
Talon Nummer 3
Höllentrip
von
Thomas Knip
Die Schwärze umgab ihn wie eine zähe Substanz. Aus der Ferne drangen
undeutbare Schemen zu ihm herüber, die kurz in sein Bewusstsein eintauchten
und dann wieder im Nebel verschwanden.
Ein Schmerz durchschnitt das Nichts wie eine scharfe Klinge. Er schob sich
aus der Tiefe empor und explodierte weit über ihm in einem grellweißen
Licht. Er fühlte eine Bewegung war er das selbst? , die
jäh in ihrer Freiheit behindert wurde. Kaltes, hartes Metall floss unter
ihm hinweg und umhüllte ihn von unten her.
Wispernde Laute zogen Wolkenschleiern gleich über ihn hinweg. Unverständlich,
viel zu dumpf, als ob der Klang nicht bis zu ihm durchdringen konnte. Dann,
langsam nur, ging das Wispern in ein Dröhnen über, mächtig,
beherrschend.
[Bis du sicher, dass der nicht frei kommt?]
Das Dröhnen verebbte und ließ nur Leere zurück
[Keine Sorge die Bänder halten.] rauschten die Klänge
durch seine Wahrnehmung.
[Das hast du von den Kondomen auch behauptet!]
Ein heiseres Lachen folgte, kaskadierend, wie ein Wasserfall, der durch
den Fels in verschiedene Richtungen zersprengt wurde.
[Idiot!]
Gleißendes Licht explodierte in einem scharf umrissenen Kreis über
ihm. Es bewegte sich leicht nach links und rechts, um dann in der Mitte über
ihm zu verharren. Er spürte, wie etwas in ihm darauf reagierte und sich
aus der Tiefe der Schwärze nach oben schob. Wellen von Schmerz umflossen
ihn je länger das Licht sich in seine Welt brannte. Etwas in ihm weigerte
sich, das Dunkel aufzugeben.
Doch er fühlte, wie er mehr und mehr aus der Dunkelheit in die Dämmerung
gehoben wurde.
[Eh, er erwacht!]
Überlebensgroß schoben sich zwei gewaltige Schatten in die
nun herrschende graue, schleierdurchwebte Dämmerung. Sie bewegten sich
stockend hin und her, begleitet von einer Vielzahl von Geräuschen, die
er nicht zuordnen konnte.
[Etwas verwirrt, hm?]
Einer der Schatten beugte sich zu ihm vor. Etwas berührte ihn am
Kopf Kopf? und zwang ihn zu einem Reaktion.
Voller Unmut stöhnte er dumpf auf und öffnete schwerfällig
die Augen. Der helle Schein einer Tischlampe war direkt auf ihn gerichtet.
Er verzog die Lippen und wandte den Kopf ab. Sein Blick fiel auf einen jungen
Mann, der vorsichtig an einer Tasse nippte. Er lehnte sich lässig an
die Kante eines einfachen Holztisches und sah interessiert zu ihm herüber,
dann stellte er die Tasse ab.
Beide Hände steckten in den Hosentaschen einer verwaschenen Jeans. Ein
Lächeln löste sich aus dem Gesicht unter den kurzen blonden Haaren.
Er zog die linke Hand aus der Hosentasche und winkte mit dem Zeigefinger jemanden
herüber, den Talon nicht sehen konnte.
Ruf' Dirk, erging ein kurzer Befehl. Unser Karnickel ist
aufgewacht.
Zur Bestätigung hörte Talon einen knappen, grunzenden Laut, dann
öffnete sich quietschend eine Tür, die sich kurz darauf wieder schloss.
Der junge Mann trat zu ihm herüber. Unnatürlich groß türmte
er sich vor Talon auf, während er sich gegen einen Stuhl lehnte und die
Arme vor der Brust verschränkte. Die interessierten Augen wichen keine
Sekunde dem Blick des Gefangenen aus.
Mehr und mehr klärten sich Talons Sinne. Er nahm die harte, metallene
Pritsche unter sich genauso wahr wie den muffigen Geruch des engen Raumes,
in dem er sich befand. Durch die halbgeschlossenen Jalousien drang kaum Licht
herein. Die schmutzverschmierten Fenster hätten auch keinen freien Blick
nach draußen erlaubt. Im Halbdunkel des Zimmers konnte er erkennen,
dass die Wände mit Regalen zugestellt waren, deren Inhalte ihm verborgen
blieben.
Unruhe erfasste ihn.
