
Talon Nummer 1
Geschenkter Tod
von
Thomas Knip
[23.12 00.03.45 98.6 Adrian: Bestätige]
[Bestätigt]
Ein leises Rauschen erfüllte die abendliche Szenerie. Die Zweige
der Dattelpalmen tanzten leicht in der Brise hin und her, die vom Meer über
die Bucht wehte. Obwohl die Sonne schon lange untergegangen war, hing noch
ein pastellroter Schimmer am Rand des Horizonts, der den wenigen Wolkenschlieren
einen unwirklichen Glanz verlieh.
Inmitten der oasenhaft gestalteten Gartenanlage erhob sich in einer Privatbucht
das Hotel Jebel Ali, kaum eine Fahrtstunde entfernt von Dubai, der bedeutendsten
Handelsmetropole der Vereinigten Arabischen Emirate.
Mehrere Jachten, die in der kleinen Bucht vor Anker lagen, zeugten vom Publikum,
das sich in dieser abgeschiedenen Anlage von der Hektik in Dubai erholte.
Vereinzelt zeigten sich Nachtschwärmer am Strand, die das laue Klima
zu dieser späten Stunde genossen. Der weit geschwungene Bau des Hotels
hob sich einem Berg gleich gegen den Schein des nächtlichen Himmels ab.
Seine äußeren Kanten wurden dezent von einer Vielzahl kleiner Scheinwerfer
angestrahlt.
Ahmad Sahim trat vom Balkongeländer seiner Suite zurück und zog
ein Taschentuch hervor. Gedankenverloren schloss er die Balkontür aus
Glas fast völlig. Trotz der späten Stunde und der Klimaanlage, die
er auf volle Leistung gestellt hatte, brach ihm bei jeder Bewegung der Schweiß
aus. Zu dieser Jahreszeit war die Hitze selbst hier direkt am Meer kaum zu
ertragen.
Der Kuwaiti Ende Vierzig rückte die Sonnenbrille wieder zurecht. Gewohnheitsmäßig
ließ er sie aufgesetzt, auch wenn in der Zimmerflucht nicht mehr herrschte
als der indirekte Lichtschein, der von draußen herein drang. Mit der
linken Hand strich er über sein kurzes, gelocktes Haar und registrierte
die Feuchtigkeit, die dabei haften blieb, mit Missbilligung.
Er lehnte sich an den Schreibtisch aus teurem Tropenholz, der leicht versetzt
im Raum stand und griff nach dem Telefon. Seine Finger zupften an den Enden
des Hemdkragens, um ihnen etwas Form zu geben. Kurz sah er zum gegenüberliegenden
Ende der Suite, wo ein leises Rauschen hinter der Badezimmertür zu hören
war. Er grinste erwartungsvoll und wählte eine Nummer in Dubai.
Gajim? Ahlan, sei gegrüßt. Wie geht's?
[23.13 00.02.32 100.2]
Nach dem Austausch mehrerer Höflichkeitsformeln begann die Stimme
am anderen Ende der Leitung eine hastige Erklärung. Ahmad Sahim schüttelte
mehrmals den Kopf oder nickte stumm, offenbar unzufrieden mit der Reaktion
seines Gesprächspartners.
nein, Gajim, nein! Die Verhandlungen mit den Dänen
Er lehnte sich mit der linken Hand gegen die Schreibtischkante und drückte
die Sohlen seiner Schuhe in den teuren Teppich. Fast bereute er, den kleinen
Abstecher in dieses Hotel gemacht zu haben. Sein geplantes Stelldichein hätte
er auch in Dubai haben können, und er hätte die Kontrolle über
ihren laufenden Deal nicht aus den Händen geben müssen.
was?! Nichts wirst du! Wir sind im Vorteil! Willst du
den so billig verschenken?
[23.14 00.01.58 102.3 Adrian: Kontrolle!]
Behandschuhte Finger legten sich vorsichtig auf die Glastür des Balkons
und schoben sie leise zur Seite.
[Ich sehe ein Schemen. Ist er es, Bergstrøm?]
[Ja, Adrian, er ist das Ziel 103,5 (kritischer Wert: ignorieren)
Talon: Aktion]
es würde sie Millionen kosten, auf uns zu verzichten.
Wir sind die einzigen, die ihnen das Zeug zu diesem Preis besorgen können!
Die schlanke Gestalt glitt wie ein Schemen in den halbdunklen Raum. Nichts
hätte einen unachtsamen Beobachter auf ihre Anwesenheit hingewiesen.
