
Talon Nummer 20
Das Auge des Ra
von
Thomas Knip
Nayla, nein!, erscholl abermals der Ruf des jungen Schwarzen.
Doch das Raubtier, das kaum noch etwas Menschliches an sich hatte, reagierte
nur mit einem bedrohlichen Knurren. Die bernsteinfarbenen Augen leuchteten
in einem Feuer, das Talon nur allzu bekannt war.
In ihnen loderte die unerfüllte Gier nach Blut, die Bereitschaft zu jagen.
Und zu töten. Talon schloss die Finger fester um den Griff des langen
Bajonetts. Seine Muskeln spannten sich an, während er das Wesen nicht
aus dem Blick ließ. Die wenigen Fetzen hellen Stoffs konnten die eindeutig
weiblichen Attribute des schlanken Körpers nicht verhüllen, doch
die dunkle Haut schimmerte nur an wenigen Stellen unter dem dichten Fell durch,
das ihn an das eines Löwen erinnerte.
Der Kopf jedoch wirkte, als habe man die Züge einer Löwin in das
Gesicht gemeißelt, das offensichtlich einer jungen Frau gehören
musste. Denn anders als bei einer Löwin wurde der Kopf durch eine Mähne
aus langen, dunkelbraunen, fast schwarzen Haaren eingerahmt, die an manchen
Stellen noch mit farbigen Stoffbändern zusammen gehalten wurden.
Über die schmalen Lippen des Wesens kamen dunkle, grollende Laute. Talon
zuckte zusammen. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Fast glaubte er,
aus den Lauten einen Sinn heraushören zu können. Sie entstammten
jedoch keiner Sprache, die von Menschen gesprochen wurde. Es war lange her,
dass er sie das letzte Mal gehört hatte. Seitdem er von den Löwen
ausgestoßen worden war, waren diese Laute nicht mehr Teil seines Lebens
gewesen.
Doch sie waren verwoben mit einer anderen Sprache, die für ihn keinen
Sinn ergab, auch wenn sie ihm seltsam vertraut erschien.
Ohne Vorwarnung schoss der kleine, schlanke Körper aus dem Dickicht hervor,
das ihn bis zur Hüfte verdeckt hatte, und flog auf Talon zu. An den Enden
der kurzen Finger konnte er die sichelförmig gebogenen Krallen erkennen,
an denen dunkles, lange getrocknetes Blut klebte. Unter der Haut der dünnen
Arme, die tatsächlich an die einer jungen Frau erinnerten, war das kräftige
Spiel der Muskeln deutlich zu sehen.
Talon war sich unschlüssig, wie er reagieren sollte. Mit einer fließenden
Bewegung tauchte er unter dem Wesen weg und rollte sich durch das spärlich
wachsende Gras.
Senmu!, rief er dem jungen Mann zu, noch während er sich
nach der Raubkatze umsah, deren wütendes Fauchen ob der verpassten Beute
in seinem Rücken erklang. Wenn du kannst, tu etwas!
Der junge Schwarze, der die letzten Augenblicke wie versteinert gewirkt hatte,
stand abseits und hielt sich im Schatten eines hoch gewachsenen Baumes, der
von Efeu umrankt wurde. Nur langsam erwachte er aus seiner Starre. Er sah
zu, wie sich Talon und das Wesen, das seine Schwester sein mochte, beide mitten
in der Bewegung drehten, um den Gegner nicht aus dem Auge zu verlieren.
Die lange Klinge blitzte im fahlen Sonnenlicht, das in breiten Streifen durch
die Baumkronen drang, in der Hand des Weißen bedrohlich auf. Senmu hob
abwehrend beide Arme an und stellte sich vor Talon.
Nein!, entfuhr es hilflos seinen Lippen. Sie dürfen
ihr nichts tun! Sie kann nichts dafür! Deshalb sind wir doch geflohen!
Talon war nicht gewillt, dem jungen Mann zuzuhören. Er hatte von ihm
erwartet, dass er seine Schwester aufhalten würde. Nicht, dass er ihm
die Sicht versperrte. Seine Augen blitzten verärgert auf. Er versuchte
den Schatten hinter der Silhouette des Schwarzen auszumachen, der in dem Gras
kaum zu erkennen war.
