Talon Nummer 19

„Nayla, die Löwin“

von
Thomas Knip



1.

Zuerst hatte er geglaubt, seinen Augen nicht trauen zu können. Vielleicht hatte er auch nur gehofft, dass es nicht mehr als ein Lichtreflex im Schein der frühen Morgensonne war. Licht, das sich auf einer kühlen, taubedeckten Oberfläche brach und in verschiedenen Facetten schillerte.
Doch es war die Oberfläche selbst, die aus sich heraus zu leuchten begann, sobald sie vom Licht der Sonne gestreift wurde und sich leicht bewegte, waberte, beinahe flüssig wirkte. Als würde die Luft vor Hitze flirren und die Umgebung verzerren.
Das Leuchten wurde intensiver. Kleine Lichter schienen über den roten Lack des rostigen Metalls des Kofferraumdeckels zu tanzen, wie Sandkörner, die über den Boden getrieben wurden.
Talon blickte sich um. Das Leuchten umgab ihn wie Myriaden von Glühwürmchen. Es erstrahlte in einer Vielzahl von Ecken und wirbelte durch die Luft, als würde es von einem wütenden Sturm mit sich getragen.
Das Atmen fiel ihm mit jedem verstreichenden Augenblick schwerer. Er fühlte sich, als würde etwas tief in ihn eintauchen und an ihm zerren. Als versuche etwas, einen Teil aus ihm herauszureißen und mit sich zu tragen. Augenblicke lang fiel es Talon schwer, sich zu konzentrieren. Die unausgesprochenen Gedanken schienen zu zerfasern und zu verblassen, noch bevor er sie beenden konnte. Erst allmählich ließ dieses Gefühl der Ohnmacht nach.
Ein Gefühl der Beklemmung überkam ihn. Der Tanz der Lichtfetzen um ihn herum hatte sich nur wenig verändert. Viele von ihnen sanken zu Boden und erloschen, sobald sie die ausgedorrte Erde berührten. Andere jedoch wirbelten durch die Luft und schienen einer vorgegebenen Richtung zu folgen, die tief im Südwesten lag.
‚In Richtung des Dschungels', formte sich die Überlegung nur unwillig in Talons Kopf. ‚Dort, wo der Tempel liegt.'
Das unwirkliche Spiel dauerte noch wenige Minuten, dann verebbte es allmählich. Zurück blieb ein verlassenes Dorf, das schien, als sei es vor Jahrhunderten aufgegeben worden. Nur die Relikte der modernen Zeit erinnerten noch daran, dass er sich in der Gegenwart befand.
Doch genau all jene Gegenstände, die daran erinnerten, dass dieses Dorf keine archäologische Stätte war, verloren mehr und mehr an Substanz. Talon sah hoch und betrachtete sich das lang gezogene Schild der Tankstelle, die am Ortseingang etwas abseits der anderen Häuser stand. Früher einmal hatte das schlichte Oval einer Neonröhre die durch Wind und Sand blass gescheuerte Schrift auf dem Schild umrahmt. Doch nun war von der Leuchtstoffröhre kaum mehr als die Hälfte vorhanden, wie von dem Schild selbst, auf dem sich noch schwach das Wort ‚Gas' entziffern ließ.
Die Röhre sah jedoch nicht so aus, als sei sie zerstört worden. Es schien vielmehr so, als würde sie nach und nach aufgezehrt. Die offenen Enden hingen durchscheinend in der Luft. Selbst das massive Schild wirkte eher wie ein dünner Stoff, der das Licht hindurch ließ. Fast glaubte Talon, den Schatten der Bäume durch die emaillierte Oberfläche scheinen zu sehen.
Die letzten Lichter waren verschwunden oder nur noch in der Ferne als stille Reflexe im dunstverhangenen Himmel zu erkennen. Langsam und gleichmäßig atmete Talon durch. Sein Blick klärte sich wieder. Er fühlte sich, als erwache er endgültig aus einem Traum, bei dem er die ganze Zeit die Augen geöffnet hatte.
