Talon Nummer 23

„Die Verfemten“

von
Thomas Knip

 



Nur wenig Licht fiel durch die Baumkronen, die sich weit über dem hochgewachsenen Mann als dunkle Schatten am Himmel abzeichneten. Es war früher Vormittag, dennoch war die schmale Talsenke in ein Dämmerlicht getaucht, das einen kaum auszulotenden Schleier auf die Umgebung legte.
Mehrmals war Talon auf dem mit losem Geröll bedeckten Boden ins Rutschen geraten und hatte sich einige Schürfwunden zugezogen. Irgendwann hatte er eine offen hervorstehende Wurzel aus einem der schlanken, hoch aufragenden Bäume geschlagen, die an den terrassenartig verlaufenden Vorsprüngen wuchsen. Mit diesem behelfsmäßigen Stock konnte er sich auf dem lockeren Gestein besser abstützen und hatte einige Stürze vermeiden können.
Er fluchte innerlich auf. Die letzten Tage über war er durch die offene, in sanften Hügelketten verlaufende, Trockensavanne schnell vorwärts gekommen. Selbst die Erinnerungen an die Geschehnisse um Sekhmet verblassten allmählich, als seien sie nicht mehr gewesen als ein Traum.
Seine Gedanken richteten sich nach vorne. Er musste zu Shion zurück und zumindest versuchen, einen Weg zu finden, den Prozess umzukehren, den Eser Kru in Gang gesetzt hatte. Auf seinem Weg zum Tempel des schwarzen Löwen war er an mehreren verlassenen kleinen Siedlungen vorbei gekommen. Die leer stehenden Hütten hatten schemenhaft ausgesehen, als seien sie mit Pastellfarben in die Landschaft gemalt worden. Sie waren mit jedem Moment vor seinen Augen verblasst, und ihre Umrisse verloren an Form, wie Gebilde aus Sand, deren Staub der Wind mit sich reißt. Talon vermied die Frage, was geschehen würde, wenn die Zeit noch weiter zurück schritt. Wenn sie die Jahrtausende überwand und jenen Punkt erreicht hatte, den der schwarze Magier zu Leben erwecken wollte.
Er war nicht gewillt, zu warten, bis sich ihm die Antwort offen zeigte.
Gestern Abend hatte er den Eingang zu diesem Tal erreicht. Links und rechts schoben sich schroff emporsteigende Hügelketten in den Himmel, die sich noch weit bis zum Horizont hinzogen. Talon fehlte es an Ausrüstung, um sie auf direktem Weg zu überqueren, also wählte er den Weg durch das Tal, das von einem kleinen Bach durchschnitten wurde. Doch das ebene Gelände verlor sich auch hier rasch und wich diesem schmalen Einschnitt durch die Felsen, der kaum breiter als achtzig Meter war. Zu beiden Seiten türmten sich mächtige Schieferwände auf, deren graue Platten sich in langen Bahnen wie ein Muster übereinander legten.
Von der oberen Kante eroberte sich die Vegetation den Zugang zum Tal. Grüne Flechten legten sich wie ein Teppich auf den matten Stein. Lianenartige Gewächse umschlangen die dünnen Baumstämme und rankten sich an ihnen empor. Im Schein der Sonne breitete sich ein unwirklich aussehender heller grüner Schleier über den Talboden aus, der in einem diffusen, wabernden Dämmerlicht lag.
Talon hielt inne. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Er ging in die Knie und legte den behelfsmäßigen Stab neben sich auf die rutschigen Schieferplatten, die sich aus der Wand gelöst hatten. Vor ihm schälte sich die Form eines menschlichen Knochens aus dem unförmigen Grau des Gesteins. Fetzen verdreckten Stoffs klebten an dem sauber abgenagten Knochen, der zu einem Unterarm gehören musste. Die wenigen Reste Fleisch, die noch an der Oberfläche klebten, waren fast schwarz und lange eingetrocknet.
Er erhob sich aus seiner gebeugten Haltung und sah sich um. Sein Blick fuhr suchend über das dämmrige Schattenspiel des Bodens, der sich in einem leichten Schwung zur Mitte des Tals absenkte. Es dauerte nicht lange, bis er weitere Umrisse erkennen konnte, die eindeutig zu den Knochen eines Menschen gehörten.