Senmu sah, wie der Weiße an seiner linken Seite vorbei wollte und bewegte
sich deshalb in die Richtung, um ihn aufzuhalten. Er setzte noch einmal zu
einer Erläuterung an, als ihn ein schwerer Hieb in den Nacken traf. Betäubt
taumelte er zu Boden. Nur undeutlich konnte er sehen, wie über seinen
Rücken hinweg ein schlanker Schatten nach vorne sprang. Nayla,
bitte
, kam es nur müde über seine Lippen, während
er gegen die aufstobenden Wellen einer Ohnmacht ankämpfte.
Talon sah, wie der junge Mann zusammensackte und im Gras fast verschwand.
Doch ihm blieb keine Zeit, sich weitere Gedanken über ihn zu machen.
Einem Schemen gleich glitt das raubtierhafte Wesen durch die unauslotbare
Tiefe der grünen Wand des Dschungels und jagte auf den Weißen zu.
[Die Rache
mein!], löste es sich grollend aus der Kehle
des Tieres. Seine rechte Pranke zuckte noch im Sprung durch die Luft. Talon
wich erneut aus, ohne sein Messer einzusetzen. Er wusste jedoch, es war nur
eine Frage der Zeit, bis er gezwungen war, keine Rücksicht darauf zu
nehmen, ob er ein menschliches Wesen vor sich hatte oder nicht.
Nayla!, rief er dem Wesen zu, ohne zu wissen, ob es ihn verstand.
Er hob die linke Hand abwehrend und deutete damit an, nicht kämpfen zu
wollen. Ein kurzer Seitenblick zeigte ihm nicht, ob Senmu, ihr Bruder, noch
bei Bewusstsein war und ihm weiterhelfen konnte.
Die Löwin zeigte sich von der Aktion jedoch unbeeindruckt und strich
auf zwei Beinen um den hochgewachsenen Mann herum. Geifer tropfte über
die dunkle Unterlippe. Talon suchte in den dunkel leuchtenden Augen des Tieres
nach einer Bereitschaft, mit ihm kommunizieren zu wollen. Doch das Wesen schien
sich vor ihm vollkommen zurückzuziehen.
Seine zögernde Haltung ermutigte das Raubtier. Es preschte vor und hieb
seine Klauen nach dem nackten Oberkörper, der in der feuchten Umgebung
vor Schweiß glänzte. Talon schrie unterdrückt auf, als sich
die Krallen in seine Haut bohrten und sich ein breiter, roter Streifen über
den Brustkorb zog.
Schmerzerfüllt taumelte er zurück und hatte Mühe, seinen Stand
nicht zu verlieren. Die Wunde brannte, als würde ihm heißes Metall
auf die Haut gegossen. Kurz sah er an sich herab und konnte dabei die Ränder
der zerfetzten Haut sehen, die in einem schwach auflodernden Licht leuchteten,
das jedoch rasch verlosch.
Ein wütendes Knurren kam über seine Lippen. Er wusste nicht, was
hier geschehen war, doch er war nicht bereit, sein Leben für ein Wesen
zu riskieren, das ihn offensichtlich töten wollte. Der schlanke, weibliche
Körper warf sich herum. Sein Kopf wandte sich zu dem Mann um. Fast schien
es, als glitten die Züge eines triumphierenden Lächelns über
die bizarr verzerrte Mimik.
Sofort wollte das Wesen ein weiteres Mal nachsetzen. Doch nun war Talon auf
den Angriff vorbereitet. Er tauchte unter dem nächsten Hieb weg und stieß
gleichzeitig die Klinge seines Bajonetts nach oben. Ein helles Kreischen,
in dem sich gleichzeitig Überraschung und Schmerz vereinten, durchschnitt
die Umgebung.
Talon konnte sehen, wie das Wesen mühsam auf allen Vieren landete und
einen Schritt zurücktaumelte, wobei es sich die rechte Schulter hielt.
Mehrere dünne rote Fäden lösten sich unter der verdeckenden
Hand und flossen über das kurze Fell hinab, das die Flüssigkeit
rasch in dunklen Flecken aufsog.
Die Augen blitzten wuterfüllt auf. Aus dem Stand heraus preschte das
Raubtier auf den Mann zu, der den Angriff kommen ließ. Erst im letzten
Augenblick stieß er sich selbst ab und warf sich mit seinem ganzen Gewicht
gegen den deutlich kleineren Körper. Dennoch presste ihm der Aufprall
die Luft aus den Lungen, und ein Schmerz durchzog seine rechte Seite.
