Mann aus dem Dschungel mit einer nicht enden wollenden Unruhe. Die Bergregionen im Osten des Kongo waren aufgrund ihrer Rohstoffvorkommen ein verhältnismäßig dicht besiedeltes Gebiet. Darüber hinaus hielten sich seit Jahren zahlreiche Flüchtlingsgruppen aus den umliegenden Ländern hier versteckt.
Jetzt jedoch wirkte die Landschaft, als habe sie die Zivilisation noch nie berührt. Mehr noch: es schien, als schüttelte die Natur die Überreste der modernen Welt nach und nach ab. Mehrmals war die Gruppe an zerfallenen Fahrzeugen vorbeigekommen, die in den Wirren des Bürgerkriegs zerstört zurückgelassen worden waren. Sie zerfielen jedoch nicht unter den Einwirkungen des Wetters oder des Rosts, der das brüchige Metall zersetzte.
Lichtschemen huschten reflexartig über die aufgelöste Oberfläche. Sie leckten wie gierige Zungen an jeder hervorstehenden Kante und ließen sie unter ihrer Berührung förmlich zerfasern. Einem puderartigen Staub gleich wurde das Metall vom Wind fortgetragen.
Die Vermummten nahmen den unwirklichen Prozess ungerührt zur Kenntnis und trieben Talon vorwärts. Ihr wisst, was hier geschieht, nicht war?, zwang sie der Mann trotzdem in ein Gespräch. Eser Kru hat in seinem Wahn Kräfte freigelassen, die die Welt um uns herum zersetzen. Alles hier löst sich nach und nach auf, und ich weiß nicht, was dann folgen wird!
Willst du sagen, dass das, was mit uns geschehen ist, damit zusammenhängt?, ging der massige Vermummte, der direkt hinter Talon lief, auf dessen Worte ein.
Hajia unterband das Gespräch mit einer unwirschen Bewegung. Das ist einerlei. Was mit der Welt passiert, ist mir gleich. Die Dunkelheit kommt aus dem Tempel. Und dorthin werden wir gehen. Versuch' nicht, uns von unserem Ziel abzulenken!, schob sie mit scharf zischender Stimme nach.
Wie um ihre Worte zu unterstreichen, versetzte sie Talon mit ihrem Stab einen schmerzhaften Hieb in den Rücken und trieb ihn weiter.
Die Sonne war bereits vor mehr als einer Stunde untergegangen. Am Horizont waren nur noch die letzten hellen Streifen Licht zu erkennen, durchzogen von Wolkenschichten, deren unteres Ende sanft aufleuchtete. Die Dunkelheit des rasch anbrechenden Abends ließ den Untergrund nur noch undeutlich erkennen. Der beständige Regen der letzten Tage hatte die Erde aufgeweicht und das Vorankommen deutlich erschwert. Bis zu den Knöcheln versanken die Menschen bei jedem Schritt in dem Matsch, der den Regen nicht mehr aufnehmen konnte. Unweit von ihnen heulten Hyänen auf. Sie schienen ihnen seit gestern zu folgen, ohne sich wirklich in ihre Nähe zu wagen.
Der Boden neigte sich leicht zur linken Seite und lief dann in einem weiten Bogen aus. Tief unter sich konnte Talon eine einfache Schotterstraße erkennen, die durch die Wildnis gelegt worden war. Auf ihr war keinerlei Bewegung zu erkennen.
Das dürre, hohe Gras war durch die Nässe zu Boden gedrückt worden. Jeder Schritt presste es mit einem gluckernden Geräusch tiefer in die Erde. Talon kniff die Augen zusammen. Es half nur wenig, dass der Mond etwas zwischen den Wolkenschlieren hindurch schien. Durch die zusammengebundenen Hände konnte er nur schwer das Gleichgewicht halten. Dann geschah das, was er befürchtet hatte. Er geriet auf dem schmierigen Untergrund ins Straucheln und fiel hart hin. Auf dem abschüssigen Boden konnte er sich jedoch kaum festhalten, und so rutschte er über das Gras nach unten. Zweigwerk und Steine bohrten sich schmerzhaft in seine Haut und rissen zahlreiche kleine Wunden.
