
Talon Nummer 6
Shion
von
Thomas Knip
Talon stellte sich vor die drei Personen, die ihn begleiteten und wies sie
mit einer Handbewegung an, zurück zu bleiben. Sein Blick löste sich
keinen Augenblick von dem gewaltigen Raubtier, das sich lauernd aus dem Unterholz
des Dschungels näherte.
Der Löwe stieg über die Überreste der zerfallenen Mauern und
postierte sich auf einem von der Witterung gezeichneten Marmorblock, der wie
eine Kaimauer aus dem grünen Dickicht ragte. Seine von schwarzen Strähnen
durchsetzte Mähne wehte leicht in kühlen Wind des anbrechenden Abends.
Die Sonne ging nun rasch unter. Einem endlosen Band gleich schob sich ein
pastellfarbenes Gewebe aus blauen und purpurroten Streifen über den Himmel.
Talon trat langsam nach vorne, als er sich sicher war, dass der Löwe
keinen Angriff plante. Seine Gedanken tasteten sich vorwärts, suchten
das Bewusstsein der großen Raubkatze, die ihn aus ihren bernsteinfarbenen
Augen kalt musterte. Ein kurzes Grollen reichte, um dem Mann anzuzeigen, wie
weit er sich nähern durfte.
Er hielt inne und begegnete dem Blick des Löwen.
[Es gibt keinen Grund, feindselig zu erscheinen, mein Freund], lösten
sich fremdartige Laute von Talons Lippen, die die kleine Gruppe, die hinter
ihm wartete, nicht zu verstehen vermochte. Doch der Löwe verstand sie.
Und er zuckte merklich zusammen.
[Du sprichst unsere ?] Momente vergingen voller Stille.
Unruhig scharrte die Raubkatze mit der linken Vorderpfote über den groben
Stein. [Es gibt hier kein Durchkommen. Der Zugang zu diesem Ort ist solchen
wie euch untersagt. Geht!]
Ein heiseres Fauchen begleitete die Aufforderung.
Unwillig warf Talon einen Blick zurück und schüttelte dann den Kopf.
[Ich muss hier durch!], beharrte er.
Der Löwe knurrte den Menschen ungeduldig an. Sein massiver Kopf ruckte
nach vorne und taxierte Talons Augen.
[Dies ist Shions Reich. Ich dachte, die Wächter hätten euch klar
gemacht, dass der Dschungel in dieser Zeit für euch tabu ist.] Die
dunklen Augen blitzten bedrohlich im schwindenden Sonnenlicht. [Kehr' um,
bevor ich nicht mehr gewillt bin, dir zuzuhören!]
Talon konnte deutlich sehen, wie sich die Muskeln des Löwen unter der
ockerfarbenen Haut anspannten. Die Raubkatze war offensichtlich zum Sprung
bereit und nicht mehr gewillt, eine weitere Warnung auszusprechen. Um gegen
den Angriff gewappnet zu sein, verlagerte er sein Gewicht und schob das linke
Bein zurück. Er scharrte mit der Ferse eine kleine Kuhle frei, um einen
besseren Halt zu finden. Dann breitete er die Arme aus und beugte den Oberkörper
vor. Sein Atem ging hastig, und er spürte, wie er trotz der einsetzenden
Kälte zu schwitzen begann.
[Dann musst du mich mit Gewalt aufhalten!] entgegnete er nur und knurrte
den Löwen an.
Die Antwort erfolgte in einem lauten Brüllen. Aus dem Stand sprang die
Raubkatze von ihrer erhöhten Stellung auf Talon zu. Hinter dem gebleckten
Maul leuchteten die scharfen Zähne matt auf. Heißer Atem schlug
dem Mann des Dschungels entgegen.
Der Aufprall warf ihn fast von den Beinen. Er hatte die Arme nach oben gerissen
und den schweren Kopf des Raubtieres gepackt. Immer wieder stießen die
Zähnen gegen die Unterarme und schnitten kleine Wunden in die Haut.
Der Löwe warf den Kopf hin und her und versuchte sich aus der Umklammerung
zu lösen. Seine Pranken zuckten vor und stießen jedes Mal ins Leere.
Voller Wut brüllte das Tier auf und verstärkte seinen Angriff.
Talons heiseres Brüllen vermischte sich mit dem Grollen des Löwen.
