
Talon Nummer 10
Der ewige Wächter
von
Thomas Knip
Talon setzte seinen rechten Fuß auf die breite Steintreppe und starrte
unentschlossen nach oben. Weit über ihm erhoben sich aus dem grünen
Meer des Dschungels die erdfarbenen Tempelbauten, zu denen die Treppe hinaufführte.
Er zögerte. Nachdem ihn das Rudel zurückgewiesen hatte, war er tagelang
alleine durch die Savanne gezogen, ohne wirklich zu wissen, wohin er sich
wenden sollte. T'cha hatte es ihm lange Zeit angekündigt, dass ihn die
Löwen verstoßen würden. Doch nun hatte selbst sie ihn darum
gebeten, sie zu verlassen.
Seine Hände waren feucht vor Schweiß. Er atmete mit offenem Mund
und versuchte sich ein wenig zu beruhigen. Die Entscheidung, hierher zurückzukehren,
war ihm nicht leicht gefallen. Die Löwen waren die letzten drei Jahre
über sein Halt gewesen. Er war nicht gewillt, zu den Menschen zurückzugehen.
Jede Erinnerung, die er an die Zeit unter ihnen hatte, brach in Albträumen
aus ihm hervor und verlosch dann am nächsten Morgen.
Bevor er die nächste Stufe erklimmen konnte, näherten sich von oben
drei Gestalten. Die Treppe reichte so weit empor, dass Talon sie zuerst kaum
wahrnahm. Dann aber leuchteten ihre bunten Mähnen, die die kahlen Hinterköpfe
schmückten, im Licht der Sonne. Es waren die Wachen Shions. Krieger,
die nicht minder fremd in dieser Welt zu sein schienen als er selbst. Sie
waren altertümlich mit kaum mehr bekleidet als einem knappen Lendenschurz
und mehreren bunt verzierten Reifen und Bändern, die Arme und Beine schmückten.
Jeder von ihnen trug einen langen Speer mit einer breiten Klinge, wie sie
in dieser Gegend von keinem der noch ursprünglich lebenden Stämme
benutzt wurde.
Sie waren nur durch Nuancen voneinander zu unterscheiden. Talon erkannte den
Mann in der Mitte inzwischen. Es war N'kele, der unter den Wachen eine gehobene
Stellung einnehmen musste. Wie die anderen Männer begegnete er Talon
mit einer Mischung aus Verachtung und Widerwillen. Keiner von ihnen war bis
jetzt bereit zu akzeptieren, dass dieser Weiße ihren Herrn besiegt hatte.
Der Blick war nicht weniger abweisend als zuvor, doch in den Augen des Farbigen
erkannte Talon eine unausgesprochene Frage, gepaart mit einem unauslotbaren
Interesse.
Shion erwartet dich, setzte er unvermittelt an.
Er schien sich nicht zu wundern, dass der Weiße wieder zum Tempel gekommen
war. Die drei Männer drehten sich wortlos um und stiegen die Treppen
empor. Keiner von ihnen achtete offenbar darauf, ob Talon ihnen tatsächlich
folgte. Er tat es, mit mehreren Stufen Abstand zwischen sich und den Wachen.
Der Anstieg dauerte mehrere Minuten. Talon ergriff ein seltsames Gefühl,
als er höher in die Baumkronen vordrang. Vögelschwärme und
kleine Reptilien erfüllten die Urwaltriesen mit einem vielstimmigen Leben
in dem immergrünen Dämmerlicht. Diese kleine Welt fand abrupt ihr
Ende, als die Männer die obersten Spitzen der Bäume unter sich zurückließen
und die letzten Stufen erklommen. Der Himmel breitete sich über Talon
in einem verwaschenen Blau aus. Dünne Wolkenfasern zerschnitten den Horizont
in tiefen Pastelltönen.
Am oberen Ende der Treppe hatten sich weitere Männer versammelt. Talon
zählte etwa dreißig von ihnen, alles Männer, von denen keiner
älter wirkte als er selbst. Während die meisten entlang der Balustrade
Stellung bezogen hatten und ihren Blick in die Tiefe des Dschungels richteten,
bildete gut ein Dutzend von ihnen ein Spalier, das zu einem offenen Tor in
einen der gedrungenen Bauten führte.
