
Talon Nummer 14
Blutmond
von
Thomas Knip
Abwartend stand Talon am Rand der Lichtung und hielt sich mit einer Hand an
einer lose herabhängenden Liane fest. Die tief stehende Sonne fiel in
schmalen Bahnen durch das dicht zusammengewachsene Blätterdach und erhellte
nur wenige Stellen des offenen Platzes, der sich in einer geschwungenen Linie
durch die Baumreihen zog.
Es war erst gestern, dass er zusammen mit Shions Garde aus dem Tempel geflohen
war und sich hierher zurückgezogen hatte. Der Platz lag mehrere Kilometer
von dem wuchtigen Gebäudekomplex entfernt tief im Dschungel versteckt,
und so war die Gefahr äußerst gering, dass eine Patrouille von
Eser Kru auf sie aufmerksam werden würde. Selbst bei ihrer Flucht aus
dem verwirrenden Labyrinth von Gängen waren sie keiner Wache mehr begegnet.
Der Hüne, der den Tempel besetzt hielt, hatte bei seinen Machtkämpfen
inzwischen offensichtlich so viele Leute verloren, dass er nicht einmal mehr
die Tiefen des Gebäudes sichern konnte.
Talon sah zu, wie sich N'keles Männer an einer Stelle am Rand der Lichtung
zu schaffen machten, die mit einem kaum zu durchdringenden Gewirr aus Schlingpflanzen
und Efeu überwuchert war. Sie hatten auf ihrer Flucht nichts mit sich
nehmen können, und so waren sie gezwungen, das Gestrüpp mit ihren
bloßen Händen auseinander zu reißen. N'keles bunter Kopfschmuck,
der seinen kahl geschorenen Kopf wie den der anderen Männer einer Mähne
gleich zierte, wippte bei den ruckartigen Bewegungen aufgeregt hin und her.
Erleichtert schrien die Männer auf, als der Widerstand der Pflanzenstränge
nachgab und einen Blick auf die gähnende Öffnung freigab, die sich
dahinter verbarg. Talon hatte bis jetzt nicht verstanden, warum sie an diesem
unscheinbaren Punkt mitten in der Wildnis des Dschungels Halt gemacht hatten,
und das geheimnisvolle Lächeln des Anführers von Shions Garde trug
nicht viel zur Klärung bei.
N'kele verteilte die knapp zwanzig Mann, die mit ihnen zusammen geflohen waren,
durch kurze Befehle. Die meisten von ihnen verschmolzen binnen weniger Augenblicke
mit dem schattenhaften Farbenspiel des Dschungels und sicherten die Lichtung
ab, während sich eine kleine Gruppe von drei Mann mit ihm zusammen vor
der dunklen Öffnung versammelte. Er winkte Talon zu sich herüber.
Das ist der Eingang in eine versteckte Kammer, erklärte er
dem Weißen und deutete mit dem Finger in dem schmalen Gang, der sich
nun im abendlichen Licht abzeichnete. Es gibt mehrere von ihnen, alle
angelegt von Eser Kru selbst und seiner Familie.
Und was finden wir dort unten?, wollte Talon wissen.
Das, was wir brauchen, erwiderte der Hüne mit der bronzefarbenen
Haut. Ohne weiter abzuwarten, zwängte er sich an den starren Lianen vorbei
und betrat die Öffnung, die direkt in eine steile, in die Tiefe führende
Treppe überging. Talon folgte ihm kommentarlos. Er spürte, wie sehr
es die Männer genossen, ihm an Wissen und Erfahrung überlegen zu
sein. Sie waren nicht bereit, ihn als ihren neuen Herrn anzuerkennen und ließen
es ihn immer noch spüren.
Und er wusste nicht, ob er bereit war, um diese Anerkennung zu streiten.
Hinter ihm folgten schweigsam die drei anderen Männer. Obwohl draußen
die Sonne bereits unterging, war der Treppengang von einem gleichmäßigen
Lichtschein erhellt, der jenem glich, der die Tiefen des Tempels erfüllte.
Bereits nach gut zehn Metern mündeten die Stufen in eine gedrungene Kammer
aus grob behauenen, riesigen Steinplatten. Die Luft war abgestanden und roch
nach lange verwesten Pflanzenresten. Zahlreiche Insekten huschten vor den
Eindringlingen über den Boden davon und verkrochen sich in den Steinritzen.
Talon sah sich um. Jetzt verstand er, warum die Männer darauf aus waren,
eine dieser Kammern zu finden. An den Wänden waren lange Holzbalken befestigt,
in deren Halterungen aus brüchigen Lederschlaufen mannslange Speere mit
langen, breiten Klingen steckten. Die Witterung hatte den Waffen offensichtlich
zugesetzt, dennoch waren sie in einem weitaus besseren Zustand, als Talon
es erwartet hätte.
Es mochten gut hundert Speere sein, die hier zusammengetragen worden waren.
Mit einem Seitenblick entdeckte er eine flache Kommode, in der mehrere Messer
mit einer unterarmlangen, wuchtigen Klinge aufgeschichtet lagen, die eher
Kurzschwertern glichen.
Talon nahm eine der archaisch wirkenden Waffen in die Hand und schwang sie
leicht durch die Luft, um ihre Stabilität zu testen. Zufrieden steckte
er das Messer in den breiten Lendengurt, der das Tuch aus Antilopenleder um
seine Hüften hielt. Währenddessen hatte N'kele die anderen Männer
angewiesen, so viele Speere wie nötig aus den Schlaufen zu ziehen und
nach oben zu tragen. Er selbst nahm eine der Lanzen in die Hand und betrachtete
sie sich lange.