Beide Körper wirbelten durch die Luft und prallten hart auf dem lehmigen
Boden auf. Talon wusste, dass ihm nur der Hauch einer Chance blieb. Seine
Finger gruben sich in das Fell seiner Gegnerin und zogen sie zu sich her.
Sie war jedoch schwerer zu fassen zu bekommen als er gehofft hatte.
Eine Kralle zog eine heiße Spur über seine rechte Wange. Wieder
konnte Talon sehen, wie die Ränder der Wunde in einem unwirklichen Feuer
kurz aufloderten. Doch er setzte dem nicht nachlassenden Widerstand alles
entgegen, was er an Kraft noch aufbieten konnte. Schließlich gelang
es ihm, den Körper des Raubtieres unter sich zu bringen und sich selbst
nach oben zu stemmen. Er konnte den Atem des Wesens fast schmecken, so eng
hatte er es umschlungen.
In einer fließenden Bewegung warf er seinen Oberkörper nach oben
und riss den Arm mit dem Messer empor. Seine Augen zeigten keinen Moment des
Zögerns, als er die Kehle des Geschöpfs fixierte.
Dann jedoch explodierte die Welt um ihn herum. Von seinem Kopf aus tobten
Wellen voller Schmerz durch seinen Körper. Die Geräusche und die
Farben um ihn herum zerflossen zu einem einzigen unfassbaren Bild, das immer
weiter in die Ferne rückte. Noch bevor sein Körper auf dem Boden
aufschlug, hatte er das Bewusstsein verloren. Er sah nicht mehr, wie Senmu
hinter ihm stand, einen knorrigen Ast in der Hand.
Das erste, was er spürte, war eine Hand, die über seinen Oberkörper
strich.
Mehrere Stimmen dröhnten wie Donnergrollen in seinen Ohren. Nur unwillig
merkte er, wie sich sein Bewusstsein aus der alles umschlingenden Tiefe herauswand,
die ihn beschützend umgeben hatte.
Übergangslos öffnete Talon die Augen und sah mehrere Schemen, die
um ihn herum versammelt standen. Noch hatte er Schwierigkeiten damit, seine
Umgebung deutlich zu erkennen. Die Eindrücke verschwammen immer wieder
und tauchten dabei in ein tiefes Schwarz ab.
Eine Stimme klang näher als die anderen. Sie kam von rechts und schien
der Person zu gehören, deren Hand er vorhin gespürt hatte. Talon
zwang sich dazu, sich zu konzentrieren und wandte den Kopf nach rechts. Er
blickte in das Gesicht eines Mannes undeutbaren Alters, das ihn ausdruckslos
ansah. Dieser hob nun seinerseits den Kopf und sprach mit jemand, der außerhalb
von Talons Blickfeld stand.
Es fiel ihm schwer, etwas von dem zu verstehen, was die beiden miteinander
besprachen. Manchmal glaubte er, etwas an Kiswahili zu verstehen, dann etwas
an Arabisch, doch dies alles war von einem rauen Dialekt überlagert,
in dem ihm bestenfalls der eine oder andere Satzfetzen bekannt vorkam.
Nach und nach klärte sich nun sein Blick. Talon wollte sich aufstützen,
fiel aber sofort mit einem schmerzverzerrten Gesicht zurück. Sein Schädel
fühlte sich an, als wolle er auseinander brechen. Etwas Feuchtes legte
sich an seine Lippen. Es war das Mundstück eines Schlauchs aus Ziegenleder,
dessen lauwarmes Wasser Talon trotz des abgestandenen Geschmacks begierig
in sich aufnahm.
Mehrmals konnte er den Begriff Sekhmet verstehen, der von den
Umstehenden mit einem von Ehrfurcht erfüllten Tonfall verwendet wurde.
Er bekam mit, wie sich jemand hinter ihm auf dem Boden niederließ und
seinen Kopf anhob und ihn mit den Händen stützte.
Jetzt erst konnte Talon die Menschen um sich herum richtig erkennen. Und obwohl
sich sein Blick inzwischen geklärt hatte, glaubte er seinen Augen nicht
zu trauen. Es waren allesamt Männer mit einer Hautfarbe, die deutlich
heller war als die der Menschen, die hier in den umliegenden Siedlungen lebten.
Sie glich damit seiner eigenen viel eher, bronzefarben getönt unter dem
kräftigen Licht der afrikanischen Sonne.
