
Talon Nummer 12
Kreaturen aus der Tiefe
von
Thomas Knip
Besorgt kniete sich Akheem neben dem Bewusstlosen nieder und fühlte dessen
Puls. Er erahnte nur ein schwaches Schlagen unter der hellen Haut. Der Blick
des alten Mannes wanderte über den Körper, der am Rande der Klippe
lag.
Tief unter ihnen erstreckte sich das endlos scheinende Meer des Dschungels
in einen Spiel aus Tausenden von Grüntönen, die im hellen Licht
des zunehmenden Monds matt leuchteten. Der kräftige Wind zerrte an dem
knöchellangen Umhang aus einfachem, lange schon ausgeblichenem Stoff.
Immer wieder musste sich der Alte eine Strähne seines langen, schlohweißen
Haars aus dem Gesicht streichen. Nachdenklich fuhr er sich durch seinen kurzgeschorenen
Vollbart.
Er untersuchte die Wunden, die den Körper des Weißen bedeckten.
Nicht die vielen kleinen Schnitte und Schürfwunden waren es, die ihm
Sorgen machten. Er zählte auf den ersten Blick drei Schusswunden an dem
von getrocknetem Schweiß und Erde verdreckten Körper. Sie hatten
aufgehört zu bluten, doch der dünne Schorf konnte jederzeit erneut
aufreißen.
Der Atem des Mannes ging flach. Sein rotbraunes Haar klebte verschwitzt auf
dem ockerfarbenen Sandstein.
B'tha, komm' her, rief er einen knappen Befehl in die Nacht.
Aus dem Dämmerlicht eines großen Felsens löste sich ein gewaltiger
Schatten. Er stützte sich auf seine beiden kräftigen Arme und schob
sich rasch vorwärts. Das silberfarbene Fell des alten Gorillas schimmerte
leicht. Die dunklen Augen waren ständig in Bewegung und registrierten
neugierig alles, was der alte Mann tat.
Aus dem breiten Maul löste sich ein leiser, vorsichtiger Laut.
Ja, er ist schwer verletzt, antwortete ihm Akheem. Wir müssen
ihm helfen, sonst stirbt er.
Ein unwilliges Grunzen folgte. Der Alte lächelte schwach.
Ich weiß, es ist lange her. Wir haben uns lange nicht mehr in
die Angelegenheiten der Menschen eingemischt, alter Freund. Doch etwas,
seine Augen betrachteten sich den schlanken Körper, der mit nicht mehr
bekleidet war als einem ledernen Lendentuch, erinnert ihn an mich. An
früher
Akheems Augen wanderten über die Wipfel der höchsten Bäume
hinweg, die vereinzelt aus den Wogen des Dschungels ragten. Einen Moment nur
gab er sich seinen Erinnerungen hin, dann erhob er sich kraftvoll und straffte
seinen dünnen Körper.
Bitte heb' ihn auf. Sei aber vorsichtig!, wandte er sich an den
alten Gorilla. Der Menschenaffe folgte der Bitte ohne Zögern. Mühelos
hob er den Körper des Bewusstlosen auf und legte ihn über beide
Unterarme. In einer pendelartigen Bewegung wankte seine Statur über den
Felsen. Er war es offensichtlich nicht gewohnt, nur auf seinen Hinterbeinen
zu laufen.
Ohne weitere Befehle stapfte er davon. Auf der dem Dschungel abgewandten Seite
fiel die Klippe flacher ab und lief in weit geschwungene Hügel aus, die
sich karg bewachsen bis zum Horizont erstreckten.
Akheem sah dem Gorilla nach und untersuchte dann den blutverschmierten Stein.
Die rote Spur zog sich bis zum Rand der Felsen, die steil in die Tiefe abfielen.
Was ist da unten nur geschehen?, murmelte er mit rauer Stimme
leise vor sich hin. Seine Augen suchten den klobigen Schatten des Tempels,
der fast vollständig unter den weit ausladenden Baumkronen versteckt
lag. Er wusste um die Bedeutung dieser Gebäude. Doch er hatte sich nie
in ihre Nähe gewagt.
Seine Augen brannten sich an der Stelle fest, an der steinerne Streben aus
dem grünen Pflanzenteppich ragten und sich einem Skelett gleich vom nächtlichern
Himmel abhoben. Plötzlich begann die Erde zu vibrieren. Ganz leicht zuerst,
dann jedoch wurde das Beben stärker. Akheem hatte Mühe, sich einen
sicheren Halt zu verschaffen.
Mehrere kleine Steine polterten über den hellen Untergrund und verschwanden
in der Tiefe. Der alte Mann biss die Zähne zusammen. Sein Herz pochte
wild in der Brust. Der Lärm des Bebens war ohrenbetäubend, dennoch
wurde alles von einem Laut übertönt, der sich unter das Grollen
und Rumpeln mischte. Es war, als schrie die Erde selbst auf.
Schwarze Blitze zuckten durch die Nacht. Doch sie kamen nicht vom Himmel.
Sie lösten sich aus der Tempelanlage tief unter ihm. Bizarre dunkle Muster,
die an ihrer Kante unheilvoll leuchteten, verwoben sich ineinander und zuckten
unbeherrscht durch die Luft. Ihre Enden fauchten in die Höhe und verloren
sich im Schwarz der Nacht.