Doch Ahmad Sahims Instinkt war durch die Jahre geschärft worden, die
er in diesem Geschäft tätig war.
Sein Kopf fuhr herum. Die Augen hinter der Sonnenbrille fixierten sofort den
Eindringling, der sich in den Schatten der Außenmauer stehlen wollte.
Was ?!
Seine linke Hand machte eine abweisende Bewegung.
Verdammt, wer sind Sie? Machen Sie, dass Sie hier wegk-
[23.14 00.01.09 108.2]
[Kontakt, Bergstrøm]
[Talon, handle!]
Erst jetzt betrachtete sich Sahim die Kleidung des Eindringlings. Dieser
trug nicht mehr als einen nachtblauen, hautengen Einteiler, der seinen ganzen
Körper bedeckte. Nur Mund und Hals wurden von einem eng geschlungenen
roten Tuch bedeckt.
Die ganze Aufmachung erschien Sahim so unwirklich, dass er nur langsam reagierte.
Viel zu langsam. In dem Moment, in dem er erkannte, wen oder was
er vor sich hatte, ließ er den Hörer des Telefons fallen und griff
an den Holster, den er hinter seinem Rücken am Gürtel trug.
Doch noch bevor er den Verschluss lösen konnte, handelte die vermummte
Gestalt. Aus dem Schatten ihres Handgelenks löste sich eine fingerlange
dünne Klinge. Sie sirrte durch das Zimmer und traf Ahmad Sahim direkt
in die Kehle.
Der Araber gurgelte leise auf. Seine rechte Hand hatte sich endlich um den
Griff des kleinen Revolvers geschlossen. Blutrote Nebel legten sich über
seine Augen. Er spürte nicht mehr, wie drei weitere Klingen in Brust
und Bauch drangen.
[23.14 00.00.37 122.6 kritisch]
Seine linke Hand tastete noch nach der Lehne des Schreibtischstuhls. Im
Fallen riss er den Stuhl mit einem lauten Poltern mit sich um. Sahim war tot,
noch bevor sein Körper auf dem Teppich zusammensackte.
Aus dem schnurlosen Telefon klangen hektische Rufe. Eine Stimme rief ständig
Sahims Namen, vermischt mit Flüchen und Befehlen.
Die vermummte Gestalt betrachtete den Toten zu ihren Füßen und
sondierte die dämmrige Umgebung.
[Sequenz beendet, Bergstrøm]
[Bestätigt Wert 126.8 Talon--]
[Moment! Das Bad]
Talon griff nach einer Klinge.
[Was?! Talon! 135.1 abbrechen! Werte kritisch!]
Die hektische Stimme einer Frau erklang hinter der Tür zum Badezimmer.
Eine junge Araberin riss die Tür auf. Um ihren nassen Körper hatte
sie nur ein knappes Badetuch geschlungen.
Ahmad? Ist dir etwas ?
Sie brauchte nur einen Moment, um die Situation zu begreifen. Ihre Augen weiteten
sich beim Anblick des vermummten Mannes erschrocken.
Allah
entfuhr es ihr. Im Treppenhaus waren hastige Schritte
zu hören, unterbrochen durch hektische Befehle.
[Störungstörungstörungstörung-]
Talons Körper zuckte unruhig. Die Finger seiner Rechten spielten
nervös mit der dünnen Klinge. Sein Blick verschwamm. Er konnte keinen
Punkt im Raum mehr fixieren.
[Bergstrøm, soll ich-?]
[Abbruch, Talon! Raus!]
Fäuste trommelten gegen die Tür der Suite. Die junge Frau hob
die Hände entsetzt vor den Mund. Sie merkte nicht, wie das Tuch von ihrem
Körper glitt. Sie hörte auch nicht, wie sie anfing zu schreien.
Die Tür der Suite wurde aufgebrochen. Mehrere Männer stürmten
in den Raum. Talon reagierte sofort, rannte zum Balkon der Zimmerflucht, die
im achten Stock lag. Behände sprang er ab und schwang sich über
das Geländer in die Tiefe.
Der Schrei der Frau verklang hinter ihm in der Nacht.
Der Schrei der Frau war kaum verklungen.