Ein Teil von ihm ahnte, was hier geschah. Dennoch erschien es ihm viel zu unglaublich, als dass er endgültig bereit gewesen wäre, den Gedanken zu akzeptieren. Seit gestern schien es ihm, als habe er eine unsichtbare Grenze durchschritten und befinde sich nun in einer Region, die nicht mehr zu dem Land dazugehörte, das es umgab.
Nach seiner Flucht aus Ibn Saids Sklavenlager war er zusammen mit Nisheki, der jungen Sudanesin, nach Süden gezogen. Sie hatten sich abseits der Hauptstraßen gehalten, um weder den Milizen noch irgendwelchen versprengten Einheiten in die Hände zu fallen. Talon wollte die junge Frau in ihr Dorf zurückbringen. Und je länger sie zusammen unterwegs waren, desto unwirklicher war ihm der Gedanke erschienen, mit ihr zusammen zu leben. Ihm war nicht wirklich klar geworden, wie sie zu dieser Frage stand. Doch das betont sachliche Verhältnis, das ihm Nisheki entgegenbrachte, zeigte ihm, dass es wenig Sinn machte, diesen Punkt anzusprechen.
Er hatte ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass er für eine gemeinsame Zukunft keine Grundlage sah. Talon war dabei bewusst geworden, wie sehr ihm ein Halt fehlte. Er fühlte sich, als habe er jegliche Bindung verloren und treibe nur noch durch den Tag, ohne zu wissen, wohin ihn sein Weg führte.
Nachdem er den schwarzen Tempel verlassen hatte, war er ziellos durch die Gegend gestreift. Die letzten Jahre über war sein Halt die Zugehörigkeit zu einem Rudel Löwen gewesen. Die ihn verstießen, nachdem er Shion, den schattenhaften Löwen besiegt hatte. Doch auch dessen Tempel bot ihm kein Zuhause. Das Auftauchen von Eser Kru machte ihm klar, wie fremd ihm diese untergegangene Welt war, wie schwer es war, vieles von dem zu akzeptieren, was innerhalb der gewaltigen Ruinenanlage als selbstverständlich galt.
In diesen Tagen war ihm deutlich geworden, dass er ohne Wurzeln war. Talon hatte die Nähe der Menschen in all den Jahren absichtlich gemieden. Ohne zu wissen, was früher einmal geschehen war. Seine Erinnerungen lagen unter einem dichten Mantel verborgen, der sich nur selten öffnete. Und wenn er es tat, dann waren es Bilder voller Schmerzen und Kälte.
Doch die wenigen Stunden, die er bei der jungen Schwarzen verbracht hatte, hatten ihm gezeigt, wie sehr er die Nähe eines einzelnen Menschen vermisste. Wie sehr ihm Berührungen fehlten. Solange er aber nicht wusste, wohin er gehörte und wer er war, war er nicht bereit, die Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen.
Sein Leben war die letzten Jahre über ein ständiger Kampf ums Überleben gewesen. Seltsam, wie vertraut ihm dieser Zustand erschien. Als sei er es gewohnt gewesen, nicht zur Ruhe zu kommen.
Die Ankunft in Nishekis Dorf war für ihn, als schließe sich ein Kapitel. Der Abschied von ihr war kurz und nüchtern. Es war ihrer Familie deutlich anzumerken, wie unwohl sie sich in dieser Situation fühlten. Keiner von ihnen versuchte, die Erleichterung zu verbergen, als Talon rasch aufbrach. Es überraschte ihn jedoch, als sie ihm ein schlichtes, knöchellanges Baumwollhemd mitgaben. Um sie nicht in Verlegenheit zu bringen, streifte er es über. Dabei merkte er, wie belustigt er darauf reagierte, dass die Menschen immer wieder versuchten, ihn, den Wilden, nicht halbnackt herumlaufen zu lassen.