Doch es war nicht die Hautfarbe, die ihn glauben ließ, noch immer in
einem Traum zu stecken. Die Männer trugen allesamt als einziges Kleidungsstück
einen kurzen Lendenrock aus hellem Tuch, der um die Hüften geschlungen
war und vorne von einem breiten Band zusammen gehalten wurde. Sie alle trugen
eine metallene Haube aus kunstvoll beschlagenem Kupfer, die ihren offenbar
kahl geschorenen Kopf schützte. Jeder von ihnen führte einen langen
Speer bei sich, dessen Bronzeklinge die sichelartige Form eines Halbmondes
hatte.
Ein Schatten schob sich von der rechten Seite in Talons Blickfeld. Neben ihm
ließ sich ein Mann nieder, dessen Lendentuch von einem breiten Gürtel
gehalten wurde, an dem ein altertümlich scheinendes Kurzschwert hing.
Brust und Schultern wurden von einem kunstvoll geflochtenen Kragen aus roten
und blauen Perlen bedeckt. Seine dunklen, tief liegenden Augen bedachten Talon
mit einem prüfenden Blick.
Er redete langsam auf den am Boden liegenden Mann ein und machte nach mehreren
Worten immer wieder eine kleine Pause. Talon war bewusst, dass der Mann sehen
wollte, ob er ihn verstand, und so erklärte er ihm in einfachem Arabisch,
dass er seinen Worten nicht sehr weit folgen konnte. Obwohl es für ihn
klang wie ein semitischer Dialekt, war er anders als alles, was er zuvor gehört
hatte.
Dennoch schien sein Gegenüber diese Erklärung sogar nachvollziehen
zu können. Der Mann, dessen ausgeprägtes Spiel der Muskeln sich
bei jeder Bewegung seines durchtrainierten Körpers deutlich zeigte, formulierte
Sätze, die Talon zumindest zum Teil zu verstehen glaubte. Je mehr sie
miteinander sprachen, desto mehr schien er die Worte intuitiv erfassen zu
können und ihnen mit den Sprachen, die er kannte, die richtige Bedeutung
zuordnen zu können.
Wieder hörte er den Begriff Sekhmet, begleitet von ehrerbietenden
Floskeln. Dabei wies der Mann auf die Wunden an Talons Körper. Das Auge
des Ra habe sich auf ihn gelegt.
Das Auge des Ra?, wiederholte Talon und wurde hellhörig.
Auch wenn er sich nie viel mit ägyptischen Gottheiten beschäftigt
hatte, wusste er zumindest so viel, dass Ra ein hoher Gott war, der auch mit
der Sonne gleichgesetzt wurde.
Sekhmet, bestätigte der Mann vor ihm. Sie hat dich
verschont.
Wer ist Sekhmet?, hakte er nach.
Das Auge des Ra, erhielt er zur Antwort. Unwillig schüttelte
er den Kopf. So kamen sie nicht weiter. So gut er konnte, erzählte Talon,
was geschehen war. Er sah in dieser unwirklichen Situation keinen Sinn darin,
etwas vor Menschen zu verheimlichen, die nicht viel wirklicher erschienen
als das raubtierhafte Wesen, mit dem er gekämpft hatte.
Doch je mehr er erzählte, desto ungläubiger wurde der Blick des
Mannes vor ihm. Immer wieder wechselte dessen Blick zwischen Talons Mund und
seinen Augen, als suche er nach einer Bestätigung für das, was er
gerade hörte. Als der Weiße aufhörte, nickte der Mann zögerlich
und schloss für einen Moment die Augen.
Ich muss dir wohl glauben, setzte er an. Auch wenn es mir
schwer fällt. Du wirst mitkommen, stellte er fest, ohne auf Talons
Zustimmung zu warten. Sekhmet hat dich verschont. Und dafür wird
sie einen Grund gehabt haben. Es ist nicht an uns, über dich zu entscheiden.
So zwanglos ihr Gespräch zuvor verlaufen war nun machte der Mann
deutlich, dass Talon sein Gefangener war und er überhaupt nicht daran
dachte, ihn laufen zu lassen. Nur kurz sah sich Talon um und versuchte seine
Chancen abzuschätzen. Doch er sah sich von mehr als einem halben Dutzend
bewaffneter Männer umgeben, die ihm trotz ihrer altertümlichen Waffen
deutlich überlegen war.
Er bekam mit, wie der Mann, der sich als Nefer' vorstellte, sein Bajonett
mit einem verwunderten Blick bedachte, es dann aber an einen seiner Männer
weiter reichte, der es bei sich verstaute.