Wer , schmerzerfüllt stöhnte er auf. Seine Kehle
brannte bei dem Laut wie Feuer. Wer sind Sie?, richtete er die
Frage an den Mann, der den Blick nicht von ihm abgewandt hatte.
Ein Lächeln umspielte die Lippen des Weißen. Er nippte erneut an
seiner Tasse und stellte sie hinter sich auf der Tischplatte ab. Leicht beugte
er sich vor.
Nun, mit Sicherheit nicht ihr Freund. Versonnen sah er Talon an,
der nun endlich die kräftigen, breiten Bänder wahrgenommen hatte,
mit denen er an die Metallpritsche gefesselt war.
Was machen Sie auch bloß hier?
Talon zerrte heftig an den ledernen Riemen und knurrte unwillig auf, als er
merkte, dass seine Kraft nicht ausreichte, sie zu zerreißen.
Die Tür auf der anderen Seite des Raums schwang quietschend auf.
Hör' auf, dich mit unserem Gast zu unterhalten, Hoyd, klang
eine kräftige Stimme zu ihm herüber.
Der Mann, der den Raum betreten hatte, verschaffte sich mit einem kurzen Blick
eine Übersicht über die Lage und trat dann in den Raum ein. Er war
etwas größer als der Mann, den er Hoyd nannte und trug im Vergleich
zu dessen legerer Kleidung ein helles Hemd samt Krawatte, auch wenn diese
lose geschlungen um den Kragen lag. Er wird nicht lange genug leben,
um dir zu antworten, beendete er seinen Auftritt und blieb neben der
Pritsche stehen.
Leicht gelockte hellblonde Haare fielen in die hohe Stirn. Grünblaue
Augen musterten Talon eindringlich, dem nicht verborgen blieb, dass diesem
Mann offensichtlich eine leitende Rolle zukam.
Dieser Schwachkopf, der dich hierher gebracht hat, setzte der
Mann seine Gedanken fort, während seine Finger nachdenklich über
das Kinn strichen, er hätte uns gar keinen besseren Dienst erweisen
können.
Er baute sich vor Talon auf und legte die Hände an die Hüfte.
Du scheinst ja bereits zu wissen, was wir hier draußen machen,
sonst wärst du nicht mit dem Kaffer bei uns aufgetaucht. Weißt
du, wir produzieren hier viel Ausschuss Drogen, die reiner Sondermüll
sind, auch wenn wir sie aus den Pflanzen der Umgebung gewinnen. Die Natur
gibt hier reichlich
Er lachte kurz auf und legte dann seine rechte Hand auf den Rand der Pritsche.
Der Zeigfinger fuhr die harte Kante entlang.
Sicher, wir haben Ratten und Affen, um das zu testen, aber
ah,
er warf einen kurzen Blick zu Hoyd herüber, der im Hintergrund des Raums
begonnen hatte, mehrere kleine Fläschchen aus den Regalen zu nehmen.
es geht doch nichts über einen aussagekräftigen Test
am Endverbraucher!
Wir wären dann soweit, informierte ihn Hoyd. Er war durch
den Körper des anderen Mannes halb verdeckt. Talon hatte keine Möglichkeit
zu erkennen, was dort geschah.
Der Anführer warf kurz einen Blick über die Schulter und verzog
angewidert den Mund.
Ah, da geh' ich lieber! Er schenkte Talon ein joviales Grinsen.
Ich kann Spritzen nicht leiden.
Er machte einen Schritt auf die Tür zu und winkte den beiden Männern
zu.
Wir seh'n uns!
Hoyd wartete, bis sein Chef den Raum verlassen hatte und die Tür hinter
sich schloss.
Summend trat er neben die Pritsche und zog einen kleinen Rolltisch aus einer
Ecke des Raums heran. Er übersah Talons verstärkte Versuche geflissentlich,
sich aus seiner Gefangenschaft zu befreien, und setzte die Arbeit ungerührt
fort.
Auf den Ablagen standen mehrere Messgeräte, die Hoyd nun anschaltete.
Er nahm einige Kabel, die mit den Geräten verbunden waren und beugte
sich über den Gefangenen, der unablässig an den Riemen zerrte, die
ihn fesselten. Zwei Elektroden befestigte er an Talons Stirn und Brust.
Unterhalb des linken Ohrs schob er ihm eine dünne Messnadel flach unter
der Haut in den Hals. Talon schrie auf. Die Bänder knarrten in ihrer
Verankerung, je wütender er an ihnen zerrte, doch sie gaben seinem Druck
nicht nach. Die Pritsche schwankte leicht hin und her.
