
Talon Nummer 5
Unsichtbare Augen
von
Thomas Knip
Janet Verhooven gähnte ausgiebig.
Sie streckte ihren schlanken Körper durch und wartete, bis sich die Spannung
in ihren Armen löste. Seit geschlagenen drei Stunden verbrachte sie die
Zeit damit, zu sitzen und zu warten. Sie hatte im Schatten eines der gewaltigen
Steinpfeiler Platz genommen, die die ausgedörrte Hochebene in gerader
Linie durchzogen.
Trotz der Höhe wehte kein Wind. Die Luft hing heiß und schwer über
der öden Landschaft und machte das Atmen zur Qual. Die junge Frau schwitzte
in ihrer dünnen Leinenkleidung, die unangenehm an ihrem Körper klebte.
Ihr kurzes, blondes Haar hing in dunklen Strähnen herab.
Janet schützte ihre Augen mit der rechten Hand vor der Sonne und blinzelte
in den Himmel. Das verwaschene milchige Grau erstreckte sich in einem fahlen
Ton bis zum Horizont. Es schien fast so, als seien die Farben aus der Umgebung
verschwunden.
Sie ging einige wenige Schritte, um ihre Unruhe im Griff zu halten, doch die
Hitze zwang sie schnell wieder in den Schutz der Pfeiler. Unwillig blickte
sie zur Seite. Ihr Auftrag war es gewesen, einen weißen Wilden im Urwald
aufzustöbern. Ihr Boss Amos Vanderbuildt hatte sie über viele Details
im Unklaren gelassen. Das war sie von ihm gewohnt. Sie sollte immer mit einem
Minimum an Informationen ein Maximum an Erfolg aus einer Affäre gewinnen.
Dafür war sie engagiert worden für diese schwierigen, unlösbaren
Fälle, von denen andere die Finger ließen.
Doch dieser Fall war selbst für sie etwas zu bizarr.
Alles hatte reibungslos geklappt. Der Flug nach Zentralafrika, die Einreise
an den Zollbehörden vorbei, das Treffen mit den Mitarbeitern von Vanderbuildt,
Inc. in Bangui, die nicht wussten, für welche Aufgabe sie tatsächlich
abberufen wurden.
Alles
und dann lag dieser Wilde bewusstlos mitten auf ihrem Fahrtweg in die
westlichen Provinzen von Zentralafrika.
Janet sah zu ihm herüber und schüttelte den Kopf. Sie hatten eine
provisorische Unterkunft errichtet und eine kleine Plane aufgespannt, um den
Wilden vor der Sonne zu schützen. Alice Struuten, die Fotografin aus
ihrem Team, hatte sich prompt bereit erklärt, sich um ihn zu kümmern,
bis er das Bewusstsein wieder erlangte.
Janet hatte sich die Frau mit dem langen, leicht gewellten brünetten
Haar bei ihrer Ankunft am Flughafen nur kurz angesehen und sie als Fotohäschen
abgehakt. Sie war etwas jünger als Janet und hatte bereits einige Fotostories
für Reisemagazine veröffentlicht. Wobei sie sich auf vielen der
Fotos selbst gut in Szene setzte. Züchtig genug bekleidet, um keinen
Ärger zu verursachen, doch knapp genug, um die Auflage zu steigern.
Bisher hatte sie es unterlassen, Janet um ein Gruppenfoto Dame mit Wildem
zu bitten. Dabei hätte es Janet mehr als gereizt, ihr darauf die passende
Antwort zu geben.
Verärgert wischte sie sich mit dem Zeigefinger langsam den Schweiß
von der Stirn. Das Bild vor ihren Augen flimmerte durch die heiße Luft.
Sie kauerte wieder am Boden auf einer der längst zerfallenen Säulen
und warf kleine Steinbrocken durch die Luft.
Offiziell wusste niemand etwas von einem weißen Wilden, der sich in
dieser Gegend aufhielt. Doch erstaunlicherweise fanden sich überall Leute,
die ihn kannten. Die Informationen ließen sich wie ein Mosaikbild zusammensetzen
und formten aus dem Fabelwesen ein lebendiges Bild, das seine Spuren hier
in der Mitte Afrikas hinterließ. Unbekannt war er den Leuten hier wirklich
nicht. Doch jeder von ihnen schien froh um die Unnahbarkeit, die diesen Mann
umgab.
Keiner von denen, die bereit waren, für ein paar US-Dollar zu reden,
kannte seinen wirklichen Namen. Manche der Einwanderer aus den ländlichen
Gebieten, die sie in den Slums von Bangui befragte, nannten ihn den Löwengeist.