Wie ist es?, sprach er Talon plötzlich an, als sie alleine
waren. Kannst du mit so etwas umgehen? Ohne weiter abzuwarten,
warf er ihm die Waffe zu. Der Weiße fing den Speer geschickt ab, drehte
den Schaft in der Hand, um ihn besser halten zu können. Seine Augen richteten
sich auf den Farbigen, als er sich kurz zurücklegte und den Speer dann
mit aller Wucht von sich schleuderte. Er bohrte sich neben N'kele in einen
der Holzbalken an der Wand. Das Schaftende wippte leicht nach.
Lassen wir es dabei bewenden, dass ich es kann, erklärte
Talon kühl. Die Spannung zwischen den beiden Männern schien in der
dunklen Umgebung förmlich Funken zu schlagen.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, nickte der Hüne und verließ
die kleine Kammer, eines der Messer an sich nehmend, das er wie Talon in seinen
Gürtel steckte. Nachdem sie die Treppe passiert hatten und den im Dunkel
der anbrechenden Nacht liegenden Dschungel betraten, zogen mehrere der Männer
das Gestrüpp wieder vor den Eingang und deckten ihn mit neuen Blättern
und Lianen ab. Jede der Wachen hatte inzwischen eine der Lanzen erhalten.
Die meisten von ihnen machten einige Übungen mit den langen Waffen oder
forderten sich zum Test gegenseitig zu Duellen heraus.
In der Dunkelheit huschten die Körper wie Schemen über die Lichtung.
Nur das Aufeinandertreffen von Schäften oder Klingen durchbrach dieses
unwirkliche Bild mit Klängen voller Deutlichkeit.
Längst schon war die Sonne untergegangen, und der Mond stand flach über
dem Horizont. Doch sein Licht warf keinen hellen Schein auf die weit geschwungene
Landschaft. Tiefrot erfüllt waberte die abendliche Luft und legte sich
schwer auf die Männer, die dieses Bild voller Unbehagen betrachteten.
Wir brechen auf, zerschnitt Talons Stimme leise den Augenblick.
N'kele zuckte fast erschrocken zusammen, als ihm der Weiße die Hand
auf den Oberarm legte und ihn aus seiner Betrachtung riss. Shion erwartet
uns.
Der dunkelhäutige Hüne nickte ernst und rief seine Männer mit
kurzen Befehlen zusammen. In einer lang gezogenen Linie tauchte die Gruppe
wieder in den Dschungel ein und bahnte sich einen Weg durch den dicht bewachsenen
Untergrund. Langsam führte der Weg bergauf. Der schwarze Löwe wollte
sie auf einer kleinen Anhöhe erwarten, die einen Blick auf die umliegende
Ebene freigab.
Nach gut zwei Stunden ließen sie die letzten Ausläufer des grünen
Pflanzenmeeres hinter sich und stiegen den kleinen Hügel empor, dessen
karger, dunkelbrauner Boden nur von wenigen trockenen Savannengräsern
bedeckt war. Talon hob den Kopf an. Gut zwanzig Meter über sich konnte
er die kleine Anhöhe ausmachen, die ein kleines Plateau bildete. Auf
der äußersten Kante ruhte auf einem schroff abfallenden Felsen
der dunkle, wuchtige Leib Shions.
Obwohl das schemenhafte Wesen nur aus Schwärze bestand, hob es sich vor
dem nächtlichen Himmel deutlich ab und schimmerte aus einem inneren Licht
heraus, das voller Energie zu wirbeln schien. Es ruhte auf dem Felsen wie
eine lange vergessene Statue und bewegte sich auch nicht, als die Männer
die Kuppe erreicht hatten.
Erst als sich Talon neben dem schwarzen Löwen niederließ und sein
Blick über die Ebene schweifte, wandte das Tier den massigen Kopf. Die
roten Augen leuchteten gluterfüllt auf.
[Ich habe vergessen, wie es ist, den Tempel zu verlassen. Die Welt ist
mir so fremd geworden, so unwirklich], hallte die Stimme im Kopf des Mannes
wider.
Leise lachte Talon auf, doch dabei schwang mehr an Bitterkeit als Erheiterung
in seiner Stimme. Was hält dich davon ab, hier zu bleiben?
Shions Kopf fuhr hoch.
[Das], erwiderte er nur knapp und deutete mit der Schnauze auf den
blutroten Mond, der nun hoch über ihnen stand. [Du stellst die Frage
nicht aus Unwissenheit, Talon, sondern weil du die Konsequenz der Antwort
fürchtest.] In einem imaginären Wind wirbelten die schattenhaften
Enden der Mähne auf. [Wenn wir Eser Kru nicht aufhalten, wird etwas
beginnen, das niemand mehr aufhalten kann. Es ist meine Verantwortung. Die
Kräfte, die in diesem Tempel wohnen, dürfen niemals unkontrolliert
freigesetzt werden. Alleine dass ich hier draußen bin, ist ein Wagnis.
Auch ich müsste mich in den Tiefen der Mauern verborgen halten.]
Nachdenklich richtete Talon seinen Blick in die Ferne. Es schien ihm,
als bestehe die ganze Welt in diesem Augenblick nur aus dem Felsen, auf dem
er saß, und dem Bild, das die Landschaft vor ihm erfüllte.
Wann geht es los?, fragte er den schwarzen Löwen unvermittelt,
ohne ihn dabei anzusehen.
[Morgen. Dann hat der Mond seine volle Größe erreicht.]
Schweigend nickte Talon. Unter ihm zeichnete sich der gedrungene, weitläufige
Bau der Tempelanlage schemenhaft im Dunkel der Nacht ab.
Fast schon bedächtig strich die prankenhafte Hand über den dunklen
Stein.