Talon schwang sich über den grob gezimmerten Zaun und landete sicher
auf der anderen Seite. Erschrocken drehten die Menschen im Dorf ihre Köpfe
oder folgten Talon so schnell sie konnten. Der Unterschied in der Erscheinung
hätte nicht größer sein können. Obgleich seine Haut von
der Sonne in all den Jahren tief gebräunt worden war, hob er sich dennoch
wie ein helles Schemen gegen all die Dorfbewohner ab, die ihm nacheilten.
Der Unterschied war umso deutlicher, da sein athletischer, schlanker Körper
von kaum mehr bedeckt wurde als einem groben Lendenschurz. In die Lederriemen,
die den Stoff am Körper hielten, war ein Sportmesser mit kräftiger
Klinge gesteckt, umwickelt mit etwas Stoff.
Talons rotbraunes Haar hing wild in die Stirn. Entschlossen setze er seinen
Weg fort, hastete über den lehmigen, mit Staub bedeckten Boden zum Ufer
des Flusses, der sich träge durch dieses Gebiet wand.
Von dort war der Schrei gekommen. Er musste nicht lange suchen. Inzwischen
hatte sich eine große Menschentraube am Anlegesteg gebildet. Jeder im
Dorf hatte seine Arbeit liegen gelassen und war dem Schrei gefolgt.
Talon schob sich zwischen den Schwarzen hindurch, die ihm bereitwillig Platz
machten. Selbst wenn sie in all den Jahren etwas Vertrauen zu ihm gefasst
hatten, hielten die meisten doch einen respektvollen Abstand zu ihm ein.
Irgendwann war der Weiße in ihrem Dorf aufgetaucht. Wild, unbeherrscht.
Fast, als sei er ein Tier aus jener Savanne, aus der er gekommen war. Doch
er hatte kostbare und unbekannte Gegenstände bei sich gehabt. Zumeist
antiken Schmuck, dessen Herkunft sich keiner der Einheimischen erklären
konnte. Da er sie gegen nicht mehr eintauschte als gegen einfache Tongefäße
oder Wasserbehälter, waren die Händler im Dorf mehr als nur bereit,
ihn zu akzeptieren. Seitdem Talon erschienen war, hatten es viele von ihnen
zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht, um den sie viele Bewohner der umliegenden
Ortschaften hier am Fluss beneideten.
Viele hatten versucht, ihm zu folgen, um an die Quelle der Reichtümer
zu gelangen. Doch sobald sie ihm in die Savanne folgten, stellten sich ihnen
Löwenrudel in den Weg. Versuchten sie ihnen auszuweichen, folgten ihnen
die Raubkatzen unbeirrt. Immer mit der gleichen Distanz, um eine unausgesprochene
Warnung zu verkünden.
Irgendwann hatten die Dorfbewohner entnervt aufgegeben und einfach akzeptiert,
dass der Weiße auftauchte und wieder verschwand.
Alleine die Flusshändler mit ihren langen, schmalen Kähnen hatten
im Lauf der Zeit etwas engeren Kontakt zu ihm knüpfen können. Sie
hatten Talon oftmals den Fluss entlang in abgeschiedene Gegenden gebracht,
die zu Fuß wochenlange Reisen bedeutet hätten.
Jounde Kamesi war einer von ihnen.
Entsetzt kniete er neben seinem Partner und hielt dessen in verkrampfter Haltung
am Boden liegenden Körper fest. Er suchte nach einem augenscheinlichen
Lebenszeichen, doch solange er auch auf dem Mann am Boden einredete, es erfolgte
keine Reaktion.
Nekele
, flüsterte er nur tonlos. Neben ihm stand die
Frau, die gerade bei ihnen einkaufen wollte, als sein Partner zusammengebrochen
war. Sie wich langsam einen Schritt nach dem anderen zurück, konnte sich
aber nicht von dem Anblick losreißen. Ihre Beine weigerten sich, einfach
weg zu rennen.
Talon trat in den Kreis, den die Bewohner um den Händler gebildet hatten.
Besorgt legte er Jounde seinen Arm auf die Schulter.
Jounde, was ist geschehen?
Talon! Es ist stammelte der Händler verwirrt. Nekele,
er ist tot!
Er deutete auf die Frau, die noch immer an ihrem Platz verharrte.
Du hast doch genau gesehen, was mit ihm passiert ist, Frau!
Doch, doch, löste sich die junge Frau aus ihrer Erstarrung.
Er hat sich etwas in den Mund gesteckt. Dann haben wir um dieses Gemüse
gefeilscht. Mit einem Mal hat er geschrien und die Augen verdreht. Und
dann fiel er um.