Janet kniff die Augen zusammen. Örtliche Medien hatten zum gleichen Zeitpunkt
von ungewöhnlichen Wanderungen ganzer Löwenrudel im Westen des Landes
berichtet. Das war für sie Grund genug, hellhörig zu werden. Sie
konnte ihrem Instinkt normalerweise blind vertrauen und hatte sofort eine
Expedition in diese Gegend angeordnet.
Die lokale Miliz, die diesen Landstrich kontrollierte, hatte großzügig
ihren Schutz angeboten. Janet musste einiges an Bargeld sowie den Einfluss
von Vanderbuildt, Inc. spielen lassen, um freie Hand zu haben. Von dem, was
hier geschah, sollten nicht mehr Leute wissen, als unbedingt nötig.
Je weiter sie nach Westen vorstießen, umso konkreter wurden die Hinweise
auf die Löwen. Doch je näher sie ihrem Ziel kamen, desto zurückhaltender
wurden auch die Menschen, die sie befragten. Janet musste sich manch eine
Fabel und Legende anhören, die sich nun erfüllen werde. Innerlich
schüttelte sie nur den Kopf. So sehr die Menschen hier inzwischen Fernsehen
und Cola gewöhnt waren sie hielten immer noch abergläubisch
an den alten Märchen fest, mit denen schon ihre Großväter
nachts geängstigt worden waren.
Janet konnte das nur recht sein. Keiner der Dorfbewohner wagte sich zurzeit
in dieses Gebiet. Sie hatten ihr nur den Weg gewiesen und von den Ruinenfeldern
erzählt, die einst der Löwengeist bewohnt habe. Was lag also
näher, als die Suche dort zu beginnen, dachte sich Janet.
Doch welch ein Aufwand
Miss Verhooven?, unterbrach sie eine kräftige Stimme in ihren
Gedanken.
Eugene Mauris, ihr ortskundiger Fahrer, kam mit weiten Schritten auf sie zu.
Er war Belgier und saß seit den Unruhen um Bokassa in den 70er Jahren
als arbeitsloser Söldner in diesem Land fest. Seine kernige Art und sein
trockener Humor hatten schnell dazu beigetragen, dass sie ihm vertraute.
Er war Ende Vierzig, mit kurzem schwarzen Haar, das strähnig zur Seite
stand. Ganz im Gegensatz zu seinem schmalen Schnurrbart, der mit seinen akkurat
geschnittenen Spitzen die Mundwinkel einrahmte. Janet blickte zu ihm hoch.
Ich glaube, er kommt zu sich, fuhr er fort.
Die junge Frau nickte knapp und erhob sich aus ihrer Haltung. Mit kurzen Schlägen
klopfte sie den Staub von ihrem olivgrünen Overall. Sie folgte dem Fahrer
zu dem kleinen Lager. Die wenigen Schritte strengten sie mehr an, als sie
es sich selbst eingestehen wollte. Unbewusst griff sie nach ihrer Wasserflasche
und trank in hastigen Zügen. Das Wasser brannte in ihrem ausgedörrten
Hals.
Sie sah Alice zu, die die Stirn des Wilden mit einem feuchten Tuch abtupfte.
Missmutig stellte Janet fest, dass die Fotografin trotz ihrer Shorts und des
dünnen T-Shirts keine Probleme mit der sengenden Hitze zu haben schien.
Sie ging in die Hocke und registrierte den Schatten, den die Plane warf, mit
Erleichterung. Interessiert betrachtete sie sich den Mann, der sich unruhig
auf der Decke wälzte.
Wahnsinn, was der Junge ausgehalten haben muss!, stellte Eugene
fest. Normalerweise überlebt das kein Mensch länger als ein
paar Stunden, in so einer Einöde in der Sonne zu schmoren!
Urwaldhelden sind eben aus besonderem Holz geschnitzt, entgegnete
Janet ihm lakonisch und warf Alice einen Blick zu. Diese lächelte vielsagend
zurück.
Es gibt halt zu wenige davon. Die Fotografin tunkte den kleinen
Waschlappen aus Frottee in eine Schale mit Wasser und drückte ihn aus.
Dann widmete sie sich mit dem Tuch wieder der Pflege des Fremden.
So wenig Janet die junge Frau leiden konnte, musste sie der Fotografin Recht
geben. Der Junge war vom Körperbau her ein Prachtexemplar. Zu schade,
dass Vanderbuildt bereits seine Pläne mit ihm hatte!
Ein Stöhnen des halbnackten Mannes ließ sie fast schuldbewusst
zusammen zucken. Er warf den Kopf leicht zur Seite. Sein breiter Brustkorb
hob und senkte sich unter den kräftigen Atemzügen. Übergangslos
öffnete er die hellblauen Augen. Es wirkte fast so, als wisse er, was
um ihn herum geschehe.
