Talon Nummer 25

„Die Seelenlosen“

von
Thomas Knip

 



„Er ist tot“, stellte Hajia fest. Die vermummte Frau war neben dem Gefährten in die Knie gegangen, der in verkrümmter Haltung am Boden lag, und hatte den leblosen Körper umgedreht. Unter den Stoffbahnen strömte ein durchdringender Geruch empor.
Hajia riss die Tücher um den Kopf beiseite und blickte in die Überreste eines Gesichts, das aussah, als sei es von innen heraus verbrannt. An den Rändern der leeren Augenhöhlen glomm das Fleisch in einem tiefdunklen, blutigen Rot, das sich mit dem verkohlten Schwarz der brüchigen Haut vermischte.
Kurz senkte die Frau ihren Kopf, dann blickte sie zu ihrem zweiten Gefährten herüber, der schmerzerfüllt aufstöhnte. Er war bei Bewusstsein und wollte sich erheben, doch offensichtlich war sein Zustand bei weitem nicht so stabil wie der der Frau. Hajia ließ sich neben ihm nieder und stützte den massig gebauten Mann, der sie um eine gute Kopflänge überragte.
Talon hörte, wie die beiden leise miteinander redeten, ohne dass er etwas davon verstehen konnte. Er sah zu, wie nun auch der Mann mehrere Stoffstücke löste und sich seinen Körper betrachtete. Ein gequälter Aufschrei klang schwach zu ihm herüber. Offensichtlich nahm der Vermummte die Veränderungen an sich nicht so gelassen und selbstverständlich hin wie die Frau. Er ging die ersten Schritte in gekrümmter Haltung und schien unter großen Schmerzen zu leiden. Talon konnte sehen, wie der Mann seine rechte Hand zur Faust ballte und sich seinen Unterarm nachdenklich betrachtete.
Auch wenn der Vermummte innerlich mit sich hadern mochte, so war auch an seinen flüssiger werdenden Bewegungen deutlich zu sehen, dass sein Körper die Veränderungen begierig aufgenommen hatte.
Hajia stellte sich neben Talon und sah ihn abwartend an. Ihre Augen leuchteten in einem neu erwachten Feuer, als sie ihm mit dem Wanderstab anwies, weiterzugehen.
„Was wird aus ihm?“, fragte der Mann aus dem Dschungel und deutete auf den Toten.
„Was soll aus ihm werden?“, entgegnete die Frau ausdruckslos. „Er ist tot.“
Talon befürchtete, mit dem Tod des Mannes würde die Schwärze aus dessen Körper entweichen und ungehindert in die Erde eindringen. Doch so wie es aussah, war das, was ihn von innen heraus verzehrte, zusammen mit ihm gestorben. Das Gras um den Leichnam herum bewegte sich in dem schwach wehenden Südostwind, ohne dass es ein Anzeichen von Zerfall gab.
Die verhüllte Frau blieb noch einen Augenblick stehen und sah sich um. Ungläubig schüttelte sie den Kopf. Ihr Blick folgte dem Pfad aus zerbrochenen Steinplatten, der sich in Richtung Nordwesten durch die Landschaft zog.
„Der Weg wird uns direkt zum Tempel führen, nicht wahr?“, stellte sie aufs Neue eher fest als dass sie fragte. Talon nickte stumm. Sein Herzschlag beschleunigte sich.
„Wozu brauchen wir ihn dann noch?“, warf ihr verbliebener Begleiter ein. „Wir kommen ohne ihn genauso gut vorwärts. Und er kann uns gut dienen, unsere Kräfte zu erneuern!“
Talon verzog die Lippen zu einem trockenen Lächeln. Er straffte seinen Oberkörper. Als Wegzehrung hatte er sich eigentlich nicht gesehen …
„Red' nicht so einen Unsinn!“, unterbrach Hajia ihren Gefährten barsch. „Natürlich kommen wir ohne ihn dorthin. Aber meinst du, wir können so einfach in den Tempel rein und holen uns dort ein Rezept für unsere Heilung ab?“
Wie um ihre Worte zu bekräftigen, stampfte sie mit ihrem Stab auf. „Er ist unser Fürsprecher. Oder unser Faustpfand. Sieh es, wie du willst. Aber er wird uns helfen. Denn er weiß, was passiert, wenn wir in der vorgesehenen Zeit nicht zurückkehren und sich der Rest unserer Leute auf … – Nahrungssuche begeben muss.“
Genau dieser Gedanke beschäftigte den Mann aus dem Dschungel, seitdem sie aufgebrochen waren. Die Zurückgebliebenen stellten eine Zeitbombe dar, die man nicht unbeaufsichtigt lassen durfte. Talon spannte unwillkürlich seine Hände an. Noch war der Lederriemen zu fest, um ihn durchreißen zu können. Doch er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er für die Aussätzigen unnötiger Ballast geworden war. Und dann wollte er vorbereitet sein.
An der angespannten Haltung erkannte Talon deutlich, dass der Vermummte nur allmählich bereit war, die Argumente gelten zu lassen. Er trat auf den Gefesselten zu und stieß ihm so heftig in den Rücken, dass Talon mehrere Schritte nach vorne stolperte.
„Also los, dann lass uns gehen!“, erklang die dumpfe Stimme hinter den Stofftüchern.

Der Steinpfad führte sie tiefer in die weit auslaufende Ebene hinunter. Die Vegetation nahm mehr und mehr zu. Erste Baumriesen ragten hoch in den Himmel und warfen ihre langen Schatten auf den üppig bewachsenen Untergrund. Ein träge dahinfließender Bach folgte dem steinernen Pfad über Kilometer hinweg. Als das Wasser im Boden versickerte, ließ Hajia Rast machen und füllte die Wasservorräte auf.
Talon fluchte innerlich. Selbst jetzt waren die Vermummten nicht bereit, ihn loszubinden. Durch die Fesseln war er gezwungen, sich in gebeugter Haltung mit dem Kopf in den Bachlauf zu legen und das Wasser mit dem geöffneten Mund aufzufangen. Es schmeckte trotz der einsetzenden Hitze noch erstaunlich frisch. Als er seinen Durst gestillt hatte, schloss er die Augen und ließ das Wasser kühlend um sein Gesicht streichen. Sein hünenhafter Bewacher packte ihn schließlich an der Schulter und zog ihn wie eine Puppe hoch.
