
Talon Nummer 8
Ritual
von
Thomas Knip
Stille durchwebte den weiten Saal.
Einer Statue gleich verharrte der schwarze Löwe auf der Arena und erwartete
den hochgewachsenen Mann, der die letzten Stufen hinauf zu der Plattform überwand.
Seine glutroten Augen brannten sich auf dem Menschen fest, den er sich als
neuen Gegner auserkoren hatte. Etwas Fremdartiges umgab ihn, und das erregte
Shions Aufmerksamkeit. In diesem Mann lebte die Seele eines Löwen
wild, ungebändigt, zerrissen von den beiden Naturen, die den Körper
beherrschten.
Die Wunde an Talons Seite schwächte ihn spürbar. Dennoch hielt er
dem Blick des schwarzen Schattens stand. Shions Formen schienen in einem ständigen
Fluss zu sein. Die Konturen eines Löwen waren deutlich zu erkennen, doch
sie waberten um den massigen Körper, lösten sich an einer Stelle
auf, nur um an einer anderen wieder zusammen zu fließen. Die Pranken,
die den Boden berührten, verschmolzen augenscheinlich mit dem graugrünen
Stein wie eine zähe Flüssigkeit, die über die glatte Oberfläche
glitt.
Abwartend stellte er sich am anderen Ende der Arena auf und wartete schweigend.
Talon sah die Blicke der Menschen nicht, die ihn von der Empore weit über
der Arena beobachteten. Shions Garde verfolgte das Schauspiel voller Unruhe.
Keiner von ihnen wusste, wie er mit der Situation umgehen sollte. Die Fremden
waren Ketzer, die den heiligen Ort während der rituellen Kämpfe
entweihten. Seit Urzeiten war es die Aufgabe der Wächter, alle Frevler
aufzuspüren und zu richten.
Dass Shion einem von ihnen die Ehre zukommen ließ, ihn zu einem Kampf
herauszufordern, war für die Männer nur schwer zu verstehen. N'kele,
Anführer der Garde, stand hoch aufgerichtet am Rand der niedrigen Brüstung
und blickte mit glühenden Augen nach unten.
Lass' ihn deine Rache spüren, Herr!, murmelte er gepresst
zwischen den Zähnen hervor. Voller Unmut stieß er das stumpfe Ende
des Speers auf den Boden. Er konnte seine Erregung kaum noch unterdrücken.
Alice Struuten zog sich noch etwas tiefer in den Schatten einer Mauer zurück,
als sie die Unruhe spürte, die von den Männern ausging. Auch wenn
keiner von ihnen sie oder Janet Verhooven, die dicht neben ihr stand, eines
Blickes würdigte, wollte keine der beiden Frauen es auf einen Fluchtversuch
ankommen lassen.
Eine beklemmende Kälte kroch durch den Körper der jungen Fotografin,
die in ihrem dünnen T-Shirt zu ersten Mal fror. Alles in ihr versuchte
sich mit dieser unwirklichen Situation auseinander zu setzen. Und ein Teil
davon weigerte sich standhaft, das Bild für real anzuerkennen. Es war
Ende des 20. Jahrhunderts. Die Afrikaner, die sie kannte, waren daran interessiert,
mit westlicher Kleidung und einem Handy bewaffnet etwas darzustellen. Keiner
von ihnen hielt sich halbnackt in zerfallenen Ruinen auf und folgte einem
archaisch anmutenden Ritus.
Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf und wischte sich die Feuchtigkeit
aus den Augen.
Was wird mit uns geschehen, wenn Talon verliert?, richtete sie
eine leise Frage an Janet. Sie musste eine andere Stimme hören, oder
sie fürchtete die Beherrschung zu verlieren.
Die Angesprochene schob sich eine schweißverklebte blonde Strähne
aus der Stirn und seufzte.
Das fragen Sie noch?, kam ihre knappe Antwort. Sie hatte ihren
Blick gebannt nach unten gerichtet, vorbei an den Tausenden von Löwen,
die das weite Forum ausfüllten.