Entspannen Sie sich einfach, forderte ihn Hoyd auf. Er war zurück
an den Tisch gegangen und schloss seine Vorbereitungen ab. Als er sich Talon
zuwandte, hielt er eine bis zum Anschlag gefüllte Spritze in der Hand.
Kurz hielt er sie gegen das Licht und schob den Kolben etwas nach innen. Mit
den wenigen Tropfen, die durch die Luft spritzten, löste sich auch die
verbliebene Luft aus der Kanüle. Zufrieden nickte der Weiße und
trat an die rechte Seite der Pritsche.
Sind Sie verrückt? Verdammt schrie Talon ihn wutentbrannt
an.
Heftig wand er sich in den ledernen Klammern. Seine Muskeln waren bis aufs
Äußerste angespannt. Die Adern drückten sich deutlich durch
die Haut. Hektisch beobachtete Talon Hoyd, wie dieser vollkommen entspannt
die deutlich hervortretenden Venen zufrieden zu Kenntnis nahm und mit einem
antiseptischen Tuch eine Stelle an Talons rechter Ellenbeuge reinigte.
Nicht wehren, sprach er wie ein Arzt auf den Gefangenen ein. Umso
mehr tut's weh!
Er setzte die dünne Nadel an und nahm die heftigen Bemühungen des
Mannes vor ihm nicht zur Kenntnis.
Aus Talons Hals löste sich ein kehliger Schrei.
Schmerzhaft drang das Metall in sein Fleisch. Er spürte, wie die Flüssigkeit
aus der Kanüle langsam in ihn floss.
Ein lange nicht mehr erlebtes Gefühl der Panik überkam ihn. Hilflos
wand er sich in seinen Fesseln. Sein Atem flog. Aus der Tiefe seines Bewusstseins
lösten sich Bilder, uralte Erinnerungen, die kreischend nach oben drangen
und die dünne Schicht seines Ichs durchstießen.
Nein
stammelte er leise und fühlte, wie die Wirklichkeit
vor seinen Augen verschwamm.
Bergstrøm !, löste sich ein verzweifelter Schrei
von seinen Lippen.
June Summers genoss den frühen Vormittag.
Es war die einzige Zeit, an der sie es halbwegs ertrug, ihr Leben in diesem
abgelegenen Bungalow mitten im Dschungel von Zentralafrika zu verschwenden.
Die feuchte Hitze war zu dieser Stunde noch auszuhalten und erlaubte so etwas
wie eine kühle Frische, die einen durchatmen ließ.
Sie räkelte sich auf einem Badetuch auf der Terrasse und war mit nicht
mehr bekleidet als einem hellgrünen Bikinihöschen. Dirk schätzte
es zwar absolut nicht, wenn sie sich so aufreizend präsentierte, aber
sie wusste genau, er würde jeden seiner Männer kaltblütig niederschießen,
der es auch nur wagen sollte, sie mit mehr als einem Seitenblick zu bedenken.
Ihre langen, dunkelblonden Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden.
Trotzdem musste sie immer wieder eine kleine Strähne aus der Stirn pusten.
June hatte ihren Walkman voll aufgedreht und summte die Melodie von the
lion sleeps tonite', während sie in einem Historienroman von Diana Gabaldon
schmökerte. Ab und zu nippte sie an einem Glas frischer Zitronenlimonade.
Ohne diese kühlen Getränke würde sie es in dieser Wildnis keinen
Tag aushalten. Schon jetzt bildete sich auf ihrer Haut eine dünne Schicht
aus Schweiß. Die Schwüle kündigte eines der zahlreichen Gewitter
an, die die Nachmittage in dieser Region heimsuchten.
Durch die Holzstäbe des Geländers warf sie ab und zu einen Blick
in den Dschungel und sah hin und wieder aufgeschreckte, bunt gefiederte Vögel,
die über die Baumwipfel hinweg zogen.
Das Holz der Terrasse knarrte auf. Sie hob den Kopf an und sah Dirk, der aus
einem Seitentrakt des weitläufigen Bungalows kam. Er sprach gedankenversunken
leise vor sich hin und nickte kurz.
Ey, Großer!, rief ihm June zu und sprang auf.
Sie legte ihm die Arme um die Schultern und zog ihn etwas zu sich herab.
Ich hab' dich vermisst, flüsterte sie ihm zu, während
sie ihn leicht küsste. Dirk erwiderte den Kuss und ließ es gewähren,
dass die junge Frau weitermachte. Ihre Lippen wanderten über den Hals
bis zum Ansatz seines Hemdes. Mit einer schnellen Bewegung löste er die
Krawatte und streifte sich das Hemd ab und forderte June damit auf, weiter
zu machen.