Dann, so schnell wie das Beben begonnen hatten, ebbte es ab. Und mit ihnen
das Blitzgewitter. Ein unwirklich scheinender Moment der Ruhe folgte. Akheem
hatte sich auf den Boden gepresst und atmete heftig. Sekunden lang war sein
Atem das einzige, was er hörte. Doch dann drang leise das Schreien von
Menschen zu ihm empor. Stimmen erfüllt von Angst und Panik gellten vielstimmig
durch den Dschungel.
Die Augen des alten Mannes flackerten wild. Nur langsam erhob er sich. Sein
ganzer Körper zitterte. Er spürte ein Brennen an seiner rechten
Wange. Als er mit dem Finger darüber strich, sah er das Blut, das an
ihm kleben blieb. Offenbar hatten ihn einige der Steine während des Bebens
getroffen. Er hatte es nicht einmal gespürt.
Akheem ließ die Klippe mit weiten Schritten hinter sich. Doch so sehr
er es versuchte, das Schreien der Menschen löste sich nicht aus seinem
Bewusstsein.
Eser Kru überragte die meisten der Anwesenden um mehr als einen halben
Kopf.
Selbst jetzt, da er ihnen auf dem grob behauenen Thron gegenübersaß,
mussten sie zu ihm aufsehen. Er hob den rechten Arm an und verlangte damit,
dass das Gemurmel und Stimmengewirr unter den Menschen verstummte. Gleichzeitig
bezogen rechts und links von ihm jeweils ein halbes Dutzend Männer und
Frauen mit automatischen Waffen Stellung.
Sein Blick wanderte über die gut zweihundert Versammelten hinweg.
Bewohner des Kongos, Bewohner Sudans und der Zentralafrikanischen Republik
hört mich an! Ich bin Eser Kru. Ich bin der rechtmäßige
Herrscher über diesen Tempel und somit auch über das Reich, dessen
Erbe ich nun antrete. Alle Länder, die seinerzeit unter der Herrschaft
meiner Familie standen, werden von heute an wieder zu meinem Territorium gerechnet
werden.
Unter den Anwesenden brach Unruhe aus. Unverhohlene Abneigung mischte sich
mit Spott über den Auftritt des Hünen, der diese Reaktion erwartet
hatte. Ungerührt fuhr er fort.
Vor über 5.000 Jahren wurde die Regentschaft meiner Familie von
einem Wesen beendet, das dieses Gebiet seitdem für sich beanspruchte.
Dessen Kräfte dafür sorgten, dass eure Stämme, eure Kultur
immer hinter ihren Möglichkeiten zurückblieben. Das euch den fremden
Truppen aus anderen Kontinenten schutzlos auslieferte. Das mich verbannte
und mich meiner Macht beraubte, um den einzigen Gegner, der ihm gefährlich
werden könnte, außer Gefecht zu setzen.
Willst du damit sagen, du bist 5.000 Jahre alt?, rief ein Milizkommandant
aus den östlichen Provinzen Zentralafrikas aus. Wenn du mit deiner
lächerlichen Armee versuchst, hier in diesem Gebiet deinen Anspruch durchzusetzen,
sag' es! Aber erzähl' uns nicht so einen Schwachsinn!
Nur wenige wagten es, dem Mann offen zuzustimmen. Doch die deutliche Ablehnung
gegen Krus Ansinnen war nicht zu übersehen. Ein Gewehrkolben traf den
Kommandant in den Magen. Stöhnend ging der Mann in die Knie und übergab
sich.
Was ihr glaubt und was nicht, das überlasse ich euch, überging
Eser Kru den Vorfall ungerührt. Ob ihr mir folgt oder nicht, überlasse
ich euch. Folgt mir, und ihr lebt. Seid gegen mich, und ihr sterbt. Alle.
Mehrere der Anwesenden, die alle unter Zwang in den Tempel gebracht worden
waren, begehrten nun offen auf. Die bewaffneten Männer und Frauen, die
sie bewachten, stießen jeden, der es wagte, aus dem geschlossenen Kreis
ausbrechen zu wollen, mit der Waffe unsanft zurück. Es war nur eine Frage
der Zeit, bis die Situation eskalieren würde.
Der Hüne erhob sich von dem steinernen Thron und trat einen Schritt zurück.
Er betrachtete sich das Bild erstaunt. Niemand hätte es damals gewagt,
offen gegen ihn Widerstand zu zeigen. Was für eigenwillige Gedanken hatten
die Menschen in der Zwischenzeit ereilt? Er hob seine rechte Hand an und fuhr
damit durch die Luft, als wische er eine Fliege zur Seite.
Genug!, brüllte er. Der Ruf grollte wie ein Donner durch
den weitläufigen Saal. Er brach sich an den steinernen Wänden und
schwoll zu einem ohrenbetäubenden Lärm an. Die Menschen hielten
sich die Ohren zu und fielen schreiend auf die Knie. Ihre Worte wurden von
der Woge hinfort gespült, mit der Eser Krus Stimme die Luft erfüllte.
Ihr alle, fuhr er mit normaler Stimme fort. Ihr Stammesführer
und Beamte, geht in eure Dörfer und Städte und sagt ihnen, dass
alle Menschen nun unter meiner Herrschaft stehen. Ihr Militärs, sagt
euren Untergebenen, sie sollen in meine Dienste treten. Es ist eure letzte
Chance, den sicheren Untergang zu vermeiden.
Sein gewaltiger Körper stand hoch aufgerichtet vor den Menschen, die
am Boden lagen, und nahm eine drohende Haltung ein.