Jounde schüttelte nur den Kopf.
Ich war gerade dort, am anderen Ende des Bootes und habe Kunden bedient
sprach er mehr zu sich selbst. Talon ging neben dem älteren
Mann, dessen arabischer Einschlag in seinen Gesichtszügen unübersehbar
war, in die Knie und betrachtete sich dessen toten Partner. Dieser hatte die
Glieder unnatürlich angewinkelt. Seine Augen starrten verdreht ins Nichts.
Aus dem rechten Mundwinkel löste sich ein weißlicher Schaum.
Talons Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen Er öffnete die geballte
rechte Hand des Mannes. Aus den kräftigen Fingern entwand Talon etwas,
das auf den ersten Blick wie ein helles Stück Brot aussah. An der einen
Seite war ein Stück heraus gebrochen.
Jounde ließ sich neben Talon nieder.
Hast du etwas gefunden?, fragte er den Weißen, der sich
den Fund sehr genau betrachtete. Talon brach aus dem Stück eine kleine
Ecke ab und kostete sie mit der Zungenspitze. Künstliche Aromastoffe,
die einen penetranten chemischen Geschmack zu überdecken versuchten.
Einen Geschmack, der ihn an etwas erinnerte, das er selbst einmal eingenommen
hatte.
Angewidert spuckte Talon die kleine Probe aus und wand sich an Jounde.
Weißt du, was das ist?
Er hielt ihm das kleine Stück entgegen. Jounde war verwirrt.
Hm ja, nein!
Talon richtete sich auf und sah den Händler nachdenklich an.
Es bringt den Tod, Jounde. Jemand mischt hier Stoffe miteinander und
stellt Drogen her Drogen mit einer tödlichen Wirkung.
Eindringlich sah er den Flusshändler an.
Jounde, woher hatte Nekele das hier?
Der ältere Mann sah ihn erschrocken an.
Nein, Talon! Seine Arme zeichneten hilflose, erklärende Gesten
in die Luft. Daran kann es doch nicht verdammt, Nekele
hatte seit Wochen schon Schmerzen. Aber wir konnten uns einfach keine Medizin
leisten. Bei unserem letzten Besuch in Kisijani waren wir in der Bar. Und
der Wirt, er sagte, er könne was für uns tun. Er gab Nekele diesen
Keks da. Er sagte, das würde helfen. Und es sei ein Geschenk des
Hauses.
Der Händler kämpfte mit den Tränen.
Das ist gerade gestern passiert. Nekele hat es sofort probiert und gemeint,
er fühle sich jetzt viel besser. Seitdem hat er immer wieder etwas davon
genommen. Aber bisher ging doch alles gut!
Vielleicht war es dieses Mal etwas zuviel, Jounde, erklärte
Talon ernst. Er sah, wie der Händler mit dem gerade gehörten kämpfte.
Die Menschen, die aufmerksam zugehört hatten und nichts von dem verpassen
wollten, was hier geschah, nahm er kaum wahr.
Jounde, fuhr er fort. Bring' mich zu ihnen. Du willst doch,
dass Nekeles Tod gesühnt wird?
Ja ja!, antwortete ihm der Händler zögernd.
Er schüttelte langsam den Kopf, die Hände an die Schläfen gelegt.
Aber, bei Allah, ich verstehe das nicht! Wieso ?
Er verstummte und betrachtete seinen toten Partner. Die Dorfbewohner hielten
weiter Abstand. Natürlich kannte man die Händler. Aber mit diesem
Vorfall wollte niemand etwas zu tun haben. Keiner wollte, dass sich die Miliz
damit befasste und irgendein Verdacht am Dorf hängen blieb.
Talon konnte die Gedanken der Menschen fast körperlich spüren. Dennoch
ging er auf den Dorfältesten zu und legte ihm die Hand auf die rechte
Schulter. Sie kannten sich schon lange, und er hoffte, dass der alte Mann
ihn nicht enttäuschte.
N'game, Freund kannst du dafür sorgen, dass dem Toten alle
Ehren zukommen?
Der hagere alte Mann stützte sich auf seinen Stab und lächelte Talon
still an.
Natürlich, Löwengeist. Du kannst dich auf mich verlassen.
Talon zuckte bei diesem Namen unwillkürlich zusammen. Bei den alten Menschen
in dieser Gegend waren die Legenden und Erzählungen noch immer sehr lebendig.