Seine Geliebte nahm es mit einem leichten Lächeln zur Kenntnis und setzte
ihr Spiel fort.
Sie bedeckte seine Haut mit leichten Küssen, wanderte den Oberkörper
hinab und widmete ihre Sorgfalt der kleinen Brustwarze, bis Dirk unterdrückt
aufstöhnte. Erst dann wanderte sie weiter nach unten, während ihre
Hände sanft über seine Haut strichen.
Am Bund der Hose angelangt hielt sie inne und lächelte Dirk an. Sie fuhr
sich mit der Zunge über die Lippen und stand wieder auf.
Ihre Hände hörten nicht auf, seinen Oberkörper zu streicheln.
June legte ihren Kopf an seine Schulter.
Sag' mal, wer ist denn der Wilde, den ihr aufgetrieben habt?,
flüsterte sie ihm leise zu, wobei ihr Zeigefinger mit Dirks Brusthaaren
spielte.
Dirk schnellte herum und packte das rechte Handgelenk der jungen Frau. Sie
schrie unterdrückt auf und ging leicht in die Knie. Zwei kalte Augen
musterten sie.
Warum?, zischte er misstrauisch. Interessiert er dich?
Junes Herz schlug heftig. Immer wieder unterschätzte sie die Gefühlsausbrüche,
mit denen dieser Mann reagierte. Vorsichtig löste sie sich aus seinem
Griff und trat hinter ihn. Zart massierte sie seine Schultern mit ihren Fingern
und drückte dabei ihren Busen gegen seine Haut.
Hey, nicht doch
sprach sie beruhigend auf ihn ein. Ich
gehöre dir.
Ihre Finger strichen sanft über seinen rechten Oberarm.
Er bietet nur etwas Abwechslung hier.
Dirk knurrte mürrisch auf und griff nach dem Glas Limonade, in dem die
Eiswürfel inzwischen geschmolzen war. Gedankenversunken betrachtete er
sich die kleinen Limonenstücke, die im Glas schwammen.
Was weiß ich, was der Irre hier im Lendenschurz will ging
er auf die junge Frau ein. June atmete innerlich auf und schenkte ihm weiter
ihre Nähe.
Was weiß ich, warum mich Vanderbuildt gerade in so eine Gegend
schicken musste, fuhr er fort und lehnte sich auf das Geländer.
Sein Blick verlor sich im vielfältigen Grün des Dschungels am Fuß
des Hangs.
Ich dachte, ich bin mehr wert. Seine Gedanken schweiften nach
Kapstadt ab, das er seit Monaten nicht mehr besucht hatte.
June trat hinter ihren Geliebten und drückte sich fest gegen ihn. Tröstend
redete sie auf ihn ein.
Das bist du, Großer! Das bist d
Zwei Schüsse bellten auf. Die kurze Garbe aus einer Maschinenpistole
folgte.
Was zur Hölle?!, fuhr Dirk hoch und schob die junge Frau
kurzerhand zur Seite. Was geht hier vor?
Heftig prallte der bullige Mann mit dem Rücken gegen die Wand.
Noch immer drückte er den Abzug seiner Maschinenpistole durch. Die Kugeln
verloren sich weit über ihm und schlugen in das dunkle Holz der Decke
ein. Das Glas seiner Sonnenbrille war gesplittert und erschwerte ihm die Sicht.
Er keuchte auf und wollte sich von der Wand abdrücken.
Doch sein Gegner bewegte sich mit der Geschwindigkeit einer jagenden Raubkatze,
die ihre Beute fixiert hatte. Talon schwang sich über die umgestürzten
Möbel und jagte auf seinen Feind zu. Die Hände zu Klauen gekrümmt,
stürzte er sich auf den älteren Mann, der seine Waffe nur noch zum
Schutz vor sich hob.
Nemesis!, löste sich tief aus Talons Erinnerung ein
Name, den er seinem Gegner entgegenschleuderte.
Seine Hände schlugen in den Körper des Mannes ein. Scharfe, harte
Nägel durchtrennten Stoff und Haut und rissen tiefe Wunden in den massigen
Oberkörper. Nur wenige Augenblicke dauerte der Kampf, dann sackte die
Wache blutüberströmt in sich zusammen und kippte tot zur Seite.
Talon wandte sich langsam um.