Talon griff nach dem Ast und stützte sich auf dem schräg abfallenden Untergrund ab. Über ihm erklangen entfernt die Geräusche kleiner Vögel, die sich in den Baumkronen tummelten. Doch hier unten legte sich eine schweigsame Ruhe auf das Tal, als ob das Leben beschlossen habe, sich von hier fern zu halten. Nicht einmal Insekten krochen über den Boden, die auf der Suche nach Nahrung an den Knochen reiche Beute gefunden hätten.
Wachsam blickte er sich um. Sein Blick bohrte sich noch tiefer in die Schatten der Umgebung, als er sich über das Geröll nach unten kämpfte. Zu beiden Seiten des Bachs, der sich in einem verschlungenen Bett durch das Tal zog, lief der Boden etwa drei, vier Meter flach aus. Sollte im Dunkel eine Gefahr lauern, so hatte Talon auf diesem Untergrund wenigstens einen besseren Stand.
Er rutschte die letzten Meter förmlich nach unten. Das Echo des kleinen Steinschlags, der seinen Bewegungen folgte, hallte hohl von den Talwänden wider. Weitere Knochen säumten den Boden. Manche von ihnen wirkten, als wuchsen sie direkt aus dem steinernen Boden empor. Talon erkannte ein angewinkeltes Knie, das sich einem Torbogen gleich aus dem Schiefer empor schob, und nur knapp dahinter die Überreste einer menschlichen Hand, die sich nach oben reckte und mit dem Stein verschmolzen zu sein schien.
Talon nahm den Ast und schlug gegen den Unterschenkelknochen des halb vergrabenen Skeletts. Er zerbröselte zu Staub. Wie grauer Sand, der sich in seiner Farbe kaum von dem Schiefer unterschied, legte er sich auf den Boden.
Der Atem des hochgewachsenen Mannes beschleunigte sich. Unruhig wanderten seine Augen hin und her und suchten die kaum zu durchdringende Düsternis vor ihm ab. Die Schatten an den Felswänden schienen sich zu bewegen. Talon spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Sein Instinkt sagte ihm, dass er nicht allein war. Doch so gründlich er sich auch umsah; es war ihm unmöglich, etwas in dem Dämmerlicht auszumachen.
Obwohl ihn der Durst plagte, beschloss er, dem Bach erst eine Weile zu folgen und die Umgebung genau zu beobachten. Unter seinen Tritten brachen einige der dünneren Schieferplatten mit einem leisen Knirschen. Das Geräusch war neben dem unablässigen Gurgeln des Wassers das einzige, was er nun hörte.
Die sonnenabgewandte Steinwand zu seiner Rechten war in einen dunklen Schatten gehüllt. Silhouettengleich legte sich das Muster der stark verästelten Bäume vor den kaum zu erkennenden Himmel. Mehrmals wechselte Talon die Uferseite und durchschritt das flache Wasser des Bachs. Doch noch immer ließ sich in den Felswänden oder am Boden keine Bewegung ausmachen, die seinem Instinkt Recht gegeben hätte.
So beschloss er, an einer weit auslaufenden Biegung des Bachs Halt zu machen. Er kniete sich nieder und tauchte die flache Hand in das Wasser, das in dieser lichtlosen Umgebung nicht minder schwarz wirkte als die Felsen. Es legte sich mit seiner Kühle beruhigend auf die erhitzte Haut.
Talon formte die rechte Hand zu einer Schale und schöpfte etwas Wasser. Doch noch bevor er sie an den Mund ansetzen konnte, zuckte sein Kopf zurück, und er ließ die Flüssigkeit zwischen den Fingern hindurchfließen. Das Wasser hatte einen eigenartigen Geruch. Er war es gewohnt, welches zu trinken, das mit Erde oder Sand versetzt war. Ohne einen Brunnen oder eine Quelle war klares Wasser in dieser abgelegenen Gegend ein Luxus, auf den er nicht hoffen durfte.
Er roch an seiner Hand. Ein schwerer, süßlicher Geruch hatte sich auf der Haut festgesetzt. Ein Geruch nach Moder und Verwesung …
Ein Schlag traf ihn am Kopf. Farbige Kreise tanzten vor Talons Augen. Benommen kippte er zur Seite und konnte sich nur mühsam mit der linken Hand auf dem rutschigen Untergrund abstützen. Sein Atem ging schwer. Er hatte Mühe, das Bewusstsein nicht zu verlieren. Ein kaum zu hörendes Sirren pfiff durch die Luft. Direkt vor ihm spritzte das Wasser plötzlich empor. Ein Stein, kaum größer als eine Walnuss, durchstieß die Oberfläche ein zweites Mal, um dann im Bach zu versinken.