Es erleichterte ihm jedoch tatsächlich die Bewegung unter den Menschen, die ihm wegen seines Aussehens ab und zu einen überraschten Blick zuwarfen, ihn aber ansonsten unbehelligt ließen.
Ihm war die Anspannung nicht verborgen geblieben, die die Menschen hier beherrschte. Seit Wochen schon trafen täglich Flüchtlinge aus den Regionen südlich von hier ein, die von unerklärlichen Vorfällen sprachen. Dinge, die sich einfach aufzulösen schienen. Menschen, die spurlos verschwanden oder sich völlig veränderten. Manche von ihnen verwendeten plötzlich Sprachen, von denen heutzutage nur noch einige wenige Worte in alten Überlieferungen erhalten geblieben waren.
Viele von ihnen wurden auch von einem fortschreitenden Verlust ihrer Erinnerung gezeichnet. Das Wissen um moderne Einrichtungen oder aktuelle Ereignisse war ihnen verloren gegangen. Talon hatte selbst erlebt, wie manche von ihnen in Panik ausbrachen, wenn ein Lastwagen an ihnen vorbeirumpelte. Das Bild wirkte so irreal, als habe man Menschen aus einer vergangenen Zeit in die Gegenwart geholt.
Eser Kru … - nach dem Sieg über Shions alten Gegner hatte er gedacht, dass dessen Versuch, die Vergangenheit zu neuem Leben zu erwecken, gescheitert sei. Sie hatten kurz darauf noch einige Auswirkungen in umliegenden Siedlungen festgestellt, doch Talon war davon ausgegangen, dass diese Nachwirkungen längst abgeebbt seien.
Doch nun musste er erleben, dass sich der Prozess offensichtlich noch immer fortsetzte. Dass er nie zum Erliegen gekommen war und die Welt um sich herum veränderte, einen Teil davon zurück in die Vergangenheit riss und die Gegenwart sich nach und nach aufzulösen schien.
Er löste sich aus dem Schatten eines Vordachs und folgte der leicht gewundenen Straße aus festgetretener Erde, die durch das lang gezogene Dorf hindurchführte. Viele der Türen an den niedrigen Lehmbauten standen offen. Die Menschen mussten ihre Unterkünfte fluchtartig aufgegeben haben. Kein einziger Laut war zu hören, nicht einmal der eines umherstreunenden Tieres. Es war, als hätte jegliches Leben diesen Ort verlassen.
Die letzten Häuser lagen vor ihm. Dahinter breitete sich der Dschungel in seinen facettenhaften Grüntönen aus. Die Luft nahm förmlich an Dichte zu, so sehr verbreiteten die dicht zusammen stehenden Bäume ihre eigene Atmosphäre. Einen Augenblick blieb Talon stehen.
Die letzten Wochen über hatte er sich in der Offenheit der Savanne bewegt und es genossen, den Blick über den Horizont schweifen lassen zu können. Zu sehen, was einen erwartete. Auch das war einer der Gründe gewesen, den Tempel des schwarzen Löwen zu verlassen; er fühlte sich eingesperrt in der Dichte, die ihn dort umgab.
Dennoch schien kein Weg umhin zu führen. Er musste dorthin zurückkehren. Alleine Shion konnte wissen, was hier geschehen war. Und alleine dort mochte es eine Möglichkeit geben, diesen Prozess umzukehren. Talon wollte sich keine Vorstellung davon machen, falls das Land weiter in die Vergangenheit gerissen wurde. Wenn sich der Kreis immer weiter ausdehnte und Gebiete mit größeren Städten erreichte. Er fühlte sich nicht dafür verantwortlich, was geschehen war. Niemand hatte ahnen können, was für einen Wahnsinn Eser Kru versuchen würde.
Doch für Shion und seine Wachen endete die Welt an den Mauern des Tempels. Sie hatten keinen Einblick mehr in die Welt, die sie umgab. Eine Welt, die Talon nach langen Jahren wieder für sich selbst entdeckte.