Im Augenblick konnte er sich der Attacken nur mühevoll erwehren. Die
Sehnen traten dick an seinen Unteramen hervor. Nach wie vor ließ er
den Kopf des Löwen nicht los und zwang das schwere Tier dazu, auf seinen
Hinterpfoten zu tänzeln, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Doch
alleine die Masse des Löwen setzte Talon schwer zu. Er konnte den Bewegungen
nur folgen, wenn die Raubkatze mit ihren Tatzen nach ihm schlug.
Ein schwerer Hieb erwischte ihn an der rechten Seite. Blutige Striemen zeichneten
die Spur der Krallen nach.
Sein Atem ging hastig. Schweiß lief ihm in Bächen über den
von Staub verschmierten Körper und mischte sich mit dem Blut aus vielen
kleinen Wunden zu roten Schlieren, die den muskulösen Körper bedeckten.
Talon spürte, dass er den Löwen nicht mehr lange auf Distanz halten
konnte. Er musste selbst in die Offensive gehen, wollte er eine Chance gegen
die Überlegenheit des Löwen erhalten. Die Muskeln in seinen Beinen
schmerzten unerträglich. Trotzdem zog er das linke Bein vor und hieb
es in den ausgedörrten Boden. Talon schob sich nach vorne und drückte
gleichzeitig den gewaltigen Körper seines Gegners zur Seite.
Überrascht taumelte der Löwe zurück und stürzte. Doch
sofort kam er wieder auf alle Viere. Talon nutzte die gewonnene Sekunde und
riss sein Messer aus dem Gürtel. Den nächsten Angriff des Löwen
fing er nur mit dem linken Unterarm ab. Durch die offene Deckung hieben die
Krallen mehrere tiefe Wunden in Brust und Schultern des hochgewachsenen Mannes.
Talon nahm die Schmerzen nicht mehr wahr. Seine Gedanken richteten sich auf
die Klinge in seiner Hand, die in den Körper des Löwen stach. Er
zog das Messer zur Seite zurück und riss damit lange, klaffende Wunden
in das Fell, das sich nun schnell rot färbte.
Im Hintergrund hielten sich seine drei Begleiter zurück und sahen dem
Kampf entsetzt zu. Alice Struuten packte Eugene, den belgischen Fahrer, bei
den Schultern und forderte ihn auf, Talon zu helfen. Dieser löste sich
hastig aus ihrem Griff und lachte trocken auf.
Bin ich verrückt? Ich werde mich da nicht einmischen!
Er hatte schon die ganze Zeit seinen 38er Revolver in der schweißbedeckten
Hand, um einen Schuss auf den Löwen abzugeben. Doch die beiden Kontrahenten
belauerten sich mit solch einer Geschwindigkeit, dass Eugene Mauris keine
freie Schussbahn fand.
Der Atem brannte heiß in Talons schmerzenden Lungen. Blut aus einer
tiefen Stirnwunde war ihm in die Augen gelaufen und behinderte ihn bei seiner
Sicht. Er folgte fast nur noch seinen Instinkten, wenn er die Angriffe des
Löwen abwehrte. Tausendfach eingeübte Bewegungen und Reaktionen,
deren Herkunft er nicht kannte, übernahmen die Kontrolle in seinem Körper.
Langsam spürte er, wie die Attacken und Hiebe der Raubkatze schwächer
wurden. Umso heftiger setzte er nach, um endlich aus diesem Kampf als Sieger
hervor zu gehen. Und endlich sackte der massige Körper vor ihm auf den
Boden und blieb regungslos liegen. Blut lief aus zahlreichen Wunden und versickerte
zwischen den trockenen Grashalmen in der Savanne.
Müde reinigte Talon sein Messer und steckte es in den Gürtel. Eine
unendliche Schwere machte sich in seinem Körper breit. Unwillig schüttelte
er leicht den Kopf, als er sich den toten Löwen betrachtete.
Vergib' mir, Bruder, murmelte er rau. Doch ich kann nicht
umkehren.
Aus dem Augenwinkel nahm er die drei Menschen wahr, die sich nur langsam dem
Schauplatz näherten. Sie standen so eng zusammen, als hofften sie, die
Nähe böte ihnen ausreichend Schutz. Talon nahm es trotz seiner Mattheit
fast amüsiert zur Kenntnis.
Lasst uns weiter gehen, eröffnete er ihnen dennoch nur kurz.
Entsetzt hob Alice die Hände und machte einen Schritt auf ihn zu.
Aber gute Güte! Ihre Wunden! Sie schnallte sich ihren
Rucksack ab und kramte zwischen den Utensilien nach etwas Verbandsmaterial.