Talon ließ sich zu Boden fallen. Sein Kopf ruckte nach rechts. Ein weiterer Stein schoss über ihn hinweg. Er kam aus dem schattenverhangenen Felsvorsprung, der den Bach in einen Bogen zwang. Jemand schoss mit einer Schleuder auf ihn, jagte ihm der Gedanke durch den Kopf.
Unwillkürlich tastete er mit den Fingern nach seiner Schläfe und fühlte das Blut, das aus der aufgerissenen Wunde floss. Er fluchte mit zusammengebissenen Zähnen. Nur langsam löste sich der Schwindel auf. Es fiel ihm schwer, seine Bewegungen zu koordinieren und sich auf die Umgebung zu konzentrieren.
Mehrere Schatten lösten sich mit einem Mal aus der Felswand. Schwerfällig bewegten sie sich vorwärts. Sie schienen Mühe zu haben, beim Laufen das Gleichgewicht zu behalten. Affen?, versuchte Talon benommen, seinen Gegner zu erkennen. Doch dafür waren die Umrisse nicht massig genug.
Das Blut rauschte in seinem Kopf. Mühevoll erhob er sich und griff nach der knorrigen, fast mannshohen Wurzel, die er neben sich gelegt hatte. Kurz überlegte er, sich mit dem bronzenen Kurzschwert zu verteidigen. Doch es besaß nicht genügend Reichweite, um damit die Gestalten auf Distanz zu halten.
Jetzt erst erkannte er die Kleiderfetzen, in die die Gestalten gehüllt waren. Sie waren in zahlreichen Lagen dicht übereinander gelegt und verhüllten die hageren Körper fast vollständig. Der Stoff war brüchig und dreckig. Nur um die Augen war bei den meisten ein kleiner Spalt offen. Dunkle, blutunterlaufene Augen, die in dem schwachen Licht fiebrig funkelten, richteten sich auf den halbnackten Mann.
Talon schwang das Stück Holz um sich herum und trieb damit die vordersten Angreifer zurück. In dem Dämmerlicht konnte er kaum ausmachen, wie vielen Gegnern er gegenüberstand, doch es waren genügend, um ihn in einem weiten Bogen langsam zu umzingeln.
Seine provisorische Waffe traf eine der Gestalten in die Seite und warf sie zurück. Die Wurzel knirschte bedenklich. Ein dumpfer Aufschrei drang aus den Stofffetzen. Der Mann mit den rotbraunen Haaren nutzte den Schwung aus und traf zwei weitere Körper, die nach hinten taumelten.
Eine Hand packte ihn bei der Schulter. Talon riss den Kopf herum und blickte in zwei funkelnde Augen. Mit dem Ellenbogen schlug er den Arm zurück. Ekel packte ihn. Der raue Leinenstoff war mit Absonderungen durchtränkt und legte eine schmierige Schicht auf seine Haut. Die Faust seiner linken Hand schlug zu. Er traf eine der Gestalten mitten in das vermummte Gesicht. Es fühlte sich an, als würde er auf einen Stapel nasse Wäsche einprügeln. Sofort bildete sich auf dem verdreckten Tuch ein dunkler, roter Fleck.
Talon schrie auf. Ein Schlag traf ihn in die Seite, auf Höhe der Niere. Er taumelte vor und zog dabei die lange Wurzel in einem weiten Bogen durch. Sie traf einen seiner Gegner und schleuderte ihn mit Wucht zu Boden, doch dabei zerbrach das Holz und ließ dem Mann aus dem Dschungel kaum mehr als einen wertlosen Stumpf zurück.
Er spürte, wie sich zwei, drei der Gestalten mit ihrem gesamten Gewicht gegen ihn warfen und ihn zu Boden reißen wollten. Mit letzter Kraft hielt er ihnen stand und schüttelte einen von ihnen ab. Dann jedoch packten ihn zwei kräftige Hände bei den Knöcheln und brachten ihn aus dem Gleichgewicht.
Talon ruderte noch mit den Armen, um sich abzufangen. Er bekam einen der Gegner an einem verschmierten Stofflappen zu fassen, der lose am Körper hing, und riss ihn mit sich zu Boden. Sofort waren die Gestalten trotz ihrer schwerfälligen Bewegungen über ihm und hielten ihn am Boden fest. Seine Arme wurden zur Seite gerissen. Ein Gemisch aus Ausdünstungen und fauligem Atem schlug ihm entgegen. Nur mit Mühe konnte er die aufsteigende Übelkeit unterdrücken.