Shions Gebrüll zerriss die Wand aus Schweigen. Die wabernden Fasern um
seinen Körper verdichteten sich und schlossen sich zu einer einzigen
Masse. Langsam setzte er sich in Bewegung und machte einen Schritt auf den
Mann zu. Ewigkeiten von Augenblicken standen sie sich nur gegenüber,
beobachteten, warteten auf
den Moment!
Aus den Kehlen beider Kontrahenten drang ein tiefes Brüllen. In diesem
Moment spürte Talon nicht, wie seine menschliche Seite einem dünnen
Vorhang gleich zerrissen wurde und darunter etwas zum Vorschein kam, das er
selbst nicht kannte. Er sah den schwarzen Körper seines Gegners vor sich
und kannte nur ein Ziel. Ihn zu besiegen.
Beide hetzten aufeinander los. Von einem Feuer der Wut erfüllt stieß
er vor und schlug zu. Seine Finger waren zu einer Kralle geöffnet und
gruben sich in den schattenhaften Leib. Shions Körper wurde im Schwung
abgefangen und taumelte etwas zurück.
Ja!, entfuhr es Alice weit über den Kämpfenden unwillkürlich.
Sie presste die Faust auf den Mund und unterdrückte den Wunsch, aufzuschreien.
Nein!, zischte N'kele wütend. Ungläubig ruckte sein
Kopf hoch. Mit einer barschen Handbewegung unterbrach er die Unruhe, die unter
den Männern um ihn herum ausbrach. Sakrileg, murmelte er.
Seine Finger zuckten. Er wollte in den Kampf eingreifen und dem Fremden nicht
die Ehre zukommen zu lassen, durch Shions Macht zu fallen.
In Kairo dröhnte das heftige Lachen eines Hünen durch die zerstörten
Straßen. Der Mann, der mit nicht mehr bekleidet war als einer zerschlissenen
blauen Jeans, reckte die rechte Faust in die Höhe und jubelte.
Ja!, schrie er mit rauer Stimme. Fahr' zu deiner Hölle,
Schattenbrut!
Die Verbindung, die er mit Talon aufrechterhielt, ließ vor seinem inneren
Auge das Bild des Kampfes entstehen.
Der Bann zwischen ihnen war endgültig gebrochen. Keiner von ihnen
wartete noch ab oder lauerte zurückhaltend, um eine Schwachstelle am
Gegner zu entdecken. Ihr einziges Verlangen war die Niederlage des anderen.
Der Rausch, den Kampf zu gewinnen.
Erneut sprang Shion vor. Der schwere Körper durchschnitt die Luft mit
einer unerwarteten Leichtigkeit. Talon riss beide Hände hoch und packte
den schwarzen Löwen an der Kehle. Die Wucht des Gewichts hätte ihn
fast nach hinten geworfen. Doch er stemmte seine Beine in den Boden und fing
den Sprung ab. Er verschwendete keinen Gedanken mehr an die Wunde, die ihm
die Wächter bei der Flucht zugefügt hatten.
Seine Augen waren alleine auf die dunklen Krallen gerichtet, die in einem
unwirklichen Licht aus sich heraus leuchteten.
Obwohl er den Körper mit ausgestreckten Armen versuchte auf Distanz zu
halten, setzte der Löwe mit kräftigen Hieben nach. Wie in Zeitlupe
sah er Shions Pranke durch seine Deckung hindurch stoßen. Talon spürte
nur, wie etwas in seine Brust eindrang. Dann wurde er durch den Stoß
zurückgeworfen. Die unruhigen Laute der Raubkatzen, die dem Schauspiel
beiwohnten, verstummten.
Getroffen ging er zu Boden. Aus zusammengekniffenen Augen konnte Talon die
blutrote Spur erkennen, die sich quer über seine rechte Brust zog. Jetzt
auch drang der Schmerz heiß durch seinen Körper und betäubte
seine Sinne für einen Augenblick. Er stützte die Hände auf
den Boden und betrachtete den Löwen, der ein paar Meter von ihm entfernt
stand.