Die Wunden werden sich schließen, antwortete er ihr nur
kurz. Ich habe gerade getötet. Diese Wunde klafft tiefer in mir.
Talon ging in die Knie und legte die Hand auf die blutüberströmte
Flanke des Löwen. Schon jetzt war die Kälte deutlich zu spüren,
die von dem toten Körper Besitz ergriff.
Eugene Mauris trat zu ihm hin und lachte rau auf.
Sind Sie immer so zart besaitet?, fragte er und schüttelte
ungläubig den Kopf. Das Biest hat uns schließlich angefallen!
Was hätten Sie denn sonst tun sollen?
In Talons Augen glomm unterdrückter Hass gegen den fremden Mann auf.
Er betrachtete sich den Belgier mehrere Augenblicke lang, bis dieser sich
unbehaglich in dem Blick wand. Talon ballte die Hände zur Faust.
Er war eine Wache und wollte nur, dass wir umkehren. Seine breite
Brust hob und senkte sich unter den hastigen Atemzügen, mit denen er
seine Gefühle in den Griff bekommen wollte. Und ich habe ihn herausgefordert.
In seine Gedanken versunken, blickte Talon zum Dschungel herüber, dessen
üppiges Grün einen harten Kontrast zum ausgetrockneten Savannenboden
bildete. Aus dem undurchdringlichen erscheinenden Gespinst aus Blättern,
Lianen und Ästen schälte sich eine weit entfernte Stimme, die sich
in seinen Gedanken verlor.
Deshalb müssen wir weiter, fuhr er fort. Sein Blick ging
zu den drei Menschen, die sich alle nicht sicher waren, wie sie ihm begegnen
sollten. Er spürte die Distanz, die zwischen ihnen lag.
Andere werden ihn finden, erklärte er mit einem Fingerzeig
auf den toten Löwen, und dann will ich nicht mehr hier sein!
Alice Struuten hatte sich unbeirrt mit dem Verbandsset beschäftigt und
forderte Talon auf, sich endlich auszuruhen. Er sah kurz in die Augen der
jungen Frau und nahm dann bereitwillig auf einem der Mauerreste Platz. Die
Fotografin zerdrückte einige entsetzte Ausrufe zwischen ihren Lippen,
als sie sich die Wunden genauer betrachten konnte. Trotzdem musste sie überrascht
zugestehen, dass keine von ihnen genäht zu werden brauchte. Es schien
tatsächlich fast so, als begannen die Verletzungen jetzt schon zu verheilen.
Dennoch desinfizierte sie die größeren Wunden vorsorglich.
Wissen Sie eigentlich, wohin Sie gehen?, fragte sie Talon, als
sie ihre Arbeit beendete und die Verbandssachen wieder in ihrem Rucksack verstaute.
Er nickte ihr dankend für ihre Hilfe zu und begann seinen Weg in den
Dschungel.
Nein, antwortete er ihr nur kurz angebunden. Janet Verhooven und
Eugene Mauris warfen sich einen schnellen bedeutungsvollen Blick zu und schüttelten
ihre Köpfe. Mit einem leisen Seufzen folgten sie dem Mann, der unbeirrt
zwischen den gewaltigen Stämmen im Dschungel verschwand.
Stunde um Stunde kämpfte sich die Gruppe durch den Dschungel. Die Pflanzen
schienen auf fremdartige Weise mit den zerfallenen Überresten der gewaltigen
Bauten aus hellem Stein verwachsen zu sein. Marmorne Streben schoben sich
aus den überwucherten dunklen Stämmen der hoch aufragenden Bäume.
Pflanzen wuchsen reliefartig aus lange verwitterten Säulen, das Grün
ihrer Blätter durchwebt von den feinen Maserungen des Steins.
Kein Geräusch erfüllte die Szenerie. Selbst der Wind schien an den
fremden Strukturen zu zerfallen und langsam zu Boden zu sinken.
Bis spät in die Nacht schlug sich die Gruppe einen Weg durch das unwegsame
Holz. Talon trieb die anderen unermüdlich an. Sein Blick war wie versteinert
nach vorne gerichtet. Das schwache Licht der Taschenlampen schnitt sich mit
schmalen Kegeln einen Weg durch die Umgebung, die sie in unergründlichem
Dunkel umgab. Dann jedoch gab Janet Verhooven dem hochgewachsenen Mann ein
Zeichen.
Talon, können wir anhalten?, entfuhr es ihr schwerfällig.