Irgendwann hörte das Rutschen auf. Der Mann aus dem Dschungel lag atemlos in einer Mulde und spuckte Erde aus. Er versuchte sich abzustützen und aufzustehen. Doch ohne sich auf seine Hände aufstützen zu können, rutschte er mit seinen Füßen über den Boden. Talon hob den Kopf an. Über sich hörte er das heftige Keuchen der anderen, die von der Situation genauso überrascht worden waren wie er.
Sie mussten selbst riskieren, auf dem nassen Boden auszurutschen, und so dauerte er geraume Zeit, bis sie den hilflos am Boden Liegenden erreichten. Der Vermummte, der Talon gefesselt hatte, riss ihn nun mit einer kraftvollen Bewegung hoch.
Sein ganzer Körper schmerzte. Er war über und über bedeckt mit einer feuchten Schicht Erde, die vom Blut der kleinen Risswunden dunkel gefärbt wurde. Verdammt, bindet mich los!, stieß er keuchend in die Runde. Was habt ihr davon, wenn ich mir den Hals breche?
Du hast es überlebt, stellte Hajia ohne Anteilnahme fest. Die Fesseln bleiben.
Trotz ihrer barschen Antwort betrachtete sie sich einige der größeren Verletzungen an Talons Körper. Sie nahm etwas Erde auf und drückte sie gegen mehrere Stellen an seinem Oberkörper. Das sollte die Wunden verschließen, erklärte sie ihm. Mehr können wir ohnehin kaum machen.
Einer ihrer beiden Begleiter sackte plötzlich in sich zusammen. Sofort waren die anderen bei ihm, ohne ihm jedoch zu helfen oder ihn zu berühren. Talon konnte leise Flüche hören. Dann wieder beschwörende Worte, die beruhigend wirken sollten. Der Körper der Gestalt ruckte vor und erhob sich schwerfällig. Er war jetzt kaum mehr als drei Meter von dem halbnackten Mann entfernt, der bemüht war, das Gleichgewicht zu halten.
Talon konnte in der Dunkelheit kaum etwas erkennen. Das Licht der dünnen Mondsichel reichte gerade aus, um Schemen und Umrisse zu erhellen. Doch dann sah er die schwarze Flüssigkeit, die aus einem eigenen, düsteren Licht heraus zu leuchten schien. Sie tropfte in breiten Bahnen von der vermummten Gestalt und sammelte sich auf dem Boden.
Zischend stieß der Mann aus dem Dschungel bei dem Anblick den Atem zwischen den zusammengepressten Zähnen aus. Der Vermummte blutete aus zahlreichen Stellen. Das schwarze Blut löste sich aus den eingefallenen Augenhöhlen und sammelte sich mit den schlierigen Fäden, die aus der Nase drangen.
Röchelnde Laute drangen aus dem dunkel getränkten Stoff vor seinem Mund. Wieder fiel der Vermummte auf die Knie und beugte sich vornüber. Talon hörte, wie sich die Gestalt übergab. Nur mit Mühe stützte sie sich mit den Ellenbogen auf dem feuchten Gras ab.
Das dunkle Blut wurde von dem Erdreich aufgesogen, als habe es seit Tagen nicht mehr geregnet. Es verschwand jedoch nicht in der Tiefe. Die Dunkelheit wanderte unter der Oberfläche weiter und dehnte sich wie ein dünner Film über den Boden aus. Schwarze, schattenhafte Tentakel zuckten vor und krallten sich in die Erdklumpen. Dort wo sie das Gras berührten, krümmten sich die Pflanzen wie unter Schmerzen zusammen und brachen binnen Sekunden vertrocknet auseinander.
Hajia redete weiter auf den Vermummten ein, der mühsam gegen die aufsteigende Verzweiflung ankämpfte. Seine Schultern zuckten unter dem hilflosen Schluchzen. Sie griff in ihre Tasche und holte einen mit Stoff umwickelten, handgroßen Gegenstand hervor. Diesen drückte sie in die aufgeweichte, fast schon formlose rechte Hand des Vermummten. Sofort lösten sich Lichtschleier aus dem zylinderförmigen Objekt.
So schnell wie die Schwärze den Boden durchdrungen hatte, zerfiel sie nun vor Talons Augen. Doch mit ihr starb auch das Leben rund um den Vermummten ab. Wie ein Kreis breitete sich der Ring aus verendenden Pflanzen aus, die in Sekunden in sich zusammenfielen.