Shion wartete ab, wohl wissend, dass sein Gegner durch die Wunde nicht ernsthaft
angeschlagen war. Er ließ den Mann nicht aus dem Augen, der noch immer
halb am Boden lag und sich nur auf einen Arm aufgestützt hatte. Seine
Pranken gruben sich tief in den Untergrund. Leise brach die steinerne Struktur
auf und zersplitterte mit jedem Schritt zu feinem Staub.
Das schattenhafte Tier wirkte etwas verwirrt. Es rechnete damit, dass sich
sein Gegner wieder aufraffte. Dann jedoch zögerte es keinen Augenblick
mehr. Aus seinem Rachen löste sich ein heiseres Brüllen. Mit mächtigen
Sätzen überwand der Löwe die Distanz und sprang auf den Menschen
zu.
Alice sah mit weitaufgerissenen Augen den massigen Körper, der auf Talon
zuschnellte. Sie keuchte entsetzt auf. Ihre Hände hatten sich in die
Mauer gekrallt. Sie bekam kaum mit, wie Janet neben ihr aufgesprungen war
und den Blick genauso wenig von dem Bild lassen konnte, das sich ihnen bot.
Vor Talons Auge wuchs der dunkle Körper ins Unermessliche an. Bis zum
letzten Augenblick wartete der Mann, um auf den Angriff zu reagieren. Er spannte
seine Muskeln und rollte sich über den blutverschmierten Stein zur Seite.
Knapp hinter ihm fing Shion seinen Sprung nur mit Mühe ab. Der heftige
Aufprall ließ die Fasern seiner schattenhaften Struktur wabern und für
einen Moment verwischen.
Sofort jedoch setzte er mit einer Pranke nach, die Talon allerdings weit verfehlte.
Dieser blieb keuchend an der Stelle liegen, an der er zur Ruhe gekommen war.
Es fiel ihm schwerer hochzukommen, als er es sich selbst eingestehen wollte.
Jeder Muskel in seinem Körper schrie nach Ruhe und folgte seinen Befehlen
nur schwerfällig. Immer wieder verschwamm das Bild vor seinen Augen.
Schwarze Nebel tanzten an den Rändern seines Blickfelds.
Unwillig brüllte Shion auf, überrascht durch die Aktion seines Gegners.
Sein massiger Kopf ruckte herum, abwartend nach unten gesenkt. Die tiefroten
Augen leuchteten bösartig auf. Dieses Mal wartete er, bis sich Talon
erhoben hatte.
Auf der Empore blickten die Wächter mit einer stoischen Ruhe hinab in
die Arena. Sie hatten die Unruhe, die sie erfüllte, abgeschüttelt
und murmelten einen dumpfen Singsang vor sich her. Wäre eine der beiden
Frauen der alten Sprache mächtig gewesen, hätte sie dem gebetsartigen
Inhalt folgen können, auch wenn sie die Worte nicht beruhigt hätten.
Schatten der Erde', löste es sich von den vollen Lippen. Rot
befleckt dein schwarz' Antlitz, genährt durch die Ernte deiner Feinde.'
Sie setzten ihr Gebet fort, während sich Talon und Shion kaum zwei Schritt
voneinander entfernt gegenüberstanden. Minuten lang taxierten sie sich,
lauerten auf eine Bewegung des anderen, jeder Muskel ihres Körpers angespannt.
Ohne den Angriff anzukündigen, stießen beide vor. Beide wichen
dem Ansturm nicht aus. Keiner von ihnen war bereit, nachgeben. Talon drückte
den schweren Leib des Löwen nach oben, die Hände fest in die Mähne
des Tieres gekrallt. Shion stieg auf die Hinterbeine auf. Seine Pranken fuhren
links und rechts des Mannes ins Leere. Er konnte kaum die Balance halten und
brüllte voller Zorn auf.