Es war kaum eine Woche her, dass Talon auf diesem Weg den Tempel verlassen
hatte. Nun geleitete ihn N'kele zusammen mit den anderen beiden Wachen ins
Innere. Sie führten ihn in einen lang gezogenen Saal, der von wuchtigen,
grob behauenen Säulen gesäumt war. An dessen Ende erhob sich ein
massives Podest aus dem Boden, und auf ihnen stand Shion. Hoch aufgerichtet
wartete er ab, bis sich Talon ihm näherte. Die glutroten Augen beobachteten
den Menschen jeden Augenblick.
Er hatte nicht geglaubt, den schwarzen Löwen jemals wieder zu sehen.
Talon wusste nicht, wie er dieses Wesen, das aus nicht mehr als Schatten und
Nebeln zu bestehen schien, anders nennen sollte. Es hatte die Form eines männlichen
Löwen, wenngleich viel größer als jedes Tier, dem er je begegnet
war.
[Du bist zurück] lösten sich die Worte grollend aus dem Schlund
des Löwen. Sie hallten unausgesprochen in Talons Gedanken wider.
Du hast es gewusst, ja?, stellte er dem Wesen die Frage, die ihn
seit Tagen gefangen hielt. Du hast gewusst, dass sie mich verstoßen
würden.
[Ich habe es geahnt] bestätigte ihm Shion. [Mir ist es nicht
anders ergangen, damals, vor so langer Zeit.] Der Löwe stieg von
dem Podest herab und verließ den Saal durch einen breiten Ausgang. Talon
folgte ihm unaufgefordert. Die Wachen blieben am anderen Ende des Raums stehen
und machten keine Anzeichen, eingreifen zu wollen.
[Ich hatte dich aufgefordert, meinen Platz einzunehmen] fuhr Shion
fort, während sie durch die Gänge tiefer in das Innere des Gebäudes
vordrangen. [Du hast mich besiegt. Nicht nur die Löwen werden mich
nun nicht mehr fürchten. Das, was ich seit Äonen bewache, droht
damit, ohne Schutz zu sein.]
Talon sah ihn fragend an.
[Es gibt so vieles, das ich dir erzählen werde] erklärte
ihm das schwarze Wesen. [Dieses Land ist anders als jenes, aus dem du stammst,
weit im Norden], es überging Talons Überraschung. [Es ist
älter, mächtiger und fremdartiger als ihr Menschen es je verstanden
habt. Im Herzen dieser Erde liegt eine Macht, die alles zu verschlingen vermag.
So wie sie einst mich verzehrt hat. Sie durchdringt den Boden, das Wasser
und die Luft. Sie fließt in jedem Lebewesen, das dieses Land bewohnt.
Und alles Leben drängt danach, die Macht über diese Kraft zu erlangen.]
Der Weg führte sie tief nach unten, über verschlungene Pfade,
die an monolithischen, schweren Steinmauern vorbeiführten. Je tiefer
sie kamen, desto mehr strömte das Bauwerk eine Fremdartigkeit aus, die
jede Verzierung, jedes Relief erfüllte. Gleichzeitig verschwanden die
groben künstlerischen Bearbeitungen. Mehr und mehr spiegelten die Steine
eine fein strukturierte Kunst wieder. Edelsteine waren in das marmorartige
Material eingelassen, teils mit Gold, teils mit anderen Metallen verziert.
Der Boden begann zunehmend zu vibrieren. Schwingungen erfüllten das Bauwerk,
das nun von einer ungreifbaren Art von Leben erfüllt zu sein schien.
[Siehe, alleine meiner Neugier habe ich es zu verdanken, dass ich der bin,
der ich bin. Ein vorwitziger junger Löwe, gekränkt durch einen verloren
Kampf um die Vorherrschaft im Rudel, versuchte ich mein Glück im ungeliebten
Dschungel.] Shion blickte Talon von der Seite an und spürte, dass
er seine Abneigung gegen die erdrückende Vielfalt der grünen Wälder
teilte.
[Damals lebten die Vorfahren der Männer hier, die mir bis heute treu
dienen. Keiner von ihnen wagte es, mich aufzuhalten. Keiner von ihnen konnte
verhindern, dass ich hinab stieg in die Tiefe und mich ungewollt der Macht
auslieferte, die dort herrschte.]