Eser Kru blickte auf das Relief des sarkophagähnlichen Gebildes, das
neben weiteren aufrecht stehend in einer Nische tief verborgen im Inneren
des Tempels ruhte. Die feinen Arbeiten auf der Oberfläche der Sarkophage
waren mutwillig zerstört worden, so dass sich die Linien der Gesichter
nicht erkennen ließen, die den Deckel einst verziert hatten.
Heute Nacht, flüsterte er mit belegter Stimme. Dann
hole ich euch zurück.
In dieser Nacht würde der Mond seine volle Größe erreichen.
Dann ließen sich Kräfte freisetzen, die es ihm ermöglichten,
einen weiteren Baustein aus der Vergangenheit zurück zu holen. Nur widerwillig
hatte er sich eingestehen müssen, dass es ihm nicht gelingen würde,
das Land wieder alleine unter seine Kontrolle zu bringen. Er war angewiesen
auf die Hilfe anderer. Doch die einzigen Menschen, denen er zutraute, ihm
auf seinem Weg zu folgen, waren tot begraben seit Jahrtausenden unter
Schichten des Vergessenes und des Zerfalls.
Seine Familie war so alt wie die ersten Zivilisationen, die diese Gegend besiedelt
hatten. In ihnen war der Geist all dessen verkörpert, was die Menschen
beseelte. Zusammen mit den ersten Priesterkönigen, die diesen Tempel
erst hatten erbauen lassen, konnte er die Stämme davon überzeugen,
sich ihm anzuschließen.
Das Bild eines schwarzen Löwen schoss ihm durch den Kopf. Shion
er hatte die gefangenen Wächter befreit, und mochten die Götter
wissen, wohin er mit ihnen geflohen war.
Einen Tag noch, dann würde er die schattenhafte Bestie jagen und
stellen können. Mit der Hilfe seiner Ahnen war der Löwe keine
Bedrohung mehr.
Nachdenklich schritt Eser Kru die breiten Treppen nach oben. Die Ruhe, die
fast greifbar die weiten Hallen und Gänge durchzog, legte sich wie ein
schwerer Mantel auf sein Bewusstsein, der ihn einhüllte wie ein Traumwerk
längst vergangener Zeiten. Fast erleichtert atmete er auf, als er die
oberen Galerien erreichte, die vom Tageslicht erhellt wurden, das in breiten
Bahnen durch schmale Schlitze ins Innere des Gebäudes fiel.
Mit mächtigen Schritten ließ er die verlassenen Regionen des Tempels
hinter sich und steuerte auf den Haupttrakt zu, in dem neben seinen Räumen
auch der große Empfangsbereich lag.
Eine Gruppe von Personen erwartete ihn am Eingang des weitläufigen Saals,
an dessen gegenüberliegendem Ende durch die hohen Fensteröffnungen
das Bild des Dschungels fiel, gekrönt von einem weiten, blassblauen Himmel.
Eser Kru erkannte die meisten von ihnen als die wenigen verbliebenen Männer
und Frauen, die ihm noch geblieben waren. Es waren acht von ihnen, die eng
beieinander standen und sich offensichtlich unbehaglich fühlten. Der
Hüne war etwas verärgert. Er hatte feste Zeiten, zu denen er seine
Leute konsultierte, und er duldete es nicht, wenn sie sich in einem Bereich
des Tempels befanden, den er für sich und seine Ruhe beanspruchte.
Was wollt ihr?, herrschte er sie an, noch bevor er die Gruppe
erreicht hatte. Seine tiefe Stimme hallte durch den hohen Gang und brach sich
an den Wänden. Augenblicke lang wagte keiner von ihnen zu sprechen. Sie
tauschten eine Vielzahl von Blicken aus, bis ein dürrer, älterer
Mann mit einem ungepflegten, kurzen Bart das Wort ergriff.
Herr, begann er zögerlich. Wir wir wissen,
dass wir nicht stören sollten. Doch, das, was die letzten Tage über
passiert ist
es beunruhigt uns!
Ja? Und?, entgegnete Eser Kru desinteressiert.
Eine Frau mit kurz geschorenen Haaren riss allen Mut zusammen und legte ihm
ihre Hand auf den Unterarm.
Wir sorgen uns um unsere Familien, Herr. Wir wissen nicht, ob sie noch
leben!
Eser Kru wandte den Kopf und sah die Frau verärgert an. Er schüttelte
ihre Hand ab und streckte ihr drohend den Zeigefinger entgegen. Doch in dem
Augenblick, in dem er sie ermahnen wollte, gellte ein Schrei hinter ihm auf.
Stirb!, schrie eine helle Stimme, dann bohrte sich etwas glühend
heiß in seine linke Seite. Der Hüne schrie auf und fuhr herum.
Seine Linke tastete nach der Stelle, in die eine der Frauen das Messer gestoßen
hatte, das noch immer in seinem Rücken steckte.
Sie blickte ihn aus großen Augen an. Ihre Mundwinkel zuckten unkontrolliert.
Abwehrend hob sie ihre Hände. Jetzt griffen auch drei weitere der Umstehenden
unter ihre Kleidung und brachten Messer zum Vorschein, von denen sich manche
bestenfalls für die Arbeit in der Küche eigneten. Die Aktion der
Frau hatte ihnen Mut gemacht, und so sprangen sie auf Eser Kru zu, der einen
Moment lang zurücktaumelte.
Eine Klinge, die er mit dem Arm abwehrte, hinterließ eine lange, blutige
Spur auf seinem Unterarm. Ein zweites Messer fuhr in seinen Oberschenkel.
Der Mann drehte es in der Wunde herum, um die Verletzung noch zu vergrößern.
Noch blieben die anderen abseits stehen und warteten ab, wie sich die Lage
entwickelte.