Sein gewaltiges Maul näherte sich dem Kopf des Mannes, dessen Muskeln
bis zum Äußersten angespannt waren. Hart drangen die Sehen an Talons
Unterarmen hervor und zeichneten ein grobes Muster auf die Haut. Er drückte
den wuchtigen Schädel etwas zur Seite. Ungläubig sah er, wie sich
zwischen den leuchtenden Zahnreihen ein Schlund auftat, dessen glühendes
Rot sich in einem dumpfen Wabern verlor.
Talon konnte nichts erkennen, das auf Muskeln und Fleisch deutete. Es schien,
als existiere jenseits des Maules etwas anderes, das nicht in diese Welt gehörte.
Einen Augenblick lang zögerte er.
Diesen Moment der Schwäche nutzte Shion sofort aus. Seine mächtigen
Kiefer zuckten vor. Talon konnte seinen Kopf gerade noch zurückreißen.
Vor seinen Augen schlossen sich die Zahnreihen mit einem dumpfen Knirschen.
Alleine durch sein Gewicht drängte er den Menschen zurück. Wieder
und wieder musste Talon einen Fuß nach hinten setzen, um seinen Halt
nicht zu verlieren. Schmerzen zogen durch seine Sehnen, die der Belastung
nicht mehr viel entgegenzusetzen hatten.
Der Mann aus dem Dschungel ignorierte sie. Alles in ihm konzentrierte sich
auf die schwarze Masse, die er zwischen seinen Händen fühlte. Talons
Finger hatten sich tief in das gegraben, das er in diesem Schatten als Hals
vermutete. Er spürte, wie sie weiter vordrangen und schloss sie zu Krallen.
Alice Struuten und Janet Verhooven waren längst nicht mehr in ihrer Deckung
geblieben. Sie waren nahe an den Rand der Empore herangetreten und folgten
gebannt dem Kampf, der unter ihnen wütete. Alice spürte, wie auch
ihre Begleiterin längst ihre gewohnte Gelassenheit aufgegeben hatte.
Sie beide unterdrückten die aufgewühlten Gefühle, die sie erfüllten.
Der Fotografin fiel das Atmen schwer. Ihr Herz schlug heftig in der Brust.
Sie ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass sich die Fingernägel
schmerzhaft in das Fleisch gruben.
Gott, bitte, lass' ihn gewinnen!, flüsterte sie heiser. Sie
wusste selbst nicht, was geschehen mochte, falls der Kampf tatsächlich
so ausging. Keine von ihnen konnte abschätzen, was die Wächter des
schwarzen Löwen unternehmen würden. Ebenso wenig war sich Alice
darüber im Klaren, ob sie den Mann noch begleiten wollte. Sie hatte die
letzten Stunden eine Seite an ihm erleben müssen, die sie schaudern ließ.
Auf ihrer Flucht in die Freiheit hatte er mehrere Menschen kaltblütig
und mit einer Gnadenlosigkeit beseitigt, mit der sie nicht gerechnet hatte.
All die Romantik eines Mannes aus der Wildnis war dem Bild eines Tieres gewichen,
das nur einen Weg kennt, um sein Ziel zu erreichen.
Sie hatte kurz darüber mit Janet gesprochen, und sie wusste, dass es
der blonden Frau nicht anders ging. Ihre einzige Hoffnung war, dass Talon
überhaupt noch daran interessiert war, sie in die Freiheit zurück
zu führen.
Shions Hieb mit der Schnauze traf Talon unvorbereitet.
Die schwarze Masse prallte hart gegen seine Stirn und riss eine Wunde oberhalb
der linken Augenbraue auf. Blutend taumelte der Mann zurück. Er konnte
die Bewegung nicht mehr abfangen und stürzte schwer zu Boden. Benommen
blickte Talon empor und wartete darauf, dass der Löwe sofort nachsetzte.
Doch die Flanken des schattenhaften Raubtieres zitterten und ließen
ihn verharren. Aus der Tiefe seines Körpers drang ein dunkles Grollen.
Er machte einen Schritt zurück. Und dann sah Talon den dünnen Faden,
der sich aus den wabernden Formen löste und zu Boden tropfte.
Der Stein glänze schwarz auf. Ein Grinsen stahl sich auf das müde
Gesicht des Mannes. Das Blut des Schattens!