Dort, wohin wir nun gehen, richtig?
[Ja] folgte die knappe Antwort. [Du musst wissen, was in diesem
Mauern lebt. Du wirst meine Nachfolge antreten.]
Talon blieb stehen. Sein Instinkt drängte ihn dazu, umzukehren und
den Tempel so schnell wie möglich zu verlassen.
Du willst, dass ich so werde wie du?, schrie er Shion an. Die
Antwort erfolgte in etwas, das wie das Lachen eines Löwen klang, falls
es so etwas geben sollte. Doch es war ein Lachen voller Leere und Kälte.
[Nein. Das
das ist das, was ich für meine Unvorsichtigkeit
empfangen habe. Ein junger Löwe, stolz, ungebändigt, übermütig.
Ich verstand nicht, was mich erwartete. Wie hätte ich auch ]
Shion hielt inne. [Nein. Das schwarze Licht, das alles verzehrt, wird dich
nicht beherrschen können. Vertraue mir.]
Talon lachte kehlig auf. Für ihn klangen diese Worte wie Wirf
dein Leben fort'. Dennoch folgte er dem schattenhaften Wesen weiter den Gang
entlang, der nun in einem hellroten Licht aus sich selbst heraus leuchtete.
Vor ihnen öffnete sich ein gewaltiges Tor. Seine beiden Flügel schwangen
voller Leichtigkeit zur Seite und verschwanden fugenlos in den Steinen der
Mauern. Shion schritt unbeeindruckt durch den Torbogen hindurch und verschwand
in der schwarzen Leere, die unendlich tief dahinter lauerte. Talon zögerte.
Was er tun sollte, erschien ihm wie Selbstmord.
[Komm] erfüllt die Stimme des schwarzen Löwen voller Ruhe
seine Gedanken.
Er atmete tief durch und schritt vorwärts. Lautlos schloss sich das Tor
hinter ihm.
Major Devereux beschlich ein ungutes Gefühl.
Er hielt sich mit beiden Händen am Geländer des wuchtigen Panzerwagens
fest, der sich mit ruckartigen Bewegungen seinen Weg entlang des Oubangui-Flusses
bahnte. Ein kurzes Tippen auf die Schulter seines Fahrers deutete diesem an,
anzuhalten. Mit dem rechten Ärmel wischte er sich den dreckigen Schweiß
aus der Stirn.
Der Motor des schweren Fahrzeugs röhrte kurz auf. Die Kettenpanzer gruben
sich in den trockenen lehmigen Boden, dann stand der Wagen still. Durch den
aufgewirbelten Staub versuchte der französische Offizier etwas zu erkennen.
Doch das Gelände lag genauso verlassen vor ihm wie das gesamte Gebiet,
das sie in den letzten zwei Tagen passiert hatten. Frankreich unterhielt in
Zentralafrika zwei Militärbasen zum Schutz des einheimischen Präsidenten,
wie es offiziell hieß. Inoffiziell wahrte man Frankreichs Interessen
und hatte alle Hände voll zu tun, illegalen Geschäften und Schmuggelaktionen
auf den Grund zu gehen. Doch dieser Auftrag war anders.
Es war etwa eine Woche her, dass das Militär über Unruhen im Osten
des Landes unterrichtet wurde. Anscheinend war es zu Stammesfehden gekommen,
die sich auszuweiten begannen. Die Kommentare berichteten von einem Anführer,
der die ethnischen Unruhen ausnutzte und damit begann, ein eigenes Machtgebiet
aufzubauen. Danach waren die Kontakte abgerissen, und seitdem hatten sie aus
der Region keine Informationen mehr erhalten.
Das französische Militär entschied sich, eine Einheit Fallschirmjäger
zu den Koordinaten zu schicken. Der Kontakt riss jedoch wenige Stunden nach
der Landung ab. Auch die Luftaufklärung lieferte keine Hinweise. Es schien,
als sei die ganze Einheit spurlos verschwunden. Deshalb wurden nun Bodentruppen
hinterher geschickt. Der befehlshabende Brigadier in Bangui war sich sehr
wohl bewusst, was dieser militärische Aufmarsch für die innere Stabilität
des afrikanischen Landes bedeuten mochte. Doch das Wohl seiner Männer
hatte für ihn Priorität.