Mir fehlt die Geduld, mich mit euch auseinander zu setzen. Ich werde
Schüsse peitschten durch die Nacht. Eser Kru hielt inne. Durch eines
der Seitentore kamen mehrere Männer herein gestürmt.
Herr!, rief einer von ihnen. Vor dem Tempel haben sich Menschen
versammelt, Soldaten und Bauern. Sie sind bewaffnet und wollen die Gebäude
stürmen!
Meinst du, meine Einheiten hätten es einfach zugelassen, dass wir
hier alle entführt werden?, schrie ihm von den Anwesenden der Kommandant
zu, der als erster seine Stimme erhoben hatte. Ich habe loyale Einheiten,
die dafür sorgen werden, dass mit diesem Unsinn aufgeräu
Dunkle Schatten tanzten wie ein Nebel um Eser Krus Augen. Seine Faust zuckte
vor, und obwohl der Offizier mehr als zwanzig Schritt von ihm entfernt stand,
zerschmetterte der Hieb sein Gesicht. Blutüberströmt sackte der
leblose Körper zu Boden. Viele der Menschen um ihn herum schrien entsetzt
auf, als sie miterlebt hatten, was gerade geschehen war.
Herr, hakte der Mann nach, der die Botschaft gebracht hatte, sollen
wir sie angreifen? Wir sind hier gut verschanzt und können
Nein!, unterbrach ihn Eser Kru. Nein
wiederholte
er nachdenklich. Sie müssen verstehen, wer ich bin. Sie werden
erleben, was es heißt, sich gegen mich aufzulehnen.
Der schwarze Hüne breitete die Arme aus. Unwillkürlich wichen seine
Männer zurück und schufen so einen weiten Kreis. Ein unwirklicher
Wind fuhr durch die hohen Räume. Staub wurde vom Boden aufgewirbelt und
sammelte sich in der Form einer zehn Meter durchmessenden Halbkugel um den
altertümlich gekleideten Mann, dessen Arme wilde, verschlungene Symbole
in die Luft zeichneten. Seine Stimme drang grollend durch den Raum. Die Worte,
die in einer unbekannten Sprache erfolgten, erklangen im gleichen Rhythmus,
mit dem die Fingerspitzen unerkennbare Figuren beschrieben.
Der Staub sirrte in einer irrwitzigen Geschwindigkeit um die massige Gestalt
und erzeugte dabei einen pfeifenden Ton, dessen schrilles Geräusch sich
quälend in die Menschen bohrte, die noch immer im Saal gefangen gehalten
wurden.
Dann brach die Halbkugel aus Staub augenblicklich in sich zusammen. Eser Kru
stand wie versteinert auf seinem Platz, die Arme in einer verwinkelten Pose
erhoben. Doch nur einen Augenblick später begann der Boden zu beben.
Schwere Erdstöße erschütterten die gewaltige Struktur der
Gebäude. Überall lösten sich kleinere Steine, die polternd
herab stürzten. In Panik stoben die Menschen auseinander und eilten dem
nächsten Ausgang zu. Die offenen Tore, die allesamt keine Türflügel
besaßen, ließen sie jedoch nicht passieren. Es schien, als sei
die Luft selbst zu Stein erstarrt und versperre ihnen den Ausweg.
Mit Fäusten klopften und hämmerten die Menschen vergeblich gegen
die unsichtbare Barriere. Viele von ihnen wandten sich um und rannten wild
durcheinander durch den Saal, auf der Suche nach einem anderen Ausgang.
In diesem Augenblick endete das Beben so abrupt wie es begonnen hatte.
Entsetzt sahen die Menschen, wie um Eser Krus Gestalt herum Schwärze
aus dem Boden sickerte. Sie tropfte aus den dünnen Ritzen zwischen den
Bodenplatten wie eine zähe Flüssigkeit, die entgegen der Schwerkraft
zum Himmel fiel. Die Tropfen verbanden sich übergangslos zu schlanken
Gebilden, die explosionsartig auseinander stoben. Blitzen gleich zuckten sie
durch die Luft, durchbrachen mühelos den Stein und verloren sich in der
Tiefe der Nacht.
Noch immer bewegte sich Eser Kru nicht. Er blieb im Zentrum des Geschehens
und schien ungerührt all dessen zu sein, was sich ereignete. Dann klangen
von draußen die ersten Schreie zu den Menschen empor.
Zuerst erklangen sie voller Entsetzen und Angst, doch sehr schnell gingen
sie in gellende, schmerzerfüllte Schreie über. Die unsichtbaren
Sperren vor den Toren lösten sich auf. Zahlreiche der Menschen, die noch
einen Moment zuvor dagegen geklopft hatte, fielen nach vorne und wurden von
denen, die nun eine Chance sahen zu entkommen, überrannt. Ungeachtet
dessen, was dort draußen geschehen mochte, eilten sie die breite Treppe
hinunter. Erst viel zu spät nahmen sie die Schatten wahr, die sich ihnen
von unten entgegenstellten.
Das Mondlicht fiel nur spärlich durch das Blätterwerk der Bäume,
das über weite Teile der Treppe einen dunklen Vorhang legte, und verhüllte
so die Form der Wesen, die Eser Kru aus der Tiefe der Nacht gerufen hatte.