Er wischte sich sein eigenes Blut aus dem linken Auge und spuckte aus. Ein
wenig kehrte die Hoffnung zurück. Bisher hatte er nur noch versucht,
sich gegen die Angriffe des schwarzen Löwen zu wehren. Aber es war ihm
kaum noch möglich gewesen, den Kampf selbst zu bestimmen.
Sie trennten sich voneinander und wichen bis an die äußeren Enden
der Plattform zurück. Beide mussten Kraft schöpfen. Nur der schwere
Atem durchzog die weite Halle, die in einem diffusen Licht verschwamm.
N'kele betrachtete sich die Szene mit Sorgen. Er hatte den Kopf auf die Brust
gesenkt.
Herr, warum?, stellte er seine Frage ins Leere. Er verstand nicht,
warum Shion so lange mit dem Menschen spielte. Warum er es zuließ, von
diesem verwundet zu werden.
Diese Fragen schienen auch den massigen Schatten zu beschäftigen. Sein
Körper fühlte sich wieder gestärkt. Der Stein brach knirschend
unter jedem Schritt. Er trat vor und sprang Talon mit aller Wucht entgegen.
Dieser war von dem plötzlichen Angriff überrascht und versuchte
erneut auszuweichen. Mit einem Sprung warf er sich zur Seite. Doch dieses
Mal war der Löwe darauf vorbereitet. Noch im Sprung drehte er den schweren
Leib zur Seite. Tief zerfurchten die Krallen Talons ungedeckten Rücken
und schleuderten den Mann nach vorne. Dieser überschlug sich mehrmals
auf dem Stein und blieb halb besinnungslos liegen. Sein lang gezogener Schmerzensschrei
vermischte sich mit dem unruhigen Gebrüll der Löwen, die einen so
lange andauernden Kampf nicht erwartet hatten und sein Ende forderten.
Ihr Brüllen drang zu Talon nur wie ein weit entferntes Rauschen. Der
Schmerz in seinem Rücken schien seinen ganzen Körper zerreißen
zu wollen. Er keuchte heftig und stieß unterdrückt mehrere Flüche
aus. Seine linke Hand legte sich auf den Rücken. Unter seinen Fingern
spürte er die warme Nässe, die in breiten Bahnen die Haut hinab
lief.
Müde kam er aus seiner kauernden Haltung hoch. Seine Beine fühlten
sich an, als laufe flüssiges Blei durch ihre Adern. Er fühlte, dass
er Shion nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Tanzende Lichter explodierten
vor seinen Augen. Der Boden neigte sich leicht zu einer Seite hin. Nur mühevoll
konnte er seine Augen auf den Gegner richten, der einfach abwartete.
Talons Blick ging hoch zu den Rängen. Die Körper der Löwen
verschmolzen zu einer einheitlichen Masse, die hin und her wogte, erfüllt
von einem Gewirr Tausender Stimmen.
Shion brüllte erneut auf. Er war bereit, das Spiel ein für allemal
zu beenden.
Mit einem Satz warf er sich dem schwankenden Mann entgegen. Talon ging unter
dem wuchtigen Hieb schwer zu Boden. Die ganze Welt schien um ihn herum in
einen tiefen Schlund zu fallen, aus dem es kein Entrinnen gab. Seine Gedanken
versanken in einem zähen, blutigen Nebel.
Nein!
Der schwarze Hüne schrie wild auf. Cht'ye t'a! Kämpfe!,
brüllte er in die Ruinen der zerstörten Vororte von Kairo. Trotz
des Chaos, das die ganze Stadt erfüllte, hatte sich in einem weiten Kreis
um ihn herum eine Leere gebildet, die von keinem Leben und keinem Klang durchbrochen
wurde.
Die große, ovalförmige Narbe auf seiner Stirn leuchtete blutrot
auf. Wild schlugen die Arme des Mannes umher. Glühende Muster lösten
sich aus den Handflächen. Sie tanzten in einem wilden Spiel durch die
stauberfüllte Luft und wischten Sand und Schmutz in dunklen Wirbeln über
die Einöde des weitläufigen Grundstücks.