Ein leises Geräusch unterbrach seine Gedanken. Gleich darauf fiel etwas scheppernd zu Boden. Talons Kopf zuckte nach links. Seine Augen fixierten das Gebäude am Ende der Straße, das bereits halb von den Ausläufern des Dschungels verdeckt war.
Er verließ die offene Deckung der Straße und tauchte in den Schatten eines Hauses ein. Vorsichtig spähte er mit dem Kopf um die Ecke. Bis zu der flachen Hütte waren es keine fünfzig Meter.
Talon wartete einige Augenblicke. Ein weiteres dumpfes Geräusch war zu hören, so als ob etwas zu Boden sackte. Es mochte nicht mehr als ein Tier sein, das sich in die Hütte verirrt hatte. Dennoch war der Mann mit den rotbraunen Haaren nicht bereit, ein unnötiges Risiko einzugehen.
Zuerst raffte er das lange Gewand hoch, um an die Waffe an seinem Gürtel zu kommen, doch dann fluchte er innerlich auf und zog das hellblaue Hemd kurzerhand aus. Für schnelle Bewegungen war es mehr als hinderlich. Er zog das Bajonett mit der unterarmlangen Klinge aus seinem Schaft, der mit Lederriemen um den kurzen Lendenschurz aus Antilopenfell geschnallt war.
Das altertümliche Ritualmesser, das er von Shion erhalten hatte, hatten ihm Ibn Saids Männer abgenommen. Diese moderne Waffe war allerdings ein mehr als gleichwertiger Ersatz. Sie wog schwer in seiner Hand, dennoch schien er den Umgang damit gewohnt zu sein.
In seine Gedanken stießen schlaglichtartig Bilder vor. Doch sie waren unzusammenhängend, wirr. Und darunter konnte Talon eine Dunkelheit erahnen, die sich übermächtig nach oben drückte. Unwillig schob er den Impuls beiseite.
Es war kein Geräusch mehr zu hören. Zwischen sich und der vordersten Wand der Hütte lag eine offene Fläche, die nur durch einen niedrigen Erdwall und einige darauf eingepflanzte Dornbüsche etwas Schutz bot. Talon hastete los. Sollte es sich herausstellen, dass seine Vorsicht einem verirrten Tier gegolten hatte, konnte er sich immer noch schelten. Doch daran glaubte er nicht. Sein Instinkt sagte ihm etwas anderes.
Aus der Hütte erfolgte keine Reaktion. In der einzigen leeren Fensteröffnung, die in die Richtung des halbnackten Mannes wies, zeigte sich nicht einmal ein Schatten. Der Vorhang, der sie verhüllte blieb ruhig und bewegte sich nicht einmal durch den leichten Wind, der um die Häuser strich.
Talon erreichte die Veranda und sah, dass auch diese Haustür halb geöffnet in den Angeln hing. Die grüne Farbe war in langen Bahnen vom dunklen Holz abgeblättert. Mit dem linken Fuß stieß er die Tür langsam nach innen auf und wartete einen Augenblick. Doch es blieb still. Er warf einen Blick in den offenen, nur mit wenigen Gegenständen eingerichteten Raum, der in das Halbdunkel des nur spärlich scheinenden Lichts getaucht war, das durch die schmalen, verhangenen Fenster drang.
Die Gestalt lag so knapp an der Tür, dass Talon sie beinahe übersehen hätte. Er ging neben dem regungslosen Körper, der halb auf dem Bauch ruhte, in die Knie und drehte ihn etwas zur Seite. Vor ihm lag ein junger Farbiger, der seinen Gesichtszügen nach zu urteilen kaum älter als zwanzig sein dürfte.
Mehrere blutige Striemen zogen sich über seine Brust und seine Oberarme, doch nach einer kurzen Untersuchung stellte Talon fest, dass sie nicht tödlich waren. Ein heiseres Krächzen löste sich aus dem Mund des jungen Mannes. Talon legte zwei Finger an den Hals des Farbigen und fühlte den Puls. Dieser schlug etwas hektisch, aber kräftig.