Devereux war inzwischen seit fünf Jahren in diesem Land. Er hatte die
meisten Regionen in dieser Zeit bereist und glaubte von sich, langsam ein
Gespür für die Menschen hier zu bekommen. Damit hatten sich auch
seine Vorgesetzten überzeugen lassen. Sie wollten das Risiko von Spannungen
so gering wie möglich halten. Frankreich konnte sich einen Bürgerkrieg
in dieser unwegsamen Ecke Afrikas nicht leisten.
Er warf einen Blick über die Schulter. Hinter ihm war das gesamte Regiment
zur Ruhe gekommen. Eine Kolonne von gut einem Dutzend Transportlastwagen zog
sich wie eine dunkelgrüne Perlenschnur durch das ockerfarbene Gelände,
flankiert von mehreren Panzerwagen, deren Waffenstände mit einem schweren
Maschinengewehr besetzt waren.
Der Major wollte sich auf kein Abenteuer einlassen. Unruhen dieser Art waren
für dieses Land ungewohnt. Das machte ihn misstrauisch. Er glaubte nicht
an islamistische Übergriffe, auch wenn sie sich im Grenzgebiet zum Sudan
befanden.
Er konnte sich nur keinen Reim auf die verlassenen Dörfer machen, die
sie seit Tagen passierten. Die Häuser sahen aus, als ob die Menschen
mitten in der Bewegung ihre Häuser fluchtartig verlassen hätten
und im Dschungel verschwunden wären. Das gleiche Bild bot sich ihm nun
hier.
Ujeme war ein kleines Fischerdorf, dessen Häuser sich entlang der Flussbiegung
aneinanderreihten. Doch weder an den flachen Booten noch vor den einfachen
Häusern waren zu dieser frühen Morgenstunde Menschen auszumachen.
Alles lag verlassen vor ihm wie die vergessene Kulisse eines längst fertig
gestellten Kinofilms.
Devereux griff zum Mikrofon seines Funkgeräts und befahl einem seiner
Leutnants in den Lastern, einen Erkundungstrupp vorzuschicken. Unweit des
Dorfes waren die Fallschirmjäger abgesprungen. Wenn es ein Lebenszeichen
von ihnen geben musste, dann hier. Er drehte sich um und sah, wie sich vier
bewaffnete Soldaten von einer der hinteren Ladeflächen lösten. Eine
innere Unruhe erfüllte ihn.
Die Luft schien zu knistern und war trotz der anhaltenden Stille erfüllt
von einer Vielzahl undeutbarer Geräusche. Der Offizier griff zu seinem
Fernglas und verfolgte die Männer, die sich aufgeteilt hatten und im
Schatten der ersten Häuser verschwanden. Unbewusst kaute er auf seiner
Unterlippe. Sein Herz schlug spürbar in seiner Brust.
Die Druckwelle erwischte ihn vollkommen unvorbereitet. Das Metall des Panzerwagens
kreischte unter den massiven Stößen unbarmherzig auf. Devereux
fluchte heftig und hielt sich nur mit Mühe am Geländer fest. Sein
Fernglas schlug hart auf einer Kante des Fahrzeugs auf und verschwand dann
im Staub des Bodens.
Aus den Augenwinkeln musste er mit ansehen, wie mehrere Lastwagen einfach
zur Seite gedrückt und umgeworfen wurden. Die schweren Fahrzeuge rutschten
das flache Ufer entlang und blieben im Fluss liegen. Schreie erfüllten
die Luft. Er wusste, dass er schnellstens Ordnung in die Reihen bringen musste.
Dabei wusste er selbst nicht, was geschehen war.
Er hatte keine Explosion gehört, die solch eine Druckwelle auszulösen
vermochte. Devereux griff nach dem Funkgerät, doch aus dem Lautsprecher
drang nur Rauschen. Wütend warf er das Mikrofon zur Seite. Sein Fahrer
sah ihn mit einem unsicheren Blick an. Was sollte er dem Mann sagen?
Im nächsten Augenblick schleuderte eine zweite Welle den Major nach vorne.