Die Gruppe tauchte nun endgültig in das grüne Dickicht des Dschungels ein. Ein Gewirr aus Hunderten von Vogelstimmen erfüllte die Luft, in deren Feuchtigkeit sich das Sonnenlicht in breiten Bahnen brach. Trotz der dicht bewachsenen Umgebung ließen sich auch hier, mitten in der Wildnis, die Veränderungen deutlich erkennen. Zahlreiche steinerne Artefakte säumten den Weg, die meisten von ihnen kaum höher als einen Meter. In ihrer unfertigen Art wurde die Vergängnis der Zeit umso deutlicher. Talon fragte sich, was mit den verbliebenen Überresten geschehen mochte, sollte dieser Prozess weiter voranschreiten. Viele der Bruchstücke mussten längst zerfallen oder anderweitig verwendet worden sein. So, wie es nun aussah, würde die Gegenwart von einer Vergangenheit ersetzt werden, die sich nicht mehr herstellen ließ. Und was zurückblieb, waren Trümmerstücke einer längst verblassten Welt.
Falls Eser Kru geglaubt haben sollte, er schaffe ein Stück der Vergangenheit neu, so hatte er bisher nur Zerstörung bewirkt. Und Talon wollte nicht darüber nachdenken, wie weit sich diese Druckwelle noch ausdehnen mochte. Er musste zurück in den Tempel, um zusammen mit Shion wenigstens zu versuchen, diesen Zerfall aufzuhalten.
Über Stunden hinweg setzten sie ihren Weg fort, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Am späten Nachmittag hing die Feuchtigkeit fast greifbar in der Luft. Es war unmöglich, in diesem allgegenwärtigen Schleier aus feinen Tröpfchen weiter als hundert Meter zu sehen. Die Schatten der Bäume vermischten sich mit dem Dunst zu einem grünlich schillernden, kaum zu durchdringenden Nebel, der die Sicht auf alles versperrte, das dahinter liegen mochte. Immer wieder erhoben sich gleichmäßig geformte Bauten aus dem Schatten des Dschungels; längst vergessene Tempel und Schreine, die den Weg zurück in die Gegenwart gefunden hatten.
Die Erde unter ihren Füßen wurde immer feuchter und erschwerte das Vorwärtskommen. Binnen weniger Meter stand ihnen das Wasser bis zu den Knöcheln. Ein Feld gedrungener Sumpfpflanzen säumte den Boden vor ihnen. Nur selten durchbrach ein Baumriese das Einerlei der Pflanzen mit den fleischigen Blättern. Vermodernde Lianen hingen von den knorrigen Ästen tief zum Boden hinab.
Über ihnen öffnete sich das geschlossene Dach der Baumkronen und ließ die Sonne bis zum Boden durchdringen. Sofort legte sich die feuchte Luft mit all ihrer Schwere auf jeden Atemzug der drei Wanderer. Das brackige Wasser plätscherte gleichmäßig unter ihren Schritten. Sie liefen nun in einer Reihe, die Hajia anführte, gefolgt von Talon.
Ein helles Kreischen ließ Talon aufschrecken. Es klang wie das panische Rufen einer Frau. Mehrere keckernder Schreie folgten. Der Mann aus dem Dschungel riss den Kopf hoch. Über ihm hangelte sich lauthals eine Horde Zwergschimpansen behände durch das Blätterdach und verschwand mit weiten Sprüngen zwischen den Baumwipfeln. Raschelnd lösten sich mehrere Lianen aus ihrer Verankerung und stürzten mit einem dumpfen Platschen zu Boden. Sie landeten zwischen den Wasserpflanzen und schwammen halb verborgen auf der Oberfläche. Die Geräusche der Primaten versanken im allgegenwärtigen Dickicht.
Der Vermummte, der hinter dem gefesselten Talon lief, stieß eine leise Verwünschung aus. Er war ins Straucheln geraten und hing mit dem linken Fuß unter Wasser fest. Im ersten Augenblick schien es so, als sei er an einer Lianenranke hängen geblieben. Doch noch bevor er sich befreien konnte, spritzte das Wasser neben ihm auf. Ein schlanker Schatten schnellte zwischen den Pflanzen empor und verbiss sich in dem massigen Körper.
Im matten Sonnenlicht leuchtete der gemusterte Körper einer Korallenschlange auf. Ihr knapp ein Meter langer Körper peitschte wild umher. Der Vermummte schrie vor Wut und Schmerz auf. Er riss den Arm herum, in dem sich die Schlange verbissen hatte, und schlug ihn heftig durch die Luft, in der Hoffnung, damit das Reptil abzuschütteln.
Talon wich zurück. Gefesselt war er keine Hilfe. Gleichzeitig achtete er mit schnellen Blicken darauf, nicht selbst eine Wasserschlange aufzuschrecken. Und so ließ er Hajia an sich vorbeiziehen, die mit einer fließenden Bewegung unter ihren Tüchern ein langes Messer hervorgezogen hatte. Nach mehreren Versuchen bekam sie das hintere Ende der Korallenschlange zu fassen. Die Klinge blitzte in der Luft auf und zerteilte den schlanken Körper nahe des Kopfs.
Flüche und Verwünschungen folgten. In ihrem Todeskampf hatte sich die Schlange mit ihren Kiefern fest im Unterarm des Vermummten verbissen und dabei alle Stoffbahnen durchdrungen. Er benötigte all seine Kraft, bis er die Umklammerung endlich brechen konnte. Wutentbrannt schleuderte er den schmalen Kopf von sich.
„Verdammt, verdammt, verdammt!“, fluchte er ununterbrochen vor sich her. Der hünenhafte Körper taumelte leicht. „War das Vieh giftig?“, wollte er von Hajia wissen.
Diese schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht sagen. Ich bin keine Expertin.“ Sie sah zu Talon herüber, doch auch dieser schüttelte verneinend den Kopf, ohne ein Wort zu verlieren. „Aussaugen oder aufschneiden bringt nichts“, erklärte sie weiter. „Damit wirkt das Gift höchstens schneller, und die Stelle entzündet sich.“
Dennoch schnitt sie den dreckverklebten Stoff an der Stelle auf und betrachtete sich die Wunde. Zwei nagelgroße Einstiche zeichneten sich auf der schwärenden Haut ab. An ihrem Rand leuchteten sie in einem dunklen Rot auf.