Er steckte das Bajonett weg, das er noch immer in der rechten Hand gehalten hatte, um gegen unliebsame Überraschungen gewappnet zu sein. Der Junge wirkte stark erschöpft und war durch die Wunden zusätzlich geschwächt worden. Talon stand auf und suchte nach ein paar Kissen. Er fand in der fast leer geräumten Unterkunft nur wenig, das sich verwenden ließ, also rollte er eine zerschlissene Decke zusammen und legte den Kopf des Schwarzen darauf.
Dieser öffnete nun leicht die Augen. An dem Aufleuchten in seinem Blick war deutlich zu erkennen, dass er Talon bewusst wahrnahm. Er versuchte den rechten Arm zu heben, ließ ihn aber rasch wieder sinken und quittierte seine Schwäche mit einem Stöhnen.
„Wewe … - nani?“, kam es müde über seine Lippen.
„Rafiki“, entgegnete Talon ihm knapp auf Kiswahili, und antwortete dem jungen Mann auf seine Frage wer er sei, dass er ein Freund sei. Er bedeutete ihm mit der Hand, liegen zu bleiben, was der Farbige mit einem schwachen Nicken bestätigte.
Talon suchte in der kleinen Kochecke nach einem Gefäß und fand eine flache, leicht zerbeulte Tasse aus Email. Nur wenig vom Haus entfernt hatte er vorhin den Dorfbrunnen passiert. Er verließ die Hütte, um dem Schwarzen etwas Wasser bringen. Auf seinem Weg die Straße entlang, nahm er sein weggeworfenes langes Hemd auf und riss mehrere Streifen aus dem dünnen Stoff.
Der Brunnen lag etwas abseits der Straße auf einer freien Fläche, die keinen Schatten bot. Die Sonne war langsam immer höher gewandert und schuf durch den nahen Dschungel eine feuchte Luft, die fast greifbar über den Boden waberte.
Das Wasser wurde über eine alte mechanische Pumpe nach oben gefördert, die aber nicht durch einen Pumpschwengel, sondern über ein großes Rad an der Seite betrieben wurde. Nur wenige Schritte davon entfernt erkannte Talon den Generatorkasten für eine elektrische Pumpe. Doch die fehlende Tür und die heraushängenden Kabel ließen ihn unwillkürlich die Lippen zu einem müden Lächeln verziehen.
Zumindest die alte Pumpe funktionierte. Das Rad drehte sich quietschend unter seinen Drehbewegungen und förderte in Schüben das Wasser nach oben. Talon befeuchtete mehrere der Tücher und füllte dann den Becher. Er wischte sich selbst mit der nassen Hand über das Gesicht, um sich etwas zu erfrischen und atmete tief durch.
Als er zurück bei der Hütte angelangt war, hatte der junge Mann versucht, aufzustehen. Doch weiter als in eine verkrümmte, zusammengekauerte Haltung war er nicht gekommen.
„Leg dich wieder hin“, machte Talon ihm klar und drückte seine Hand auf eine Schulter, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Dem farbigen fehlte die Kraft, um sich zu wehren, und so kam er der Aufforderung ohne weiteren Widerstand nach. Dankbar nahm er die Tasse mit dem Wasser an und trank den Inhalt mit kleinen Zügen leer.
Inzwischen versorgte Talon die Wunden notdürftig. Ihm fehlte richtiges Verbandsmaterial, und in dieser Gegend kannte er sich mit den Kräutern und Pflanzen nicht aus. Er reinigte die Vielzahl von Kratzern auf der dunklen Haut. Zischende Laute kamen über die Lippen des jungen Mannes, der dem Weißen stumm bei der Arbeit zusah. Die meisten der Wunden waren nur oberflächlich und hatten bereits einen schützenden Schorf gebildet. Um die wenigen, die noch immer leicht bluteten, schlang Talon einige der Streifen aus seinem Hemd als Verband.
„Asante“, bedankte sich der Farbige, als Talon mit seiner Arbeit fertig war. Er hatte den Jungen in einer sitzenden Position gegen einen Schrank gelehnt, damit der Oberkörper aufrecht war.