Sie nahmen ihn in seine Mitte, ohne ihn zu fesseln oder seine Bewegungsfreiheit
in anderer Weise einzuschränken. Nur wenige Augenblicke, nachdem die
Männer ihre wenigen Ausrüstungsgegenstände aufgesammelt hatten,
machte sich der Trupp auf den Weg.
Der Marsch verlief schweigend. Nefer ließ sich auf kein Gespräch
mit Talon ein, und so hatte dieser Zeit, in Ruhe seine Gedanken zu sammeln.
Einerseits hatte er in all den letzten Wochen so viel Fremdartiges erlebt,
dass sich die Geschehnisse des heutigen Tages fast schon nahtlos einfügten.
Wenn er an die Wächter im Tempel von Shion, dem schwarzen Löwen,
zurückdachte, so waren sie genauso unwirklich wie jene Männer, die
er nun begleiten musste.
Doch er sah sich hier von Menschen umgeben, die offensichtlich noch an die
alten ägyptischen Götter glaubten. Und mehr noch, ihre ganze Kultur
auch weiterhin zu leben schienen. Dabei befanden sie sich hier Hunderte Kilometer
entfernt vom südlichsten Punkt, den die Ägypter während ihrer
langen Zeit erobert hatten. Weiter bis auf das Gebiet des heutigen Sudans
waren sie kaum vorgestoßen.
Es war müßig, sich Gedanken darüber zu machen, ob es das,
was er gerade erlebte, geben durfte oder nicht. Wichtiger schien es ihm, so
viel wie möglich über seine Lage in Erfahrung zu bringen.
Wohin gehen wir, Nefer?, unterbrach er die erzwungene Stille zu
seinem Bewacher. Gleichzeitig versuchte er damit, die Sprache besser verstehen
zu lernen.
Dieser bedachte ihn mit dem gleichen undeutbaren Blick, der allen seinen Männern
zu Eigen zu sein schien und schürzte das Kinn, wie um sich vor einer
Antwort zurückzuhalten.
Wir bringen dich zu Menasseb. Damit schien die Sache für
ihn erledigt zu sein. Doch noch bevor Talon nachfragen konnte, fuhr er fort.
Er ist der höchste Priester. Es obliegt an ihm zu entscheiden,
was mit dir geschehen wird. Viele unerklärliche Dinge passieren
,
schloss er seine Antwort ab und schien nicht mehr gewillt, weiter auf den
Mann an seiner Seite einzugehen.
Ihr Weg führte sie bereits etwas mehr als eine Stunde durch das scheinbar
undurchdringliche Dickicht des Dschungels, in dem sich erst auf den zweiten
Blick immer wieder kleine Wege auftaten. Mehrere Male erhaschte Talon aus
dem Augenwinkel kleine Wegsteine, die fast unsichtbar in den Schatten der
Bäume platziert worden waren. Er konnte nur undeutlich die Form von Hieroglyphen
auf ihnen ausmachen, die nicht minder fremdartig wirkten als die Männer,
die ihn flankierten.
Das wabernde Licht der feuchten Luft, die noch immer zwischen den Blätterkronen
festhing, legte die Umgebung in einen dämmrigen Schein, der den Ablauf
der Zeit zu verlangsamen schien. Nur wenige Geräusche von Tieren klangen
zu ihnen durch, und sie wirkten versteckt, zögernd, als fühlten
sie sich hier nicht zu Hause.
Es war nur ein leises Rascheln, das zu hören war. Dann durchbrach von
einem Augenblick auf den anderen ein schlanker Schatten die unauslotbaren
Grüntöne. Die Männer schrien auf und suchten nach Deckung.
Doch einer von ihnen sackte bereits mit durchtrennter Kehle zu Boden, noch
bevor er sich hatte bewegen können.
Ein zweiter der Männer hob den linken Arm mit dem schmalen Schild aus
geflochtenen Korb schützend vor sich. Talon hörte die gellenden
Rufe, die um Gnade flehten. Doch der Mann machte keinen Versuch, sich mit
seiner Waffe zu wehren. Genauso wie die Männer um ihn herum nicht bereit
waren, ihm zur Hilfe zu eilen, sondern sich ehrfurchtsvoll zurückhielten.