Doch Eser Kru war längst nicht mehr bereit, sich weiter zurückdrängen
zu lassen. Er packte den Mann, der das Messer noch immer nicht losgelassen
hatte, am Hals und riss ihn empor. Knirschend brach das Genick in der prankenhaften
Umklammerung. Wie eine leblose Puppe schleuderte der Hüne den Mann in
die übrige Gruppe. Kreischend sprangen die Menschen zur Seite.
Er zog das kleine Messer aus der heftig blutenden Wunde an seinem Rücken
und warf es wütend beiseite. In diesem Augenblick bohrte sich eine weitere
Klinge zwischen seine Rippen. Eser Kru legte sein ganzes Gewicht gegen den
Stoß und spürte, wie der Stahl noch tiefer in sein Fleisch eindrang.
Doch damit trieb er die Angreiferin in die Enge, die nicht mehr ausweichen
konnte. Seine Faust warf ihren Kopf nach hinten und schleuderte den Körper
mit ganzer Wucht gegen eine der Wände. Die Frau sackte an der Stelle
zusammen und kippte dann noch vorne über, während sich unter ihrem
Kopf eine dunkle Blutlache sammelte.
Er umfasste das Messer am Griff und zog es langsam aus seiner Seite.
Entsetzt sahen die Menschen, die sich um ihn versammelten, dabei zu. Sein
Gesicht verzog sich wie das einer Hyäne zum Grinsen, als er ihnen die
blutverschmierte Waffe entgegenschleuderte.
Noch bevor sich der Bann löste und in ihnen der Wunsch lebendig wurde
zu fliehen, grollte Eser Krus Stimme durch den Saal. Seine Beschwörungen
riefen einen Wind herbei, der sich aus dem Nichts löste und die Menschen
erfasste wie Blätter welken Laubs. Voller Wucht wurden sie von dem Strudel
emporgerissen und durch die Luft geschleudert. Hart prallten ihre Körper
gegen die Wände, doch noch immer ließ der Sog nicht nach. Je fester
er sie gegen den Stein drückte, desto mehr nahm er an Intensität
zu.
Der Hüne stand am anderen Ende des Saals und lachte auf, während
der Wind den Menschen das Leben vom Leib riss. Die Schreie der sechs überlebenden
Attentäter hallten durch die weiten Räume und schwollen noch weiter
an, je mehr der Wind ihre Haut aufriss und jede Faser ihres Lebens aus ihnen
peitschte.
Eser Kru sah nur die Energie, die der Wind ihm zutrug und damit die schweren
Wunden an seinem Körper heilte. Er nahm alles in sich auf, was die sterbenden
Leiber loslassen mussten. Als er sich genesen fühlte, beendete er den
Zauber mit einer gleichgültigen Handbewegung. An den Wänden glitten
die Überreste dessen herab, was vor wenigen Minuten noch atmende Menschen
gewesen waren.
Jetzt erst drangen von draußen mehrere Befehle in den Saal. Etwa ein
Dutzend Männer stürmte in den großen Raum. Unter ihnen war
einer der wenigen, denen Eser Kru überhaupt traute. Amoshe Lwende war
ein drahtiger Mann Anfang Dreißig, dem er die Leitung der Wachen im
Freien übertragen hatte. Als der Mann mit dem Kinnbart sah, dass der
Hüne unverletzt war, verschaffte er sich einen kurzen Überblick
und nahm das, was er entdeckte, ungerührt zur Kenntnis.
Er befahl mehreren Männer, die Leichen fortzuschaffen und kommandierte
dann vier von ihnen ab, die Eser Kru in seine Gemächer begleiten sollten.
Dieser nickte ihm zufrieden zu und überließ Lwende das weitere
Vorgehen.
Wie viele mochten es noch sein, die ihm nach dem Leben trachteten? Sie konnten
ihm nicht ernsthaft gefährlich werden, dennoch beunruhigte ihn der Gedanke.
Er strauchelte auf dem Weg in seine Gemächer mehrmals und musste sich
von den Wachen stützen lassen. Der Angriff hatte ihn mehr Kraft gekostet,
als er sich eingestehen wollte.
Heute Nacht, brannte der Gedanke voller Feuer in seinem Bewusstsein.
Heute Nacht
Gedankenverloren nahm Talon an diesem Vormittag einen Schluck lauwarmen Wassers
aus einer Kalebasse und stellte sie neben sich ab. Er griff nach einer gedünsteten
Okraschote, die in einer flachen Tonschale lag, und brach sich etwas Brot
ab.
Noch vor Tagesanbruch waren mehrere der Männer losgezogen und hatten
die umliegenden Dörfer besucht. Sinn der Expedition war es, um Essen
und Trinken zu bitten, denn Talon war nicht bereit, die Deckung aufzugeben
und sich vielleicht auf der Suche nach Nahrung zu verraten.
Doch noch mehr interessierte ihn, wie sich die Kräfte auswirkten, die
Eser Kru freigesetzt hatte. Viele der Ortschaften waren offenkundig durch
die Angriffe der untoten Kreaturen gezeichnet. Manche waren von den wenigen
Überlebenden aufgegeben worden. Viel mehr noch als diese Attacken hatte
Eser Krus Eingriff in die Zeit das Bild verändert, das sich den Männern
geboten hatte. Kaum etwas hatte sich wirklich verändert, dennoch hatte
der Erkundungstrupp keine neueren technischen Geräte mehr entdecken können.
Es wirkte wie ein nicht zu Ende geträumter Traum, in dem sich die Menschen
bewegten wie in einem Halbschlaf, aus dem sie nicht völlig erwachten.
Viele von ihnen empfingen die Männer mit einem Respekt, den diese seit
Jahrhunderten nicht mehr erfahren hatten. Als sei die Vergangenheit in einer
Art und Weise wieder lebendig geworden, die sich viel mehr in den Menschen
selbst manifestierte, als in der Umwelt.