„Wie fühlst du dich“, wollte Hajia wissen.
„Beschissen“, antwortete ihr Begleiter. „Ich werd's schon merken, wenn sie giftig war.“ Sein Kinn ruckte vor, um anzuzeigen, dass sie ihren Weg fortsetzen sollten. Talon sah an den entschlossenen, zusammengekniffenen Augen, dass sich der Vermummte nur mühsam zusammenriss. Das aufflackernde Leuchten eines unterdrückten Gefühls von Panik war deutlich zu erkennen. Dennoch verspürte er kein Mitleid. Sollte ihm die Natur helfen, sich seiner Bewacher zu entledigen, würde er jede Hilfe nüchtern annehmen.
Hajia ließ das Messer in einer Falte ihrer Gewänder verschwinden und schritt an dem Gefesselten vorbei. „Weiter“, murmelte sie nur kurz und folgte dem Pfad, der durch die Grenzsteine markiert wurde, die in regelmäßigen Abständen aus dem seichten Wasser ragten.
In der beständigen Dämmerung sah die Gruppe nur durch die bald waagerecht fallenden Bahnen Sonnenlichts, das durch die Baumkronen drang, dass es langsam Abend wurde. Nach und nach wurde der Boden unter ihren Füßen wieder fester. Rotbraune Erde klebte bei jedem ihrer Schritte an den nackten, feuchten Füßen fest. Das dichte Unterholz verschwand bereits in einem gleichförmigen Schatten, der nur noch Umrisse erkennen ließ.
„Wir sollten Rast machen, solange wir noch sehen können, wo wir uns bewegen“, mahnte Talon seine Begleiter. Hajia drehte sich um und sah ihn für mehrere Sekunden unschlüssig an. Dann nickte sie knapp.
„Du hast Recht“, bekannte sie. „Die Dämmerung wird uns hier früher erreichen. Und uns fehlt es an nötiger Ausrüstung, um uns nachts durchzuschlagen.“
Nicht weit von ihnen entfernt erhob sich auf einer leichten Anhöhe ein wuchtiger Baumstamm aus dem Erdreich. Seine mächtigen Wurzeln schoben sich wie versteinerte Schlangen aus dem Boden, die in sich verschlungen ein wirres Muster erschufen. In einem weiten Radius um den Stamm lag nur die nackte Erde, als hielten die übrigen Pflanzen einen respektvollen Abstand.
Die drei Wanderer ließen sich auf dem natürlich geschaffenen Lagerplatz nieder. Schmerzhaft breitete sich ein Ziehen in Talons Muskeln aus. Erst jetzt ließ ihn sein Körper die Anstrengung des heutigen Tages in aller Deutlichkeit spüren. Kleine Mücken sirrten unablässig um ihn herum. Immer wieder spuckte Talon aus, wenn sich eine von ihnen in seinen Mund verirrt hatte. Ermattet lehnte er sich gegen die raue, zerfurchte Rinde des Baums.
„Binde mich los“, wandte er sich mit müder Stimme an Hajia. „Ich werde nicht fliehen; ihr habt mein Wort darauf.“
Die Vermummte schüttelte bestimmt den Kopf. Fast glaubte Talon, ein amüsiertes Blitzen in ihren Augen zu erkennen. „Du gibst nicht auf, nicht wahr? Aber es stimmt schon“, sie zögerte einen Moment, „im Kampf gegen die Schlange warst du keine große Hilfe.“
Hajia beugte sich zu ihrem verhüllten Gefährten herab und tauschte mit ihm ein paar Worte aus. Das kurze Zucken des Kopfes machte auf Talon den Eindruck, als sei der Mann irritiert. Dennoch stand er auf und trat hinter den Gefesselten. Seine prankenhaften Hände schlossen sich um Talons Schultern und hielten ihn in einem Griff, aus dem er sich nicht hätte befreien können.
Hajia wies ihren Gefährten an, den Gefangenen etwas zu drehen, damit sie an dessen Fesseln gelangen konnte. Ihre zerfressenen Finger nestelten unbeholfen an dem ledernen Band, das sich fest um Talons Handgelenke legte. Ihm stockte der Atem. Falls sie jetzt erkennen sollte, dass er versucht hatte, den Riemen aufzuscheuern, würde sie ihm keine Zugeständnisse mehr machen. Doch zum Glück waren die Lichtverhältnisse bereits so schwach, dass sich in dem Halbdunkel nur noch Umrisse erkennen ließen.
Die Vermummte hatte endlich den Knoten gelöst und wickelte das Band ab. Unwillkürlich schloss und öffnete Talon seine Fäuste abwechselnd. Seine Hände prickelten, während das Blut wieder ungehindert fließen konnte.
„Leg die Hände über Kreuz nach vorne“, wies ihn die Frau an. Nur kurz sah sie dem halbnackten Mann fest in die Augen. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich auf die Fesseln verzichte?“
Wie um den Worten seiner Gefährtin Nachdruck zu verleihen, presste der Hüne Talons Schultern unnachgiebig nach vorne, bis der Weiße von sich aus die Arme verschränkte. Sofort legte ihm Hajia den ledernen Riemen erneut an und drehte die Unterarme dabei so, dass Talon keinen großen Bewegungsspielraum hatte.
„Damit kannst du das Nötigste machen“, stellte sie fest und ließ von ihm ab. „Aber du dürftest uns kaum gefährlich werden.“
Talon machte keinen Versuch, seine neue ‚Freiheit' mit heftigen Bewegungen zu testen. Stattdessen erwiderte er ein schlichtes „Danke“ und griff mühsam nach einer Kalebasse voller Wasser, die an die Wurzeln gelehnt auf der Erde lag. Schwerfällig löste er die Kappe von dem Behälter und hielt sich dann die Öffnung an den Mund.