Ich kann nicht mehr. Sie hatte die Hände in die Seite gestützt
und sah den Mann aus müden Augen an, der nur unwillig in seinem Schritt
innehielt. Sie keuchte heftig. Kalter Schweiß hatte ihren khakifarbenen
Overall schon lange durchtränkt. Neben ihr ließ sich Alice auf
alle Viere fallen und sank erschöpft in das feuchte Moos.
Ich auch nicht, stimmte sie der Teamleiterin atemlos zu. Die beiden
Frauen warteten auf eine Antwort des Mannes, der sie nur schweigsam musterte.
Auch Eugene war die Erschöpfung anzusehen, doch er hielt sich zurück
und betrachtete sich beide Parteien aufmerksam.
Endlich nickte Talon. Er warf einen kurzen Blick in den Himmel, der zwischen
den Baumkronen unergründlich verborgen lag.
Gut, erwiderte er. Es hat sowieso keinen Sinn mehr, weiter
zu ziehen. Es wird dunkel.
Die anderen drei ließen ihr Gepäck ohne weitere Aufforderung auf
den Boden fallen und schlugen ein kleines Lager auf. Talon beobachtete die
Szene nur kurz, dann schwang er sich an einer Liane hoch in einen der Bäume.
Binnen weniger Augenblicke hatte er mehr als zehn Meter überwunden und
war als Schemen nur noch undeutlich zwischen den Blättern zu erkennen.
Janet sah ihm ungläubig nach. Wohin gehen Sie?, rief sie
ihm zu und hoffte, dass er sie überhaupt noch zur Kenntnis genommen hatte.
Talon drehte sich kurz um und musterte die blonde Frau aufmerksam.
Ich sehe mich um, kam die kurze Antwort. Was Sie auch tun,
machen Sie kein Feuer! Er schwang sich weiter nach oben und verwuchs
mit den Schatten der Bäume, die ihn verschlangen. Janet blickte ihm nach.
Zumindest sah sie dorthin, wo sie ihn vermutete. Die Bäume um sie herum
schienen immer weiter anzuwachsen und sie langsam zu erdrücken.
Ich bin gleich zurück, hörte sie plötzlich Talons
Stimme aus der grünen Wand. Sie belächelte sich selbst, als sie
spürte, wie sehr sie die Worte beruhigten. Kopfschüttelnd öffnete
sie ihren Rucksack und zog ein kleines Handtuch hervor, um sich wenigstens
den groben Schmutz und Schweiß abzuwischen.
Alice Struuten kam zu ihr herüber, einen Fuß vorsichtig vor den
anderen setzend. So wenig sie die brünette Frau ausstehen konnte, so
sehr war sie für ihre Gesellschaft dankbar. Sie hatte die Arme um ihren
Oberkörper geschlungen und sah nach oben, dorthin wo Talon vor wenigen
Augenblicken verschwunden war.
Brrr, ich weiß nicht! Ihre Augen waren von einer ungewohnten
Unsicherheit erfüllt. Manchmal ist er mir unheimlich.
Janet atmete hörbar auf, als sie ihre Katzenwäsche abgeschlossen
hatte und verstaute das Handtuch wieder. Sie warf der Fotografin einen verständnisvollen
Blick zu.
Mhmm, stimmte sie ihr zu. Mit normalen Maßstäben
lässt er sich wirklich nicht messen. Sie zog eine breite Decke
aus dem hohen Rucksack und breitete sie auf dem erdigen Boden aus. Alice lief
weiterhin nervös auf und ab und hörte nicht auf, nach oben zu starren.
Wie er den Tod des Löwen kommentierte, fuhr sie gedankenversunken
fort. Als ob es ihm leid täte.
Sie konnte das Blitzen in Janets Augen nicht erkennen, die ihre Arbeit unterbrach.
Wer weiß, sinnierte die Blondine. Vielleicht ist er
bei Menschen nicht so zimperlich.
Alice keuchte entsetzt auf. Das meinen Sie doch nicht im Ernst!
Sie ging neben Janet in die Hocke und war froh, die Wärme der anderen
Frau zu spüren.
Seien Sie froh, wenn wir es nicht herausfinden. Janet Verhooven
war nicht weiter gewillt, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Sie war
viel zu müde, um sich über die moralischen Grundsätze ihrer
Beute Gedanken zu machen. Doch langsam beschlich sie die Gewissheit, dass
es viel schwieriger werden würde, Vanderbuildts Forderungen nachzukommen,
als sie es selbst jemals für möglich gehalten hätte. Sie dachte,
sie müsste nach einem Wilden im Dschungel stochern. Stattdessen wurde
sie in eine Welt gerissen, die ihr so fremd, so verborgen war, dass sie ihre
Ängste nicht mehr beherrschen konnte.