Viele von ihnen hatten ihre eigene Erklärung gefunden, warum Talon bei
ihnen aufgetaucht war.
Er hatte nicht wirklich Angst vor ihren Vorstellungen. Ein Gefühl der
Unruhe blieb aber ständig zurück, wenn sie ihn mit einem Blick betrachteten,
als kannten sie sein ganzes Leben, Vergangenheit wie Zukunft. Vielleicht lag
auch darin seine Unruhe begründet. Seine eigene Erinnerung reichte nicht
weiter zurück als drei Jahre. Was davor lag, war hinter einem dunklen
Vorhang verborgen. Oder es trat in alptraumhaften Bildern hervor, wenn er
aus seinen Träumen aufschreckte.
Talon löste sich aus seinen Gedanken und dankte dem Dorfältesten
stumm. Er trat hinter Jounde, der mit düsterer Miene am Boden kauerte,
die Hände zu Fäusten geballt.
Jounde, können wir los?, fragte er den Händler vorsichtig.
Dieser sah mit festem Blick auf. Seine Lippen waren hart aufeinander gepresst.
Ja, Talon. Wir können.
Jounde tätigte nur noch die nötigsten Geschäfte und belud den
flachen Kahn mit frischem Wasser. Talon half ihm dabei, so gut er konnte.
Nach knapp zwei Stunden stiegen die beiden Männer in den Fluss und schoben
das Boot aus dem flachen Bereich des Ufers in den tieferen Kanal in der Mitte
des Oubangui.
Stumm stiegen sie beide in das Boot. Der flache, schmale Kahn schaukelte bei
der Bewegung heftig. Jounde jedoch fing das unruhige Schaukeln des Bootes
gekonnt ab und warf den kleinen Außenbordmotor an.
Nachdem sich der Motor stotternd in Bewegung setzte, tauchte der Händler
die lange Stange, mit deren flachen Ende er das Boot steuerte, ins Wasser
ein und lenkte den Kahn stromabwärts nach Norden.
Der Oubangui war zu dieser Jahreszeit kaum befahren. Nur selten begegnete
den beiden Männern ein anderes Boot oder einer der wenigen Kutter in
dieser Gegend.
Jounde grüßte sie nur knapp. Stoisch lenkte er das Boot durch die
Untiefen des Flusses. In den letzten Stunden erhob sich zu beiden Seiten des
Ufers der üppige Dschungel, der die trockene Savanne schnell verdrängte.
Umgestürzte Bäume hingen halb in das Wasser, so dass der Händler
gezwungen war, langsam an ihnen vorbeizufahren, wollte er nicht riskieren,
durch einen Zusammenprall mit einem der Baumriesen den dünnen Rumpf des
Bootes zu beschädigen.
Weißt du noch, unterbrach er plötzlich die Stille,
wie wir uns das erste Mal trafen? Jounde verzog die Lippen zu
einem schwachen Grinsen. Nekele wollte dich fast erschlagen, weil er
dich für einen Waldgeist hielt.
Nicht nur er, mein Freund, entgegnete Talon, der erleichtert registrierte,
wie sich der Händler aus seiner inneren Starre löste. Viele
der Menschen hier wären froh, würde ich wie ein Geist auch einfach
wieder verschwinden!
Der alte Händler nickte leicht.
Für mich warst du nur ein Wilder. Ein Weißer, der etwas zu
lange in der Sonne gelegen hatte. Der nicht wusste, wohin mit all seinen Goldstücken
und Edelsteinen!
Mit der flachen Hand schlug er heftig gegen den Motor, der anfing, spuckende
Geräusche von sich zu geben.
- und wie ich versucht habe, ah , der Motor lief wieder
ruhiger, dich übers Ohr zu hauen, um den Ort zu erfahren, von wo
du die Schätze hattest.
Talon grinste.
Und wie ich euch angedroht habe, euch die Hoden abzubeißen, solltet
ihr mir folgen
Joundes Miene verfinsterte sich augenblicklich.
Es war eine gute Zeit, die letzten zwei Jahre.
Er blickte Talon unverwandt an.
Ich habe nie verstanden, wie schnell du die verschiedenen Dialekte hier
gelernt hast. Selbst ich tue mich damit heute noch schwer. Sicher, dass du
nicht von hier bist, kann keiner übersehen. Trotzdem manchmal
scheinst du mehr in diese Region zu passen als ich.