Shion! Höllenbrut!, drang es wie ein tiefes Dröhnen
aus dem Hals des dunkelhäutigen Mannes. Ich werde nicht zulassen,
dass du gewinnst!
Seine Gedanken konzentrierten sich, glitten tief über die Welt hinab
nach Süden in ein Gebiet, das ihm nur allzu vertraut war. Sie suchten,
stießen tiefer vor in die Landschaft und fanden die alten Ruinen, die
vergessen zwischen den Baumriesen schlummerten. Wie ein Irrlicht zogen sie
durch die verschlungenen Gänge, sahen die Menschen, die hoch über
der Arena verweilten, erblickten die unglaubliche Zahl von Löwen, die
sich hier versammelt hatten und erreichten dann den Punkt tief unten in der
Halle.
Wie Nadeln stießen die Gedanken in Talons Bewusstsein.
Kämpfe, Menschlein! Kämpfe und gewinne!
Tausend Klingen aus glühender Energie bohrten sich in Talons Seele.
Einer Welle aus Feuer gleich jagten sie durch seinen Körper, erfüllten
jede seiner geschundenen Fasern. Ein Schrei löste sich von den müden
Lippen. Alles in seinem Körper hatte auf das Ende gewartet, auf eine
alles erfüllende Ruhe.
Doch nun riss ihn ein Sturm zurück und trieb ihn vorwärts.
Auch Shion spürte es. Er fühlte um die
Veränderung,
die in dem Menschen vorging. Sein massiger Körper hatte sich bereits
über den Mann gebeugt, der wehrlos am Boden gelegen hatte, um ihm mit
einem Biss das Genick durchzutrennen. Doch nun leuchteten seine Augen überrascht
auf. Der Löwe hielt in der Bewegung inne. Sein Kopf zuckte leicht zurück.
Voller Unmut grollte er unterdrückt auf.
Als Talon seine Augen öffnete, schwebte Shions Kopf scheinbar erstarrt
über ihm. Neue Kräfte begannen, seine Hände zu durchdringen
und ihn mit frischer Energie zu erfüllen. Er wusste, dass der Löwe
nur einmal kurz zuzustoßen brauchte, um den Kampf für sich zu entscheiden.
Doch der Schatten schien mitten in der Bewegung zu verharren. Talon war nicht
bereit, diese Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen. Sein linker Unterarm
rammte gegen Shions Schnauze und drückte den massigen Kopf zurück,
während sich die rechte Hand tief in die Schlieren der Mähne schoben
und den breiten Hals umfassten.
Shion aber wehrte sich erbittert. Als habe ihn die Berührung des Mannes
aus seiner Erstarrung erweckt, stieß seine linke Pranke unvermittelt
vor. Nur knapp hieb sie neben Talons Kopf in den Boden und schlug einige Splitter
aus dem Stein. Der Schatten setzte die ganze Wucht seiner Masse ein und drückte
den am Boden Liegenden nach unten.
Talon musste seinen Griff um die Kehle des fremdartigen Wesens lösen
und presste die rechte Hand gegen den mächtigen Unterkiefer des Mauls,
das nun wild nach ihm schnappte. Wieder und wieder zogen die dunklen Pranken
dünne Striemen über die helle Haut des Mannes, doch dieser nahm
die neuen Wunden kaum noch zur Kenntnis.
Alleine der Wille trieb Talon weiter. Seine Hände wuchteten den massigen
Kopf immer weiter nach hinten. Das wütende Grollen des Löwen erfüllte
die weite Halle und wurde von Tausenden Stimmen reflektiert.
Es dauerte unendliche Augenblicke, bis Talon sein rechtes Bein anwinkeln konnte
und sich langsam nach oben drückte. Sein Griff um Shion lockerte sich
nicht, als er einen Moment in einer kauernden Stellung verweilte, um Atem
zu schöpfen. Der Schatten wehrte sich ungebändigt in seiner Umklammerung
und schien kein Mittel zu finden, sich gegen diesen Angriff durchzusetzen.