Sie ähnelten von der Gestalt her großen, hageren Menschenaffen
mit überdimensional langen Armen. Sie besaßen jedoch weder Haut
noch Fell. Ihr Äußeres wirkte wie die Überreste schwarzen,
verkohlten Fleisches, dessen letzte sterbliche Reste verwest in Fetzen von
ihrem Körper hingen. Ihre Bewegungen erfolgten schwerfällig, doch
sobald sie einen der Menschen zu wittern schienen, setzten sie ihrem Opfer
mit einer explosionsartigen Flinkheit nach. Verkrüppelte Hände,
deren Finger in langen, gebogenen Klauen endeten, schlugen in die Kleidung
der Menschen ein und zerrten sie unbarmherzig mit sich, in das Dunkel der
Nacht.
Als die Menschen auf der Treppe entsetzt erlebten, was unter ihnen geschah,
wandten sie sich um und rannten die Stufen wieder empor. Doch nun schwangen
sich die Kreaturen gewandt über das Treppengeländer und kesselten
die wenigen Überlebenden ein, die sich noch im Freien befanden.
Sie machten dabei keinen Unterschied, ob es sich um Männer von Eser Kru
handelte oder solche, die hierher verschleppt worden waren. Gewehrsalven jagten
durch die abendliche Luft und hackten in alles ein, das sich bewegte. Die
Wesen wurden von den Kugeln zurückgeschleudert, doch sie erhoben sich
sofort wieder und setzten ihren Weg fort.
Eser Kru war aus seiner Trance erwacht und verfolgte das grausige Schauspiel
von der oberen Plattform aus. Schweiß lief in breiten Bächen über
seinen halbnackten Körper. Er atmete schwer und stützte sich müde
auf der Balustrade ab. Eine Gruppe seiner Männer kam zu ihm geeilt. Allen
von ihnen stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Der Anführer
hatte Mühe, seinen zitternden Körper unter Kontrolle zu halten.
Herr
stammelte er. Ihr ihr
müsst
etwas tun!, entfuhr es ihm. Diese Wesen sie töten
alles, auch unsere eigenen Männer!
Eser Kru sah ihn unbeeindruckt an.
Ja, das sehe ich. Also, besorge mir neue, wenn diese Schlacht vorüber
ist.
Talon schwebte hoch über dem Dschungel. In dem hellen Licht leuchtete
das Grün in all seinen Facetten auf und schillerte wie die Oberfläche
eines Sees, auf dem sich das Sonnenlicht brach.
Ein leichter Wind fuhr durch sein Haar. Er sah auf einen Punkt in der Ferne,
wo der Dschungel leicht in die trockene Savanne überging. Nur einen Herzschlag
später war er dort, konnte von seinem Standort hoch über dem Boden
alles beobachten, was unter ihm passierte. Um eine kleine Wasserstelle hatten
sich Antilopen und wilde Büffel geschart. Ein Schwarm Kraniche zog nur
wenig unter ihm dahin.
Eine Hand legte sich leicht auf seine Schulter.
Talon drehte sich um und blickte in die dunklen Augen einer Frau. Ihre Gestalt
war völlig in Schwarz eingehüllt. Doch der Stoff schien ihren Körper
gleichermaßen zu durchdringen wie er ihre schlanken Formen umhüllte.
Obsidian, flüsterte er. Du bist tot. In das friedvolle
Gefühl des Augenblicks stach der Gedanke mit unvermittelter Härte.
Nemesis hat dich getötet.
Die dunkelhäutige Frau lächelte ihn nur stumm an. In ihren Augen
leuchtete ein Feuer, dessen Lebendigkeit auf ihren ganzen Körper überzugreifen
schien. Aus dem schwarzen Nichts ihres Körpers löste sich ein schlanker
Arm.
Ein Finger legte sich auf eine Stelle an Talons rechter Seite. Schmerzen durchzuckten
seinen Körper wie Wellen glühenden Feuers. Er wollte die Hand abwehren,
die erneut über seinen Körper tanzte, doch sein ganzer Körper
schien wie gelähmt. Wieder und wieder traf der Finger seine Haut und
öffnete jedes Mal eine blutende Wunde.
Talons Schreie verhallten im unendlichen Blau des Himmels. Unter seinen Füßen
erstarb das Leben. Die Landschaft trocknete binnen weniger Momente aus. Das
Grün der Blätter an den Bäumen wurde matter und verging dann,
während das tote Laub raschelnd zu Boden taumelte. Er glaubte, in der
peinigenden Umarmung der Frau zu sterben, deren Finger ein tödliches
Muster auf seinen Körper zeichnete.
Nicht jetzt, lösten sich die Worte von ihren Lippen. Nicht
heute.
Sie lächelte ihn mit einem wehmütigen Blick an und wurde dann von
dem Wind verweht, der sich kalt auf seine Haut legte.
Er fror, als er erwachte.
Sein ganzer Körper wurde von einem heftigen Zittern durchlaufen. Talon
fühlte seine Gliedmaßen nicht mehr. Sein Blick nahm zuerst kaum
etwas von der Umgebung wahr, in der er sich befand.
Ein leises, überraschtes Fluchen drang zu ihm durch. Kurz darauf spürte
er eine Hand an seiner rechten Schulter, die seinen Körper behutsam nach
unten drückte. Die Wärme der Berührung löste in ihm ein
Gefühl der Geborgenheit aus. Dann drückte sich etwas Hartes an seine
Lippen.
Trink, hörte er wie durch einen Schleier die raue Stimme.
Instinktiv öffnete er den Mund. Eine heiße Flüssigkeit drang
in seinen Rachen. Er verschluckte sich und musste prompt husten. Das Gefäß
mit der Flüssigkeit verschwand, dann wurde er erneut aufgefordert zu
trinken. Dieses Mal nahm er mehrere lange Schlucke und spürte, wie sich
die Wärme langsam in seinem Bauch ausbreitete.