Die verhüllten Körper verständigten sich mit kehligen Lauten, von denen Talon ab und zu einen Brocken verstand. Er fühlte, wie eine unförmige Hand an seine linke Seite griff und das bronzene Schwert in einer schwungvollen Bewegung aus der einfachen Scheide aus gewickeltem Leder zog.
Die antike Klinge glitzerte in den Lichtstreifen, die von oben herabfielen, dunkel auf. Eine der Gestalten schob sich mühevoll über Talons Körper und hob das Schwert langsam an.
Ein dumpfer Ruf ließ die Gruppe einhalten. Der, der das Schwert hielt, wurde plötzlich durch einen kräftigen Hieb zur Seite geschleudert. Aus den Kehlen der Vermummten drang gedämpft ein wütender Schrei. Nur zögernd wichen sie zurück und machten einer hoch aufragenden Gestalt den Weg frei.
Talon hob den Kopf so weit wie möglich an. Im fahlen Gegenlicht sah er eine Gruppe aus drei Personen, von denen die mittlere Ehrfurcht gebietend einen massiven Stab wie einen Knüppel in der Hand hielt und durch mehrere kurze Hiebe die Gestalten von Talons Körper vertrieb. Dennoch hielten sie ihn an den Handgelenken und Knöcheln fest, um ihm keine Flucht zu erlauben.
Der Vermummte trat auf den am Boden liegenden Mann zu und beugte sich vor.
„Danke, dass Sie mich vor dieser Horde gerettet hab- …“, setzte Talon in gebrochenem Kiswahili an und hoffte, dass man ihn verstand. Doch weiter kam er nicht. Der Knüppel stieß vor und traf Talon seitlich an der Stirn. Sein Bewusstsein explodierte und tauchte in eine namenlose Dunkelheit ab.

Als er erwachte, schien der Boden unter ihm zu tanzen.
Talon konnte die aufkommende Übelkeit nicht mehr zurückhalten und übergab sich. Sofort war er hellwach. Er hustete Reste des Erbrochenen heraus, die ihm in die Luftröhre gerutscht waren, und spuckte aus. Sein Hals brannte wie Feuer.
Doch noch schlimmer war das Pochen in seinem Kopf. Er spürte, wie es mit jedem Schlag seines Herzens in seinem Schädel dröhnte. Erneut presste sich sein Magen zusammen. Talon atmete lange und tief durch, und sein Körper beruhigte sich ein wenig. Erst jetzt konnte er die abgestandene, mit zahlreichen intensiven Gerüchen erfüllte Luft auf seiner Zunge schmecken. Angewidert verzog er die Nase und sank zurück. Noch einmal hustete er.
Wie aus der Ferne hörte er ein hastiges Rufen. Nur langsam öffnete er die Augen. Zuerst glaubte er, überhaupt nichts sehen zu können. Erst nach und nach schälten sich die ersten Umrisse aus dem schattenerfüllten Dämmerlicht. Hier und dort unterbrach der schwache Lichtschein kleiner Feuer die Dunkelheit, die sich schwer auf die Umgebung legte, und zeigte die huschenden Umrisse menschlicher Körper.
Schwach drehte Talon den Kopf zur Seite. Er lag auf einer vor Dreck starrenden Matte aus geflochtenem Bast nahe an einer Felswand, die mit feuchtem Moos bedeckt war. Wie er feststellen konnte, war er nicht gefesselt worden. Offensichtlich waren sich seine Gegner ihrer Sache sehr sicher.
„Ich sehe, du bist aufgewacht“, unterbrach eine raue Stimme Talon in seinen Gedanken. Die Worte kamen auf Kiswahili, doch der Mann aus dem Dschungel konnte deutlich hören, dass es nicht die Muttersprache seines „Gastgebers“ war. Dieser stützte seinen verhüllten Körper auf seinem mannshohen Stab auf.
„Kann ich … etwas zu trinken haben?“, fragte Talon mit brüchiger Stimme. Auf einen Wink der Gestalt hin kam ein weiterer Vermummter, der eine einfache Holzschale mit einer Flüssigkeit hinstellte und sich dann zurückzog. Eine kleine Dunstfahne löste sich von der Oberfläche. Bei jeder Bewegung schien Talons Kopf förmlich explodieren zu wollen. Nur mühselig schaffte er es, sich auf die Seite zu legen und mit dem linken Arm aufzustützen. Er griff nach der Schale mit der warmen Flüssigkeit. Ein intensiver Geruch schlug ihm entgegen.