Hallo, begrüßte ihn Janet und schob ihr Gesicht in
sein Blickfeld. Wie geht es Ihnen? Comment êtes-vous?
Sie versuchte es mit einer Mischung aus Englisch und Französisch und
hoffte, dass er einer der beiden Sprachen mächtig war. Ihren letzten
Johnny Weissmueller-Tarzan hatte sie zu Schulzeiten gesehen und
war nicht darauf aus, sich in einem unbekannten Affendialekt verständigen
zu müssen. Seine Antwort kam in flüssigem Englisch. Er stöhnte
unterdrückt auf und versuchte sich aufzurichten.
Nicht so gut, brachte er schwerfällig hervor. Kann
ich etwas Wasser haben?
Alice Struuten robbte aus ihrer sitzenden Haltung etwas zur Seite und goss
aus einem der Wasserkanister ein wenig in ein Glas ein. Sie hielt es dem Fremden
an die Lippen und kippte es leicht an. Dieser nippte in kleinen Schlucken
an dem Glas, bis er seinen Kopf zurücksinken ließ.
Danke, entfuhr es ihm rau.
Mmmh, ich danke!, erwiderte Alice und stellte das Glas beiseite.
Janet machte sich in Gedanken eine Notiz, die Fotografin bei der nächsten
Gelegenheit in der Wüste auszusetzen.
B'jour übernahm Eugene die Initiative. Alle drei hatten sich
inzwischen in einem Halbkreis um den Fremden versammelt. Mein Name ist
Eugene Mauris. Ich bin der Fahrer der Gruppe.
Er deutete dann auf Alice. Meine Kollegin hier vor Ort, Alice Struuten,
Fotografin. Sie strahlte den Wilden an und warf ihm ein kurzes Hi'
zu.
Und Miss Verhooven, unsere, hm, tja- unterbrach er sich. Was
sind Sie eigentlich?
Janet warf ihm einen scharfen Blick zu und verschränkte die Arme vor
der Brust.
'Janet' für meine Freunde, lautete ihre knappe Antwort. Was
treibt Sie in diese Gegend, Mister ?
Der Mann, der mit nicht mehr als einem Lendenschurz bekleidet war, richtete
sich mit katzengleicher Gewandtheit auf und hielt für einige Sekunden
inne.
Nennen Sie mich Talon'. Ohne die Menschen weiter zu beachten,
suchten seine Augen das Bild ab, das sich ihm bot. So, als sammelten sie die
Bruchstücke von Erinnerungen zusammen, die zwischen den Ruinen verloren
gegangen waren. Keiner der anderen wagte etwas zu sagen.
Ich?, wandte er sich plötzlich wieder an Janet, als habe
er erst jetzt den Sinn ihrer Frage verstanden. Ich lebe hier. Aber,
Sie, was ?
Der Boden schien unter Talons Füßen zu schwanken. Er stöhnte
auf und taumelte zur Seite. Alice Struuten war mit einem Schritt bei ihm und
hielt ihn am linken Unterarm fest.
Vorsicht!, rief sie und hatte alle Mühe, den muskulösen
Körper zu stützen. Talon lehnte sich mit dem Rücken gegen den
Stumpf einer zerfallenen Säule und nahm das Glas Wasser, das ihm Alice
reichte, mit einem stummen Nicken an. Janet wartete, bis er sich wieder erholt
hatte.
Wir sind für Vanderbuildt, Inc. unterwegs, eröffnete
sie ihm. Als sie keine Reaktion bei Talon feststellte, fügte sie erklärend
hinzu, Ein südafrikanisches Unternehmen, das in ganz Afrika zahlreiche
Niederlassungen pflegt. Sie behielt den Mann genau im Auge. Wir
sollen uns einen Einblick in die Geomorphologie des Landes verschaffen, in
den Dschungel schnuppern. Und dabei haben wir von dem Exodus' der Löwen
gehört!
In Talons Augen blitzte es auf. Ohne ein Zeichen von Schwäche fuhr er
hoch.
Die Löwen!, schrie er auf. T'cha! Ich muss ihnen nach!
Deutlich registrierte Janet, dass Talon die Menschen um sich schlagartig vergessen
hatte. Seine Gedanken schienen nur noch von dem Schicksal der Löwen besessen
zu sein. Sie wusste nicht, wie gut Mauris im Zweikampf war, aber sie räumte
ihm keine großen Chancen in einem direkten Vergleich mit dem Wilden'
ein, sollte sie von ihm verlangen, ihn aufzuhalten. Stattdessen trat sie an
Talon heran und legte ihm ihre Hand auf die Schulter, um ihn zurück zu
halten.
Alleine?, setzte sie mit einem besorgten Blick an. In Ihrem
Zustand? Lassen Sie sich von uns helfen!