Talon zuckte vor, um dem Mann zu helfen. Doch die kräftige Hand Nefers
packte ihn an der Schulter und hielt ihn zurück. Wütend warf Talon
den Kopf herum und sah in die kompromisslosen Augen des Hauptmanns, der die
Spitze seines Kurzschwerts auf seinen Gefangenen gerichtet hatte.
Die Schreie des Mannes ebbten ab, und genauso schnell wie der Schatten aus
dem Dschungel aufgetaucht war, verschwand er auch wieder in ihm. Talon hatte
Nayla deutlich erkennen können, denn ihre fast schwarzen Haare umloderten
ihren löwenhaften Kopf wie ein düsteres Feuer.
Nach mehreren Minuten erst entspannte sich Nefers Haltung, und er löste
seinen Griff um Talons Schulter. Dieser bedachte den Mann nur mit einem glühenden
Blick und konnte sich nur schwer zurückhalten. Er sah, wie die Männer
ihre beiden getöteten Kameraden untersuchten und nun ihrer Trauer freien
Lauf ließen.
Du verstehst es nicht, nicht wahr?, ging Nefer auf Talons offensichtliche
Wut ein. Sekhmet hat ihren Durst nach Blut gestillt. Dazu hat Ra sie
erschaffen. Um die Menschen zu strafen. Wer sind wir, dass wir sie aufhalten?
Und das heißt, du lässt zu, dass zwei deiner Männer
getötet werden?, presste Talon nur schwer zwischen seinen Lippen
hervor.
Ja, kam die einsilbige Antwort.
Wenn es ihr Wille ist, wird keiner von uns Dar Amun erreichen,
schickte er noch nach. Trotz seiner Beherrschtheit war sein Blick dabei fest
auf den Boden gerichtet. Talon hielt sich nur mühsam unter Kontrolle.
Es schien, als sei er hier auf eine fanatische Sekte gestoßen, die einem
uralten Ritus folgte und dabei bedenkenlos bereit war, den Tod von Menschen
in Kauf zu nehmen.
Nach einer knappen Stunde gelangte die Gruppe ohne weitere Zwischenfälle
an eine schroffe Felswand, die sich monolithisch aus der Erde schob, ohne
dass sich ein sanfter Übergang zum Boden gebildet hätte. An den
tiefer liegenden Überhängen hatten sich kleine Pflanzen und Schlinggewächse
angesiedelt. Mit ihren dunklen Schattierungen hoben sie sich deutlich vom
lichten Moosbewuchs ab, der den feuchten Stein bedeckte.
Die Männer folgten der schmalen Schneise, die sich zwischen Fels und
Dschungel auftat, und erreichten bald darauf einen kaum zu erkennenden Spalt
in der Wand, der kaum breiter war als zwei Meter. Weit über sich konnte
Talon den hellen Schein des Tageslichts wie ein dünnes Band erkennen,
das ihm den Weg durch den Spalt wies. Ein kleiner Bach, dessen Ursprung sich
hinter ihnen in den riesenhaften Bäumen verlor, schlängelte sich
mit seinem brackigen Wasser am Rand des Fels entlang und folgte dem Weg, den
nun auch die Männer nahmen.
Ein kalter, leise aufheulender Wind jagte durch den schmalen Canyon hindurch.
Talon konnte von den Männern um sich herum kaum mehr erkennen als ihre
silhouettenhaften Gestalten, die schweigsam dem Pfad folgten, der sich in
leichten Windungen durch den Fels zog. Die Schritte ihrer nackten Füße
hallten dumpf auf dem feuchten, steinigen Boden wider. Das Geräusch mischte
sich mit dem versteckt wirkenden Plätschern des Wassers zu einem monotonen
Gleichklang, der die Männer auf ihrem Weg, der sie leicht bergab führte,
begleitete.
Es dauerte gut zehn Minuten, bis sich der Spalt ohne großen Übergang
öffnete und den Blick auf einen Talkessel freigab, in dem die Zeit stehen
geblieben zu sein schien. Auf mehreren Ebenen verteilt standen flache Lehm-
und Ziegelbauten, die umgeben waren von karg bewachsenen Feldern. Doch das
Zentrum des Kessels wurde durch eine Gruppe hoch aufragender palastartiger
Bauten eingenommen, die mit ihrem hellen Putz und der bunten Verzierung am
oberen Ende der Außenmauern so wirkten wie Kulissen für einen Sandalenfilm,
die eine Filmcrew hier vor langer Zeit vergessen hatte.