In angespannter Haltung schlich er durch den Raum und richtete seine fiebrig
glänzenden Augen auf Hoyd, der das Geschehen entsetzt miterlebt hatte.
Angsterfüllt wich der Mediziner nach hinten. Er stieß gegen den
Tisch seines Arbeitsplatzes und tastete sich am Rand entlang in Richtung der
schmalen Tür.
Nein!, drang es über seine Lippen.
Hilfe! Bleib' zurück! Die Stimme überschlug sich, während
er leicht ins Straucheln geriet und an der Lehne seines Stuhls entlang rutschte.
Er hatte den rechten Arm zum Schutz vor das Gesicht gehoben.
Bergstrøm, knurrte Talon voller Abscheu.
Adrian, komm' zu dir!
Das fleischige Gesicht eines Mannes mit kräftigen Backenknochen sah ihn
missmutig an. Die medizinische Uniform hing faltig an dem kräftigen Körper.
Mit den Händen in den Manteltaschen näherte er sich Talon.
Was? Wer?, entfuhr es Hoyd. N-nein
! Er
hielt beide Hände abwehrend vor sich und schüttelte unentwegt den
Kopf.
Verdammt, komm' zu di
Talons Schlag schleuderte den jungen Mann über den Schreibtisch hinweg.
Im Fallen riss er Notizblätter und Apparaturen mit sich. Klirrend zersprangen
mehrere Reagenzgläser auf dem Boden. Hoyd kippte wie in Zeitlupe von
der Tischplatte und blieb in den Trümmern besinnungslos liegen.
Instinktiv fuhr Talons Kopf herum. Von draußen waren schnelle Schritte
zu hören. Er sah sich kurz in dem Dämmerlicht des Zimmers um und
sprang dann über mehrere Möbel zur Decke.
Zwei Männer brachen durch die Tür. Ihre automatischen Waffen hielten
sie im Anschlag bereit und gaben sich gegenseitig Deckung.
Oh, verdammte Scheiße, entfuhr es einem von ihnen. Zwischen
der zerstörten Einrichtung konnten sie die blutbedeckten, regungslosen
Körper ihrer Kollegen ausmachen. Die Deckenlampe schwang langsam von
einer Richtung in die andere und warf damit ein wirres Schattenspiel auf das
Zimmer.
Ionas, fuhr der Mann fort, das ist 'ne Nummer zu groß
für uns!
Quatsch!, herrschte ihn der Angesprochene an. Mach' dir
nicht in die Hosen!
Mach' den Stunner klar, Chris. Das Projekt dreht durch!
Die beiden Männer in der Sicherheitsuniform hielten die stromgeladenen
Elektroschocker einsatzbereit und näherten sich dem am Boden kauernden
Mann wie zwei Raubtierwärter. Sie traten in die Mitte des quadratischen,
leeren Raums und deckten sich gegenseitig.
Das gibt's doch nicht, flüsterte einer der Bewaffneten.
Es gibt nur einen Weg hier raus, und das ist durch die Tür.
Er machte einen Schritt zu auf die zersplitterten Jalousien. Das Fenster
ist zu! Wir hätten ihn doch sehen müssen.
Von der Decke klang ein leises Knurren, das nun intensiver wurde. Die Köpfe
der beiden Männer fuhren hoch. In gespannter Haltung hatte sich Talon
zwischen den im Dunkel liegenden Deckenbalken versteckt und die Eindringlinge
die ganze Zeit über genau gemustert. Seine Augen leuchteten in der schwachen
Beleuchtung blutunterlaufen auf.
Speichel löste sich von den gebleckten Zähnen und tropfte über
die Lippen nach unten.
Ich hab' ihn! rief einer der Wärter.
Den Stunner im Anschlag hielt er den nackten Mann im Schwitzkasten. Adrian
wehrte sich mit aller Kraft, doch gegen die kräftig gebauten Wachen und
ihre Waffen hatte er keine Chance.
Leg' ihm die Weste an!
Schieß! Schieß' einfach brüllte Ionas seinem
Freund hektisch zu und riss die Waffe nach oben.
Ein verzweifelter Schrei löste sich aus Adrians Kehle. Die Schnallen
der Gummiweste schlossen sich auf seinem Rücken.
Ein wütendes Brüllen löste sich aus Talons Kehle. Explosionsartig
stieß sein rechter Fuß nach vorne und schmetterte gegen das Kinn
eines der beiden Wächter. Noch im Sprung drehte er sich und landete behände
neben einem umgestürzten Tisch auf allen Vieren.