Er strich sich über seinen Kinnbart und legte den Zeigefinger der rechten
Hand an die Spitze der hakenförmigen, schmalen Nase.
Deine Geschichte, Löwengeist
, er verwendete diese
Bezeichnung voller Absicht, deine Geschichte. Ich würde sie eines
Tages gerne ganz hören.
Talon sah über die vordere Spitze des Bootes hinweg in das Dickicht des
Dschungels. Die undurchdringliche Wildnis schien ihm selbst leichter zu durchschauen
als seine eigene Vergangenheit.
Am späten Nachmittag des nächsten Tages verbreiterte sich der Fluss
allmählich. Leichte Dunstschwaden lagen über dem Wasser und machten
das Atmen schwer. Überall hing die Feuchtigkeit des Gewitters, das noch
vor kurzem über die Flussebene gezogen war. Das hellbraune Wasser reflektierte
mit jedem Wellengang das Sonnenlicht mit der Intensität von Tausenden
kleiner Diamanten, deren Glitzern in den Augen der Männer im Boot schmerzte.
Der Verkehr nahm nun ständig zu. Ein ständiges Tuten und Rufen von
Stimmen übertönte den Lärm zahlreicher Vogelschwärme,
die auf der Suche nach etwas Essbarem den Abfall der Schiffe und Boote erwarteten.
Das schmale Boot schaukelte heftig im Fahrwasser der größeren Schiffe.
Jounde sah sich nun aufmerksam um. Kisijani war nicht mehr als ein kleines
Kaff am oberen Oubangui, doch die Lage machte es zu einem wichtigen Knotenpunkt
für den Schiffverkehr auf dem Strom, der Afrikas Mitte mit Leben erfüllte.
Hinter den baufälligen Landestegen für Kutter lag das flach auslaufende
Stück Ufer, das für Boote wie seines bestimmt war. Ihre Landung
erregte unversehens eine Unruhe unter den Fischern und Händlern.
Zahlreiche Finger wiesen auf Talon. Missbilligende Blicke mischten sich mit
amüsierten, während sich die Gespräche offensichtlich um ihn
drehten. Jounde versuchte vergebens, die umstehenden Menschen abzuwimmeln,
also griff er in eine Kiste und holte etwas hervor.
Talon, wirf' dir lieber diesen Umhang über. Auf einige der Menschen
kann deine knappe Bekleidung unzüchtig wirken. Wir sind
jetzt hier in der Stadt.
Talon sah den Händler belustigt an, erkannte aber an dessen Blick, wie
ernst ihm damit war. Er nahm den hellbraunen Umhang entgegen und warf ihn
sich über die Schulter. Mehrere der Männer ließen noch immer
abfällige Bemerkungen fallen. Doch die meisten schienen nun beruhigter
zu sein und ließen die beiden Männer in Ruhe.
Sie zogen das Boot so weit wie möglich aus dem Wasser. Der Händler
führte ein kurzes Gespräch mit einem der Männer, die untätig
auf einer Mauer saßen und schob dann Talon auf den staubigen Weg in
Richtung Stadt.
Sag' mir, wo ich die Bar finde, wandte sich Talon unvermittelt
an Jounde.
Natürlich. Wir sind gerade auf dem Weg da hin. Gleich da vorne,
die Taverne Noir'! Der Händler wies auf eine Baracke am Ende
des schmalen Pfades.
Ich bring' dich hin.
Talon legte Jounde die linke Hand auf dessen Unterarm.
Nein, Jounde! Ich werde alleine gehen.
Aber
begehrte der Händler auf.
Dich kennen sie. Und ich brauche dich als Verstärkung, falls es
ernster werden sollte.
Du fällst hier auf, wie ... wie ein Weißer in Afrika!
Jounde fiel kein besserer Vergleich ein.
Richtig, stimmte Talon ihm zu. Und genau das ist mein Vorteil.
Sie werden nicht wissen, wie sie auf mich reagieren sollen.
Der Händler wollte noch einmal aufbegehren, musste aber feststellen,
dass er Talons Vorhaben nicht umstoßen konnte. So verständigten
sie sich darauf, dass Jounde am Hafen auf alles Ungewöhnliche achten
solle. Talon war froh, dass sich der Händler so einfach beruhigen ließ.
Sein Partner war es gewesen, der vorgestern gestorben war. Und Talon
konnte nur zu gut nachvollziehen, was in dem älteren Mann vorging.