Talon drückte den Löwen zur Seite und erhob sich langsam. Sein linkes
Bein hieb in den Boden und verschaffte sich einen sicheren Stand. Ein heiserer
Schrei drang aus seinem Mund. All die ganze neu erlangte Kraft in seinen Fasern
konzentrierte sich in ihm. Er drückte den mächtigen Schatten herum,
der wild um sich schlug.
Blut aus einer klaffenden Wunde an der Stirn verschleierte Talons Sicht und
ließ ihn kaum noch etwas erkennen. Doch sein Instinkt wies ihm den Weg.
Seine Arme umschlossen Shions breiten Hals. Die rechte Hand umklammerte den
linken Unterarm und drückte unerbittlich zu. Er wuchtete Shion mit diesem
Hebel weiter nach oben und ließ das schwere Gewicht auf seiner linken
Schulter ruhen, die unter dem Druck zu brechen schien.
Der Löwe verlor fast vollständig den Kontakt zum Boden. Seine Umrisse
wurden schemenhafter. Sie zerflossen und nahmen einen durchscheinenden Glanz
an. Nur der Oberkörper wirkte noch, als sei er massiv und mit Leben erfüllt.
Die Hinterpfoten verschwammen im Dämmerlicht der Umgebung.
Erschöpft hielt sich der Hüne auf den Beinen. Zahlreiche Menschen
hatten sich in Kairo in einem weiten Kreis um seinen Platz versammelt und
sahen ungläubig, wie sich Energien aus den Händen des dunkelhäutigen
Mannes lösten und gen Süden verschwanden.
Schweißperlen glänzten auf seiner narbenbedeckten Stirn. Die wenigen
Haaren, die an der linken Seite in Zöpfen über das Ohr hingen, waren
dreckverschmiert und klebten an seiner Haut.
Falle, Shion. Falle!, murmelte er heiser.
Und Talon sah seine Chance. Mehr und mehr verlor das Schemen des Löwen
an Kraft. Sein Körper spannte sich durch und umschlang den schattenhaften
Leib mit aller Kraft. Shions Kontakt mit der Erde ging endgültig verloren.
Das Licht in seinen Augen verlor schnell auf Glanz.
Shion fühlte, dass er verlor.
Ein gewaltiger Schrei löste sich aus dem Tiefen von Talons Kehle, als
er den Löwen nach oben riss und zu Boden schleuderte. Der massige Körper
prallte schwer auf dem graugrünen Stein und blieb regungslos liegen.
Unter den Menschen auf der Empore breitete sich schlagartig Unruhe aus. Alice
war aufgesprungen und jubelte. Sie hatte ihre Hand fest in Janets Unterarm
gedrückt. Ihre Chefin hielt sich zurück und schloss nur für
einen Augenblick die Augen.
Sofort waren die beiden Frauen von mehreren Wächtern umringt. Nervös
richteten sie die Lanzen auf die Gefangenen, die in ihrer Freude sofort verstummten.
Nein, B'lema!, rief N'kele mit heiserer Stimme, die um Fassung
rang. Wir müssen den Herrn schützen! Mehrere Männer
rannten ohne weitere Anweisung los und stürmten die langen Treppen nach
unten. N'kele gelang es nur mit großer Mühe, die verbliebenen Männer
wieder zur Ordnung zu rufen.
Unten stand Talon erschöpft auf der Plattform über dem bebenden
Leib des Löwenschattens. Langsam schlossen sich die Formen wieder und
verdichteten die durchsichtig erscheinenden Gliedmaßen. Es wirkte fast
so, als gebe der Stein dem Löwen die Kraft zurück, die er verloren
hatte.
Eine schwere Müdigkeit überfiel den Mann, der nun all die Wunden
spürte, die seinen Körper zerschnitten. Dennoch suchte er mit festem
Blick die Augen des Wesens, erfüllt von einer unausgesprochenen Frage.
Shions Augen glommen verloren und schwach in der schwarzen Masse. Doch auch
sie wichen nicht zurück.