Sofort war Alice an ihrer Seite und unterstützte sie.
Natürlich! Vielleicht springt 'ne Story für mich dabei raus!
Sie schenkte Talon ein gewinnendes Lächeln. Ein wenig Pep kann
dem faden Bericht nicht schaden. Alice befürchtete kurz, Janet
könnte sie als Leiterin des Projekts für diese Worte zurechtweisen,
doch mit einem Seitenblick erkannte sie, dass die blonde Frau die gleichen
Gedanken zu führen schien.
Talon hielt in seiner Bewegung inne und blickte geistesabwesend zu Boden.
Mehrere Augenblicke verstrichen, in denen er die beiden Frauen nur stumm musterte.
Es ärgert mich, ihr Angebot annehmen zu müssen, stimmte
er zögernd zu. Aber, na gut machen wir uns auf den Weg.
Eugene Mauris hatte inzwischen das provisorische Lager abgebaut und auf der
Ladefläche des Rovers verstaut. Er lehnte sich gegen einen Überrollbügel
und klopfte sich kurz den Staub von den Schuhen. Die beiden Frauen setzten
wie selbstverständlich auf die Rückbank. Eugene lud Talon mit einer
Handbewegung ein, neben ihm auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen und schwang
sich dann selbst in das Innere des Fahrzeugs.
Immer den Ruinen nach, hm?, fragte er den Fahrgast und nickte
mit dem Kinn Richtung Südosten. Talon folgte dem Blick des Belgiers.
Der verwaschene graublaue Himmel ließ die Konturen am Horizont in einem
nebligen Dunst verschwimmen. Dennoch zeigte sich Talons Sinnen ein klar erkennbarer
Pfad durch die Einöde.
Er nickte dem Fahrer zu. Augenblicke später setzte sich der Rover in
Bewegung und zog eine breite Staubfahne hinter sich her, die die Ruinen hinter
ihnen in einen undurchdringlichen Schleier hüllte. So nahm keiner von
ihnen mehr die hochgewachsenen Silhouetten wahr, die sich wie Phantome aus
dem Schatten der steinernen Pfeiler lösten.
Das Fahrzeug bahnte sich mit röhrendem Motor seinen Weg durch die Einöde.
Die unebene Strecke ließ das Chassis stark ruckeln, und so hielten sich
die Insassen vorsichtshalber an den Sicherheitsgriffen des Geländewagens
fest.
Alice Struuten wies mehrmals Eugene wegen der Fahrweise frotzelnd zurecht
und hustete jedes Mal, wenn der aufgewirbelte Staub in ihren Mund drang. Sie
hatte offensichtlich Schwierigkeiten, sich der holprigen Fahrweise anzupassen
und bewunderte Janet, die neben ihr völlig ruhig auf ihrem Sitz saß,
den Blick kühl nach vorne gerichtet.
Miss Verhooven?, rief sie ihr durch den Motorenlärm zu. Die
blonde Frau wandte sich ihr überrascht zu. Alice lächelte verschmitzt
zu ihr herüber. Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen! Sich so schnell
bei dem Typen einzuklinken, sie deutete mit dem Zeigefinger auf Talon,
der das Gespräch hinter sich durch den Lärm nicht mitbekommen konnte.
- Sie wissen, wo eine gute Story zu holen ist, gestand sie ihr
neidlos zu.
Janet verzog die Lippen zu einem schmalen Lächeln.
Miss Struuten ich weiß vor allem, wo es die besten Männer
gibt.
Sie genoss den verdutzten Blick auf dem Gesicht der Fotografin mit innerer
Genugtuung und wandte ihren Blick wieder nach vorne, ohne sich auf ein weiteres
Gespräch einzulassen.
Stille wehte durch die steinerne Dunkelheit.
Die Strukturen der gewaltigen, in sich verschachtelten Hallen ragten wie ein
zerfallenes Skelett aus dem Dämmerlicht. Pfeiler und Streben aus einem
marmorartigen Material, durchzogen von Myriaden Rissen und Brüchen, ragten
in die Höhe und trugen die mächtige gewölbte Decke, die das
Licht zu sich zog und in einem stummen Wirbel verschlang.
Hallen, von der Zeit längst vergessen. Es schien, als seien die zerschmetterten
Ornamente und Verzierungen eingefroren worden. So, als sei alles im Augenblick
des Todes erstarrt.
Trotz der zahlreichen Risse und Löcher im Gestein hatte sich die Natur
nie die archaischen Gänge und Säle zurückerobern können.
Von draußen schimmerte das vielfältige Grün des Dschungels
in die Räume. Es fand sich jedoch kein Blatt, kein Ast, der den Boden
der Ruinen bedeckt hätte.