Talon war sich nicht sicher, welche Konsequenzen all das haben würde,
was Eser Kru verursacht hatte. Noch weniger wusste er, ob es sich wieder umkehren
ließ.
Lustlos schluckte er den letzten Rest Essen herunter und spülte mit etwas
Wasser nach, dann erhob er sich mürrisch. Während er sich so vorkam,
als warte er darauf, dass andere für ihn die Entscheidungen trafen, pflegten
die meisten der Männer ihre Waffen und polierten das Metall der Klingen,
während sich andere in Form hielten.
Er ging zu N'kele herüber, der im Schatten eines hohen Felsens saß
und seine Männer beobachtete. Ohne den Farbigen zu grüßen,
ließ er sich neben ihm auf dem staubigen Boden nieder. Der Anführer
von Shions Garde schien den Ankömmling nicht weiter zu beachten und gab
seinen Männern immer wieder Befehle. Minuten vergingen, in denen sich
Talons Blick im Nichts verlor. Shion selbst war verschwunden. Als habe er
sich mit dem Licht des anbrechenden Tages aufgelöst wie ein Schatten.
N'kele, beendete er die Stille, ich möchte wissen,
was damals geschah.
Talons Gestik zeigte dessen eigene Unschlüssigkeit. Du, Shion,
Eser Kru. Ihr kommt alle aus der gleichen Vergangenheit. Ihr seid, er
lachte kehlig auf, offenbar Jahrtausende alt und kennt eine Welt, die
selbst in den Sagen vergessen wurde. Was ist damals geschehen? Woher kommt
Shion?
Der Hüne sah ihn mit einem undeutbaren Blick an, bevor er endlich zu
erzählen begann.
Das, was ich dir jetzt erzähle, kenne selbst ich nur aus Legenden.
Ich wurde erst viel später in den Tempel gerufen. Nun gut. Damals war
diese Gegend hier kultiviert, mit Kanälen durchzogen, die das Wasser
vom weit entfernten Kongo das ist der Name, unter dem du den Fluss
kennst, richtig? umleiteten. Erst im Lauf der Zeit drang der Dschungel
immer weiter vor, als alles zerfiel. Entlang dieses Weges führte die
Straße, deren Ruinen du heute noch siehst, weit nach Norden. Ich war
nie dort. Ich weiß nicht, wo sie endet. Diese Straße säumten
ganze Städte, alle unter der Herrschaft einer Priesterschaft, die von
einer Familie geleitet wurde der, aus der auch Eser Kru entstammt.
Man sagt, sie hatten die Macht, selbst die Götter und die Geister zu
befehligen. Und sie knechteten die umliegenden Stämme und Reiche, bis
ihnen jeder gefügig war.
Dieser Herrschaft stellte sich eines Tages Shion entgegen. Er soll aus den
Tiefen des Tempels selbst gekommen sein, als Warnung der Götter an Eser
Krus Familie, diese Macht nicht länger zu missbrauchen. Es kam zum Kampf
zwischen Shion und den Priestern, der sich schnell zu einem Bürgerkrieg
ausweitete. Damals wurden viele der Reiche zerstört, von denen heute
nicht einmal mehr Ruinen zeugen. Shion besiegte die Priester, und aus den
führenden Köpfen der Revolte formte er seine Garde, die für
ihn die Ordnung im Land übernahm.
N'kele hielt inne und atmete tief durch, bevor er weiter sprach.
Als ich in den Tempel berufen wurde, hatte die Garde bereits seit gut
einem Jahrhundert wieder für Ruhe und Frieden gesorgt. Die Menschen empfanden
Shions Herrschaft als Befreiung, denn er ließ sie ihr eigenes Leben
führen und sah sich als nicht mehr als den Hüter der Kräfte,
die im Tempel wohnen.
Doch Eser Krus Familie war nicht völlig ausgerottet worden. Nachdem sie
sich lange im Verborgenen gehalten hatte, gelang es ihr, durch Bestechung
und Drohungen einige Familienmitglieder und getreue Anhänger in die Garde
einzuschleusen. Damals erreichte unsere Stärke mehr als fünfhundert
Mann, musst du wissen.
Er unterbrach sich erneut und sah Talon mit einem Ausdruck der Unruhe an.
Ich weiß bis heute nicht, ob Shion es nicht gemerkt hat. Oder
ob er es einfach nur duldete. Doch je mehr Anhänger der alten Priesterschaft
in die Garde eintraten, desto deutlicher wurde der Riss, der durch die Parteien
ging jene, die die alte Ordnung wieder herstellen wollten. Und jene,
die genau das zu verhindern suchten. Zu dieser Zeit hatte sich ein direkter
Nachfahre der Priester eine bedeutende Rolle in der Garde erkämpft und
wusste viele der Männer hinter sich: Eser Kru.
Wir dachten, das Wissen um die Kräfte des Tempels sei längst verloren.
Doch Eser Kru wusste sie anzuwenden. Und als er zuschlug, um Shion zu stürzen,
stellte ich mich gegen ihn. Unser Kräfteverhältnis war beinahe ausgeglichen.
Entscheidend war der Kampf zwischen Eser Kru und Shion selbst. Und Shion besiegte
ihn. Doch warum er ihn nicht tötete, weiß ich nicht. Er schickte
ihn nach Norden, ins Exil, beraubte ihn all seiner Kräfte, bis auf das
ewige Leben, das alle aus der Garde besitzen.
Der Farbige strich sich den Schweiß von seinem Unterarm.