Deutlich konnte der Mann aus dem Dschungel nun die Statue Shions erkennen, die zwischen den Fingern dunkel aufleuchtete. Das war also der Grund, warum er sich keine Gedanken darüber machen sollte. Hajia hatte sie wohlweislich mitgenommen. Vielleicht auch, um ein Druckmittel gegen ihn zu haben.
Minuten vergingen, in denen der Vermummte sichtlich an Stärke gewann. Er kauerte im Zentrum eines Kreises, der verbrannter Erde glich. Die Frau an seiner Seite wirkte weiterhin beruhigend auf ihn ein. Schließlich entwand sie ihm die Statue aus den Fingern. Sie hüllte sie wieder in den Stoff und steckte sie weg. Kurz sah sie sich um und wies dann auf eine kleine Schonung etwas unterhalb ihrer Position.
Wir werden dort übernachten. Für heute ist es unmöglich, noch weiter zu marschieren.
Der Vermummte, der Talon als Bewacher zugeteilt war, half seinem Gefährten aufzustehen. Er stützte ihn auch auf dem Weg nach unten. Hajia wiederum hielt Talon mit einer Hand am linken Oberarm, während sie ihn mit sich führte. Die feuchten Stofffetzen, die ihre Finger umhüllten, legten sich klebrig auf seine Haut. Schweigend folgten sie den anderen.
Du willst nicht wissen, was gerade passiert ist?, unterbrach sie die Stille.
Ich denke, ich habe gerade gesehen, was geschieht, wenn die
Krankheit in euch ausbricht.
Das Nicken der Anführerin konnte er in der Dunkelheit nur erahnen.
Es trifft Männer schneller und intensiver als Frauen. Deshalb haben sie überhaupt erst akzeptiert, dass ich die Führung übernehme. Wir sind offensichtlich widerstandsfähiger.
Sie geriet ins Straucheln, konnte sich aber rechtzeitig auf ihren Stab aufstützen.
Du hast kaum mehr als dreißig Menschen gesehen, Talon. Als wir aufgebrochen waren, waren wir über achtzig! Der Fluch hat jeden Tag einen von uns geholt. Und wir mussten tatenlos zusehen. Und haben dabei unser eigenes Ende mit eigenen Augen
-
Ihre Stimme stockte. Sie hielt in ihrem Schritt inne und senkte den Kopf.
Nichts, es ist nichts, murmelte sie zu sich selbst und ging dann weiter.
Sie erreichten die anderen Mitglieder der Gruppe. Talon lehnte sich ermattet mit dem Rücken gegen eine breite Ölpalme und ließ sich an dem Stamm zu Boden sinken. In ihrem Schutz sah er den Vermummten zu, die sich schweigend ein einfaches Nachtlager schufen. Gedanken kreisten in seinem Kopf. Er versuchte, einen Ausweg aus der Situation zu finden. Doch so sehr er versuchte sich zu konzentrieren, liefen seine Überlegungen ins Leere.
Ohne sich dagegen wehren zu können, schlief er ein.
Schweigsam hing er am nächsten Morgen seinen eigenen Gedanken nach.
Nachdem die Menschen mit trockenem Brotfladen notdürftig ihren Hunger gestillt hatten, setzte die Gruppe ihren Weg fort. Irgendwann in der Nacht war Talon aus unruhigem Schlaf erwacht und hatte keine Ruhe mehr gefunden.
So sehr er das Schicksal dieser Menschen bedauerte sie stellten eine unkontrollierbare Gefahr dar. Bisher hatte er diese Schwärze nur an Shion selbst erlebt. Doch sie hatte auch Eser Kru erfüllt, und Talon hatte dessen zerstörerische Kräfte selbst erlebt. Hier jedoch, in diesen geschwächten Körpern, wirkte sie wie eine unaufhaltsame Naturgewalt. Die dunkle Substanz hatte ein eigenes Bewusstsein entwickelt, sobald sie losgelassen worden war. Sie hatte sofort nach jedem Stück Leben gegriffen, das sich in ihrer Nähe befunden hatte.