So kalt, krächzte er kaum verständlich.
Das ist natürlich, klang die Stimme aus dem diffusen Nichts,
das seinen Blick umgab. Du kannst froh sein, wenn du überlebst.
Du hast mehrere Schusswunden abbekommen. Die meisten Kugeln sind glatt hindurch
gegangen. Ich musste wenig machen, aber du hast eine Menge Blut verloren.
Wer bist du, fragte Talon heiser und versuchte, das Schemen, das
sich über ihn beugte, deutlicher zu erkennen doch mehr als einen hellen
Kranz konnte er nicht ausmachen.
Ich bin Akheem.
Talons Kopf sackte müde zurück. Er spürte, wie sich etwas schwer
auf seinen Körper legte.
Das ist eine weitere Decke, erklärte die Stimme. Ruh'
dich aus und versuche zu schlafen. Ich passe auf dich auf, mein Junge.
Talon verspürte bei den Worten einen gewissen Trost und fiel in einen
leichten Schlummer.
Die nächsten Tage über verfolgte der alte Mann den Kampf, den Talon
ausfocht, mit sorgenvollem Blick. Immer wieder wurde er von Fieberkrämpfen
geschüttelt und erlebte Albträume von solcher Heftigkeit, dass Akheem
B'tha, den Gorilla, rufen musste, um den jungen Mann festzuhalten, damit die
Wunden durch die heftigen Bewegungen nicht wieder aufrissen.
Er hatte selbst in seinem Leben mehr als eine Wunde im Kampf erhalten und
von den umliegenden Stämmen vieles an Wissen erhalten, wie sie sich versorgen
ließen, welche Kräuter und Gräser eine heilende Wirkung hatten.
B'tha selbst kannte Moose und Flechten, die seine Artgenossen nutzten, um
Wunden zu versorgen.
Mit einem Gleichmut, den Akheem bei Menschen kaum kennen gelernt hatte, wachte
der Gorilla am Lager des Mannes und passte auf in auf, während er die
Salben und Pasten anrührte, die er auf die Verletzungen auftrug. Drei
von ihnen hatten sich entzündet.
Der alte Mann hatte kaum die Zeit, an das zurück zu denken, was er auf
der Klippe erlebt hatte. Doch in jeder ruhigen Minute überschlugen sich
seine Gedanken, wenn er versuchte zu verstehen, was geschehen sein mochte.
Er kannte die Geschichten, aber noch viel mehr die uralten Legenden, die man
sich über den Tempel erzählte.
Das Territorium der Löwen war für ihn immer tabu gewesen. Er hatte
lange Jahre seines Lebens unter Gorillas verbracht. Sie hatten ihn in ihrer
Mitte aufgenommen, als er sich mit den Menschen endgültig entzweit hatte.
Es dauerte weit mehr als eine Woche, bis das Fieber so stark gesunken war,
dass Akheem anfing, guter Hoffnung zu sein. Über den Wunden hatte sich
eine feste Kruste gebildet, die sich nicht mehr öffnete. Der alte Mann
war dennoch überrascht, wie schnell sich sein Schützling erholte.
Gute Kondition' hatte ihm der junge Mann lakonisch erklärt, der
sich als Talon' vorstellte.
Akheem hatte den Namen schon gehört, doch hatte er die Berichte über
ihn in das Reich der Legenden abgetan. Innerlich lächelte er. Wie viele
der umliegenden Stämme ihn selbst für ein Gespinst einsamer Wanderer
und alter Narren halten dürften.
Nach ein paar Tagen kam Talon so weit zu Kräften, das ihm Akheem erlaubte,
das Lager zu verlassen und etwas in der Höhle herum zu laufen, die seine
Wohnung darstellte. Sie war spartanisch eingerichtet und verfügte über
nichts, was daran erinnern konnte, dass sie sich im 21. Jahrhundert befanden.
Eines Abends saßen sie vor dem Höhleneingang und ließen ihre
Augen über die Hügel der Trockensavanne schweifen, die sich weit
bis nach Osten erstreckte.
Warum warst du an jenem Abend auf der Klippe?, fragte Talon den
alten Mann und sah ihn von der Seite an. Akheem lächelte.
Nenn' es Nostalgie
der Dschungel war lange Jahre mein Zuhause.
Und ich komme von seinem Anblick nicht los. Er beugte sich etwas vor
und zeichnete mit dem Finger verspielte Muster in den staubigen Boden. Ein
paar Schritte von ihnen entfernt saß B'tha auf einem Stein, der noch
etwas Wärme gespeichert hatte. Nur manchmal ging sein Kopf von einer
Seite zur anderen. Ansonsten wirkte der Gorilla wie eine Statue, die fest
mit ihrer Umgebung verwachsen zu sein schien.
Aber irgendwann nein, entschuldige, aber ich möchte nicht
darüber reden, winkte der alte Mann mit einem schwachen, entschuldigenden
Lächeln ab. Talon nickte nur stumm. Nach ein paar Minuten fasste Akheem
den Mut, Talon die gleiche Frage zu stellen. Dieser erzählte ihm von
dem Ruf Shions, der ihn dorthin getrieben hatte, von den Menschen, die ihn
unterwegs gefunden hatten.