Sein ausgezehrter Körper nahm die warme Flüssigkeit begierig auf. Er trank nur wenige Schlucke, bevor ihm die Vermummte die Kalebasse entzog. „Genug“, herrschte sie den Mann aus dem Dschungel an. „Wir wissen nicht, wann wir an eine frische Quelle geraten.“
Der Hüne hatte Talon nun losgelassen, ging aber direkt hinter ihm in die Knie und hielt das rechte Bein des Mannes fest. Überrascht machte dieser einen Schritt nach vorne. Talon sah nach unten. Der Vermummte hatte eine der am Boden liegenden Lianen ergriffen und legte sie um das Fußgelenk des Weißen. Er verknotete die zähe Ranke mehrfach und schlang das andere Ende um eine schwere Wurzel, die fest mit der Erde verwachsen war. Dann setzte sich der Vermummte so auf die Liane, dass er jede Bewegung spürte, die der Gefesselte machte.
Schweigend setzte sich die Gruppe in einem Halbkreis zusammen und nahm eine karge Mahlzeit ein. Sie hatten in der näheren Umgebung keine essbaren Pflanzen finden können, also weichte Hajia mehrere Stücke längst getrockneten Brotes in Wasser auf und reichte es den anderen.
Mechanisch schlang Talon die zähe Nahrung herunter und hing seinen Gedanken nach, ohne sich wirklich konzentrieren zu können. Als das Abendlicht kaum noch mehr als schattenhafte Umrisse erkennen ließ, erhob er sich und verrichtete auf der abgewandten Seite des Baums seine Notdurft. Es interessierte ihn nicht, dass seine beiden Bewacher dabei zuhören konnten. Behelfsmäßig rieb er seinen Unterleib mit etwas trockener Erde ab und suchte sich dann eine Stelle, um zumindest etwas Schlaf zu finden.
An Flucht verschwendete er im Augenblick keinen Gedanken.

Mitten in der Nacht wurde er durch qualvolle Schreie geweckt. Wie betäubt zuckte er hoch und sah im fahlen Licht des Mondes, wie sich die Silhouette des hünenhaften Vermummten auf der kleinen Lichtung abzeichnete. Der massige Körper krümmte sich vor Schmerzen.
Hajia schreckte genauso wie ihr Gefangener auf. Mit schnellen Schritten war sie neben ihrem Gefährten in die Knie gegangen und legte beruhigend ihre Arme um dessen Schultern. Talon konnte kaum verstehen, was sie miteinander sprachen. Er konnte nur Vermutungen anstellen, als er „brennen“ und „keine Luft“ aufschnappte. Offensichtlich wütete in dem gezeichneten Körper doch das Gift der Korallenschlange. Der Gefesselte konnte nur erahnen, wie lange der Vermummte schon unter den Folgen des Bisses litt und sich bisher nur zusammengerissen hatte.
Einem Brüllen gleich durchschnitt dessen grollende Stimme die Nacht. Mehrere Vögel antworteten in der Ferne mit einem erschrockenen Krächzen. Wie von Sinnen riss sich der Mann die verhüllenden Stofffetzen vom Körper, ohne dass Hajia ihn aufhalten konnte. Ohne sie wirklich zur Kenntnis zu nehmen, schleuderte der Vermummte die Frau zur Seite. Hajia schrie unterdrückt auf, als sie schmerzhaft gegen die Wurzeln am Boden prallte.
Der Schwarze, dessen entblößte Haut im Mondlicht vom fiebrigen Schweiß bedeckt glänzte, taumelte mehrere Schritte nach vorne und stolperte in die Reihen der Wasserpflanzen am Fuß der leichten Anhöhe. Wie Krallen bohrten sich die zerfetzten Finger in die fleischigen Blätter und zerrten sie zu sich her.
Talons Augen verengten sich. Sein Herzschlag raste und pochte in seinen Schläfen. Er konnte erkennen, wie die Hände des Aussätzigen aus einem dunklen Licht heraus zu leuchten begannen. Das Glimmen wanderte die Umrisse des Mannes entlang und umschloss schließlich seinen gesamten Oberkörper. Auch Hajia sah die Veränderung und keuchte laut auf.
Unablässig lösten sich gequälte Schreie von den blutverschmierten Lippen des Schwarzen. Er warf sich herum und riss mit einem Ruck mehrere Dutzend der Pflanzen aus ihrer Verwurzelung. Noch in der Bewegung brachen die Blätter auseinander und sirrten wie Glassplitter durch die nächtliche Luft. Doch noch lange bevor sie den Boden berührten, waren sie zu feinem Staub zerfallen, der mit dem leichten Wind verweht wurde.
Nur das heisere Schnaufen des mächtigen Schattens war jetzt zu hören. Der Mann stürzte zu Boden und fing sich nur mit Mühe in dem flachen Wasser ab, dann kippte er besinnungslos zur Seite. Sofort war Hajia bei ihm. Ihre Stimme klang fast hysterisch schrill zu Talon herüber. Er beobachtete, wie sie den Körper des Begleiters im schwachen Mondlicht betrachtete und sich dabei auf die Stelle am Unterarm konzentrierte, an der ihn die Schlange gebissen hatte.
Mehrmals tastete sie die wunde Haut ab, dann löste sich ein unnatürlich wirkendes Lachen von ihren Lippen. Längst hatte sich Talon erhoben und voller Unruhe zugesehen. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Das, was er gerade erleben musste, war ihm viel zu vertraut, als dass er es gelassen aufnehmen konnte. Die Dunkelheit selbst hatte in dem Vermummten offenbar das Gift in dessen Körper bekämpft und war dabei offen ausgebrochen, um sich alles Leben um sie herum zu greifen, nach dem sie verlangte.
Bisher war dies den Aussätzigen nur durch die steinerne Statuette von Shion möglich gewesen, die Hajia bei sich trug. Und offensichtlich war das auch sofort der Frau bewusst geworden, als sie sich ihren verletzten Gefährten betrachtet hatte.
Talon hatte die Frau erlebt. Sie war bereit, die Dunkelheit in ihrem Körper zu dulden, solange sie dazu diente, ihren Aussatz zu heilen. Egal, um welchen Preis. Genau diesen war sie jetzt bereit zu zahlen. Sie setzte sich ein paar Meter von dem Bewusstlosen ab und griff mit beiden Händen in die dicht bewachsene Pflanzendecke unter sich.