Er prallte hart gegen eine Kante und schrie schmerzerfüllt auf. Rote
Schlieren tanzten vor seinen Augen, als er den Kopf anhob. Ungläubig
sah er, wie mehrere der Fahrzeuge von unsichtbaren Kräften emporgehoben
und durch die Luft geschleudert worden. Menschen purzelten wie Puppen aus
den Lastwagen. Nur die wenigsten hatten Glück und landeten im Fluss.
Noch immer hielt er sich an dem Gedanken fest, einen Gegenangriff zu befehlen.
Er blickte auf die Lehmhütten, die durch die Druckwellen völlig
zerstört waren. Strohfasern hoben sich wie ein verworrenes Gespinst gegen
die wabernden Staubwolken ab, die den Himmel erfüllten. Devereux hustete
auf, als die Schwaden sein Fahrzeug einhüllten. Er schützte seine
Augen so gut er konnte und versuchte noch etwas zu erkennen.
Zuerst glaubte er an eine Täuschung, doch dann nahmen die Schatten, die
sich aus dem staubigen Nebel lösten, eine konkrete Gestalt an. Männer
und Frauen, gekleidet in knappe Trachten, die der Franzose gelegentlich bei
Folklorevorführungen gesehen hatte. Doch bei diesen Anlässen hatten
die Farbigen keine Waffen getragen.
Schwere, antik anmutende Lanzenspitzen leuchteten dunkel im fahlen Licht der
Sonne. Die Schatten säumten nun das gesamte Blickfeld des Majors. Er
wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er war es gewohnt, gegen moderne Waffen
vorzugehen. Doch diese Gegner wirkten, als stammten sie aus einer anderen
Zeit
Nun zeichnete sich ein weiterer Schatten hinter den Menschen ab. Der Hüne,
der sich aus dem Staub löste, mochte alle anderen um nahezu zwei Kopflängen
überragen. Ein unheimliches Leuchten umgab seinen halbnackten Körper,
dessen schwere Muskelpakete beinahe unwirklich wirkten.
Der Mann hob nur stumm eine Hand. Dann lösten sich die Farbigen mit einem
vielstimmigen Schrei aus dem Nebel und begannen ihren Angriff
Mit einem Tuch tupfte sich Amos Vanderbuildt den letzten Rasierschaum aus
dem Gesicht. Er knipste das Licht im Badezimmer aus und schritt durch das
in dunklen Tönen gehaltene Schlafzimmer. Achtlos warf er das Tuch auf
das breite Bett und öffnete dann eine der verspiegelten Türen des
Schranks, der in die gesamte Länge der Wand eingelassen worden war.
Es war noch früh am Morgen, dennoch war der Mann um die Fünfzig
nach knapp vier Stunden Schlaf wieder auf den Beinen und hatte vor dem Duschen
bereits mehrere Unterlagen für eine anstehende Konferenz heute Vormittag
durchgelesen. Vanderbuildt trieb sich selbst noch härter an als die Mitarbeiter,
die er überdurchschnittlich gut bezahlte, dafür aber auch die entsprechende
Leistung sehen wollte.
Nachdem er sich angekleidet hatte, ließ er sich von seinem schwarzen
Hausdiener ein knappes Frühstück servieren. Während er einen
Kaffee trank, schalteten sich automatisch mehrere Fernsehgeräte ein,
die die wichtigsten internationalen Programme gleichzeitig ablaufen ließen.
Er strich sich durch seinen grau melieren Backenbart und achtete nur beiläufig
auf das Stimmengewirr der Nachrichtensprecher. Die kleine Essdiele ging direkt
in das Büro über, das er sich in seinem Stadthaus eingerichtet hatte.
Mit einem Gedanken war er bereits halb bei einem neuen Projekt, während
er vor den Monitoren auf und ab schritt. Der ganze Raum war in ein Dämmerlicht
gehüllt, das fast ausschließlich durch die Fernsehbilder erhellt
wurde.
Der Firmenmagnat stellte sich vor den Fernsehgeräten auf und verschränkte
die Hände hinter dem Rücken. Gedankenversunken folgte er den neuesten
Börsennotierungen und las die Newsticker, die über das Bild wanderten.
Ein glutrotes Leuchten ließ ihn herumwirbeln. Es kam von seinem schweren
Schreibtisch, der am hinteren Ende des Raumes stand. Das rote Licht pulsierte
von einem kleinen Punkt aus und rollte in wogenden Wellenbewegungen durch
das abgedunkelte Zimmer. Amos Vanderbuildt hastete auf das Möbelstück
zu.