Inmitten des großen Kuppelsaales, der die Mitte des Bauwerks bildete,
schraubte sich eine mächtige, zylindrische Säule in die Höhe.
Weit über dem kostbar getäfelten Boden wartete das Dunkel auf der
Spitze der Säule, schlafend, erstarrt.
Der mächtige schwarze Körper ruhte einer Statue gleich auf der ebenen
Fläche, die die Säule abschloss. Nur schwer waren die muskulösen
Gliedmaßen unter dem obsidianfarbenen Mantel aus Licht zu erkennen.
Von einem Augenblick auf den anderen erwachte die Dunkelheit. Blutrot schimmernde
Augen öffneten sich in der schwarzen Fläche des breiten Schädels.
Momente verstrichen, in denen sich der Körper festigte und sich nachtschwarzes
Licht um die zerfließenden Glieder sammelte. Dann erleuchtete die Spitze
der Säule in einem schillernden Wirbel bunten Lichts.
Der dunkle Körper materialisierte sich am Fuß der Säule und
schritt langsam den breiten Korridor entlang, der nach draußen führte.
Lichtreflexe blitzten in der dunklen Mähne auf, die sich in einem imaginären
Wind bewegte. Der gewaltige schattenhafte Leib des Löwen nahm die Umgebung
wie ein Herrscher wahr, der nach langer Zeit wieder in seinen Palast zurückkehrte.
Endlich erreichte er einen breiten, torartigen Ausgang, der nach draußen
führte. Vor ihm öffnete sich eine ausgedehnte Plattform, die sich
wie ein Balkon um das Gebäude zog. Hungrig sog der Blick des schattenhaften
Löwen das Bild der Ebene in sich auf, das sich ihm eröffnete.
Sein mächtiger Körper verharrte nun an der Kante des Balkons. Die
unendliche Weite des Dschungels leuchtete in den verschiedensten Grüntönen,
nur selten unterbrochen durch das tiefe Ocker der trockenen Savanne im Norden.
Eine Reihe lange zerfallener obeliskartiger Säulen erhob sich über
die Baumkronen. Sie zog sich einer geraden Allee gleich in Richtung der Savanne,
in eine Vergangenheit, die lange hinter dem nachtschwarzen Beobachter hoch
über der Szenerie lag.
Ein tiefes Grollen löste sich aus dem Dunkel.
Sein Ruf war erfolgt. Er musste nur warten, bis sie kamen, um sich mit ihm
zu messen.
Um ihn als den Herrn anzuerkennen.
Erzabbau? Hier?
Talon warf Janet Verhooven einen zweifelnden Blick zu, während er sich
zu ihr umdrehte. Die Fahrt dauerte bereits mehrere Stunden, und so nutzte
Vanderbuildts Angestellte die Gelegenheit, etwas Licht in das Dunkel zu bringen,
das diesen Mann umgab.
Also begann sie ein unverfängliches Gespräch, in der sie über
ihre Arbeit und die Gründe redete, die sie hierher geführt hätten.
Doch Talon hatte ihr die ganze Zeit nur zugehört, ohne selbst etwas von
sich zu erzählen.
Warum nicht?, antwortete sie auf die noch offene Frage. Sicher,
wir gehen etwas unorthodox vor. Aber die politische Lage hier in Zentralafrika
erfordert etwas Improvisation, und Vanderbuildt, Inc. lässt uns solche
Freiheiten. Und vergessen Sie nicht, sonst wären wir nie zu den Ruinen
gekommen und zu Ihnen!
Talon ging auf die Bemerkung nicht ein und sah stattdessen nur zu den steinernen
Pfeilern herüber. Sie sind fremdartig, murmelte er kaum hörbar
vor sich her. Ich war noch nie hier.
Hey, Großer!, ließ ihn ein Zuruf aufschrecken. Er
fuhr herum und blickte in ein dunkles, großes Auge. Mehrere Klickgeräusche
waren zu hören, dann legte Alice Struuten die Kamera auf ihren Schoß,
ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen.
He, was soll das?, reagierte Talon gereizt. Er warf der Fotografin
einen wütenden Blick zu.
Diese legte ein schüchternes Lächeln auf. Nur ein Foto,
entschuldigte sie sich. Mmmh, ich seh' schon den Titel: Eine Safari
mit Tarzan'.
Sie verstaute die Kamera vorsichtig in ihrer Tasche und sah Talon dann forschend
an.
Sagen Sie, können Sie das eigentlich? Mit Lianen schwingen und
so?
Zum ersten Mal hörte sie den Mann laut auflachen. Seien Sie nicht
albern, erwiderte er. Die Lianen hängen nie dort, wo man
sie gerade braucht. Ich bin auch eher in der Savanne zuhause und halte mich
nur selten im Dschungel auf.