Er musste endlich frei kommen! Am frühen Morgen hatte er versucht, das lederne Band, das seine Hände fesselte, am Stamm des Baumes aufzurauen. Die brüchige Rinde war alles andere als geeignet, um das Leder zu zerschneiden. Dennoch glaubte er zu spüren, als habe der Riemen etwas an Spannung verloren.
Unwillkürlich sonderte er sich noch weiter von den Vermummten ab und lief mehrere Meter vor ihnen her. Immer wieder, wenn er sich unbeobachtet wähnte, zerrte er seine Hände leicht auseinander, um das Band noch weiter zu dehnen.
Ihr Weg führte sie noch immer den flach abfallenden, nur spärlich bewachsenen Hang entlang, auf dem sie nun schnell vorwärts kamen. Über Nacht hatte der Regen aufgehört. Auch wenn der Boden unter jedem ihrer Tritte nachgab, gewann er langsam wieder an Festigkeit.
Von einem Augenblick auf den anderen jedoch begann die Erde zu vibrieren. Ein dumpfes Grollen erfüllte die Luft und ließ alle andere Geräusche verstummen. Es schwoll zu einem Tosen an, als ob ein Unwetter über sie hereinbrach. Doch der Himmel lag im matten Blau des frühen Tags über ihnen.
Viel zu schnell, ohne dass einer von ihnen hätte darauf reagieren können, erfasste sie die Druckwelle. Die Menschen wurden durch die Luft gewirbelt und schlugen hart auf der Erde auf. Talon wurde der Atem aus den Lungen gepresst. Durch seine rechte Schulter fuhr ein heftiger Schmerz. Bunte Schlieren tanzten vor seinen Augen. So gut er konnte, wandte er den Kopf und versuchte etwas zu erkennen.
Er konnte nur sehen, wie jenseits einer Bodenwelle hinter ihm Blattwerk und Erde hochgewirbelt wurden. Holz splitterte mit einem Kreischen auseinander und explodierte förmlich.
Talon bekämpfte den Schwindel in seinem Kopf. Das Blut rauschte in seinen Ohren. Er sah sich um und suchte seine Begleiter. Dabei fiel sein Blick in die Richtung, die sie zum Tempel führen sollten. Sein Atem stockte. Eine weitere Welle bewegte sich auf sie zu.
Doch es schien so bizarr und fremd, dass er es nicht fassen konnte, was' dort tatsächlich geschah. Bis zum Horizont wirkte die gesamte Landschaft, als werde sie durch einen Zerrspiegel gebrochen. Alles um ihn herum wölbte sich vor und verzerrte sich für einen Wimpernschlag ins Unendliche, nur um dann wieder in sich zusammenzufallen.
Die Welle jagte nicht über die Landschaft hinweg, sondern drang mitten durch sie hindurch und riss Teile von ihr mit sich. Viele der Bäume blieben einfach stehen. Sie zuckten nur kurz, als ordneten sie sich neu, während andere aus sich selbst heraus ihre innere Festigkeit verloren und dann mit der Welle mitgerissen wurden. Steine wirbelten durch die Luft. Doch auch wenn Talon zuerst glaubte, auch sie würden nur fortgerissen, erkannte er nach und nach Muster in ihrem Wirbel. Sie sammelten sich in tanzenden Bewegungen, bis sie an einem bestimmten Punkt in die Erde einschlugen und dort hängen blieben.
Nun erst sah er, dass es sich nicht einfach um Steinbrocken handelte. Viele von ihnen waren verziert, mit Mustern und Reliefs, die durch die Witterung schon deutlich gezeichnet waren. Keine drei Meter links von ihm formte sich aus dem kniehohen Gras die unfertige Form einer einfachen Stele. Sie wirkte wie Stückwerk, denn an vielen Stellen fehlten teils faustgroße Brocken. Dennoch konnte der Mann aus dem Dschungel ein fremdartiges Muster ausmachen, das verschiedene, kaum erkennbare Bildreliefs miteinander verband.
Gras war an vielen Stellen geradezu fortgepeitscht worden und gab den Blick auf lange verdeckte Bodenplatten frei, die mit der Zeit längst aufgesprengt worden waren. Es schien fast so, als lege die Welle einen uralten, lange vergessenen Weg frei, der sich mitten durch die Hügel zog.