Fahr' zur Hölle, du Scheißer!, schrie Ionas und zog
den Abzug seiner Uzi durch. Die Kugelgarbe schlug knapp neben Talon ein und
zog eine direkte Linie auf seinen Oberkörper zu.
Heiß zerschnitten zwei der Kugeln die Haut seiner linken Schulter. Blut
spritzte zur Seite. Noch bevor der Gangster die Waffe ein zweites Mal abfeuern
konnte, schlug Talon frontal mit der Handkante gegen den Kopf des Mannes.
Ein kurzes Knacksen erklang, wie das Brechen eines dünnen Astes. Mit
gebrochenem Genick sackte der Mann tot zusammen.
Zitternd umfasste sein Kollege den Griff seiner Waffe. Er war kaum zu einem
klaren Gedanken fähig. Das Blut lief ihm in Strömen aus der aufgeplatzten
Lippe. Sein ganzer Kopf dröhnte entsetzlich.
Jetzt, du Drecksau
, flüsterte er heiser.
Er stützte sich schwerfällig auf die Lehne eines umgekippten Stuhls
und versuchte die Hand mit der Waffe ruhig zu halten. Voller Schweiß
klebte ihm das Hemd am Körper.
Eine Hand legte sich hastig auf seine Schulter.
Oh, Gott, Ruis schieß' doch endlich!, kreischte
Hoyd ihn an, der wieder zur Besinnung gekommen war. Aus seiner Nase lief unablässig
Blut. Am ganzen Körper waren kleine Wunden zurückgeblieben, die
ihm die Glassplitter der Laboraufbauten zugefügt hatten.
Wütend schob der Mann den jungen Arzt von sich.
Verdammt, lass' mich los, du elender Idiot.
Sein linker Unterarm stieß hart gegen Hoyds Brust und ließ diesen
zurücktaumeln.
Talon betrachtete sich die beiden Männer in aller Ruhe und knurrte sie
drohend an. In dem Augenblick, als Ruis seine Waffe anlegte, löste sich
Talon aus seiner Starre und schnellte auf die Männer zu.
Ja ja, schieß'!, tobte Hoyd, dessen Arme wild
umherzuckten.
Verdammt, halt endlich die Klappe, fuhr ihn Ruis an. Er sah den
schlanken Schatten, der auf ihn zujagte und wich zur Seite aus. So verfehlte
ihn die kräftige Faust und traf stattdessen Hoyd, der dem Schlag unvorbereitet
entgegensah. Durch die Wucht des Schlages wurde sein Körper wie eine
Puppe durch die Luft geschleudert. Noch bevor der junge Mann verstand, was
tatsächlich geschah, krachte sein Kopf gegen die metallene Kante der
Pritsche.
Gebrochen starrten die glasigen Augen ins Nichts, als seine Beine leblos am
Fuß der Pritsche einknickten.
Talon ließ dem zweiten Mann keine Chance zur Gegenwehr. Unablässig
prasselten seine Schläge auf ihn ein und schleuderten ihn aufs Neue gegen
die hölzerne Wand. In rasender Wut leuchteten seine Augen bei jedem Treffer
voller Blutgier, und so setzte er seinem Gegner noch stärker zu.
Irgendwann nach einer scheinbaren Ewigkeit ließ er von dem reglosen
Körper ab. Er packte ihn mit beiden Händen am Kragen und hob ihn
zu sich hoch. Eine unerklärliche Ruhe kehrte in ihn zurück. Müde
betrachteten sich die Augen das Opfer. Fast teilnahmslos registrierte er Ruis'
Tod und ließ den Mann zu Boden fallen.
Er drehte sich langsam um und ging auf den toten Körper des Mediziners
zu.
Schwarze Nebel umpeitschten Talons Wahrnehmung. Sie zersetzten die Linien
um ihn herum und ließen die Sicht zerfließen wie ein Spiegelbild
im Wasser, das von der Strömung mitgerissen wird.
Die gebrochenen Augen Hoyds sahen mit einem letzten Hauch ungläubigen
Entsetzens in die Unendlichkeit. Talon hob den Kopf des Toten leicht an.
Ein stiller Wind wischte die Gesichtszüge beiseite. Ein breites Grinsen
leuchtete ihm unter hämisch blickenden Augen entgegen. Die Mimik offenbarte
die Gewissheit, schließlich doch gesiegt zu haben.
Bergstrøm ?