Schade! Alice machte sich in Gedanken bereits die ersten Notizen.
Sie beugte sich etwas vor, um nicht ständig gegen die Fahrtgeräusche
anschreien zu müssen. Und mit !
Eine harte Bremsung presste sie schmerzhaft in den Sitz vor ihr. Die Fotografin
schrie auf und hielt sich nur mit Mühe an einer Querstange fest, während
sie mit dem Oberkörper aus dem Fahrzeug hing.
Eugene ?, rief sie ihre Frage ins Leere. Der Belgier fluchte.
Noch immer war der Wagen nicht zum Stillstand gekommen, sondern raste mit
unverminderter Geschwindigkeit über das Geröll hinweg. Aus einem
Grund, den Alice nicht sah, riss der Fahrer erneut das Steuer herum. Sie schloss
nur die Augen und schnappte hastig nach Luft. Durch den aufgewirbelten Staub
hörte sie aus verschiedenen Richtungen kurze Rufe und Befehle.
Gegensteuern! Festhalten!
Ein harter Schlag erschütterte den Wagen. Alice konzentrierte sich nur
auf ihre rechte Hand, die sich fest um einen Haltegriff geschlossen hatte,
während sich die Welt um sie drehte. Der Rover überschlug sich und
rutschte unkontrolliert über den steinigen Boden.
Nach einer scheinbaren Ewigkeit kamen alle Bewegungen zur Ruhe. Alice hörte
nur ihr eigenes Herz, das heftig in ihrer Brust pochte, und ihr hastiges Atmen.
Sie wagte es nicht, den Griff loszulassen.
Ohne es unterdrücken zu können, begann sie zu weinen.
Der schwarze Hüne erhob sich wie ein Felsen auf dem verlassenen Baugelände
am Rande von Kairo. Ein Sandsturm suchte die Millionenstadt seit Stunden heim
und hüllt die Häuser zu dieser frühen Nachmittagstunde in ein
Dämmerlicht, als sei die Nacht bereits angebrochen.
In vielen der Häuser brannten daher schon die ersten Lichter, die sich
jedoch schnell in den Sandwehen verloren, die durch die Straßen zogen.
Unbeeindruckt trotzte der kahlköpfige Mann den Naturgewalten. Es schien
fast so, als genieße er das Chaos, in dem er sich befand. Um seine Fingerspitzen
tanzten kleine Lichtwirbel, die wie Blitze in die Höhe zuckten.
Shion!, dröhnte seine tiefe Stimme durch das Röhren
des Sturms. Er reckte den Kopf in den Himmel und hielt die Augen geschlossen.
Du willst mich quälen, demütigen, wie vor so vielen Jahren,
so vielen Äonen! Seine Arme vollführten ausladende Bewegungen,
die jedoch einem fest vorgegebenen Muster zu folgen schienen.
Nein, ich werde freikommen und zurückkehren , fuhr
er fort. Seine rechte Hand ballte sich zur Faust, während seine blutunterlaufenen
Augen nach Süden blickten in den Dschungel. Deinen schwarzen
Leib werde ich zerfetzen und in alle Winde verstreuen.
Der Schwarze streckte den linken Arm aus und hob ihn leicht an, so als wolle
er etwas aufheben. Der Boden vor seinen Füßen begann zu vibrieren.
Knirschend brach der brüchige Asphalt auf und bohrte sich in großen
Platten in die Höhe. Unter seinen Füßen hörte der Hüne
ein leises Kreischen. Unterirdische Wasserrohre rissen auf. Helle Fontänen
schossen aus dem Boden und vermischten sich mit dem wehenden Sand zu einer
zähen Schlacke, die in schweren Tropfen zu Boden perlte.
Glaubst du, du könntest mich auf ewig binden, Löwenbrut?
Das Wasser verdampfte zischend, sobald es die Haut des Farbigen berührte.
Mein ist die Macht!, schrie er auf, während sich der Asphalt
um ihn herum meterhoch in den Himmel bohrte. Das Beben breitete sich aus.
In der Ferne schwankten die ersten Häuser. Leise drang das panische Geschrei
tausender Stimmen zu ihm herüber. Der Hüne sog sie wie Nahrung in
sich auf.
Ich bin der Herr!
Um ihn herum zerfiel der Asphalt zu Staub.
Hmm, nette Verstauchung, Miss Verhooven! Sagen Sie mir, wenn's weh tut.
Eugene Mauris legte den Verband um den linken Knöchel der jungen Frau,
die dem Belgier aufmerksam zusah. Irgendwann zischte sie schmerzerfüllt
auf. Ihre Mundwinkel zuckten unwillig. Sie lehnte sich gegen eine umgestürzte
Säule und wartete, bis der Fahrer den Verband befestigt hatte.