Schreie drangen zu Talon vor. Er ruckte trotz seiner Fesseln hoch und sah die Vermummten, die unweit von ihm im Gras lagen und sich schmerzgepeinigt krümmten. Mühevoll wälzte er sich auf die Seite und kam nach wenigen Versuchen auf die Knie. Keuchend erhob er sich und stolperte auf seine Begleiter zu.
An dem Stab, der neben einem der Vermummten lag, erkannte er Hajia. Auch wenn die Lagen verschmutzten Stoffs ihren geschundenen Körper vollkommen verhüllten, konnte Talon die Bewegungen deutlich erkennen, die sich unter den Fetzen abzeichneten. Es war, als würde sich eine unsichtbare Kraft wieder und wieder in das wunde Fleisch bohren. Frisches Blut tränkte den Stoff an zahlreichen Stellen in dunklen Bahnen.
Der Mann aus dem Dschungel wagte es nicht, sich der gellend schreienden Frau bis auf wenige Meter zu nähern. Eine Stimme in ihm schrie auf, die Gelegenheit endlich zu nutzen und zu flüchten. Doch Talon entschied sich dagegen. Es war kein Mitleid, das ihn dazu bewegte. Es war vielmehr die Beklemmung, das dieses unwirkliche Ereignis noch viel mehr ausgelöst hatte, als er in diesem Moment abschätzen konnte.
Und er war nicht bereit, das Risiko einzugehen, die Vermummten alleine zurückzulassen. Solange er bei ihnen war, hatte er sie in seinem Blick. Sie waren auf ihn angewiesen, und damit hatte er wenigstens ein kleines Maß an Kontrolle über sie.
Hajias Körper sackte nun fast in sich zusammen und blieb ermattet liegen. Nur das raue Atmen, das sich rasselnd aus den Stoffhüllen löste, zeigte ihm an, dass sie noch lebte. Talon sah sich kurz um. Einer der beiden anderen Männer der, der ihn am Lager gefesselt hatte hob wie unter Qualen seinen rechten Arm. Der andere, der im Gras kaum zu erkennen war, bewegte sich nicht.
Ein Stöhnen riss Talon aus seinen Beobachtungen. Hajia, die eben noch besinnungslos am Boden gelegen hatte, richtete sich in einer flüssigen Bewegung auf. Sie stützte sich auf ihren Stab und stand ohne ein Anzeichen körperlicher Schwäche auf.
Ich fühle mich gut, stellte sie ohne Übergang fest, ohne den gefesselten Mann vor sich damit anzusprechen. Gedankenversunken ließ sie den Stab fallen und löste die Stoffbinde, die ihre rechte Hand verhüllte. Auf den ersten Blick wirkte das Fleisch genauso verletzt und von Fäulnis zerfressen, wie Talon es zuletzt gesehen hatte. Dann jedoch erkannte er, dass es an Form gewonnen hatte und an manchen Stellen scheinbar zu heilen begann.
Doch je länger sich die Frau ihre Hand betrachtete, umso deutlicher erkannte er die dunklen Stellen, die das wunde Fleisch verbanden. Es war keine neue gesunde Haut, die sich auf der Sudanesin gebildet hatte, sondern eine Schicht nachtschwarzer Dunkelheit, die den Körper an vielen Stellen überzog.
Die Dunkelheit aus dem Tempel?
Talon wusste nicht, ob Hajia es als Frage an ihn richtete oder genau das vermutete, was auch er befürchtete. Eine selten gespürte Beklemmung überkam ihn, und seine Nackenhaare stellten sich auf. Auf seine Brust legte sich bleiern eine Schwere, die ihm das Atmen schwer machte.
Er konnte seine Ahnung fast körperlich fühlen. Das, was hier soeben geschehen war, war von Eser Kru ausgelöst worden. Doch in dieser Heftigkeit hatte er es in den letzten Monaten noch nie erlebt! Seine Magie veränderte nicht nur die Natur um sie herum und zwang sie mehr und mehr in einen Zustand zurück, der tief in der Vergangenheit liegen mochte. Sondern diese Kräfte wirkten auch auf die Menschen, die unter Eser Krus Einfluss gestanden hatten. So, wie die Gegenwart sie nach und nach zersetzte, so schien die zurückkehrende Vergangenheit sie zu stärken und ihre Wunden zu heilen.