Niemand hatte geglaubt, dass er zurückkehren könne. Irgendwann
ging das Wissen an ihn fast verloren, wie alles um uns herum unterging. Als
unsere eigenen Kulturen vergingen, verpflichtete uns Shion, ihm auch weiterhin
die Treue zu halten und seiner eigenen Kultur zu dienen den Löwen,
die dieses Land bevölkern. Er selbst rief im Abstand von Jahrzehnten
die Löwen zu sich, um sich mit ihnen zu messen, ohne dass ihn je einer
besiegen konnte.
Müde blickte er Talon an und verzog die Lippen zu einem schmalen Grinsen.
Bis jetzt. Ich befürchte, er wollte schon bald nach den Kämpfen
mit Eser Kru einen Nachfolger. Als sei er müde und nicht länger
bereit, die Bürde zu tragen, die ihm keiner abnehmen konnte.
Du glaubst nicht, dass ich dieser Nachfolger sein könnte. Nicht
wahr?
N'kele sah Talon offen an und erhob sich.
Glaubst du es denn? Du hast Shion besiegt, weil Eser Kru dir geholfen
hat. Was erwartest du? Dass wir dich willkommen heißen? Wer sagt dir,
dass du nicht der Nachfolger Eser Krus bist?
Ohne eine Antwort abzuwarten, ging der Hüne zu seinen Männern herüber
und rief sie zusammen. Talon hörte nichts von dem, was der Anführer
der Wache zu sagen hatte. Er blieb im Schatten des Felsen sitzen und dachte
lange über die Worte N'keles nach.
Unnatürlich groß prangte der blutrote Mond am Himmel. Sein Licht
erfüllte jeden Schatten am Boden mit einem seltsamen Leuchten und ließ
die dunklen Stellen schimmern, als seinen es offene Stellen einer Wunde, aus
der das Blut floss.
Talon betrachtete sich das Bild durch eine der schlanken, hohen Scharten,
die das Licht von draußen in den Tempel leiteten. Bereits vor Stunden
hatte er sich zusammen mit Shions Garde auf den Weg gemacht und war durch
einen der Seiteneingänge in den Tempel vorgedrungen. Es machte wenig
Sinn, einen direkten Angriff über die zentrale Haupttreppe zu versuchen.
Dort mussten sie den offenen Kampf mit Eser Krus Leuten riskieren, und keiner
von ihnen wusste, über wie viele Männer und Frauen der Hüne
noch verfügte.
Nahezu lautlos arbeiteten sich die Wächter vorwärts, nutzten jeden
Schatten und Vorsprung aus, um wieder im immerwährenden Zwielicht des
Tempels zu verschwinden. Sie kamen auf diese Weise ihrem Ziel nur langsam
näher, doch bislang konnten sie jeden Kampf vermeiden.
Vor ihrem Aufbruch hatte sich Shion ihnen wieder angeschlossen. Sobald die
Sonne versank, war der schattenhafte Löwe wieder erschienen und begleitete
sie. Er bildete nun zusammen mit Talon das Ende der Gruppe, während N'kele
vorne die Lage sondierte.
Wie genau sollen wir vorgehen?, flüsterte Talon dem schwarzen
Schatten zu.
[Eser Kru wird versuchen, die Kräfte des Tempels in dieser Vollmondnacht
zu bündeln. Wenn es ihm gelingt, kann er die Macht all dessen, was in
die Tiefe verborgen liegt, ungehindert freisetzen. Das müssen wir verhindern],
erklärte ihm Shion. [Wir müssen ihn aufhalten. Egal wie.]
Der Plan war mehr als nur dürftig, dachte Talon bei sich. Doch ihnen
fehlten die Optionen, sich eine Alternative zu überlegen. Sie konnten
nicht mehr ausspielen als das Moment der Überraschung. Keiner von ihnen
hatte die Macht, Eser Kru in einem direkten Kampf zu begegnen.
Ohne auf Widerstand zu stoßen, drangen sie weiter in den Tempel vor.
Doch bis jetzt hatte sie erst die entfernten Bereiche des Tempels durchquert,
dessen verschlungene Gänge kaum zu kontrollieren waren. Jetzt erreichten
sie eine der breiten Galerien, die direkt auf den zentralen Saal zuführten.
Diese tunnelartigen Röhren, deren oberes Ende im Dunkel der Deckenkonstruktion
verschwand, boten keine Möglichkeit, sich zu verstecken oder bei einem
Angriff zu schützen. Daher beschlossen die Männer, den Durchgang
so schnell wie möglich zurückzulegen und hasteten los.
Sie hatten bereits mehr als zwei Drittel der Strecke zurückgelegt, als
aus einem der Seitentrakte verzerrte Wortfetzen zu ihnen durchdrangen. Die
Stimmen wurden rasch lauter, und keine zehn Meter von ihnen entfernt tauchte
plötzlich eine Gruppe von einem Dutzend Personen aus einer schmalen Passage
auf.
Die Männer und Frauen standen den Eindringlingen völlig überrascht
gegenüber. Ein kurzer Rundblick und das folgende Nicken N'keles genügte,
und ein Teil der Garde begann den Angriff. Durch Eser Krus Magie ihrer modernen
Schusswaffen beraubt, würden seine Leute den Wachen nicht lange Widerstand
leisten können, dennoch wartete N'kele nicht das Ende des Kampfes ab,
sondern winkte den Rest seiner Männer durch.
Talon und Shion passierten ihn im Laufschritt, während er selbst mit
einem Auge auf den Kampf achtete, der sich hinter ihnen abspielte. Wichtig
war, dass keiner der Gegner entkommen durfte, um Eser Kru zu warnen.
Noch bevor sie das Ende der Galerie erreichte hatten, schlossen die zurückgebliebenen
Männer vollständig auf, die blutbesudelten Speere fest mit beiden
Händen umschlossen. Vor ihnen befand sich der zentrale Trakt des Gebäudes,
der in die große Empfangshalle mündete.