Vor allem dem Kampf mit dem schwarzen Löwen hörte der alte Mann
gebannt zu. Es schien ihm so unwirklich, was ihm der Mann mit den rotbraunen
Haaren erzählte, doch er stellte es nicht in Frage. Er selbst hatte die
Blitze und das Beben miterlebt. Und voller Besorgnis konzentrierte sich Akheem
auf das, was Talon über Eser Kru erzählte, den Mann, der nun den
Tempel beherrschte und die Kräfte freisetzen wollte, die tief im Inneren
des Gebäudes verborgen lagen.
Ich befürchte, er hat bereits einen Weg gefunden, sie zu nutzen,
kommentierte der Alte müde. Was willst du tun?
Talon lachte trocken auf.
Was soll ich denn tun? Was glaubst du? Er stand auf und machte
einige unruhige Schritte über den harten, steinigen Boden. Kru
sagt, er sei Jahrtausende alt. Er hat Kräfte, die jeder normale Mensch
für unmöglich halten würde. Und er hat Dutzende von Männern
und Frauen, die schwer bewaffnet sind.
Er baute sich vor Akheem auf.
Was also, denkst du, soll ich tun?
Du kannst ihn nicht gewähren lassen, setzte der alte Mann
an. Du musst ihn aufhalten!
Nichts muss ich!, schrie Talon in die Nacht. Seitdem ich
in dieses Ritual reingezogen wurde, haben andere darüber entschieden,
wer ich bin und was ich muss! Mein Rudel hat mich verstoßen, Shion verlangt
von mir, dass ich seinen Platz einnehme, während mich seine Garde verachtet.
Was soll ich dort, alter Mann? Was soll ich dort?
Eser Kru aufhalten, bevor es zu spät ist, erwiderte ihm Akheem.
Ich habe die Schreie der Menschen in dieser Nacht gehört. Ich weiß
nicht, was dort geschehen ist. Aber jemand muss diesen Menschen helfen.
Wozu gibt es das Militär, die Polizei? Wir sind nicht mehr in der
Steinzeit, wo ein Mann alles an sich reißen kann, nur weil er will.
Der alte Mann sah Talon ernst an. Offenbar kann er das doch, nach all
dem, was du mir erzählt hast. Der Tempel birgt eine unfassbare Macht
in sich, die man diesem Mann nicht überlassen darf! Der schwarze Löwe
hat dir soweit vertraut, dass er dich zu seinem Nachfolger erklärt hat.
Willst du ihn so enttäuschen?
Talon sah den Alten mit einem Lächeln an, das seine Augen nicht erreichte.
Du stammst wirklich aus einer anderen Zeit, Akheem.
Willst du die Menschen enttäuschen, die unter Eser Kru leiden?,
bohrte der alte Mann nach. Ich wusste nicht, dass Menschlichkeit aus
der Mode gekommen ist.
Mehrere Momente vergingen, in denen sich die beiden Männer fest in die
Augen blickten und keiner von ihnen nachgab. Dann wandte sich Talon um und
zerdrückte einen Fluch auf den Lippen. Er verschwand im Schatten der
hoch aufragenden Felsen.
B'thas Grollen unterbrach die gespannte Stille. Akheem neigte den Kopf zur
Seite und hörte dem Gorilla zu.
Doch, ich glaube, er war es wert, gerettet zu werden.
Eser Kru stand in der Mitte des weiten Saals und trank einen Becher vergorener
Ziegenmilch. Hinter ihm hatten sich sechs Männer versammelt. Es waren
die letzten, die aus der Gruppe all derer, die er zu seiner Proklamation zum
Herrscher zusammen getrieben hatte, noch lebten. Er winkte einen von ihnen,
einen Offizier, zu sich nach vorne.
Der Mann wagte nicht, zu widersprechen. In den letzten zwei Wochen war so
viel geschehen, das Mneche Kyemes Widerstand gebrochen hatte. Als ihm der
Hüne anbot, seinem Rat beizutreten oder sich den Kreaturen zu stellen,
war ihm die Entscheidung leicht gefallen. Wie auch den anderen fünf.
Jeder von ihnen hatte einen anderen beruflichen Hintergrund. Es schien, als
sehe er in ihnen eine Art von Kabinett.
Kyeme schauderte, als sich in dem breiten Türrahmen eine Gruppe dieser
Kreaturen abzeichnete, die schwerfällig in den Raum wankten. Jede von
ihnen trug ein lebloses Bündel über der Schulter. Achtlos warfen
sie die toten Körper vor Eser Kru auf den Boden und verschwanden dann
wieder im Freien.
Ein Seitenblick des Hünen genügte, damit der Offizier vorwärts
trat.
Französisches Spezialkommando, kommentierte er den Anblick
der übel zugerichteten Körper nach einer kurzen Begutachtung der
Uniform, die die Leichen trugen. Sie sollen normalerweise Eingeschlossene
befreien oder Anschläge durchführen.
Eser Kru lächelte. Also versuchen sie es noch immer. Wann werden
sie es lernen?
Was erwarten Sie?, entgegnete Kyeme mit einem Mut, über den
er sich selbst wunderte. Sie halten das Gebiet besetzt und lassen diese,
diese
Wesen jeden angreifen, der diese Region betritt.
Nur solange, bis die Stämme mir den nötigen Gehorsam erweisen.
Ich nehme mir das, was mir zusteht. Wie ich dieses Ziel erreiche, ist dabei
nebensächlich.
Auch wenn Sie alle Menschen töten müssten?
Der Hüne sah den Offizier einen Augenblick lang prüfend an. Dazu
wird es nie kommen. Menschen sind Schafe. Das solltet ihr Soldaten am besten
wissen.