Geht schon, Scheißdreck!
Janet murmelte eine Bedankung und fuhr mit der Hand über die verletzte
Stelle. Eugene erhob sich, ohne sie weiter zu beachten. Über seine Stirn
zog sich ein breites Pflaster, und sein rechter Unterarm war dick umwickelt.
Er schnaufte auf und stützte sich auf dem Geröll ab.
Die junge Frau sah ihn resigniert an.
Und wir kommen hier nicht weg.
Eugene Mauris sah sie aus seinen graublauen Augen offen an. Nein, der
Rover hat einen schönen Achsenbruch. Wir hatten unglaublich viel Schwein,
da mit so wenig Blessuren raus zu kommen! Er sah zu dem Wrack herüber,
aus dem eine dicke, dunkle Rauchfahne in den Himmel stieg.
Na toll!, quittierte Janet die Nachricht und bog ihren Oberkörper
durch. Der Schweiß lief ihr in Bächen über das Gesicht. Aber
unser Tarzan' kann uns wohl von hier wegbringen. Wo ist er überhaupt?
Hinter ihnen, erklang eine Stimme direkt in ihrem Rücken.
Die junge Frau schrie kurz auf. Sie hatten den großgewachsenen Mann
nicht kommen hören. Ich habe mir den Speer angesehen, der in den
Motorblock gedrungen ist es dürfte ihn nicht geben. Wie
die anderen, die uns nur knapp verfehlt haben.
Was soll das heißen?, hakte Janet nach. Sie hatte wie Alice
nichts von dem mitbekommen, was zu dem Unfall geführt hatte. Als die
beiden Männer von den Speeren erzählten, hatte sich alles in ihr
dagegen gesträubt, ihnen glauben zu wollen.
Talon hielt den mehr als mannsgroßen Speer fest in beiden Händen.
Der hölzerne Schaft war verziert mit bunten Büscheln Vogelfedern,
die nun zerfetzt in ihrer Befestigung hingen. Er betrachtete sich die mächtige
flache Klinge. Sie war durch den Einschlag in das Fahrzeug kaum verformt worden.
Nur wenige benutzen heute noch solche alte Waffen in dieser Gegend.
Und es gibt keinen Stamm, der Speere von dieser Machart benutzt. Ich frage
mich
Ein leises Klicken unterbrach ihn in seinen Gedanken. Talons Kopf ruckte zur
Seite.
Meine Güte, Alice! Muss das denn sein?, herrschte er die
Fotografin an.
Diese hielt ihre Kamera in beiden Händen und kniete am Boden. Sie hatte
sich beim Unfall nur ein paar Schürfwunden zugezogen.
Das war einfach ein zu geniales Motiv, Sie mit der Waffe!, erklärte
sie ihm. Zu schade, dass die Kamera den Unfall überlebt hat, hm?
Sie legte die Abdeckplatte auf das Objektiv und warf sich dann den Tragegurt,
am dem das Gerät hing, um die Schulter.
Und ich bin noch mit einigen Filmen bewaffnet, schloss sie mit
einem schnippischen Unterton ab.
Talons Blick musterte sie kühl.
Die Männer, die uns beobachten, sind es mit Speeren!
Erschrocken zuckten die Anwesenden bei den Worten zusammen. Niemand hatte
bisher richtig darüber nachgedacht, wie es überhaupt zu dem Angriff
gekommen war.
Beobachten?, keuchte Janet auf. Sie meinen ?
Eugene trat einen Schritt auf Talon zu und klopfte ihm mit dem Zeigefinger
gegen die Brust.
Dann müssen wir sofort hier weg! Bringen Sie uns irgendwie nach
Bangui! Sein Griff ging zu dem Holster an seinem Gürtel. Der kleine
Revolver hatte den Unfall unbeschadet überstanden. Mauris öffnete
das Magazin und kontrollierte zufrieden die Patronen.
Talon hatte ihn stumm beobachtet.
Nein, entgegnete er nur knapp.
Was?!, rief der Belgier entgeistert auf und sah dem Mann mit dem
rotbraunen wilden Haar entsetzt an.
Was meinen Sie löste es sich von Alices Lippen.
Ich muss der Fährte nach, erklärte er. Sein Blick ging
weiter in Richtung der Allee, die durch die riesenhaften Pfeiler gebildet
wurde. Er trat einige Schritte nach vorne. Seine Augen verloren sich in der
Ferne.
Hart packte Eugene ihn an der Schulter und riss ihn herum.
Verdammt, wollen Sie uns hier verrecken lassen?, fragte er Talon.