Eser Kru hatte in Trance den Kopf gesenkt und hielt die Arme weit ausgebreitet
von sich.
Sechs Sarkophage umschlossen ihn in einem weiten Kreis, jeder von ihnen ihm
zugewandt. Trotz seiner Körpergröße überragten ihn die
klobigen Särge um fast eine halbe Kopflänge. Das dunkle, holzartige
Material schimmerte in Licht der zahlreichen Ölbecken, die den Raum erhellten,
matt auf.
Der Hüne murmelte unablässig Beschwörungsformeln und wiederholte
sie in immer kürzeren Abständen. Die hohen Durchbrüche in der
Außenmauer gaben den Blick auf den nächtlichen Dschungel frei,
der vom glutroten Schein des Mondes unheilvoll erleuchtet wurde.
Die Luft um Eser Kru verlor sich in zahlreichen kleinen Wirbeln, die die Umrisse
des Farbigen verschleierten. Aus jedem der Sarkophage löste sich ein
schwarzer Faden, der wie eine zähe Flüssigkeit den Wirbel entlang
floss und sich im Zentrum direkt vor dem Hünen sammelte. Zuerst bildete
sich nur ein kleiner schattenhafter Kreis, der jedoch schnell anschwoll und
an Volumen gewann, bis sein Durchmesser einen Meter überschritt. Inmitten
der dunklen Leere blitzten rote und blaue Entladungen kurz auf, die einen
unwirklichen Schein um die Kugel legten.
Eser Kru öffnete den Mund. Unverständliche Laute drangen mit aller
Macht ins Freie. Der Schwarze hob seine gewaltigen Arme an und schien die
Kugel damit zu lenken, die sich mehr und mehr in die Höhe erhob, bis
sie weit über ihm schwebte.
Dann leuchtete ein grelles Licht auf, das von der Kugel auf die rote Silhouette
des Mondes zujagte und einen Verbindung zwischen ihnen beiden schuf. Dort,
wo der Strahl augenscheinlich den Mond erreichte, breitete sich rasch ein
dunkler Schatten aus, der das Licht der Oberfläche mehr und mehr dunkel
verfärbte.
Der Hüne schrie seine Beschwörungen nun in grellen Rufen in die
Nacht. Er konnte es fast körperlich spüren, wie sich die Schwärze
aus der Tiefe des Tempels erhob und sich von der Oberfläche der Welt
löste, um von der dunklen Scheibe am Nachthimmel aufgesogen zu werden.
[Es ist vorbei, Geächteter], dröhnte plötzlich eine
dunkle Stimme hart in seinem Bewusstsein.
Nur langsam verstand Eser Kru den Sinn dieser Worte. Er öffnete die blutunterlaufenen
Augen und sah sich um. Sein Gesicht verzog keine Miene, als er Shion und Talon
entdeckte, die inmitten des weiten Saals standen. Mit einem Seitenblick registrierte
er die Kämpfe im Hintergrund. Die wenigen Männer und Frauen, die
ihm noch verblieben waren, hatte er unter Führung von Amoshe Lwende zum
Schutz des Saals abberufen. Sie waren keine echten Gegner für die Garde,
die den schwarzen Löwen begleitet hatte.
Ein schmales Lächeln umspielte seine Lippen.
Ich freue mich, dich wohlbehalten zu sehen, Kreatur. Wir werden das
heute beenden, hier und jetzt.
[Du kannst noch immer aufhören, Eser], erwiderte Shion. [Geh'
zurück und lasse die Vergangenheit hinter dir.]
Der Hüne schüttelte den Kopf. Ich werde heute die Vergangenheit
endgültig zu mir holen. Ich hoffe doch sehr, du wirst versuchen mich
aufhalten!
Ein schlankes Schemen blitzte im Licht auf und bohrte sich mit aller Wucht
in Eser Krus Brust. Überrascht sah er an sich herab und betrachtete das
Ende der Lanze, das aus seinem Körper ragte. Sein Blick ging zu Talon,
der im Schwung des Wurfs nach vorne gehastet war und auf den Schwarzen zujagte.
Du
knurrte Eser Kru und riss die Lanze aus seiner Brust,
ohne weiter auf die klaffende Wunde zu achten. Aus der schwarzen Kugel, die
noch immer über ihnen schwebte, löste sich ein leichter Schimmer,
der sich in einem matt leuchtenden Glitzern auf die verletzte Stelle legte.
Der Schwarze zeigte, dass er selbst einmal der Garde angehört hatte und
noch immer mit einem Speer umzugehen verstand. Talon tauchte unter dem ersten
Stoß weg, der ihn empfangen sollte und rollte sich über den Boden.
Nur knapp hinter ihm splitterte der steinerne Boden auseinander, als Eser
Kru in der Drehung die Waffe nach ihm hieb.
Der Mann aus dem Dschungel kam in einer raschen Bewegung auf die Beine. Er
konnte jedoch nicht verhindern, dass ihn das stumpfe Ende der Lanze mit einem
kräftigen Hieb in die Seite erwischte. Keuchend taumelte der Weiße
zurück und reagierte nur instinktiv, als das helle Metall vor ihm aufleuchtete.
Er wich zur Seite aus, dennoch zog die Klinge einen langen Schnitt über
seine linke Brust und durchdrang die linke Schulter. Talon biss die Zähne
zusammen und zischte vor Schmerz kurz auf. Eser Kru war schneller als er gedacht
hatte. Dieser warf sich in seinen letzten Hieb und schleuderte Talon mit der
Masse seines Körpers zu Boden.
Schmerzhaft rutschte er über die rauen Steinfliesen und blieb benommen
liegen. Nur verschwommen sah er den gewaltigen Schatten vor sich und hob abwehrend
die Hand. Seine Füße gaben nach, und so stolperte er hilflos nach
hinten.