Das Gesicht schmolz in seiner Hand und wurde in wehenden Fetzen davon
gewirbelt. Ein tiefes Raunen, voller unverständlicher Stimmen erklang
von den verwehenden Lippen. Zurück blieb nur die stumme Maske eines Totenschädels,
der ihn leer angrinste.
Talons Sinne zerflossen leise in ein ungreifbares Nichts.
Ein muskelbepackter Hüne stürzte auf die Terrasse.
Über dem ärmellosen schwarzen T-Shirt trug er einen Patronengürtel,
aus dem er ein Magazin zog und es in sein M-16 Gewehr steckte. Leise rastete
es ein, und der Mann nickte beruhigt.
Dirk, Mann! Schnapp' dir eine Waffe, wandte er sich hastig an
seinen Anführer.
Verdammt, Guinee! Was geht hier vor?, brauste dieser auf und erwartete
voller Unruhe eine Erklärung für das, was im Inneren des Labors
geschah. Der Angesprochene vermied es, dem blonden Mann direkt in die Augen
zu sehen und konzentrierte sich völlig auf die Funktionen seiner Waffe.
Der Wilde, setzte er an. Nachdem er die Droge bekommen hat,
ist er ausgerastet. Ruis, Emanuele und Doc Hoyd sind tot!
Er schluckte heftig und fand etwas von seiner Ruhe zurück. Der Kolben
des Gewehrs ruhte auf seinem rechten Oberschenkel, während er seinen
Chef erwartungsvoll ansah.
Ach du Scheiße, erwiderte dieser nur. Mit einer schnellen
Bewegung zog er eine 45er Automatik aus dem Holster an seinem Gürtel
und entsicherte sie. Was haben sie ihm nur gegeben, sprach er
mehr zu sich selbst.
Nervös legte June ihre Hand auf Dirks Oberarm, fast als glaube sie, ihn
von seinem Vorhaben abhalten zu können. Sie merkte nicht, wie der Hüne
ihren halbnackten Körper gierig musterte. Die junge Frau registrierte
nur, wie Dirk ihre Hand unwillig abschüttelte.
Du bleibst hier, Prinzessin, sah er sie aus schmalen Augen an.
Er wies Guinee an, ihm den Weg zu weisen und hastete neben ihm los.
Scheiße, Scheiße, Scheiße, murmelte der Hüne
mit den gelgeglätteten dunklen Haaren nur in einem fort vor sich hin.
Halt's Maul, Guinee!, rief ihn sein Chef schließlich zur
Ordnung.
Er umfasste den Griff seiner Waffe noch stärker, als er spürte,
wie seine Handflächen anfingen zu schwitzen. Nach einem kurzen Sprint
durch das Gebäude erreichten sie den schmalen Flur zum Labor. Guinee
presste sich eng gegen die Wand und hielt Dirk mit einer Handbewegung zurück.
Bleib' hier, flüsterte er ihm zu Jetzt ist es ruhi
Eine Pranke zuckte um die Ecke und schloss sich erbarmungslos um den breiten
Hals des Hünen. Gurgelnde Laute drangen überrascht von seinen Lippen.
Talons drahtiger, mit Blut bedeckter Körper löste sich aus dem Halbschatten
des Flurs. Unerbittlich drückten seine Finger zu, ohne auf die hilflosen
Versuche des Mannes zu achten.
Dirk hörte ungläubig, wie einfach das Genick seines besten Mannes
krachte. Ihm war, als reagiere er nur in Zeitlupe gegen die katzenhafte Gewandtheit,
mit der sich der Wilde vor ihm bewegte. Talon schmiss den Toten zur Seite
und brüllte den Mann vor sich voller Wut an.
Als sei sein Arm nicht mehr Teil von ihm selbst, schwang Dirk ihn unbewusst
empor und feuerte auf den Mann vor sich.
Gedankenverloren kaute June Summers auf ihrer Unterlippe. Ihr Atem ging hastig,
und sie konnte nicht mehr ruhig auf der Stelle stehen bleiben. Trotz der einsetzenden
Schwüle fröstelte sie und schloss die schlanken Arme um ihren nackten
Oberkörper.
Die unnatürliche Ruhe war für sie das Schlimmste. Normalerweise
war immer einer der Männer bei einer Arbeit zu hören. Doch nun war
sie den allgegenwärtigen Geräuschen des Dschungels ausgesetzt.
Ein Schuss durchbrach die Stille, und direkt darauf ein zweiter.
Die junge Frau schreckte auf. Sie machte einen hastigen Schritt auf die Glastür
zu, die ins Innere führte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ein Schatten
hinter der Tür immer größer wurde. Klirrend zerbarst die Scheibe,
als Dirks toter Körper in weitem Bogen durch das Glas geschleudert wurde.