„Warum hast du mir geholfen?“, fragte er unvermittelt. Talon registrierte die Frage mit einem Stirnrunzeln.
„Hätte ich dich hier liegen lassen sollen?“
Der Farbige blieb eine Antwort schuldig und sah nur ausdruckslos zu Boden.
„Ich bin Sehmu“, erklärte er schließlich unvermittelt. „Wer bist du? Du siehst nicht aus wie ein Entwicklungshelfer oder …“, er suchte offenbar nach Worten, „wie sonst irgendein Weißer, den ich jemals gesehen habe!“
Talon verzog die Lippen, was in dem Halbdunkel kaum zu sehen war.
„Ich bin Talon“, antwortete er dem Schwarzen. „Sieh in mir einen Eremiten, der sich von der Welt zurückgezogen hat.“
Sehmu bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick. „Eremiten sind weise, alte Männer. Dir fehlen die grauen Haare und der Bart.“
Talon lachte leise auf. „Die kommen noch. Wenn ich lang genug lebe“, setzte er nach. „Im Augenblick sorgen wir erst mal dafür, dass du wieder auf die Beine kommst. Was ist mit dir passiert, Junge?“
Der Schwarze wich dem prüfenden Blick der hellblauen Augen aus. Er sah an sich herab. Seine Augen wanderten wie auf der Suche nach einer Antwort durch den Raum.
„Das kann ich nicht sagen“, löste es sich schließlich von seinen Lippen.
„Kommst du hier aus dem Dorf?“, setzte Talon nach.
Sehmu schüttelte unweigerlich den Kopf. „Nein, ich stamme aus einem Dorf an der Grenze zu Kenia. Es liegt knapp einen Tag südlich von hier. Ich musste in den Norden, wegen … Erledigungen.“
„Ich weiß, dass du mich anlügst“, erwiderte Talon mit scharfer Stimme. „Ich weiß nur nicht, warum. Und ich möchte sicherstellen, dass mich deine Lügen nicht mein Leben kosten. Ist dir das klar?“
„Bwana Talon, hören Sie – ich bin Ihnen dankbar für Ihre Hilfe. Aber ich führe nichts Böses im Schilde. Ich werde jetzt aufbrechen und gehe meinen Weg. Und Sie können Ihren gehen. Gut?“
Während die Worte hastig aus dem jungen Schwarzen heraussprudelten, versuchte er sich mit seinen Armen auf dem unebenen Boden aufzustützen und hoch zu drücken. Doch die Versuche erstickten bereits im Ansatz. Schweißüberströmt sackte er zu Boden und atmete schwer.
„Natürlich, so wie du drauf bist, schlägst du dich zwei Tage durch die Wildnis …“ Talon wischte dem Jungen den Schweiß von der Stirn. „Hör zu, ich weiche seit Tagen allen möglichen Waffenhändlern und Milizen aus, um jeglichem Ärger aus dem Weg zu gehen –“
„Keine Miliz, keine Miliz!“, beeilte sich Sehmu zu betonen. „Damit haben wir nichts zu tun. Das ist nicht unser Krieg. Ich bin doch keine Gefahr für Sie.“ Er setzte ab und schüttelte müde den Kopf. „Lassen Sie mich einfach hier. Bringen Sie mir etwas Wasser. Ich werde mich schon erholen und dann nach Hause gehen.“
„Sehmu, was ist mit diesem Dorf passiert?“, ließ Talon den jungen Mann nicht zur Ruhe kommen. „Wohin sind alle verschwunden?“
Etwas an Widerstand brach in den Schwarzen zusammen. Fast sichtbar sackte sein Körper ein.
„Ich weiß es nicht“, erklärte er tonlos. „Ich weiß nicht, was passiert. Manche fliehen. Manche verschwinden. Manche bleiben, so wie unser Stamm. Irgendwas passiert. Alles verändert sich …“
Er hob den Kopf. Mit einem hilflosen blick sah er Talon an.