Seine Augen suchten die des anderen Mannes. Dieser musterte ihn ungerührt.
Ich habe Sie nicht gebeten, hierher zu kommen.
Zwischen den beiden Männern begann die Luft zu knistern.
Ruhe, alle beide!, unterbrach Janet die angespannte Atmosphäre
und trennte die beiden, indem sie mit der Hand dazwischen fuhr. Sie humpelte
langsam wieder zurück auf ihren Platz und atmete erleichtert auf, als
sie sich auf den kühlen Stein setzen konnte.
Mauris, ich bin hier der Boss, setzte sie mit ruhiger Stimme an.
Wir gehen mit ihm, klar? Talon Sie sah den halbnackten
Mann ernst an. Sie sind uns was schuldig. Wir haben Sie aus
der Savanne gerettet. Nehmen Sie uns mit!
Sie spürte die Unwilligkeit, mit der die beiden Männer auf ihren
Vorschlag reagierten. Alice stellte sich neben die Frau.
Talon, wenn es Sie nicht stört ?, unterstützte
sie Janet Eugene, mir wäre eine Fotosafari lieber, als mich jetzt
alleine irgendwie nach Bangui durchschlagen zu müssen. Was weiß
ich, was unterwegs auf uns lauert!
Eugene antwortete mit einem kehligen Lachen und zuckte mit den Schultern.
Er warf Talon einen eisigen Blick zu. Ich bin ja sowieso überstimmt.
Das sind Sie, stimmte ihm Janet Verhooven zu. Nun?,
wandte sie sich an Talon. Dieser bedachte sie mit einem unbestimmten Blick.
Er wartete einige Augenblicke mit seiner Antwort.
Gut, kommen Sie mit, ein schmales Lächeln löste sich
von seinen Lippen. Wegen Ihres Fußes ich werde Sie tragen.
Den ganzen Weg?, fragte Janet nach. Hmm, ein wahrer Held!
Auffordernd streckte sie ihm ihre Hände entgegen. Ohne Mühe hob
Talon sie hoch und wartete, bis sich die junge Frau in seinen Armen zurechtgelegt
hatte. Etwas fester als nötig schlang sie ihre Arme um seinen Hals.
Sie sind eine schreckliche Frau, stellte Talon kopfschüttelnd
fest.
Janet schenkte ihm ihr selbstsicherstes Lächeln.
Das sagen alle meine Männer.
Gegen Abend des nächsten Tages erreichte die Gruppe das Ende der ausgedörrten
Savanne. Ohne Wechsel ging die Einöde in die grüne Wand des Dschungels
über. Zerfallene Überreste mehrerer Säulen ragten vereinzelt
aus dem Gewirr von Ästen und Blättern.
Kurz legten die Menschen das Gepäck ab, das sie noch aus dem Wagen retten
konnten, und legten eine Pause ein. Alice hatte ihre schussbereite Kamera
von der Schulter genommen und machte unablässig Bilder.
Das ist doch nicht normal!, stellte Eugene fest. So krass
ändert sich keine Landschaft!
Eine Unruhe erfüllte Talon, die er bereits seit Stunden in sich spürte.
Es ist ein besonderes Gebiet. Niemand geht dorthin, klang seine
Antwort ungewohnt vorsichtig.
Wieso nicht?, fragte der Belgier nach. Er ging in die Knie und
betrachtete sich die Landschaft genau.
Talon legte die Hände an die Hüfte und trat unruhig auf der Stelle.
Um es abergläubisch auszudrücken das Gebiet ist tabu.
Ich habe nur von anderen davon gehört. Das Land ist fremd Als gehöre
es schon lange nicht mehr hierher.
Eugene musterte ihn nachdenklich.
Sie sagen das so, als ob Sie daran glauben.
Janet Verhooven wischte sich Hals und Gesicht trocken. Es ärgerte sie,
wie sehr ihr die Hitze zu schaffen machte. Umso mehr, da die anderen nicht
mit diesen Problemen zu kämpfen schienen. Zum Glück war ihr Fuß
nicht so stark angeschwollen wie befürchtet.
Wollen Sie immer noch da rein?, wollte sie von Talon wissen.
Dieser nickte. Ich muss.
Ein Schrei entfuhr Alices Lippen. Hastig rief sie Talons Namen. Sie zeigte
vor sich in das undurchdringliche Dickicht. Aus dem Unterholz löste sich
ein ockerfarbener Schatten, der sich langsam der Gruppe näherte. Die
bernsteinfarbenen Augen unter der langen Mähne brannten sich in die Menschen
ein.
Ein gefährliches Grollen drang aus der Kehle des gewaltigen Löwen.
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 6
Shion
© Copyright aller Beiträge 2004 by Thomas Knip. Nachdruck, auch
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