Eine Allee aus hoch aufragenden, mit zahlreichen Reliefs aus Hieroglyphen
verzierten Säulen säumte den Weg zu dem Palastkomplex, der mit blank
gescheuerten Platten aus einem granitartigen Material gepflastert war.
Talons Blick ging nach oben. Weit über ihm verfing sich das Tageslicht
in einer undurchdringlich scheinenden Decke aus Dunst und Wolken, die das
Licht in einem diffusen Schein gleichmäßig über das Tal verteilte.
Er schüttelte unwillkürlich den Kopf. Wie selbstverständlich
hatte er sich auch nach einer Pyramide umgesehen, oder zumindest einer überlebensgroßen
Statue. Doch bei aller stillen Getragenheit wirkte der Gebäudekomplex
eher schlicht und einfach.
Nur wenige Menschen begegneten ihnen. Selbst am Eingang des Tals hatte Talon
auf den vereinzelten Feldern kaum jemand arbeiten gesehen. Alles wirkte, als
hätten hier früher weitaus mehr Menschen gelebt. Doch keines der
Häuser machte einen zerfallenen oder heruntergekommenen Eindruck.
Die Menschen betrachteten Talon mit nicht minder großem Erstaunen wie
er sie selbst. Manche von ihnen hatte eine leicht dunklere Haut als seine
Wächter, dennoch hatten auch hier die meisten eine helle, kaum getönte
Hautfarbe. Ihre Kleidung wirkte ebenso wie die der bewaffneten Männer
wie aus einer vergangenen Zeit. Selbst in den entlegensten Dörfern Afrikas,
die Talon gesehen hatte, hatten sich zumindest Anzeichen der modernen Welt
finden lassen. Doch hier wies nichts darauf hin, dass sich die Zeit fortbewegt
hätte.
Sie wurden auf ihrem Weg zu einem der zentral liegenden Gebäude von niemandem
behelligt. Eine breite Treppe aus flach verlaufenden Stufen führte langsam
nach oben. In regelmäßigen Abständen standen links und rechts
auf Podesten breite Ölbecken, deren schwere Kupferwände vom Ruß
längst geschwärzt waren.
Noch bevor sie das obere Ende der Treppe erreicht hatten, erschien im Schatten
der dunklen Türöffnung ein hagerer Mann mittleren Alters, der über
seinen Rock einen Überwurf aus gelbem Stoff trug. In der rechten Hand
hielt er einen bodenlangen Stab, der am oberen Ende leicht geschwungen war.
Demonstrativ streckte er ihn von sich und winkte Nefer herbei, der sich bereits
auf der Treppe leicht vor ihm verbeugte.
Als der kräftig gebaute Mann dem hageren gegenüber stand, kreuzte
er die Hände vor der Brust und verbeugte sich tief. Danach führten
die Männer ein Gespräch, von dem Talon nichts verstehen konnte,
da seine Gruppe mehrere Meter unterhalb des oberen Absatzes warten mussten.
Dennoch blieb ihm der interessierte und nachdenkliche Blick des Hageren nicht
verborgen, mit dem er ihn mehrmals bedachte.
Schließlich nickte dieser und verschwand im Inneren des Gebäudes.
Ohne eine weitere Regung blieb Nefer am oberen Treppenende stehen und verharrte.
Es dauerte einige Minuten, bis der hagere Mann wieder im offenen Türrahmen
erschien. Bereits durch die Gesten war Talon klar geworden, dass er nach oben
kommen sollte. Doch erst, als ihm Nefer mit einer ruckartigen Bewegung der
Hand einen Hinweis gab, löste er sich aus seiner Gruppe, immer taxiert
von den lebendigen, fast schwarzen Augen des hageren Mannes.
Er reichte Talon kaum weiter als bis zur Brust. Um seinen Kopf trug er einen
dünnen Reif aus Gold, der an der Stirnseite mit einer Sonnenscheibe und
einer gewundenen Schlange verziert war. Ein leichtes Lächeln schien seine
Lippen fortdauernd zu umspielen.
Komm mit, wies er Talon an und machte gleichzeitig eine dementsprechende
Handbewegung. Kurz nur sah sich der hochgewachsene Mann nach Nefer um, der
sich umdrehte und kommentarlos zu seinen Männern ging. Doch direkt als
Talon den nachtdunklen Raum betrat, dessen hohe Decke sich im Dämmerlicht
der zahlreichen brennenden Ölbecken verlor, wurde er von zwei Wachen
flankiert, die durch einen Brustpanzer aus polierten Metallplättchen
geschützt waren und in ihrer Hand ein Schwert mit einer kurzen aber schweren
Klinge trugen.