Ohne eine Erwiderung des Mannes abzuwarten, verließ Eser Kru den Raum
und zog sich in einen hinteren Teil des Gebäudes zurück. Die letzten
zwei Wochen hatten ihn viel Kraft gekostet. Seine alte Macht war noch lange
nicht zurückgekehrt. Noch immer hing über dem Tempel der Schatten
Shions, dessen Präsenz seine Magie eindämmte.
Er hatte viel zu viel an Energie freisetzen müssen, um den Ungehorsam
der Menschen zu brechen, ohne einen wirklichen Fortschritt erzielt zu haben.
Die Kreaturen aus der Erde zehrten fortwährend an seinen Kräften,
entzogen ihm nötige Substanz, die er hier, in der Tiefe des Tempels,
eher benötigte.
Eser Kru passierte einen schmalen Korridor. Vier Wachen nahmen Haltung an,
als er an ihnen vorbei schritt und seine Gemächer betrat. Sofort umschwärmten
ihn zwei der Frauen, die er zu seiner Unterhaltung behalten hatte. Er verscheuchte
eine von ihnen mit einer unwirschen Handbewegung und ließ sich von der
anderen etwas zu trinken einschenken. Der Raum war spartanisch eingerichtet.
Nur mehrere Vorhänge trennten den Vorraum von seinem eigenen Schlafgemach
sowie dem Bereich für die Frauen.
Der Hüne nahm auf einer steinernen Liege Platz, die mit zahlreichen schweren
Kissen bedeckt war. Seine Gedanken wanderten zu Talon, während die Frau,
die ihn begleitete, mit einem warmen Tuch den Schweiß von seinem Körper
rieb.
Er hatte dessen Flucht nicht weiter verfolgt. Offensichtlich war er in einige
Kämpfe mit seinen Leuten verwickelt worden. Doch ihm war nicht klar,
ob er sich tiefer in den Tempel zurückgezogen hatte oder nach draußen
geflohen war.
Es war einerlei. Eser Kru war nicht gewillt, sich mit dem Problem mehr als
nötig zu beschäftigen. Sollte der Weiße wieder auftauchen,
würden ihn seine Kreaturen erwarten
Die Sonne stand bereits tief im Westen, als sich Talon aus seinem Versteck
am Berghang löste. Seit mehreren Stunden harrte er im Schatten eines
vorstehenden Felsen aus und wartete auf den anbrechenden Abend, um sich im
Schutz der Dunkelheit zurück zum Tempel zu schleichen.
Er wusste selbst nicht, was ihn hierher zurückbrachte.
Waren es die Worte des alten Mannes gewesen? Er fühlte sich niemandem
gegenüber verpflichtet. Weder Shions Wachen, die ihm ablehnend gegenüberstanden
noch den Menschen in der Umgebung, deren Nähe er seit über drei
Jahren mied. Oder war es das Gefühl, an den einzigen Ort zurück
zu kehren, der ihm noch blieb? Er hatte das Gefühl, etwas verteidigen
zu müssen, das ihm gehörte. Das begann, zu einem Teil von ihm zu
werden, unabhängig davon, ob er wollte oder nicht.
Talon schlich in gebückter Haltung vorwärts. Die Wunden an seinem
Körper schmerzten noch immer bei jeder Bewegung, doch sie behinderten
ihn nicht mehr. In wenigen Augenblicken hatte er die freie Geröllfläche
überwunden und tauchte in den Schatten der Blätterkronen der Bäume
ein, deren herabhängende Äste bis nahe an den Steinhang wuchsen.
Er wollte nicht den Zugang zum Tempel benutzen, durch den er geflohen war.
Die Gefahr, dass Eser Krus Männer den Weg entdeckt hatten und dort warteten,
war zu groß. Shion hatte ihm viel über den Aufbau des Tempels erzählt.
Es gab Dutzende von Möglichkeiten, in das Gebäude einzudringen,
und eine von ihnen lag beinahe zugewachsen unter einem schmalen Vorsprung,
den Talon nun vor sich entdeckte.
Er hatte von Akheem ein einfaches Steinmesser sowie einen hölzernen Stab
mit auf den Weg bekommen. Der Stab hatte ihm den beschwerlichen Abstieg als
Stütze deutlich erleichtert, doch Talon unterschätzte die Möglichkeit
nicht, ihn auch als Waffe einzusetzen.
Ein längst abgestorbener breiter Ast lag über dem Eingang. Efeuranken,
die das tote Holz noch immer umschlangen, hatten den grob behauenen Stein
überwuchert und bildeten einen dunkelgrünen Vorhang aus dünnen
Schlingen. Talon setzte das steinerne Messer an und riss die Ranken von der
Öffnung weg. Abgestandene Luft schlug ihm entgegen. Die schmalen Stufen
waren bedeckt von feinem Geröll, der im Lauf der Zeit in den steilen
Abstieg eingedrungen war.
Auch hier schien der Stein schwach aus sich selbst heraus zu leuchten und
zeigte dem Weißen in der einsetzenden Dämmerung einen Weg nach
unten. Ohne weiter zu zögern stieg Talon die Stufen hinab, wobei er sich
mit einer Hand ständig an der glatten Mauer abstützte. Nach endlosen
Minuten erreichte er den unteren Absatz der Treppe. Er folgte dem schmalen
Durchgang und trat nach zwei Biegungen auf einen breiten Korridor, der direkt
in eine der weiten Galerien mündete, die den weitläufigen Gebäudekomplex
in regelmäßigen Abständen durchzogen.