Will jemand was zu essen?, riss sie Eugenes Frage aus ihren Gedanken.
Der Belgier hatte sich inzwischen um das Lager gekümmert und es soweit
gesichert, dass sich die Nacht wohl unbeschadet überstehen ließ.
Er hielt eine leicht zerbeulte Dose verlockend in die Höhe.
Kalte Ravioli!, zog er die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich.
Und
, ein Seufzen rang sich von seinen Lippen, lauwarmes
Bier.
Die beiden Frauen ließen sich dankbar ablenken und machten es sich im
abgeblendeten Licht einer der Lampen auf einem umgestürzten, mit Moos
überwucherten Baumstamm bequem.
Ahhh, Sie verwöhnen uns, nahm Alice die geöffnete Dose
entgegen und suchte nach einem Löffel. Keiner von ihnen bemerkte die
tiefblauen Augen, die sie aus dem Schatten der Blätter aufmerksam beobachteten.
Talon hatte sich aus der Höhe einen besseren Überblick über
die kleine Lichtung verschaffen wollen, auf der die Gruppe nun lagerte. Er
hatte die Ruhe gesucht, um das Feuer in ihm etwas zu beruhigen, das seit Stunden
in ihm loderte.
Die unablässige Gesellschaft von Menschen weißer Hautfarbe war
ihm fremd geworden. Dennoch betrachtete er die drei Personen eindringlich,
folgte ihrem lockeren Geplauder, mit dem sie ihre Müdigkeit und Unruhe
zu überspielen versuchten. Dann, nach nicht mal einer Stunde, zogen sie
sich in ihre Schlafsäcke zurück. Eugene Mauris löschte das
Licht der Taschenlampe.
Die Dunkelheit hüllte sich wie ein undurchdringlicher Mantel über
die Lichtung. Doch Talons geschärfte Sinne erkannten in der Nacht jede
Nuance, jede Struktur in den Ästen und Blättern.
Er warf der Gruppe einen kurzen, kontrollierenden Blick zu. Es schien eine
ruhige Nacht zu werden. Dennoch verharrte er auf seinem Posten und wachte
über die Menschen.
Bereits nach einem kurzen Marsch stieß die Gruppe am folgenden Tag auf
ein neues Hindernis.
Steil abfallend schnitten die Wände der Schlucht in die Erde und teilten
den Dschungel wie ein Keil. Der Boden des Abgrunds verlor sich im Dunst des
frühen Morgens tief unter ihnen. Alice Struuten hatte ihre Kamera hervor
geholt und machte unablässig Bilder.
Meine Güte, ist das gewaltig!, kommentierte sie den Anblick
und verstaute eines der Objektive in einer Seitentasche des Rucksacks, nachdem
sie sicher war, kein Motiv verpasst zu haben.
Ich frage mich nur, wie wir da runter kommen sollen, stellte Eugene
Mauris nüchtern fest, während er am Rand der Schlucht kauerte und
kleine Steine nach unten warf. Die Landschaft erschien ihm so unwirklich,
als sei sie künstlich angelegt worden und vielmehr Teil einer Anlage
als tatsächlich wild gewachsene Natur.
Janet Verhooven ging zu Talon herüber, der unschlüssig in die Schlucht
blickte. Müssen wir überhaupt da runter?, verlangte
sie nach einer Antwort.
Ja, erwiderte er kurz angebunden. Trotz der offensichtlichen Unsicherheit,
die ihn immer wieder befiel, schien er sich des Weges, den er einschlug, im
Klaren zu sein. Er verschaffte sich einen Überblick über die Landschaft
und deutete dann nach rechts, auf ein Stück, das leicht nach unten abfiel.
Wir gehen dort entlang.
Ohne die Reaktion der anderen abzuwarten, setzte er seinen Weg fort. Die übrigen
drei rafften ihr Gepäck zusammen und folgten ihm. Eugene beschleunigte
seinen Schritt ein wenig, bis er direkt hinter Talon war.
Woher wissen Sie das alles, wenn Sie noch nie hier waren?, wollte
er wissen. Die Rücksichtslosigkeit, mit der der Wilde, für
den er Talon nach wie vor hielt, seinen Weg fortsetzte, machte ihn rasend.
Er verstand nicht, warum Janet dem Mann so bereitwillig folgte.