Unterdrückt stöhnte Talon auf. Auch bei ihr konnte er sehen, wie das dunkle Licht ihren Körper umspülte und das Leben mit jedem Wimpernschlag aus den Pflanzen presste. Ein helles, fast schon schrilles Lachen scholl durch die Nacht. Die Frau drehte sich wie zum Tanz um ihre eigene Achse, während um sie herum das Leben in Splittern auseinander stob.
Dann jedoch ebbte das Lachen mit einem Mal ab und ging in ein entsetztes Krächzen über.
Hajia schrie vor Wut auf und hieb mit den Fäusten in die Wasserpflanzen. Wieder und wieder riss sie sie mitsamt den Wurzeln aus und schleuderte sie nur Augenblicke später frustriert zur Seite. Die vermummte Frau sank förmlich in sich zusammen und ließ sich zwischen den Pflanzen nieder. Ihr dünner Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt.
Ungerührt sah ihr Talon zu, wie sie sich nach endlos scheinenden Minuten erhob und auf ihren Gefährten zustakte, der sich schwach bewegte. Sie warf nur einen kurzen Blick auf ihn, um sicher zu gehen, dass es ihm gut ging, und schleppte sich dann in den mächtigen Schatten des Baums.
Talon sah mehrere frei liegende Hautstellen an ihrem Körper, an denen sie ihre Bandagen gelöst hatte. Darunter wirkte das Fleisch im ersten Moment, als würde es sich erholen, doch mit jeder verstreichenden Sekunde verlor es wieder von seinem gesunden Aussehen. Eitrige Fäden schoben sich aus den fauligen Rändern und überzogen die blutige Masse erneut mit einem Ekel erregend riechenden Belag.
Die Muskeln des Gefesselten waren bis aufs Äußerste gespannt. Er rechnete jeden Augenblick mit einem unkontrollierbaren Ausbruch. Doch Hajia hatte ihre gleichmütige Distanz zurückgewonnen, als sie sich an den Mann aus dem Dschungel wandte.
„Führe uns zum Tempel, bei Gott. Oder ich werde das Leben aus deinen Knochen saugen!“
Talon wusste, dass die Vermummte keine Sekunde zögern würde, ihre Drohung in die Tat umzusetzen. Nicht, nachdem sie heute Nacht so viel vom Leben gekostet hatte.
„Ich bringe euch zum Tempel. Das habe ich euch versprochen“, erwiderte er knapp. Hajia nickte nur müde und ließ den Gefesselten dann alleine stehen. Sie kauerte sich auf der Erde zusammen und verbarg ihr Gesicht zwischen den Stoffen ihrer Gewänder.

Die nächsten zwei Tage führten sie unablässig durch den Dschungel. Langsam verblassten die Ereignisse jener Nacht mehr und mehr zu einem unwirklichen Traum. Worte wurden zwischen den Menschen kaum gewechselt und beschränkten sich auf die nötigsten Anweisungen.
Talon musste mehrmals mit ansehen, wie die beiden Vermummten versuchten, die dunkle Kraft in sich zu erwecken. Und tatsächlich griff die Schwärze auf alles über, was die Aussätzigen berührten. Doch es dauerte nur Augenblicke, bis beide von ihnen ein ums andere Mal entkräftet zusammenbrachen, kaum dass sie die Dunkelheit freisetzten. Innerlich atmete er auf. Sie würden ihm zum Tempel folgen müssen, und dort wartete Shion mit seinen Wächtern.
Die Stimmung jedoch wurde zwischen ihnen immer eisiger. Die Verbitterung der Vermummten war fast körperlich spürbar. So setzten sie ihren Weg fort und verließen die letzten Ausläufer des Kongobeckens, um in das dicht bewaldete Hochland vorzudringen, das das frühere Zaire von Zentralafrika trennte. Es war kaum nötig, dass die Reisenden darauf achteten, in dieser Grenzregion nicht aufzufallen oder auf Menschen zu stoßen. Die Gegend wirkte so verlassen, als sei sie noch nie besiedelt worden. Nur die wenigen Feldwege zogen sich unbeirrt durch die Landschaft.
Mehr als einmal waren sie auf die Überreste eines Dorfes gestoßen, dessen Ruinen verlassen vor ihnen lagen. Und selbst an diesen letzten Resten Zivilisation nagte beständig der lichterfüllte Nebel wie ein Schwarm von Insekten und löste nach und nach die verbliebenen Spuren auf. Nichts von dem, was die Gruppe noch fand, ließ sich verwerten.
Talon schätzte, dass es noch drei, vier Tage dauern mochte, bis sie den Tempel erreichten. Er konnte die wachsende Unruhe in sich kaum noch unterdrücken. Bis jetzt war ihm noch immer kein Plan in den Sinn gekommen, obwohl er ahnte, wie viele Alternativen ihm tatsächlich blieben. Im Tempel waren die Vermummten in der Minderheit. Und sie waren auf einem Gebiet, in dem sie niemandem schaden konnten. Alleine das zählte im Augenblick für den Gefesselten.
Am späten Nachmittag erreichten sie ein Feld voller in Blüte stehender Maniokstauden. Es lag etwas abseits des Weges und wirkte, als würde es nicht intensiv bestellt. Die Erntezeit war für die Früchte noch nicht gekommen, und so musste die Gruppe auf diese sättigende Mahlzeit verzichten.
Hajia wies ihre Begleiter zu erhöhter Wachsamkeit an. Ihre Vorräte gingen zur Neige. Sollte es Menschen in der Umgebung geben, mussten sie eine Möglichkeit finden, an Essen und frisches Wasser zu gelangen. Im Schutz der ausladenden, tief hängenden Äste schlanker Bäume zogen sie weiter. Nur ein schmaler Trampelpfad durch das satte hohe Gras deutete darauf hin, dass dieser Weg regelmäßig von Menschen genutzt wurde.
Plötzlich zuckte die Frau zurück und hob den Wanderstab an, um den Männern anzudeuten, stehen zu bleiben. Fast versteckt zeichnete sich hinter dem Dickicht eine halbrunde Hütte ab. Sie war kaum höher als eineinhalb Meter und bestand aus einem Geflecht aus Zweigen, bedeckt mit Blättern zum Schutz gegen die Elemente.