Das Leuchten ging von dem schwarzen Splitter aus, den ihm Janet Verhooven
aus Zentralafrika mitgebracht hatte. Das Blut des schwarzen Löwen'
hatte sie ihn genannt und ihm eine Geschichte erzählt, die er selbst
kaum glauben mochte.
Doch nun
Schreie lösten sich aus dem Stein. Sie fegten
durch den Raum und wuchsen zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen an.
Alles in ihm drängte darauf, sich die Ohren zuzuhalten, doch Vanderbuildt
griff nach dem Stein und umschloss ihn mit seinen Fingern. Das Licht durchdrang
seine Hand und ließ deutlich jede Faser, jede Äderung erkennen.
Flüssige Energie schien seine Haut zu durchströmen. Aber sie strahlte
keine Hitze aus. Sie erfüllte nur seine Gliedmaßen und wanderten
den Arm entlang.
Das rote Licht leuchtete nun aus seinem Körper heraus. Vanderbuildt wollte
die Finger öffnen, um den Kristall fallen zu lassen. Seine Hand gehorchte
ihm jedoch nicht mehr. Fassungslos sah er zu, wie die Strahlen begannen, seinen
Körper einzuhüllen.
Furcht wuchs in ihm. Furcht vor etwas, das er nicht kontrollieren konnte.
Dennoch fühlte er die Wogen von belebender Energie, die seinen gesamten
Körper durchflossen. Unbewusst lachte er auf.
Dann, so schnell wie das Leuchten gekommen war, verschwand es wieder. Zurück
blieb der obsidianfarbene kleine Splitter, der kalt in seiner Hand lag. Vanderbuildt
zitterte. Er musste sich am Schreibtisch abstützen, da seine Beine nachzugeben
begannen. Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er drehte sich um und sah
mehrere Schatten, die sich im Raum versammelt hatten. Einer von ihnen betätigte
einen Schalter an der Wand.
Kühles Neonlicht flammte auf.
Mr. Vanderbuildt, Sir, setzte sein Hausdiener an. Er wies ihn
mit einer schroffen Handbewegung an, zu schweigen. Sein Blick wanderte von
dem älteren Farbigen zu seiner Köchin und zwei Sicherheitskräften,
die ebenso in den Raum gestürzt waren.
Sie alle haben nichts gesehen, ist das klar?, fuhr er sie kalt
an. Er zitterte noch immer. Der Atem brannte wie flüssiges Magma in seiner
Lunge.
Alice Struuten nippte vorsichtig an ihrem Tee und blies dann leicht über
den Tassenrand hinweg.
Sie schlüpfte aus den knallgelben Pantoffeln und legte ihre nackten Füße
hoch. Das breite Panoramafenster ihres Apartments erlaubte ihr selbst im Sitzen
einen Blick auf den Leuchtturm von Kapstadt, der die äußerste Landzunge
begrenzte und im Licht der frühen Sonne deutlich zu erkennen war.
Eigentlich hatte sie vorgehabt, sich heute zum Frühstück und einem
Stadtbummel mit einer befreundeten Fotografin zu treffen. Doch im Augenblick
bereitete es ihr große Mühen, sich mit anderen Menschen zu treffen.
Sie war froh um die Abgeschiedenheit, die sie in ihrer kleinen Wohnung genießen
konnte. Ihre linke Hand legte sich auf ihren rechten Oberarm und strich leicht
auf und ab, wie um sich selbst zu trösten.
Alice stellte die kleine Tasse auf den gläsernen Couchtisch vor sich.
Ihr Blick wanderte zur Seite. Nachdenklich betrachteten die braunen Augen
sich die Fotos, die ausgebreitet vor ihr auf dem Tisch lagen. Vor wenigen
Tagen noch hatte sie alle Abzüge der Reise nach Zentralafrika vernichtet.
Doch letzte Nacht war sie nach einem unruhigen Schlaf aufgestanden und hatte
sich alle Filmrollen erneut durchgesehen.