Ohne ein Wort mit ihm zu wechseln, durchschritt der hagere Mann die säulenbewehrte
Halle, deren Luft von Weihrauchdämpfen erfüllt war, denen außerdem
ein süßlicher Beigeschmack anhing. Talon merkte, wie ihm schwindlig
wurde. Fast glaubte er, im Hintergrund engelsgleich die Stimmen junger Frauen
singen zu hören, doch er konnte nicht sagen, ob das nicht bereits auf
einen beginnenden Rausch zurückzuführen war.
Durch mehrere schmale Gänge wurde er in einen karg eingerichteten Raum
geführt, der im Vergleich zur Halle äußerst klein wirkte.
Über einen Tisch aus dunklem Ebenholz gebeugt betrachtete sich ein Mann
im Licht einer kleinen Ölpfanne ein pergamentartiges Schriftstück,
auf das er an den Rand etwas mit einer Rohrfeder notierte.
Als er die Ankömmlinge bemerkte, hielt er in seiner Arbeit inne und wies
durch mehrere Handbewegungen die Wachen an, vor dem Raum zu warten sowie den
hageren Mann an, sich im Hintergrund zu halten.
Er kam um den Tisch herum und lehnte sich gegen dessen Kante.
Ich bin Menasseb. Du bist also der Mann, den Sekhmet verschont hat,
stellte er übergangslos fest. Er betrachtete sich Talons langsam verheilende
Wunden und nickte kurz. Talon spielte kurz mit dem Gedanken, diesen Menschen
zu erklären, dass ihn dieses Wesen, Nayla oder Sekhmet, nicht verschont'
hatte, sondern sie es offensichtlich nur ihrem Bruder, wenn er das denn war,
zu verdanken hatte, dass sie jetzt nicht tot war.
Doch er ließ den Gedanken fallen. Er war nicht interessiert daran, sich
mit den religiösen Fanatismus dieser Leute auseinander zu setzen. Sie
mochten glauben, was sie wollten.
Wir können deine Hilfe gebrauchen, so schwer es mir fällt,
dies zuzugeben, stellte der massig gebaute Mann weiterhin fest. Du
musst wissen, wir sind die Hüter Sekhmets. Und das seit nun bald hundertundzwanzig
Generationen. Durch Zufall nur ist unsere Expedition damals auf diese heilige
Stelle gestoßen. Als die Legenden längst berichteten, Ra habe Sekhmet
gezähmt und sie zu Hathor gemacht, stießen wir auf die Wahrheit.
Er bedachte Talon mit einem Blick, dessen Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit
ihn einen Augenblick lang erschreckten.
Sekhmet ist die Fleisch gewordene Rache von Ra, ausgeschickt, um die
Menschen für ihre Frevel zu bestrafen! Sie ist der Tod. Sie ist
das Auge des Ra, seine eigene Tochter. Und wir, er stockte und senkte
den Kopf, wir haben die einzige Möglichkeit zu überleben darin
gesehen, Sekhmet im Körper einer Frau wieder auferstehen zu lassen. Im
schwachen Körper einer Frau, der sich irgendwann durch den Hass, der
in ihm selbst innewohnt, selbst zerfleischt.
Tiefe Schatten hatten sich in den wenigen Augenblicken unter die Augen des
Mannes eingegraben, der Talon mit düsterem Blick ansah.
Um sie dann in den Körper der nächsten Auserwählten zu
übertragen. Die sich selbst vernichtet und die Menschen damit verschont.
Doch dieses Mal ist es anders, stellte Talon trocken fest, der
nicht wusste, wie er mit dem Gehörten umgehen sollte.
Ja, bestätigte der Mann und zog den blassblauen Überwurf
um seinen Körper enger zusammen. Dieses Mal richtet sich die Rache
der Auserwählten nicht gegen sich selbst. Sondern gegen die Menschen.
Sekhmet ist zurückgekehrt, um ihre Bestimmung zu erfüllen!
Fortsetzung folgt in
Talon Nummer 21
Die Auserwählte
© Copyright aller Beiträge 2004 by Thomas Knip. Nachdruck, auch
auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung. Kontakt unter info@talon-abenteuer.de
.
Talon erscheint als eBook kostenlos auf www.talon-abenteuer.de