Doch was bedeutete das für alle anderen Menschen um sie herum? Talon konnte nicht zulassen, dass Eser Kru über seinen Tod hinaus noch Macht ausübte und mit diesen Vermummten sein Werk fortsetzte. Sie trugen Kräfte in sich, die eine unabschätzbare Gefahr darstellten.
Talon sah der Frau nach, wie sie auf den regungslos am Boden liegenden Begleiter zuging. In seinem Innersten formte sich ein klarer Gedanke, der bar jeden Mitleids war. Er würde diese Menschen zum Tempel führen
Alice Struuten stöhnte unterdrückt auf. Gepäck aus ihrem Rucksack hatte sich schmerzhaft in ihren Rücken gebohrt.
Sacrebleu, stieß eine sonore Stimme neben ihr aus. Was war das?
Die junge Fotografin drehte sich auf die Seite und löste dabei gleichzeitig die Gurte ihres Rucksacks. Mit einem dumpfen Schlag fiel er auf die staubige Erde. Alice tastete ihre Rücken ab und verzog mehrere Male vor Schmerzen unwillig die Lippen. Durch den Staub, der sich langsam legte, sah sie die untersetzte Figur ihres Begleiters.
Pierre Abidjou spuckte hörbar aus und schnaufte tief durch. Scheiß Staub, bah! Er schüttelte kurz den Kopf und betrachtete dann die junge Südafrikanerin. Geht's dir gut?, fragte er mit besorgter Stimme.
Geht so, erwiderte Alice Struuten knapp. Und dir?
Der Afrikaner mit seiner tiefschwarzen Hautfarbe winkte ab. Mach dir keine Gedanken. Aber du hast was abbekommen, stellte er fest und deutete mit dem Finger auf Alices Kopf. Unwillkürlich tastete sie mit ihrer linken Hand die Stirn ab und schrie leicht auf, als sich die Finger nahe am Haaransatz schmerzhaft bemerkbar machten.
Sie betrachtete das frische Blut, das an ihnen klebte.
Ist 'ne Schürfwunde, kommentierte Pierre ihre Entdeckung. Er hatte sich inzwischen mit einem lang gezogenen, leicht theatralischen Stöhnen erhoben und wollte sich gerade an seinem eigenen Rucksack zu schaffen machen, als er aufschrie. Ungläubig blickte er zu Alice herüber, doch diese sah selbst nur mit großen Augen zu, wie sich Teile ihres Gepäcks buchstäblich in Luft auflösten.
Der Erste-Hilfe-Kasten, den der Afrikaner gerade in die Hand genommen hatte, zerfiel in wenigen Sekunden zu Staub, der wie Lichtreflexe kurz aufleuchtete und dann verschwand.
Die junge Frau aus Südafrika stemmte ihre Hände in den Boden und schob sich mit mechanischen Bewegungen rückwärts, als könne sie dem gerade Erlebten damit entfliehen. Sie erinnerte sich daran, wie sie hier, am Rande des Dschungels, unschlüssig Rast gemacht hatten. Die Allee aus steinernen Stelen lag hinter ihnen, und der letzte Abschnitt ihres Weges sollte sie direkt zum Tempel des schwarzen Löwen führen.
Doch dann hatte sie diese
Druckwelle erwischt. Zuerst glaubte sie, es habe eine Explosion gegeben. Die Welle war jedoch vollkommen lautlos gewesen und unwirklich über sie hinweg gezogen, mit einer Wucht, die sie in jeder Faser ihres Körpers gespürt hatte.
Alice keuchte auf. Der Dschungel, der sich noch vor wenigen Minuten wie eine undurchdringliche Wand vor ihnen aufgetürmt hatte, war nun eingebrochen. Wie mit einem gewaltigen Keil getrieben zog sich eine breite Schneise durch die Baumreihen. Ruinen steinerner Bauten säumten den grob behauenen Weg. Manche von ihnen erinnerten schwach an die Umrisse eines Löwen.
Alice, lass uns umkehren, bitte, flüsterte Pierre Abidjou tonlos. Ohne es zu merken, schüttelte die junge Frau den Kopf. Der Weg, den sie gehen wollte, lag offen vor ihr
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 25
Die Seelenlosen
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