Die junge Frau atmete tief durch und nippte erneut an der Tasse. Es waren
acht Bilder, die sie entwickelt und stark vergrößert hatte. Sie
hatte sich die ungewöhnlichsten Bilder herausgesucht; die, die mehr zeigten
als Landschaftseindrücke der Reise, auf die sie Vanderbuildt, Inc. geschickt
hatte.
Ihre schlanken Finger strichen über die glänzende Oberfläche
des Papiers. Fast alle Motive zeigten einen hochgewachsenen Mann mit rotbraunen
Haaren, der nicht minder unwirklich schien wie der Hintergrund, den die Fotografien
abbildeten.
Talon
seitdem die Fotografin wieder nach Südafrika zurückgekehrt
war, hatten sich die Eindrücke der Reise immer mehr verändert. Zuerst
war es ihr einziger Gedanke gewesen, lebend aus den Geschehnissen zu entkommen.
Zu wild, zu unglaublich war das, was sie dort im Dschungel erlebt hatte, als
dass sie es hätte so einfach verarbeiten können.
Sie hatte die ersten Nächte nicht mehr schlafen können. Jeder Schatten,
jedes kleine Geräusch ließ sie aufschrecken. Doch langsam wich
die unauslotbare Furcht einer Faszination, dem Gefühl, dort in der Wildnis
eine Story finden zu können, wie sie die Welt schon lange nicht mehr
gehört hatte.
In ihrem Kopf formte sich ein Entschluss, den sie sich selbst noch nicht eingestehen
wollte. Alice Struuten lächelte.
Ein Knacken an der Haustür ließ sie zusammenzucken.
Sie kannte das Geräusch eines Dietrichs. Sie hatte sich selbst im Lauf
ihrer Jahre als Fotografin zu verschiedenen Wohnungen einen unkonventionellen
Zugang verschafft, um an Informationen zu gelangen.
Eilig schwang sie sich aus dem Sessel und hastete zum Flur. Sie hatte vergessen,
die Ketten an der Haustür vorzulegen, als sie heute Morgen vom Zeitung
holen zurückgekommen war. Doch dazu bekam sie keine Gelegenheit mehr.
Leise schwang die massive Holztür auf. Im Schatten des Treppenhauses
konnte sie die Silhouetten zweier Männer ausmachen. Sie waren unauffällig
gekleidet und wirkten auf den ersten Blick wie Versicherungsvertreter.
Ihre Augen trafen sich mit denen des Mannes, der die Tür aufgebrochen
hatte. Für eine Sekunde flackerte Überraschung in seinem Blick,
doch genauso schnell verschwand seine rechte Hand im Sakko.
Alices Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie die Waffe mit aufgeschraubtem
Schalldämpfer sah. Ihr Mund öffnete sich zu einem lautlosen Schrei.
Wie in Zeitlupe schien der Arm nach oben zu fahren. Reflexartig warf sie sich
zur Seite. Ein unterdrücktes Geräusch folgte. Neben ihrem Kopf schlug
das Projektil sirrend in den Putz der Wand. Die junge Frau schlug hart mit
dem rechten Knie auf, ohne es weiter zu beachten. Sie hastete durch ihr verwinkeltes
Apartment, das durch viele kleine Mauern und Durchgänge unterteilt war.
Hinter sich hörte sie leise Befehle, die sich die beiden Männer
gegenseitig gaben, und dann das Schließen der Tür.
Ihr Herz schlug bis zum Hals. Wer waren diese Männer? Es waren keine
gewöhnlichen Einbrecher. Kurz überlegte sie, ob sie den Zorn irgendwelcher
offizieller Kreise auf sich gezogen haben konnte. Es blieb jedoch keine Zeit,
weiter darüber nachzudenken. Hastig blickte sie sich um und griff dann
nach einem wuchtigen Fetisch aus massivem Ebenholz, der einen kleinen Beistelltisch
zierte. Im Schlafzimmer hatte sie einen Revolver versteckt. Doch der Weg dorthin
führte mitten durch den Wohnraum.
Sie konnte nur hoffen, dass sich die beiden Männer getrennt hatten, um
sie schneller zu finden. Alice presste sich eng gegen den Türrahmen.
Sie versuchte, so flach wie möglich zu atmen.
In der Tür zeichnete sich die Hand mit einer Waffe ab. Alice wartete
keinen Augenblick mehr, sondern schwang die unterarmlange Holzstatue in Kopfhöhe
durch die Luft. Sie fühlte, wie der Fetisch hart gegen etwas stieß.