„So vieles geschieht, was keiner mehr versteht.“
„Verschwinden auch bei euch Sachen? Dieses Licht, das alles mit sich zu tragen scheint? Vergesst ihr Dinge, die selbstverständlich waren?“
Der Farbige zuckte zusammen, als sei er auf frischer Tat ertappt worden.
„Lassen Sie mich gehen!“, fuhr er Talon mit hektischer Stimme an. „Ich will davon nichts mehr wissen. Das hier geschieht alles gar nicht! Manche der Alten sagen, wir sind in einem Fieber, aus dem wir erwachen müssen. Dann werden Sie verschwunden sein! Ich bin zu Hause, und alles ist gut … -“
Ein lang gezogenes, tiefes Grollen durchschnitt die trügerische Ruhe vor der Hütte. Sehmus Kopf fuhr herum.
„Nayla“, entfuhr er seinen trockenen Lippen, während seine Augen Furcht erfüllt aufblitzten.
Talon war aufgesprungen, noch bevor das Grollen verklungen war. Hoch aufgerichtet stand er im Türrahmen und suchte die Umgebung ab. Noch mehrere Augenblicke, nachdem es wieder still geworden war, lauschte er misstrauisch. Seine Augen suchten das verschlungene Dickicht ab.
„Wer ist Nayla?“, stellte er die Frage, ohne den Blick von dem Meer aus ineinander verschlungenen Grüntönen zu nehmen, das die Bäume in ihrer ständigen Bewegung erzeugten.
Erst als keine Antwort kam, drehte er den Kopf zur Seite und bedachte den Schwarzen mit einem kalten Ausdruck in seinen Augen. „Sehmu, wer ist Nayla?“
„Meine Schwester“, kam die Antwort nur zögernd.
„Du meinst, deine Schwester befindet sich da draußen im Dschungel?“, wollte der hochgewachsene Mann Gewissheit haben. Der Farbige nickte nur stumm. Er wollte den Kopf wegdrehen, als Talon neben ihm wieder in die Hocke ging, doch ein fester Griff um sein Kinn zwang ihn dazu, den Weißen anzusehen.
„Was ist passiert, Junge? Wieso ist deine Schwester alleine da draußen?“
Es dauerte lange, bis sich der junge Mann entschließen konnte, zu antworten. Seine Worte kamen zögernd, fast jedes einzeln, als müsse er sich die Sätze erst genau zurecht legen.
„Wir waren zusammen unterwegs, bis letzte Nacht. Da stritten wir uns. Nayla ist einfach abgehauen. Und ich bin verletzt worden. Irgendwann habe ich das Dorf erreicht. Und gesehen, dass auch hier alles verlassen ist.“
„Sehmu, du bist nicht verletzt worden. Du bist von einem Raubtier angefallen worden. Es ist eher ein Wunder, dass du noch lebst!“
„Wir müssen meine Schwester finden! Ihr darf nichts geschehen!“ Der junge Schwarze stützte sich auf der Kante einer Truhe ab und zog sich empor. „Es geht schon“, wehrte er Talons fragenden Blick ab. „Ich bin erschöpft, ja. Aber es geht schon.“
Auch wenn seine Worte Entschlossenheit verrieten, hielt er sich die nächsten Schritte an jedem vorstehenden Halt fest, der sich ihm bot. Er schob sich hinter Talon durch die Türöffnung und atmete heftig.
„Willst du nicht hier warten, und ich suche deine Schwester“, bot ihm der Weiße an. „Sobald ich sie finde, komme ich hierher zurück.“
Sehmu schüttelte den Kopf.
„Nein. Sie wird nur mir vertrauen. Ich muss dabei sein.“
Erneut durchzog ein röhrendes Gebrüll den frühen Tag. Talon versuchte die Richtung auszumachen. Es mochten nur wenige hundert Meter sein, die das Raubtier entfernt war. Dennoch irritierte ihn etwas. Das Geräusch erinnerte an kein Tier, das er kannte. Vielleicht verzerrte die Umgebung die Klänge etwas.