„Abgekochtes Wasser, mit ein paar Kräutern“, erklärte ihm der Vermummte. „Trink. Was Besseres haben wir nicht.“
Nur widerwillig kam Talon der Aufforderung nach. Die Flüssigkeit roch alles andere als verführerisch. Doch schließlich siegte sein Durst, und er trank die Schale in wenigen Zügen hastig leer. Trotz des ekelhaften Geschmacks breitete sich wohlige Wärme in seinem Körper aus. Die ganze Zeit musterte ihn die verhüllte Gestalt aufmerksam. Plötzlich legte sie den Stab beiseite und zog das Bronzeschwert aus einer Falte der Stofffetzen hervor und hielt es in der eingemummten rechten Hand.
„Du bist Talon“, stellte die Stimme fest. „Nur dieses Schwert … – es ist keines aus dem Tempel. Das hier ist anders, wie aus einem Museum.“
Der Mann aus dem Dschungel kniff die Augen zusammen. „Wer bist du?“, fragte er mit klirrender Stimme. „Woher weißt du, wer ich bin?“
„Ich habe dich damals gesehen, im Thronsaal“, erklärte ihm die vermummte Gestalt und reichte das Schwert an jemanden weiter, der wie ein Schatten aus der Dunkelheit aufgetaucht war. „Dich und diese alten Krieger“, sprach sie weiter. „Und später, noch einmal, als wir dachten, der Tempel gehöre uns und du seist weggesperrt.“
Die Gestalt beugte sich vor. „Ich habe dich gesehen, dich und diesen schwarzen Löwen, damals, im Verlies. Als ihr uns in die Quere gekommen seid. Die Nacht, als ihr Eser Kru getötet habt!“
Eser Kru! Bei der Erwähnung dieses Namens zuckte Talon zusammen. Er versuchte sich zu erheben, doch sofort riss die Gestalt vor ihm den Stab hoch und drückte das untere Ende kraftvoll gegen seine Brust.
„Lass es“, quittierte der Vermummte die Aktion.
„Du hast zu seinen Gefolgsleuten gehört, richtig?“, stellte Talon fest.
„Wir alle hier“, erfolgte die Bestätigung. „Wir alle sind ihm gefolgt. Und wir alle zahlen den Preis dafür. Möge seine Seele in der ewigen Kälte der Nacht vergehen!“
Überrascht kniff der Mann aus dem Dschungel die Augen zusammen. Diese Reaktion verwirrte ihn. Nach und nach ebbte der pochende Schmerz in seinem Kopf ab. Er sah sich um. In dem schwachen Lichtschein der wenigen Feuerstellen konnte er um die zwanzig, vielleicht dreißig Gestalten ausmachen. Viele von ihnen hatten ihre verhüllten Köpfe in seine Richtung gestreckt und schienen der Unterhaltung aufmerksam zu folgen, auch wenn sie die Worte kaum wahrnehmen konnten.
„Ihr habt damals nicht alle töten können, nicht alle festgenommen. Manche sind entkommen, wie ich“, wurde ihm erklärt. „Viele von uns kamen aus der gleichen Region; Verwandte oder Nachbarn. Die, die sich kannten, schlossen sich zusammen und kehrten nach Hause zurück. Um zu vergessen und zu hoffen, dass man vergaß, was sie getan hatten. Oder ihnen zumindest vergab.“
Ein Ächzen erklang aus den Tüchern, die wie ein Schleier vor den unteren Bereich des Kopfs gelegt waren. Kurz fasste sich die Gestalt an die rechte Seite. Talon hörte ein leises Fluchen. Niemand in der Runde reagierte darauf oder machte Anstalten, dem Vermummten zu helfen.
„Wir dachten, wir könnten wieder unser altes Leben leben“, fuhr die raue Stimme fort, unterbrochen von hastigen Atemzügen. „Doch dann begannen wir uns zu verändern. Innerhalb von Tagen. Male zeichneten sich auf unserer Haut ab, Wunden heilten nicht mehr oder sie brachen einfach auf. Wir wurden wie Aussätzige behandelt, wie jemand, der eine Krankheit hat. Die Menschen jagten uns aus unseren Dörfern.“
Die Gestalt streckte die zerlumpte linke Faust vor. „Weißt du, wie es ist, wenn die eigene Familie vor dir ausspuckt? Wenn sie Angst vor dir hat, wenn du die Todesfurcht in ihren Augen siehst? Wenn du spürst, dass sie wünschten, du wärst nicht mehr hier? Wenn du irgendwann einfach gehst, weil du mit ansehen musstest, wie ein anderer mit Steinen vertrieben wurde und du weißt, dass du bald, schon bald, sein Schicksal teilen wirst?“
Der Holzstab beschrieb einen Bogen durch die Luft.