Ein überraschter Aufschrei folgte, dann das Poltern eines Körpers,
der zu Boden sackte.
Die junge Frau warf einen Blick um die Ecke und sah einen Farbigen in einem
graublauen Anzug, der sich am Boden krümmte und sich den blutenden Kopf
hielt. Sie verpasste ihm einen kräftigen Tritt zwischen die Beine, Tränen
der Angst unterdrückend. Der Schwarze schrie laut auf.
Ohne weiter darüber nachzudenken, rannte Alice los. Sie hoffte, dass
der Mann am Boden lange genug brauchte, um wieder zur Besinnung zu kommen.
Vor ihr löste sich der Mann, der die Tür aufgebrochen hatte, aus
dem Schatten des Hausflurs. Alice warf sich ihm mit ihrem ganzen Gewicht entgegen.
Obwohl der Mann sie um einiges überragte, wurde er durch den Schwung
nach hinten geworfen und verlor dabei seine Pistole.
Die Fotografin stolperte vorwärts. Sie hatte nur die Haustür im
Blick, die die Männer wieder geschlossen hatten. In dem Moment, in dem
sie den Knauf drehte und die Tür öffnete, schlugen zwei Projektile
nahezu zeitgleich in das Holz ein. Alice schrie auf. Ein dritter Schuss zog
eine heiße, brennende Spur über ihren Rücken und riss eine
Furche in das dünne T-Shirt.
Gott, lass' mich leben! jagte ihr ein einziger Gedanke durch den Kopf.
Sie hetzte die schmale Treppe hinunter in den Innenhof der Apartmentsiedlung.
Sobald sie im Freien stand, schrie sie aus Leibeskräften um Hilfe und
hoffte, dass jemand dadurch den Sicherheitsdienst alarmierte. Mehrere Menschen
rannten auf die junge Frau zu, die schluchzend am unteren Ende der Treppe
zusammensackte.
Das erste, was Talon wahrnahm, war das kühle Wasser auf seinen Lippen.
Nur schwerfällig öffnete er die Augen und sah N'kele, der sich über
ihn beugte. Mit dem linken Arm hielt ihn der Mann am Rücken gestützt.
Ein anderer hielt ihm eine tönerne Schale mit Wasser an den Mund.
Talon trank ein, zwei Schluck und bedankte sich.
Langsam drangen die Erinnerungen an das zurück, was geschehen war. Fragend
sah er den Wächter an.
Wo ist Shion?
Der Farbige senkte den Kopf und schien Mühe zu haben, seine Gefühle
unter Kontrolle zu halten. Es dauerte mehrere Augenblicke, bis er den Weißen
ansehen konnte.
Der ewige Wächter ist verschwunden. Wir wissen nicht, wohin er
ist. Wir wurden von einer Stimme gerufen, die uns in die Tiefe führte.
Dort fanden wir dich besinnungslos, vor dem verschlossenen Tor, erklärte
er stockend.
Eine Flut von Bildern stürmte auf Talon ein. Zu deutlich waren die Eindrücke,
nachdem sich das Tor hinter ihm geschlossen hatte. Zu deutlich das, was er
erleben musste. Etwas, das es nicht geben konnte.
Er blickte auf seine Handflächen. Kleine, rote Irrlichter zogen über
die Haut hinweg und verschwanden dann in den Schatten der Mauern. Unbeholfen
versuchte er sich zu erheben. Sofort waren zwei Männer an seiner Seite,
die ihn stützten. Auch sie wirkten, als wüssten sie nicht, wie sie
mit der Situation umgehen sollten.
Was soll nun geschehen
Herr? N'kele fiel
es schwer, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen, der unausgesprochen jeden
der Männer hier erfüllte.
Einen Augenblick lang war Talon überrascht, so angesprochen zu werden.
Dann legte er dem Farbigen die Hand auf die Schulter und sah ihn mit unsicherem
Blick an.
Ich weiß es nicht, N'kele. Ich weiß es nicht.
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 11
Im Schatten des Tempels
© Copyright aller Beiträge 2004 by Thomas Knip. Nachdruck, auch
auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung. Kontakt unter info@talon-abenteuer.de
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