Die Scherben wirbelten einem Hornissenschwarm gleich durch die Luft und schwirrten
in alle Richtungen.
June schrie entsetzt auf und schützte sich so gut sie konnte. Dennoch
schnitten sich mehrere kleine Splitter durch ihre Haut. Mit Tränen in
den Augen hielt sie ihre Hände auf die Wunden.
Durch den Tränenschleier hindurch schälte sich die großgewachsene,
wild anmutende Gestalt eines Mannes, dessen rotbraunes Haar in der Sonne kräftig
leuchtete. Unwillkürlich wich sie zurück und hob eine Hand abwehrend
vor sich.
N-nein, stammelte sie kraftlos. Bleib' mir vom Leib!
Ihre großen blauen Augen blieben an dem mit Wunden übersäten
Körpers Talons hängen. Seine Augen leuchteten in einer dunklen Glut,
die sie noch nie zuvor bei einem Menschen erblickt hatte.
Talon sah die junge Frau an. Das lange Haar, das ihr Gesicht wild einrahmte,
verschwamm vor seinen Augen zu einer schwarzen Flut, die ein anderes Gesicht
umfloss. Volle, dunkle Lippen lächelten ihm verheißungsvoll zu,
als luden sie ihn ein, ihnen zu folgen.
Obsidian?, fragte Talon rau.
Er schüttelte unwillig den Kopf. Schmerzen durchzuckten seinen Schädel
und explodierten tief in ihm drin. Seine Gedanken schienen zwei Welten gleichzeitig
zu durchstreifen und ihn mit Erinnerungen zu überschwemmen, die jenseits
des Vergessens lagen.
Was geschieht mit mir?, richtete er seine Frage
ins Leere.
Seine Augen wanderten ziellos umher und hefteten sich dann an den Umriss der
jungen Frau, der vor seinen Augen ständig verschwamm. Sie hatte es nicht
gewagt zu fliehen, und so sah sie ihn nur angsterfüllt an.
Die Schmerzen dehnten sich immer weiter in Talon aus.
Verdammt noch mal geh!, herrschte er June an. Ohne einen
Augenblick zu verlieren, raffte die junge Frau das Badetuch um ihren Körper
und hastete von der Terrasse. Sie flüchtete über die Ebene hinweg
und tauchte in den Schatten der Bäume.
Der Boden schwankte unter Talons Füßen. Sein Kopf sackte leicht
nach vorne. Müdigkeit machte sich in seinen Gliedern bereit, die bleiern
in ihm empor kroch.
Wer warst du eigentlich?
Der Gedanke an die junge Frau löste sich in zahlreichen Splittern aus
seinem Bewusstsein. Bunte Kreise zerplatzten vor seinen Augen. Die Farben
zerflossen in einem dämmrigen Licht, das ihn mehr und mehr einhüllte.
Mit einem rauschenden Dröhnen entfernte sich die Wirklichkeit aus seinem
Blickfeld und machte einem Meer voller Leere Platz. Endlose Schwärze
umfasste seine Sinne wie ein hungriger Sog.
Sie zerschellten weit in der Ferne an der Klippe der Bewusstlosigkeit.
Die hochschlagenden Flammen bildeten einen scharfen Kontrast zum schemenhaften
Umriss des Dschungels, der die Ebene umsäumte.
Talon stand vor den brennenden Überresten des Labors und betrachtete
sich das Bild teilnahmslos. Heiße Luft erfüllte die Umgebung. Sie
riss alles mit sich mit und wirbelte es in den nachtschwarzen Himmel, von
wo es zurück zum Boden taumelte und in den Flammen verglühte.
Der Atem brannte in seiner Seele. Ruß bedeckte seine Haut und mischte
sich mit dem kalten Schweiß und dem lange getrockneten Blut der Wunden
zu einer zähen Schicht.
Was habt ihr nur in mir geweckt? schrien die Gedanken in ihm auf. Zahllose
Bilder stürmten ungehindert auf ihn ein und drängten sein Bewusstsein
weit nach hinten.
Was hast du mir angetan?
Talons Blick öffnete sich müde. Er ballte seine Fäuste
und schrie seine Gefühle in die Nacht.
Bergstrøm! Wer bist du?
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 4
Die Ruinenfelder
© Copyright aller Beiträge 2004 by Thomas Knip. Nachdruck, auch
auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung. Kontakt unter info@talon-abenteuer.de
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