Die Gruppe tastete sich langsam vorwärts und achtete auf jede noch so kleine Bewegung. Doch um sie herum blieb es still. Hinter der einfachen Hütte öffnete sich eine künstlich geschaffene Lichtung von mehr als zwanzig Metern Durchmesser. In der Mitte stieg die dünne Rauchsäule eines verloschenen Feuers empor und verlor sich im Dunst verhangenen Himmel. Nun waren noch weitere, ähnlich gebaute Hütten zu erkennen, die in einem weiten Rund am Rande der Lichtung verteilt lagen.
Minuten vergingen, in denen die Gruppe die Siedlung nervös beobachtete. Doch während der gesamten Zeit ließ sich kein Lebenszeichen ausmachen. Hajia beschloss, die Deckung zu verlassen und sich dem urzeitlich wirkenden Dorf offen zu nähern.
In diesem Augenblick erfasste sie eine Druckwelle und schleuderte sie zu Boden. Eine weitere Konvulsion in der Realität durchschüttelte die Welt um sie herum und verzerrte sie in der Zeit. Die Dorfbauten zeigten sich davon jedoch unbeeindruckt. Sie widerstanden den magischen Kräften scheinbar mühelos. Nur vereinzelt raschelten die Zweige, als fege eine Windbö über sie hinweg.
Und dann hörten die Wanderer die Schreie. Leise, unterdrückte Rufe, die schnell wieder erstickt wurden. Sie klangen aus dem einzigen Langbau, der in einer bisher nicht einsehbaren Nische auf der Lichtung abseits der übrigen Hütten stand. Auch er war wie die anderen Verhaue aus einem Geflecht aus Zweigen errichtet worden. Doch hinter dem Gewirr ließen sich schwach die Schemen kleiner Körper erkennen.
„Kinder?“, entfuhr es Talon überrascht, der sich dem Bau bis auf wenige Schritte genähert hatte.
„Ja“, entgegnete Hajia nur und fuhr mit einer raschen Bewegung herum.
Der Mann aus dem Dschungel sah den Schatten erst, als ihn der Schlag des schweren Stabs gegen den Kopf zu Boden warf. Wie ein Wasserfall rauschte das Blut in seinen Ohren. Seine rechte Schläfe fühlte sich an, als würde sie explodieren. Fast ohnmächtig taumelte Talon zu Boden und konnte den Sturz durch die Fesseln behindert nicht abfedern. Alles in ihm schrie danach, sich wieder zu erheben, doch seine Gliedmaßen gehorchten ihm nicht. Wie betäubt lag er am Boden und wälzte sich unbeholfen auf die Seite.
Nur verschwommen bekam er mit, wie Hajia zusammen mit ihrem Begleiter die Hütte betrat. Aus Talons Kehle löste sich ein hilfloses Krächzen. Er wollte aufschreien und den Kindern zur Hilfe kommen. Stattdessen konnte er nur gegen die Ohnmacht ankämpfen, die in ihm wütete. Schwarze Kreise zerplatzten vor seinem inneren Auge. Er spürte, wie das Blut an der aufgeplatzten Stelle seinen Kopf entlang floss. Übelkeit stieg in ihm empor.
Dann zerschnitten kreischende Rufe voller Panik die unnatürliche Stille.
„Nein …“, kam es nur matt über Talons Lippen. Wieder und wieder schrillte eine junge Stimme auf, nur um Sekunden danach für immer zu verklingen. Tränen der Verzweiflung liefen über das von Staub bedeckte Gesicht.
Er wusste nicht, wie lange es dauerte, bis die Schreie endgültig verstummten. Talon spürte nur, wie ihn zwei starke Arme hochrissen und mit sich zogen. Eine kraftvolle Stimme befahl ihm, sich nicht zu wehren. Doch dazu wäre der Gefesselte auch nicht in der Lage gewesen.
Erst die kühlen Spritzer von Wasser, die gegen sein Gesicht klatschten, brachten ihn langsam zur Besinnung. Finger legten sich gegen seine rechte Schläfe. Voller Schmerzen zuckte Talons Kopf zurück. Ein kurzes Lachen erklang.
„Dass ich so fest zuschlage, das wollte ich nicht“, bekannte Hajia mit einer zynischen Amüsiertheit. Ein wildes, ekstatisches Zucken umspielte ihre Mundwinkel. „Aber du hast ja einen harten Schädel.“
„Warum hast du das gemacht?“, stieß Talon nur mühevoll hervor. Blutverklebt hing sein rotbraunes Haar in die Stirn.
„Weil wir es können … weil es uns – gut getan hat … weil wir überleben wollen … – such es dir aus“, antwortete ihm die vermummte Frau lakonisch. „Ich spüre bereits jetzt, wie das Leben dieser kleinen Wilden aus mir tropft und sich die Wunden an meinem Körper öffnen. Das waren Pygmäenkinder, Talon! Wer vermisst die schon?“, schleuderte sie ihm die Worte entgegen und stand erregt auf.
„Du hattest kein Recht dazu!“, entfuhr es dem Gefesselten. Seine Augen bedachten die Frau mit einem wütenden Blick. Hajia äffte einen lang gezogenen Ton gespielter Betroffenheit nach.
„Ooooch … habe etwa ich sie alleine zurückgelassen?! Was meinst du eigentlich, wer du bist?“, schrie sie den Weißen an und riss ihn scheinbar mühelos hoch. „Meinst du, ich lasse mich von dir verurteilen?! Ist es dir lieber, wenn wir auf deine weitere Mithilfe verzichten?“
Talon bedachte sie nur mit einem bitteren Grinsen. Sein Blick brannte sich in Hajias verhülltem Gesicht fest. Wütend stieß sie den blutverschmierten Mann von sich und wies ihrem Gefährten an, Talon hochzuziehen.
„Wir machen uns auf den Weg!“, entschied sie. „Bis wir den Tempel erreichen, werden wir uns nur noch zum Schlafen ausruhen!“

Unerwartet erfasste Talon eine seltsame Vertrautheit.
Die Gerüche in der Luft und die Landschaft, die sich um ihn herum veränderte, machten ihm bewusst, dass er wieder in das Gebiet zurückkehrte, aus dem er vor Monaten aufgebrochen war. Er brachte es nicht über die Lippen, es „Zuhause“ zu nennen. Dennoch spürte er ein ungewohntes Gefühl der Geborgenheit.