Er folgte der angegebenen Richtung die schmale Gasse entlang. Hier im Hafenbereich
war kaum eine der Unterkünfte aus Ziegeln oder Stein errichtet worden.
Die meisten waren einfache, aus Wellblech zusammen gezimmerte Behausungen,
an denen das feuchte Wetter zahlreiche Spuren aus Rost hinterlassen hatte.
Müll und nutzloser Trödel stapelte sich in den Seitengassen. Ein
beißender, scharfer Geruch nach Fischabfällen und billigen Chemikalien
hing über allem.
Das Geschrei von Kindern übertönte den schwächer werdenden
Lärm des Hafens. Sie hatten sich inmitten des Abfalls ihr eigenes Reich
geschaffen und tobten über die lehmigen, von Reifenspuren und Schlaglöchern
gezeichneten Straßen. Sie sahen Talon mit großen Augen hinterher,
als er an ihnen vorüberging, vergaßen ihn aber so schnell wie er
gekommen war. An eine Hauswand war eine abgemagerte, braun-weiß gescheckte
Ziege gebunden, die das Spiel der Kinder mit einem leicht säuerlichen
Meckern quittierte.
Endlich hatte er sein Ziel erreicht. Dass eine Wellblechhütte den Schneid
hatte, sich Bar' zu nennen, erlebte Talon nicht zum ersten Mal
nur selten war eine schon auf den ersten Blick so verkommen erschienen wie
diese hier.
Über zwei grob genagelte Bretter einer einfachen Treppe erreichte er
eine in das Blech geschnittene Tür. Er schob die Schnüre aus verwobenem
Schilfrohr zur Seite, die einen Vorhang bildeten und fand sich unvermittelt
in einem heißen, dunklen Loch wieder. Als Theke diente ein schweres
Holzbrett, das an jedem Ende auf einem Ölfass auflag. Im schattigen Hintergrund
konnte Talon mehrere große Bierfässer erkennen. Die Wände
waren ruß- und teergeschwärzt, bedeckt von einer hellen Schicht
klebrigen Staubs. Es war offensichtlich, dass die Taverne Noir
ihrem Namen gerecht wurde. Und dass sie nicht zu den beliebtesten Kneipen
in Kisijani gehörte.
Nur an einem der wenigen grob gezimmerten Tische saßen zwei Männer,
die sich leise mit dem Wirt unterhielten.
Sobald Talon jedoch den Raum betreten hatte, brachen die Männer abrupt
das Gespräch ab und musterten ihn eindringlich.
Der Wirt unterbrach die plötzliche Stille. Er erhob sich aus seiner gebeugten
Haltung und ließ unter seinem kurz geschorenen, aber dichten Bart seine
strahlenden Zähne aufleuchten.
Hallo, weißer Mann! Kann ich ihnen helfen? Haben Sie sich nicht
vielleicht verirrt?
Talon behielt die beiden Männer am Tisch im Auge, während er den
Türeingang hinter sich ließ. Sie machten sich nicht einmal die
Mühe, unauffällig zu wirken. In angespannter Haltung warteten sie
ab und musterten den neuen Gast.
Ich suche jemanden, ging Talon auf die Frage des Wirts ein.
Und wen?, hakte dieser nach, die Hände nun auf die Tischplatte
stützend.
Talon griff unter seinen Umhang und achtete genau darauf, ob einer der Männer
eine unvorsichtige Bewegung machte. Er zog aus seinem Lendenschurz das kleine
weiße Teil in Form eines eckigen Kekses und hielt es zwischen zwei Fingern.
Die Männer, die Dreckszeug wie dieses verteilen. Es hat einen Freund
von mir getötet!
Mit einer abschätzigen Handbewegung warf er die Droge zwischen die Männer
auf die Tischplatte.
Elender Schnüffler, knurrte der Mann zu seiner Linken auf
und griff unter den Tisch. Seine Hautfarbe war heller als sie Menschen normalerweise
in diesem Land hatten. Talon hielt ihn für einen Südeuropäer.
Über seinem schwarzen T-Shirt trug er ein dünnes, schmutziges Hemd.
Evangeliste, nein!, wollte ihn der andere aufhalten und legte
seine Rechte auf den Unterarm des Mannes.
Der Angesprochene ließ sich jedoch nicht beirren und riss unter dem
Tisch einen Revolver hervor. Der Arm mit der Schusswaffe zuckte nach oben.