Talon warf ihm einen kurzen Blick über die Schulter zu.
Ich fühle
etwas. Und es führt mich dorthin,
wo die Quelle liegt.
Eugene hatte solch eine Antwort befürchtet und verkniff sich alle weiteren
Fragen, auch wegen des Seitenblicks, mit dem ihn Janet Verhooven bedachte.
Er kannte in Kapstadt den einen oder anderen wichtigen Kontakt, der ihm vielleicht
etwas Licht in die ganze Angelegenheit bringen konnte. Wenn er jemals wieder
zurück nach Bangui kam
Die folgenden Stunden kämpfte sich die Gruppe einen Weg über den
schmalen Pfad nach unten. Mehr als einmal mussten sie ausweichen oder wieder
umkehren, wenn sich der Grat als unwegsam erwies. Die Sonne lag hinter einem
dunstigen Schleier verborgen, der die Luft mit einer schweren Feuchtigkeit
erfüllte. Je tiefer sie kamen, desto mehr versperrten ihnen Bäume
und Sträucher den Weg, die die steilen Hänge bewuchsen und einen
seltsamen Kontrast zu der kargen Steinlandschaft bildeten.
Langsam näherten sie sich dem unteren Ende der Schlucht und konnten bereits
den steinigen Untergrund erkennen, der den Boden bildete. Doch nicht die Geröllbrocken
erregten die Aufmerksamkeit der Menschen. Es waren die Wände der Schlucht,
die sauber und fast in einem rechten Winkel abschlossen. Im Gegensatz zum
rauen und zerklüfteten oberen Ende des Abgrunds zog sich der Weg nahezu
in gerader Linie durch das Gestein.
Stehen bleiben!, unterbrach ein leiser Zuruf Talons die Menschen
in ihren Betrachtungen.
Ein Winken mit der Hand deutete ihnen an, etwas zurück zu bleiben. Er
legte sich flach auf den Boden und schob sich an den Rand des Pfads vor. Die
anderen drei taten es ihm gleich.
Oh Gott, entfuhr es Alice Struuten leise. Sie legte sich die Hand
auf den Mund und beobachtete das Bild mit großen Augen. Dutzende von
Löwen, durch den Dunst im Verborgenen gelegen, zogen unter ihnen vorbei.
Die Tiere hatten alle den Kopf gesenkt und marschierten stumm durch die Schlucht.
Die Menschen warteten mehrere Minuten, bis die Raubtiere im Nebel verschwunden
waren, dann erhoben sie sich vorsichtig.
Wo wollen die alle nur hin?, fragte sich Alice laut. Sie klopfte
sich den Staub von der knappen Kleidung.
Dorthin, wo auch Sie wollen. Nicht wahr?, beantwortete Janet Verhooven
die Frage mit einem Blick auf Talon. Dieser verharrte wie versteinert in der
Hocke. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammen gekniffen. Sein Atem
ging gepresst.
Ich muss dorthin. Er rutschte den Hang herab und glitt in das
Dickicht der Pflanzen, die einen breiten Saum links und rechts des Weges bildeten.
Hier entlang!, rief er den anderen drei zu. Solange wir
uns hier verborgen halten, sollten wir den Löwen aus dem Weg gehen können.
Nur mühsam kam die Gruppe im dem harten Gestrüpp vorwärts.
Immer wieder mussten sie innehalten und sich im Unterholz verstecken, sobald
ein weiteres Rudel Löwen an ihnen vorbei zog. Langsam wurde die Schlucht
breiter und ging in eine leicht abfallende Landschaft über. Der Dschungel
gewann hier die Oberhand zurück und überwucherte die Landschaft
in seinen satten Farben.
Doch plötzlich wichen die gewaltigen Bäume zurück. Wie ein
Hügel erhob sich inmitten des Dschungels eine wuchtige Anlage aus hellem
Stein. Zu beiden Seiten wurden die Gebäude von den gleichen Steinpfeilern
gesäumt, die sie bereits in der Savanne entdeckt hatten.
Die fein gemaserte Oberfläche war an zahlreichen Stellen weggesprengt
und mit Wurzeln durchbrochen, die sich aus dem Inneren des Materials nach
außen zu schieben schienen. Eine Vielzahl von Rissen und Brüchen
zeugten vom Alter der Anlage. Geröll bedeckte die Erde und ließ
sie erscheinen wie ein Aschefeld.
Die mächtigen Steinquader waren allesamt kaum verziert. Trotz ihrer einfachen
Form waren die klaren Kanten und Winkel immer noch deutlich zu erkennen, mit
denen sie ineinander gepasst worden waren.