Der unbarmherzige Marsch der letzten beiden Tage hatte von der Gruppe deutlichen Tribut verlangt. Jeden Abend waren die Wanderer viel zu ermattet, um mehr zu tun, als in einen tiefen Schlaf voller Erschöpfung zu sinken. Darüber hinaus wurde immer offensichtlicher, dass die Dunkelheit neu erwacht in den beiden zerfressenen Körpern wütete. Krämpfe und epileptisch wirkende Anfälle durchschüttelten die geschwächten Menschen fortlaufend. Immer häufiger mussten sie eine kurze Rast einlegen. Wie in einem Fieber kämpften sich die Vermummten weiter.
Die Natur selbst schien um sie herum in einem fiebrigen Taumel zu liegen. Bäume brachen auseinander oder zerbarsten ohne ersichtlichen Grund in tausende Stücke und machten so einer neuen Lichtung Platz. Erde wurde an einer Stelle aufgeworfen, während sie sich an einer anderen absenkte. Die Luft flimmerte und schillerte, erfüllt von einem nicht enden wollenden Sirren und Pfeifen.
In dieses Chaos hinein wurde eine alte Ordnung gepresst, die aus dem Boden empor kroch und ihren Jahrtausende alten Platz zurückeroberte. Auf der öden Lichtung, die noch vor kurzem von Dschungel bedeckt gewesen war, bildeten sich ganze Siedlungen aus lange verschütteten Ruinen. Mächtige Steinstelen mit kaum noch zu erkennenden Figuren erhoben sich dunkel in den Himmel. Ihre Schatten flankierten gewaltige, gedrungene Grabstätten, deren ausgeblichene Oberfläche aus Sandstein mit fremdartigen, in Gold gefassten Symbolen verziert war.
Obwohl sie noch verschwommen am Horizont lagen, konnte Talon bereits jetzt die im Dunst versteckten Umrisse der großen Tempelanlage ausmachen. Wie eine Anordnung ineinander verschachtelter Pyramiden überragte der Hauptbau selbst die höchsten Baumwipfel um ein Vielfaches.
„Wir haben es geschafft … bei Gott, wir haben es tatsächlich geschafft!“, löste sich die brüchige Stimme Hajias, als sie das Bauwerk entdeckte, begleitet von einem heiseren Lachen. Sie packte ihren hünenhaften Gefährten am Unterarm und suchte seinen Blick. Dem Mann entfuhr jedoch nur ein dumpfes Krächzen. Sein Kopf sackte müde auf die Brust.
Talon sah deutlich, mit welcher Mühe sich der Vermummte auf den Beinen hielt. Kurz schätzte er die Lage ein. Jetzt zu fliehen, wäre ein Leichtes gewesen. Seinen Bewachern fehlte jede Kraft, um ihm folgen zu können. Doch damit würde er nichts erreichen. Dann wären die Aussätzigen sich selbst überlassen, und das war bei weitem die größere Bedrohung, als in ihrer Gefangenschaft zu bleiben.
„Ich schlage vor, ich gehe voran“, ergriff Talon das Wort. „Sollten Wächter in der Nähe sein, werden sie zuerst mich sehen und die Fesseln vielleicht gar nicht entdecken. Es muss nicht sein, dass jetzt noch etwas Vermeidbares passiert.“
Trotz ihrer offen zu Tage tretenden Schwäche taxierte Hajia den Mann vor sich mit wachen Augen. Sie überlegte sehr lange, bevor sie leicht nickte. „Du hast uns tatsächlich bis hierher geführt. Doch der schwerste Teil liegt ja noch vor uns.“ Sie wies ihm mit dem Stab den Weg.
„Geh. Wir folgen dir.“
Je näher sie dem Tempel kamen, desto mehr schwoll das unterschwellige Sirren zu einem Raunen an, wie Tausende verlorener Stimmen, die gleichzeitig erklangen. Hier in der direkten Umgebung der Anlage wütete Eser Krus Macht unkontrolliert mit einem lebensverachtenden Eifer, als sei der Priester selbst noch lebendig.
Der Tempelkomplex wuchs vor ihnen immer weiter an. Inzwischen ließen sich die ersten Details in der behauenen steinernen Fassade erkennen. Und auch sie schienen von Eser Krus Wirken nicht unbeeinflusst geblieben zu sein. Viele der Trümmerstücke, die den Platz rund um den Tempel gesäumt hatten, waren nicht mehr vorhanden, während gleichzeitig um die Anlage niedrige, gleichmäßige Steinbauten entstanden. Sie sahen aus wie eine Vorstadt, in der vor Äonen die Bediensteten und Beamten gewohnt haben mochten. Doch nun lagen die unfertigen Gebäude verlassen und dunkel vor den Wanderern, die sich mit wachsender Nervosität auf den steinernen Platten alter Straßen zwischen ihnen hindurchbewegten.
Als sie die ersten Ausläufer des Tempelkomplexes erreichten, ebbte von einem Augenblick auf den anderen alle widernatürliche Lebendigkeit ab. Die sirrenden Stimmen verklangen, und auch die Natur selbst fiel in eine fast gespenstisch anmutende Ruhe zurück. Dafür war zum ersten Mal seit Stunden vereinzelt das Rufen eines Vogels zu hören.
Talon atmete tief durch, um die Unruhe in sich zu unterdrücken. Als er zurückblickte, tobte hinter ihm ungebrochen das freigelassene Chaos und prasselte auf die Umgebung ein. Doch hier, im Schatten der alten Mauern, herrschte Stille. Er konnte nur hoffen, dass es Shions eigene Kräfte waren, die Eser Krus Wirken hier unterbanden.
Kurz glaubte der Mann aus dem Dschungel, auf einer Terrasse weit über sich eine Bewegung entdeckt zu haben. Doch er forschte nicht weiter nach, um seine beiden Bewacher nicht darauf aufmerksam zu machen.
Nachdem sie einen leichten Bogen eingeschlagen hatten, öffnete sich vor ihnen die breite Treppe, die direkt zum obersten Bereich des Tempels führte. Ein Blick nach oben zeigte Talon, dass sie nicht bewacht wurde. Ebenso wenig wurden sie von Shions Wachen erwartet. Für einen Augenblick zögerte er, bevor er die erste Stufe betrat.