Überrascht stellte Talon fest, dass der junge Farbige genau in die Richtung lief, aus der die Geräusche erschollen. Seine Schritte wirkten bereits jetzt schon sicherer als noch vor wenigen Minuten.
„Sehmu“, wollte Talon den Jungen zurückhalten. „Wir wissen nicht, was uns dort erwartet.“
„Meine Schwester“, erhielt er nur die orakelhafte Antwort, mit sich der der Schwarze seinen Weg durch das Dickicht des Dschungels suchte. Talon folgte ihm, ohne eine weitere Frage zu stellen. Er behielt den jungen Mann jedoch genau im Auge, um auf jede unvorhergesehene Aktion vorbereitet zu sein.
Trotz der lebendigen Fülle an Pflanzen, die sie umgaben, war außer dem Rascheln des Unterholzes kein einziger Laut zu hören. Kein Vogelgeschrei, nicht einmal das Summen oder Zirpen von Insekten. Nur ein beständiger dumpfer Ton, der sich fast fühlbar auf die Haut der beiden Männer legte, erfüllte die Luft. Schweigend liefen sie hintereinander her. Talon konnte das Unbehagen des jungen Mannes deutlich spüren. Es wäre ihm offenkundig lieber gewesen, ohne Begleitung nach seiner Schwester suchen zu können.
Das Misstrauen wuchs in dem hochgewachsenen Mann, der unwillkürlich die rechte Hand um den Griff des Messers an seinem Gürtel legte. Dieser junge Mann verschwieg ihm viel zu viel, als dass er bereit war, ihm völlig zu trauen. Er war aber auch nicht dazu bereit, passiv abzuwarten und zu sehen, was geschehen würde. Lieber stellte er sich der Gefahr, als völlig von ihr überrascht zu werden.
Der Schwarze beschleunigte seinen Schritt ein wenig. Es war ihm deutlich anzusehen, wie sehr ihm die Wunden und die Schwüle zusetzten. Immer wieder taumelte er und kam leicht ins Straucheln, wobei er sich mit der Hand an herunterhängenden Lianen festhalten musste.
Ein bedrohlich leises Grollen erklang aus dem dunkelgrünen Halbschatten vor ihnen, nur wenige Dutzend Schritt entfernt. Talon zog das Bajonett aus seinem Schaft. Das leise, metallene Sirren ließ Sehmu herumfahren. Er sah die lange Klinge in Talons Griff und hob abwehrend die Hand.
„Nein, bitte!“, entfuhr es ihm. „Das brauchen wir nicht!“
Keine drei Schritt vor ihm riss plötzlich das Blätterwerk auseinander. Ein schlanker, mannshoher Schatten jagte durch die Öffnung und landete halb verdeckt im Unterholz. Er strich um den jungen Schwarzen herum. Dumpfe Laute lösten sich aus seiner Kehle. Denn jedoch wandte er sich Talon zu. Blitzschnell schoss die Gestalt aus dem Dickicht hervor und richtete sich vor dem Weißen auf, der das Wesen nur ungläubig betrachtete.
Nicht das dunkle Fell des raubtierähnlichen Wesens war es, das so unfassbar schien, sondern die Stofffetzen, die sich um den Körper schlangen. Genauso wie die Schmuckstücke, die in dem fahlen Licht der Umgebung aus der Mähne hervorstachen und leicht aufleuchteten
„Nayla, nicht“, rief Sehmu.
Talon jedoch war nicht bereit, ein Risiko einzugehen und abzuwarten, ob das Tier auf den Ruf reagierte. Die Klinge des Bajonetts landete wie selbstverständlich in seiner Hand, ihre Spitze auf den schlanken Leib des Tieres gerichtet.
Mit einem heiseren Fauchen spannte das Raubtier seine Muskeln an.

Fortsetzung folgt in

Talon Nummer 20

„Das Auge des Ra“




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