Eine breite, lange verwitterte Steintreppe führte gut zwanzig Meter in
die Höhe und endete in einem breiten offenen Tor, der wie ein Schlund
nach innen führte.
Beeindruckt stand Eugene Mauris im Schatten der Bäume und betrachtete
sich wie die anderen die Ruinen.
Völlig bedeckt durch den Dschungel, sinnierte er. Aber,
was ist das alles? Ein Tempel, eine ganze Stadt? Er deutete mit dem
Finger auf die ockerfarbenen Schemen, die sich aus dem Unterholz lösten.
Und von überall kommen noch Löwen. Ich hätte nie gedacht,
dass es so viele von ihnen noch in Afrika gibt!
Er zog sich etwas zurück, als die Tiere bedrohlich nahe ihr Versteck
passierten. Ungläubig sah er ihnen nach, wie sie die Treppe nach oben
verschwanden.
Sie scheinen uns überhaupt nicht wahrzunehmen. Eigentlich hätten
sie uns längst wittern müssen!
Er hatte von Talon eine Antwort erwartet. Doch dieser konnte seinen Blick
nicht von den urwelthaften Steinbauten lösen und trat aus seinem Versteck.
Weiter, erklärte er nur kurz.
Janet Verhooven hielt ihn an der Schulter zurück. Da wollen
Sie rein?
Talon sah sie mit einem ausdruckslosen Lächeln an.
Es steht Ihnen frei, hier zu bleiben.
Bin ich verrückt?, entgegnete sie ihm, während sie sich
im Geiste von Dutzenden hungriger Löwen umgeben sah. Los!
Die kleine Gruppe schlich sich an der linken Außenseite des Hauptgebäudes
entlang und vermied so jeden weiteren Kontakt mit den Raubtieren, die alle
über die zentrale Treppe im Inneren des Steins verschwanden. An einem
schmalen, hohen Seitenfenster blieb Talon stehen und deutete nach oben. Aus
dem Gepäck wurde nur das Nötigste mitgenommen, dann kletterte Eugene
Mauris als erster nach oben und schob sich über das Fenster, das gut
drei Meter über ihnen lag, nach innen.
Talon wartete unten und half zuerst Alice, dann Janet nach oben. Diese warf
ihm einen bedeutungsvollen Blick zu, als sie seine kräftigen Hände
spürte, die sich um ihre Taille schlossen, um die junge Frau nach oben
zu wuchten. Doch Talon ließ durch nichts erkennen, dass er auf den Blick
reagierte.
Janet nahm Mauris' helfende Hand dankend an und zog sich nach innen. Erschrocken
zog sie ihre Hand von dem Stein zurück, der unter ihr hell aufleuchtete.
Dieses Licht , entfuhr es ihr keuchend. Es scheint
direkt aus dem Boden zu kommen! Aber woher
?
Eugene zog nun Talon nach oben, der sich behände in das Gebäude
schwand. Das Fenster bildete das Ende eines Ganges, der tief in das Innere
führte. Mehrere leise Klickgeräusche durchbrachen die Stille. Alice
hatte ihre Kamera herausgeholt und betätigte in einem fort den Auslöser.
Sie wollte jede Nuance dieser fremden Architektur einfangen.
Ein harter Schlag landete auf ihrem rechten Unterarm. Schmerzerfüllt
schrie sie auf und blickte in Talons wütendes Gesicht.
Sind sie verrückt?, herrschte er sie zischend an. Lassen
Sie doch gleich eine Fanfare erschallen, dass wir hier sind! Seine Augen
funkelten bedrohlich. Ein leises Knurren löste sich von seinen Lippen,
dann ließ er die Fotografin stehen, die innerlich vor Angst und Zorn
bebte.
Eugene legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter, doch sie schob sie
beiseite. Sie ließ sich an das Ende der Gruppe zurückfallen und
war darauf bedacht, den Abstand zu Talon so groß wie möglich zu
halten.
Janet schloss zu dem großgewachsenen Mann auf, der trotz seiner sicheren
Schritte eine wachsende innere Unruhe nicht verleugnen konnte.
Was für ein Volk war das, Talon?, flüsterte sie ihm
leise zu. Sie wollte ihre eigene Nervosität wieder in den Griff bekommen.
Ich sehe keine Reliefs, Malereien oder Ähnliches. Nichts, was auf
Kunst oder Kultur hinweisen würde.