„Uns allen war klar, dass uns etwas verändert hatte. Das, was mit uns geschah, hatte keinen natürlichen Ursprung. Etwas Magisches, etwas Dämonisches, war in uns eingedrungen und fraß uns von innen her auf. Und es gab nichts, das uns helfen konnte.“
Talon suchte die Augen der Gestalt, die im Halbdunkel der Stofflagen kaum auszumachen waren, doch der Vermummte drehte den Kopf ab.
„Wir wussten bald voneinander. Es sprach sich rasch herum, was mit uns geschehen war. Also beschlossen wir, uns zusammenzutun und nach einer Zuflucht zu suchen. Zumindest die, die noch Kraft hatten, zu gehen. Die anderen mussten wir zurücklassen.“
Kurz sah sich die Gestalt um.
„Wir sind südwärts gezogen, durch Gegenden, die sich vor unseren Augen veränderten, noch während wir sie durchquerten. Dörfer lagen verlassen vor uns. Doch wir konnten nicht einziehen, denn die Häuser zerfielen buchstäblich. Sie lösten sich in Staub auf und verschwanden einfach. Wie alles, was uns hätte helfen können. Bis nichts zurückblieb als der blanke Boden.
Irgendwann dann haben wir dieses Tal erreicht. Abgelegen, verwinkelt, nur schwer zugänglich. Uns war klar, dass wir nirgendwo mehr Schutz erhoffen durften als hier. Hier haben wir seit gut zwei Monaten endlich die Ruhe gefunden, die wir gesucht haben.“
„Was mit euch geschehen ist, tut mir Leid“, setzte Talon an, als ihm klar war, dass die Ausführungen zu Ende waren, „doch warum erzählst du mir das alles?“
Die vermummte Gestalt riss die Arme empor und zerrte an den Stoffbahnen, die um den Kopf gehüllt waren. Knirschend brach der Stoff auf und enthüllte eine faulige Masse sterbenden Fleisches, die von blutenden Geschwüren durchsetzt war. Ein durchdringender Verwesungsgeruch schlug Talon entgegen. Er erkannte in der eiterzerfressenen Grimasse die Gesichtszüge einer Frau, deren obere Lippe nur noch durch wenige Streifen mit der Haut verbunden war.
„Weil das hier das ‚Geschenk' Eser Krus für all jene ist, die ihm gefolgt sind! Weil wir wollen, dass du uns hilfst!“, schrie ihm die Frau, die vielleicht Anfang Vierzig sein mochte, mit ihrer tiefen, brüchigen Stimme entgegen. Nur behelfsmäßig wickelte sie den Stoff wieder um ihre entstellten Züge.
„Ich habe unser Glück nicht fassen können, als ich gesehen habe, wer durch das Tal kommt. Darauf hätte ich niemals zu hoffen gewagt! Deshalb habe ich diese vom Wahnsinn vernebelten Narren nur mit Mühe davon abhalten können, dich einfach zu töten.“
Talon atmete tief durch. Der Anblick hatte ihm mehr zugesetzt, als er es sich selbst eingestehen wollte. Vielleicht, weil er die ganze Zeit gedacht hatte, er würde mit einem Mann reden. Und es ihm leichter fiel, diesen mitleidslos als ‚Gegner' abzutun.
„Wie …“, er musste absetzen, „wie soll ich euch helfen können?“
Die Frau hatte ihre Fassung inzwischen zurück gewonnen und wirkte so gleichmütig wie zuvor.
„Komm mit“, befahl sie ihm. Talon unterdrückte das Schwindelgefühl, als er sich aufsetzte, und folgte der Vermummten. Sofort schlossen sich ihnen vier weitere Gestalten an, die hinter ihm liefen und ihn in einem offenen Halbkreis umringten. Eine von ihnen hielt eine einfache Fackel in der Hand, die mit ihrem flackernden Licht die Umgebung erhellte. Zum ersten Mal konnte er sich das Lager genauer besehen. Er war die ganze Zeit davon ausgegangen, dass es eine Höhle sei, doch jetzt stellte es sich als eine schmale Einbuchtung in der Felswand heraus, die eine tiefe Furche in den Stein geschlagen hatte. Weit über ihm zogen bunte Vögel ihre Kreise, deren Krächzen von den hohen Mauern vielfach widerhallte. Er wandte sich um und konnte über die Schulter den schwachen Lichtschein erkennen, der durch das eigentliche Tal bis hierher vordrang.