In diesem entfernten Bereich des Tempels herrschte vollkommene Stille. Eser
Kru schien noch immer keine Zeit darauf zu verwenden, jede Ecke kontrollieren
zu lassen, und so kam Talon rasch vorwärts. Dennoch hielt er sich ständig
im Schatten der quer stehenden Streben auf, die die hohe Deckenkonstruktion
stützten.
Er wollte sich aus einem weiteren Versteck lösen, als ein schabendes
Geräusch schwach zu ihm drang. Talon hielt inne. Sein Kopf fuhr herum,
und seine Augen sondierten die im Dämmerlicht verschwimmende Umgebung.
Manchmal meinte er, einen Schatten zu sehen. Doch er schrieb es seinen überreizten
Sinnen zu und setzte seinen Weg fort.
Ein gewaltiger Schlag in den Rücken warf ihn zu Boden und presste ihm
die Luft aus der Lunge. Keuchend fing er den Sturz ab und warf sich instinktiv
zur Seite. Neben ihm schlug etwas in den Boden ein.
Talon glaubte, seinen Augen nicht zu trauen, als er den Angreifer erkennen
konnte. Angewidert verzog er den Mund, als er die grausam entstellte Kreatur
betrachtete, deren gewandte Bewegungen dem verkrüppelten Körper
Lügen straften. Das nackte Fleisch war über und über mit eitrigen
Wunden und schwärenden Brandnarben übersät. Leere Augenhöhlen
blickten ihn aus einem zerfressenen Schädel an, an dessen Kinn längst
verweste Hautfetzen hingen.
Erneut schlug das Wesen mit seinen überlangen Armen zu. Die Krallen an
den knorrigen Fingern leuchteten wie scharf geschliffene Messer im schwachen
Licht. Talon rollte sich wieder zur Seite und entging dem Hieb. Er kam auf
die Füße und benutzte den langen Holzstab. Mehrere Angriffe der
Kreatur konnte er damit zu Seite schlagen, doch er wich dabei immer weiter
zurück. Das Wesen ließ sich von seinem Trieb, ihn töten zu
wollen, nicht abbringen.
Er machte aus der Not eine Tugend und beschloss, vor dem Wesen zu flüchten.
In der Hoffnung, dass die Kreatur nicht genauso beweglich war wie er, schwang
er sich über die Balustrade der Galerie, die gut zehn Meter über
dem Boden verlief und sprang auf eine der Streben zu, die unter ihm quer über
den offenen Platz ragte. Einen Moment taumelte er, als er seine Füße
auf das glatte Material setzte, doch dann nutzte er den Schwung aus und hastete
den steinernen Pfeiler entlang.
Talon sah nach oben. Das Wesen war ihm bis jetzt nicht gefolgt, doch nun sprang
es hinterher und schien keine Mühe zu haben, ihm nachzusetzen. Er fluchte
und rannte los. Aus dem fahlen Licht tauchten zwei weitere Schatten auf. Natürlich
hatte die Kreatur keine Eile gehabt, ihm zu folgen, wenn sie wusste, dass
hier unten weitere ihrer Art auf ihn warten würden!
Auch wenn sich die beiden neuen Angreifer noch schwerfällig bewegten,
zweifelte er keine Sekunde daran, dass auch ihre Reaktionen blitzschnell folgen
würden. Er blickte sich um. Zu seiner Rechten ragte ein Vorsprung die
ganze Länge des Weges in die Höhe. Doch er lag gut drei Meter über
ihm. Zu hoch, um sich auf ihn zu retten.
Die Kreaturen schlossen ihren Kreis näher um ihr Opfer. Der Mann aus
dem Dschungel umfasste den Holzstab abwehrbereit mit beiden Händen und
erwartete den ersten Angriff. Doch noch bevor das erste Wesen zuschlagen konnte,
löste sich ein mächtiger schwarzer Schatten aus der Dämmerung
und riss zwei der Kreaturen zu Boden.
Der massige Körper wütete unter den zerrissen wirkenden Gestalten.
Unwirklich schrille Töne lösten sich von den zerfetzten Lippen,
als schwere Pranken durch das untote Fleisch fuhren und es auseinander rissen.
Shion!, lachte Talon kehlig auf. Er wehrte die dritte Kreatur
mit einem Hieb ab, die sich trotz der überraschenden Wendung nicht von
ihrem Ziel löste. Es dauerte nur Augenblicke, bis der schwarze Löwe
die beiden Wesen besiegt hatte. Dunkle Fetzen lagen über den hellen steinernen
Boden verstreut.
Die glutrote Öffnung seines gewaltigen Mauls grub sich der Breite nach
in den dritten Leib und schmetterte ihn zu Boden. Kurz noch zuckten die Gliedmaßen
in einer abwehrenden Haltung auf, dann brach der Körper unter dem Druck
der Kiefer knirschend auseinander.
Ich bin froh, dass du zurück gekommen bist, gestand Talon
dem nachtschwarzen Wesen ein, als der Kampf vorbei war.
[Es ist mein Versäumnis. Ich habe dich viel zu früh alleine gelassen.
Du hast noch viel zu lernen.] folgte die kurze Erwiderung. [Lass' uns
dem Tempel zurückerobern.]
Talon lächelte und folgte dem schattenhaften Löwen.
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 13
Das vergessene Land
© Copyright aller Beiträge 2004 by Thomas Knip. Nachdruck, auch
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