In diesem Augenblick zerschnitt ein schwarzes Schemen die Luft und prallte
schwer gegen den Körper des Hünen. Talons Sinne klärten sich
wieder. Er sah, wie Shion den gewaltigen Schwarzen zurückdrängte.
Eser Kru versuchte zwar, den wütenden Ansturm des dunklen Löwen
abzuwehren, doch Shions massiger Leib warf den großgewachsenen Mann
immer weiter zurück. Seine mächtigen Pranken hieben tief in die
Haut des Farbigen und zogen ein rotes Muster über den Körper, der
unter der Wucht des Angriffs weiter zurücktaumelte.
Dennoch war Eser Kru nicht bereit, aufzugeben. Er wartete den nächsten
Angriff des schwarzen Löwen ab und packte ihn mit seinen ausladenden
Armen tief inmitten der schemenhaften Dunkelheit, die die Mähne des Wesens
bildete. Während Shion versuchte, sich aus dem Griff zu lösen, presste
der Hüne erneut die Beschwörungsformeln hervor, bei denen er vorher
unterbrochen worden war.
Die schattenumwölbte Kugel rotierte nun schneller um ihre eigene Achse.
Dünne Blitze lösten sich von der Oberfläche und schufen ein
feines Gespinst zwischen den Sarkophagen und Eser Kru, der triumphierend aufschrie,
als er die neue Energie in seinem Körper spürte.
Mehr und mehr hüllte ihn die Schwärze ein, löste seine Konturen
in einer schimmernden Dunkelheit auf, die der des Wesens glich, das er umklammerte.
Beide Gestalten schienen miteinander zu verschmelzen, je mehr die Luft von
dem leuchtenden Nichts erfüllt war, das sie umgab.
Eser Kru stemmte sich nun gegen das Gewicht des schwarzen Löwen, den
er noch immer fest umklammert hielt, und versuchte, dessen Gestalt zu zerbrechen.
Doch in diesem Augenblick zuckte der wuchtige Kopf Shions vor. Die nachtschwarzen
Zähne gruben sich tief in die Schulter des Hünen, dann riss er den
Kopf zurück.
Die Dunkelheit des verwundeten Körpers schien an der getroffenen Stelle
auseinander zu splittern wie zerborstenes Glas. Eser Krus verschwimmende Gestalt
schrie schmerzerfüllt auf und wankte zur Seite. Shion setzte nach. Noch
einmal grub sich das breite Maul tief in den Schatten des Mannes und schloss
sich um dessen Kehle.
Der gellende Schrei erstarb in einem unwirklich klingenden gurgelnden Geräusch.
Kurz noch taumelte die hünenhafte Gestalt, während sich der schwarze
Löwe von seinem Gegner löste. Die schimmernden Fäden, die die
Sarkophage umsponnen, lösten sich in einem schillernden Licht auf und
fielen Wassertropfen gleich zu Boden.
Eser Krus Silhouette streckte die Hand empor, als wolle sie nach der schwarz
leuchtenden Kugel greifen, die nun mit jedem verstreichenden Augenblick an
Substanz verlor und langsam in sich zusammenfiel. Schattiges Blut löste
sich aus den tödlichen Wunden und zersplitterte mit einem hellen Klirren
auf dem ockerfarbenen Stein.
Talon griff nach dem Speer, der nur wenig von ihm entfernt am Boden lag. Erneut
holte er aus und schleuderte die lange Waffe dem sterbenden Schatten entgegen.
Das Metall drang in die zerfließende Kontur ein und riss sie auseinander.
Explosionsartig stoben dunkle Teile in alle Richtungen und trudelten noch
kurz durch die Luft, bis auch sie am Boden zerschellten.
Ein leise verwehender Schrei erstarb in der Tiefe der Nacht.
Epilog
[Du willst wirklich gehen], stellte der schwarze Löwe fest.
Ja, bestätigte Talon. Mag sein, dass ich dein Nachfolger
bin. Vielleicht erkennt mich sogar deine Garde eines Tages an.
Er warf den Kopf zurück und strich sich eine Strähne seines rotbraunen
Haares zurecht, die vorwitzig im Wind des anbrechenden Morgens wehte. Talon
stand alleine mit Shion auf der oberen Plattform, die in der langen Treppe
bis tief nach unten in den Dschungel führte. Am Horizont schob sich die
Sonne über die schroffen Linien der Hügel und zauberte einen pastellfarbenen
Schein auf den morgendlichen Himmel.
Aber vielleicht sollte ich auch nur diesen einen Kampf mit dir kämpfen.
Ich kann deine Stellung nicht einnehmen.
[Noch nicht], gab der Löwe als Antwort zurück. [Doch du
hast von nun an deinen Platz hier. Sieh es als dein Zuhause an, wenn du einmal
eines brauchst. Du bist etwas Besonderes.]
Das sind alle Männer, die mit Schatten sprechen, erwiderte
Talon mehr zu sich selbst und lächelte schmerzerfüllt. Er sah sich
um und erblickte N'kele, der einige Schritte von ihnen entfernt verweilte.
Seine Brust war von einer breiten Bandage umhüllt, die an einer Stelle
rot schimmerte. Der Farbige nickte ihm zu und verbeugte sich leicht, dann
drehte er sich um und verschwand im Inneren des Tempels.
[Wohin wirst du gehen?] fragte Shion. [Die Löwen werden dich
nicht mehr aufnehmen.]
Talon nickte ernst.
Ich habe mir bereits einmal ein neues Leben geschaffen. Mir wird es
auch dieses Mal gelingen.
Mit diesen Worten drehte er sich um und begann den langen Abstieg über
die Treppen in den Dschungel.
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 15
Jagdbeute
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