Zahlreiche Schlinggewächse zogen sich über den feuchten Stein. Ihre kleinen Blätter waren nur als trübe, grüne Flecken in der Dämmerung zu erkennen. Plötzlich führten mehrere schmale Stufen aus einem fein behauenen, sandfarbenen Marmor leicht nach oben. Sie waren durch zahlreiche Wurzeln und Lianen an vielen Stellen längst aufgesprengt und überwuchert worden. Erst spät erkannte Talon den schmalen Eingang, der tiefer in den Fels führte.
Der Vermummte mit der Fackel ging vor. Er zog mehrere der kräftigeren Lianen beiseite, die auch ins Innere wuchsen, und vergrößerte damit den Durchgang. Der Einlass war kaum breiter als zwei Meter. Die Wände waren auf beiden Seiten durch detaillierte Reliefs reich verziert. Talon erkannte eine Gruppe von Männern, deren Kleidung und Ausstattung der entsprach, die Shions Wächter im Tempel noch heute trugen. Und über allem prangte in regelmäßigen Abständen in stilisierter Form ein gewaltiger Löwenkopf.
„Manche von uns meinen, wir seien nicht durch Zufall hierher geführt worden“, erklärte die Frau, die offensichtlich die Funktion einer Anführerin hatte. „Manche sehen es als einen Akt der Strafe an, dass wir genau hier gestrandet sind. Andere von uns sehen darin eine Prüfung. Durch die wir vielleicht geläutert werden. Vielleicht sogar gerettet …“
Die letzten Worte kamen flüsternd, sodass Talon sie nur mit Mühe verstehen konnte.
Der Gang reichte kaum weiter als acht Meter in den Fels und endete an einer kleinen Nische, deren Verzierung an einigen Stellen abgeschlagen war. In der Vertiefung leuchtete eine handgroße Figur in einem nachtschwarzen Licht. Sie war deutlich gröber bearbeitet als der Rest des kleinen Schreins – als solchen betrachtete es Talon –, dennoch war die Form eines Löwen eindeutig zu erkennen. Die kleine Statue zeigte deutlich Shion, den dunklen Löwen, der seit Jahrtausenden den Tempel bewachte.
„Diese Figur“, brachte die Frau mit schweren Atemzügen hervor, „sie ist mehr als nur ein Fetisch. Als wir sie fanden, wollten wir sie zerschlagen. Doch sobald sie der erste berührte, ging etwas in ihm vor, das uns zögern ließ …“
Sie zog den Stoff um die Finger ihrer rechten Hand zurück und entblößte das wunde, faulende Fleisch, das kaum noch mit Haut bedeckt war. Die Finger schlossen sich um die Statue und zogen sie aus der Nische. „Schau“, hauchte sie beinahe und berührte mit der anderen Hand einen der Lianenzweige, der bis zum Ende des Durchgangs gewuchert war.
Die Figur strahlte von einem Augenblick auf den anderen aus einem unirdischen, dunklen Licht heraus und schien fast zu glühen. Der Atem der Frau ging schneller. Ungläubig sah Talon zu, wie sich einige der Wunden in ihrem Gesicht schlossen, wie sie in Sekunden anfingen zu heilen und sich eine gesunde, hellbraune Haut bildete. Doch gleichzeitig war ihm dieses finstere Licht, das aus einer unwirklichen Quelle heraus strahlte, viel zu vertraut. Er hatte es selbst einmal gesehen, tief im Inneren des Tempels, als Shion ihn drängte, sein Amt zu übernehmen.
Dann jedoch sah er, wie die Liane an Substanz verlor und die Fasern in sich zusammen fielen. Wie brüchiges, altes Papier brach sie raschelnd auseinander und zerfiel zu einem puderartigen Staub.