Talons Reflexe überraschten die Anwesenden völlig. Mit seinem ganzen
Gewicht hob er den Holztisch an und drückte ihn gegen die Männer.
Gläser zersprangen klirrend auf dem lehmigen Boden.
Auf ihren Stühlen kippten die Männer nach hinten. Der Bewaffnete
zog noch reflexartig den Abzug des Revolvers durch. Weit über Talon sirrte
die Kugel hinweg und bohrte ein Loch in das zerfallene Wellblech der Decke.
Sofort setze Talon nach und hieb mit einem Schlag auf den Arm des Schützen.
Mit einem Schrei ließ dieser die Waffe fallen.
Wie eine Raubkatze schnellte Talon auf den Mann zu und riss ihn am Kragen
in die Höhe.
Elender Drecksack! Sag' mir, woher ihr das Zeug habt!, presste
er wütend hervor. Der Mann namens Evangeliste zappelte in seinem festen
Griff und versuchte vergeblich die Umklammerung zu lösen.
Plötzlich legte sich eine schwarze Pranke auf Talons rechte Schulter.
Aus den Augenwinkeln nahm er einen riesigen dunklen Schatten wahr, der auf
einen Ruf des Wirts hin aus dem hinteren Bereich der Bar geeilt war.
Der schwarze, kahlköpfige Hüne schleuderte Talon einer Puppe gleich
zu Boden. Trotz seiner massigen Gestalt setzte er sofort nach. Ein schwerer
Hieb erwischte Talon am Kinn. Er kippte über einen Tisch hinweg und blieb
einen Augenblick besinnungslos zwischen den Stühlen liegen, die er mit
sich gerissen hatte.
In der Zwischenzeit kümmerte sich der Wirt um die beiden Männer
am Tisch.
Verschwindet, ihr Idioten. Falls die Miliz auftaucht, will ich euch
hier nicht mehr sehen! Battu wird sich um den Weißen kümmern. Ich
setze mich mit euch in Verbindung. Und jetzt haut ab!
Evangeliste wollte noch kurz aufbegehren, wurde aber von seinem Kumpan mitgerissen.
Sie stolperten durch die Schnüre an der Tür und verschwanden im
Freien.
Talon lag am Boden. Sein Kopf klärte sich wieder, während er sich
das Blut von der Lippe wischte. Er wusste, dass er sich gegen dieses Kraftpaket
auf keinen langen Kampf einlassen durfte. Seine Rechte griff nach einer Stuhllehne.
Noch im Schwung riss Talon den Stuhl nach oben und ließ ihn mit beiden
Händen auf den Schwarzen herabsausen.
Der Hüne fing den Schlag mit seinem linken Unterarm jedoch mit Leichtigkeit
ab. Unter dem Aufprall zerbrach das Holz in kleine Stücke. Und wieder
zuckte der gewaltige Schwarze vor und packte Talon bei den Hüften. Seine
Arme legten sich wie ein Schraubstock um den Weißen. Talon stöhnte
auf. Er spürte, wie die Luft aus seinem Körper gepresst wurde. Hastig
packten seine Hände den Kopf des Hünen und versuchten ihn zur Seite
zu drehen.
Dieser drückte unbeirrt zu. Er spürte, wie das Leben aus seinem
Opfer entwich und die Kraft langsam nachließ. Talon brannte die Luft
in der Brust. Verzweifelt holte er zu einem letzten Schlag aus. Mit voller
Wucht schlugen die Knöchel seiner rechten Faust gegen die Schläfe
des schwarzen Riesen.
Wie vom Blitz getroffen brach der Hüne zusammen. Kraftlos sackte Talon
neben ihm zu Boden. Nur schwer kam er wieder zu Atem. Bunte Kreise tanzten
vor seinen Augen. Und aus einem dieser Kreise formte sich eine dunkle Mündung.
Matt hob er den Kopf an und blickte in den Lauf des Revolvers, den Evangeliste
fallen gelassen hatte. Über die Kimme sah er in die Augen des Wirts,
der ihn kühl anvisierte.
Keine falsche Bewegung, Weißer!
Er streckte den Arm durch und zielte direkt auf Talons Kopf.
Pech für dich aber es wird so aussehen, als ob sich während
des Kampfes ein Schuss gelöst hat!
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 2
Versteckt im Dschungel
© Copyright aller Beiträge 2004 by Thomas Knip. Nachdruck, auch
auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung. Kontakt unter info@talon-abenteuer.de
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