Sie durchquerten eine lang gestreckte Galerie, deren einzelne Stockwerke sich
in dem alles beherrschenden Licht verloren, das die Räume erhellte. Auch
hier war die Substanz deutlich angegriffen und zerfiel langsam unter dem Einfluss
der Zeit.
Ich weiß es nicht, musste Talon Janet nach einer Weile eingestehen.
Ich habe noch nie von diesem Ort gehört.
Die junge Frau konnte aus der Stimme deutlich die Unsicherheit heraushören,
die den Mann erfüllte. Jetzt, da er sein Ziel erreicht hatte, schien
er sich nicht darüber klar zu sein, wie es weiter gehen würde.
Sie erreichten das Ende des langen Flurs. Janet legte die Hand auf eine der
Mauern. Der Stein fühlte sich warm, fast lebendig an.
Und die Abmessungen, fuhr sie fort. Als ob es nicht für
Menschen gemacht worden s-
Still!, wurde sie von Talon unterbrochen.
Der Flur mündete in einer schmalen Tür, die einen Blick in den Raum
dahinter preisgab. Das Kuppelgewölbe deutete auf eine riesige Halle hin,
die sich vor ihnen erstrecken musste. Talon legte sich auf den Boden und schob
sich vorsichtig zum Rand des Absatzes vor, der nur wenige Schritt hinter der
Tür ins Leere führte. Seinen Augen eröffnete sich ein weitläufiges,
flach ansteigendes Forum, das besetzt war von Tausenden und Tausenden an Löwen.
Die Tiere wirkten, als sei ihnen unbehaglich. Als seien auch sie aus einer
Trance erwacht, die sie hierher geführt hatte. Keiner von ihnen wollte
sich an diesem Ort aufhalten.
Und doch blieben sie, um auf etwas zu warten. Erfüllt von Unruhe und
Nervosität.
Die Gruppe hatte sich hinter Talon auf dem Absatz versammelt. Auch von ihnen
wagte keiner, bei dem Anblick einen Laut von sich zu geben. Sie beobachteten
nur die stille Unruhe, die die Tiere beherrschte. Ein Chor aus Knurren und
Grollen durchzog die treppenartigen Reihen, die sich wie Ringe nach oben zogen.
Dann, mit einem Mal, war es still.
Gott, sehen Sie!, konnte sich Alice nicht zurückhalten.
In der Mitte des Kuppelsaals erhob sich ein kreisrundes Podest aus dem Boden.
Es hatte gut zehn Meter im Durchmesser und waberte gleichförmig in dem
hellen Schein, der alles hier erleuchtete. Das Licht jedoch wich einem Schatten,
der durch den Stein glitt und sich verdichtete. Aus der Tiefe des Podests
drang gleißende Dunkelheit empor. Fetzen schwarzen Lichts zuckten aus
dem Stein empor und explodierten in grellen Schatten. Und aus der Dunkelheit
formte sich Schwärze.
Das Schemen eines gewaltigen Löwen schälte sich aus der lichtlosen
Substanz. Und es begann zu atmen. Zu leben.
Aus dem blutroten Rachen, der das Maul des Wesens bildete, drang ein Brüllen,
das die ganze Halle durchdrang. Einen Moment noch hielten die Löwen inne,
dann stimmten sie in den Ruf ein und antworteten dem Schatten in einem vielstimmigen
Chor.
Talon erzitterte. Sein ganzer Körper bebte und schrie danach, die Spannung
mit aller Macht zu entladen.
Shion, flüsterte er stattdessen nur tonlos.
Eugene Mauris drehte sich überrascht zu ihm um.
Was? Wer-?, setzte er an. Doch dann bemerkte er den hünenhaften
Schatten, der sich in der Türöffnung abzeichnete.
Oh, du Scheiße, entfuhr es ihm beim Anblick der beiden Männer.
Sie waren mit kaum mehr bekleidet als einem knappen Lendentuch. Doch umso
auffälliger war der bunte, mächtige Kopfschmuck, der sich wie eine
Löwenmähne um ihren kahlgeschorenen Kopf legte. In ihren Händen
hielten sie gewaltige Speere, die sie zum Stoß bereit erhoben hatten.
Ketzer!, grollte einer der beiden Männer mit bronzefarbener
Haut voller Abscheu. Ihr seid des Todes!
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 7
In den Hallen
© Copyright aller Beiträge 2004 by Thomas Knip. Nachdruck, auch
auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung. Kontakt unter info@talon-abenteuer.de
.