Dann, nach wenigen Momenten, senkte der Löwe den Kopf vor dem Menschen.
Talon nickte kurz. Er wandte sich zu den Raubtieren um, die alle an ihrem
Platz verharrt waren. Seit dem Augenblick, als Shion gefallen war, hatten
sie geschwiegen. Tausende von Augenpaaren richteten sich auf den Mann, der
unten in der Arena stand und ihren Blick hoch aufgerichtet erwiderte.
Er ballte seine rechte Hand zur Faust.
Talon!, löste sich der Ruf von seinen Lippen und wurde wieder
und wieder als Echo von der Halle reflektiert. Tausende rauer Kehlen stimmten
in das Echo ein und antworteten dem Gewinner, den sie bereitwillig akzeptierten.
Andere akzeptierten ihn niedergeschlagen. N'keles Männer hatten das Geschehen
verfolgt und standen mit gesenkten Köpfen am Rande der Balustrade. Die
Männer, die sich bereits auf dem Weg nach unten gefunden hatten, warfen
hilfesuchend einen Blick zu ihrem Anführer. Doch der Hüne mit bronzefarbener
Haut schüttelte nur stumm den Kopf und senkte seinen Speer.
Er gab seiner Gruppe mit einer Handbewegung den Befehl, die beiden Frauen
frei zu lassen.
Alice konnte die Gänsehaut nur schwer unterdrücken, die ihre Arme
empor kroch.
Er hat es geschafft! Er hat es wirklich geschafft! Sie wandte
sich um und sah Janet mit leuchtenden Augen an. Kommen Sie es
wird alles gut!
Janet Verhooven hielt sich etwas bedeckt und unterdrückte die Gefühle,
die sie gerade von einer Stimmung in die andere warfen. Verstohlen wischte
sie sich die Tränen aus den Augen, als die Fotografin kurz nach unten
sah.
Wenn ich zuhause bin, sie hielt inne und räusperte sich.
Dann ist es gut, Alice.
Stumm nahm Talon die Reverenz der Versammlung entgegen. Es war lange her,
dass er Mitglied eines Rudels war. Doch noch nie hatte er erlebt, was es hieß,
von ihnen anerkannt zu werden. Kurz nur hatte er den Gedanken, nach T'cha,
seiner Pflegemutter, Ausschau zu halten. In dieser Anzahl von Leibern schien
es allerdings unmöglich, sie herauszufinden.
Aus den Augenwinkeln sah er zu, wie sich Shion stumm zurückzog, geschlagen
und verwundet. Er hielt ihn nicht auf. Zu fremdartig war dieses Wesen, als
dass er wusste, wohin sich der Löwe jetzt wenden mochte.
Ohne auf die Menschen zu achten, deren Zahl ständig zunahm, reckte der
Hüne die Arme in die Höhe und lachte lauthals auf. Vielen der Anwesenden
wurde langsam klar, dass sich hier die Ursache für das befand, was in
Kairo geschehen war. Die meisten hielten sich seit Stunden auf den Straßen
auf, aus Angst, ihre durch die Erdbeben schwer beschädigten oder eingestürzten
Häuser zu betreten.
Wirbel aus gleißend leuchtender Energie lösten sich aus den Fingerspitzen
des Mannes und tanzten in weit geschwungenen Kreisen durch die Luft.
Du bist geschlagen!, schrie er. Deine Macht über mich
ist gebrochen, totes Aas!
Zum ersten Mal richtete der Schwarze seine unirdisch leuchtenden Augen auf
die Umstehenden.
Ich bin bereit, in den Dschungel zurückzukehren und meinen angestammten
Titel anzunehmen.
Eine Lichtsäule schoss empor und explodierte mit einem donnernden Grollen
weit über der ägyptischen Stadt, die durch die Wucht erneut erschüttert
wurde.
Ich, Eser Kru!
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 9
Herr des Dschungels
© Copyright aller Beiträge 2004 by Thomas Knip. Nachdruck, auch
auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung. Kontakt unter info@talon-abenteuer.de
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