Sofort hörte die Statue auf zu glühen. Und nur einen Atemzug später brachen die Geschwüre aufs Neue unter der Haut hervor. Nichts war von der Heilung übrig geblieben. Mit einem schmerzverzerrten Gesicht, das die Tränen nur mit Mühe zurückhalten konnte, stellte die Frau die Löwenstatue zurück in die Nische und zog die Tücher über ihrer Haut zurecht. Talon betrachtete sie mit einem undeutbaren Blick. Er konnte den Schmerz und die Wunden der Menschen nun beinahe körperlich fühlen.
„Diese Statue schenkt Leben“, erklärte die Frau mit gebrochener Stimme. Sie wandte sich Talon zu. Neben ihnen beiden befand sich nur der Vermummte mit der Fackel im Gang. Er hatte das Schauspiel gleichmütig betrachtet.
„Aber sie schenkt nicht genug Leben für alle“, fuhr sie fort. „Nicht so viel, um uns auf Dauer zu heilen. Wir wissen selbst nicht, ob wir uns damit trösten oder uns quälen, wenn wir hierher kommen und für einen Augenblick das Leben in unserem Körper spüren wollen. Doch die Hoffnung, dass der Fetisch uns irgendwie … helfen könnte, hält uns hier fest.“
Sie packte ihn bei der Schulter.
„Doch nun bist du hier! Du wirst uns helfen!“ Es war keine Frage. Das war eine heftige Feststellung, die keinen Widerspruch erlaubte.
„Ich habe keine magischen Fähigkeiten!“, entgegnete Talon. „Was kann ich schon für euch tun? Auch für mich sind diese Kräfte ein Geheimnis.“
„Du kannst uns zum Tempel zurückbringen“, redete die Vermummte beschwörend auf ihn ein. „Uns alle. Du kannst dem schwarzen Löwen sagen, er soll uns heilen! Danach werden wir nach Hause gehen. Er soll uns nur heilen! Nichts anderes!“ Die letzten Worte schrie sie dem Mann aus dem Dschungel förmlich entgegen. Gleichzeitig nahmen ihre Augen eine Kälte an, die bar jeden Lebens war.
„Oder wir verlassen die Zuflucht und nehmen die Statue mit. Und es werden dann keine Pflanzen sein, die wir berühren werden …“

„Willst du wirklich weitermachen?“, rief der untersetzte Afrikaner müde und griff nach einer Flasche mit abgestandenem Wasser. Er streckte seinen Rücken durch und machte es sich auf dem Beifahrersitz des Rovers so bequem wie möglich, während er zu seiner Begleiterin hinüber sah, die sich außerhalb des Wagens aufhielt.
Die junge Frau nahm den breitkrempigen Hut ab uns lockerte ihre verschwitzten brünetten, gewellten Haare mit den Fingern auf. Begeistert blickte sie auf die lang gezogene Allee aus steinernen Stelen, die der Witterung seit Jahrtausenden trotzen mussten. Alice Struuten schickte ein Lächeln ins Wageninnere.
„Meinst du, ich höre jetzt auf? Wir haben Wochen gebraucht, um diese Stelle zu finden. Irre - ich dachte immer, ich hätte ein gutes Orientierungsvermögen. Aber langsam habe ich schon geglaubt, ich hätte das damals alles nur geträumt.“
Pierre Abidjou legte die Flasche auf die Ablage und seufzte vernehmlich.
„Wir haben noch genügend Sprit bis morgen. Danach reicht die Reserve nur, um gerade noch zurück nach Djema zu kommen“, appellierte er an die Vernunft der Südafrikanerin und hoffte, dass sie darauf eingehen würde.
„Das reicht“, erklärte sie ihm. „Sobald wir dieses Gebiet durchquert haben, müssen wir sowieso zu Fuß weiter. Wir stellen den Rover dann einfach ab.“
„Das ist nicht dein Ernst!“, erwiderte der Afrikaner nicht nur mit gespieltem Entsetzen. „Keiner kennt dieses Gebiet! Keiner geht da freiwillig rein. Das ist tabu!“
„Pierre, du wirst mir doch nicht sagen wollen, dass du Angst vor den alten Schauermärchen hast.“ Alice warf ihm einen zweifelnden Blick zu. „Ich war dort, und ich weiß, was uns dort erwartet.“
Sie schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln und schob sich auf den Fahrersitz. Alice hütete sich wohlweislich davor, ihm zu erzählen, dass sie genau diese Schauermärchen am eigenen Leib erlebt hatte …



Fortsetzung folgt in

Talon Nummer 24

„Die Dunkelheit in uns“




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Talon erscheint als eBook kostenlos auf www.talon-abenteuer.de