Was, wenn Shion längst besiegt worden war und seine Hoffnung auf Hilfe nicht mehr blieb als ein unerfüllter Wunsch? Unwillig schüttelte er den Kopf. Trotz der Erschöpfung, die er deutlich in seinem Körper spürte, nahm er die steinernen Stufen mit kraftvollen Schritten. Als er etwa die Hälfte der Treppe überwunden hatte, glaubte Talon erneut, einen Schatten im Mauerwerk erkannt zu haben.
Und nur einen Moment darauf betrat aus einem kaum zu erkennenden Seitenausgang ein fremdartig gekleideter Mann mit dunkler, fast bronzener Hautfarbe die Stufen, der Talon doch so vertraut war. Ein buschiger Federschmuck krönte den kahlgeschorenen Kopf des Mannes, der bis auf einen Lendenschurz und wenige, archaisch wirkende Schmuckstücke nackt war. In seinen kräftigen Händen trug er einen schweren Speer mit einer unterarmlangen, breiten Klinge.
„Ich habe nicht gedacht, dich je wieder zu sehen. Du kommst in unguten Zeiten“, begrüßte ihn der muskulöse Wächter.
„N'kele“, antwortete Talon dem obersten Wächter von Shions Garde. „Es tut gut, dich zu sehen.“
„Fast bin ich sogar bereit, deinen Worten Glauben zu schenken“, erwiderte der Wächter mit einem ausdruckslosen Grinsen. Ein schneller Blick von ihm richtete sich auf die Fesseln und dann auf die vermummten Begleiter, die mehrere Stufen hinter dem Talon zurückgeblieben waren.
„Wer …?“, setzte N'kele zu einer Frage an, doch dann überkam ihn selbst eine Ahnung, je intensiver er sich Talons Begleiter betrachtete.
„Sie wollen zu Shion und ersuchen um seine Hilfe“, rief der Gefesselte laut genug, dass ihn auch die beiden Aussätzigen verstanden.
„Ersuchen …?“, flüsterte der Wächter kaum hörbar und nickte nur stumm. „Lasst uns gehen.“
Ein versteckter Fingerzeig folgte, und aus weiteren verborgenen Nischen traten insgesamt sechs bewaffnete Wachen, die die Gruppe der Ankömmlinge in ihren Kreis nahmen und die Treppe hinauf begleiteten. Die Unruhe der Vermummten war nun fast greifbar. Immer wieder sahen sie sich hastig um, und zum ersten Mal schien es, als verlor Hajia ihr lange aufrechterhaltenes selbstsicheres Auftreten.
Mit ungelenken Bewegungen legte sich die wenige Stufen zu Talon zurück und zog ihn am Unterarm. „Das gefällt mir nicht! Du hast nicht vor, uns hereinzulegen?“, wollte sie von ihm wissen.
Talon drehte sich mit seinen Fesseln so gut wie möglich um und verlagerte ein Bein auf die nächste Stufe. „Du wolltest, dass ich euch hierher führe. Das habe ich getan. Alles andere wird Shion entscheiden“, entgegnete er der Frau ohne erkennbare Gefühlsregung.
Für einen Augenblick sah es so aus, als würde Hajia ihn anfallen. Selbst unter den weiten Stoffbahnen war zu sehen, wie angespannt ihr Körper war und vor Emotionen sichtlich bebte. Sie fühlte sich wie ein Tier, das in Gefangenschaft geriet. Hörbar atmete sie die Luft ein und aus. „Gut, aber vergiss nicht, was passiert, wenn wir nicht zurückkehren!“
„Das hast du mir deutlich genug gemacht!“, erwiderte der Gefesselte mit unverhohlener Verachtung und dachte an die zurückgebliebenen Aussätzigen. Ohne noch etwas zu sagen, wandte er sich um und stieg die Stufen empor, begleitet von N'kele.
Hajia setzte noch an, um etwas zu sagen, zog dann aber die Tücher enger um ihren Körper und folgte den beiden Männern, während sie die Wachen um sie herum ständig mit einem Seitenblick bedachte.
Nach mehreren Minuten konnte Talon das obere Ende der Treppe erkennen, hinter der sich der blaue Himmel immer mächtiger über ihm auftürmte. Der Wind nahm beständig zu und wehte rau über seinen verschwitzten, halbnackten Körper. Er sprach kein Wort mit dem Krieger an seiner Seite. Sie tauschten nur mehrmals kurze Blicke aus.
Dann betrat Talon die obere Plattform. Unter ihm öffnete sich das weite Grün des Urwalds, soweit es von Eser Krus Magie nicht hinweggefegt worden war. Selbst von hier oben war das wütende Chaos noch zu erkennen, wenn auch nur als leichtes Flimmern in dem Dunstschleier tief unten.
Auf einem Plateau oberhalb ihrer Position erhob sich die wuchtige Gestalt eines Schattens, der sie in gespannter Haltung erwartete. Die Umrisse vermochten noch die Figur eines gewaltigen Löwen abzuzeichnen. Die Schwärze jedoch, die in dem Körper lebte und sich wie ein Schattenspiel ständig wandelte, stammte aus einer weit entfernten Wirklichkeit. An der sonnenbeschienenen Seite leuchtete der Körper in einem nachtkalten Blau auf und ließ das unwirkliche Muskelspiel erahnen, das sich unter der schattengleichen Masse abzeichnete.
Scheinbar unbeeindruckt stand Shion auf der Stelle und sah für einen Augenblick einem Schwarm Kraniche nach, der weit über ihm durch den Himmel zog.
[Du bist wieder hier], stellte der schwarze Löwe unvermittelt fest. Die Stimme erklang wie ein Dröhnen in Talons Kopf. Der Schatten machte einen Schritt auf den Mann zu, als sich Hajias Umriss an der Treppenkante abzeichnete.
Kurz drehte sich der Mann mit den rotbraunen Haaren um und sah zu, wie auch der zweite Vermummte das Plateau betrat, flankiert von den Wachen. Hajia blickte ihn abwartend an. Talon ließ den Kopf sinken und atmete tief durch. Sein Körper war zum Zerreißen gespannt.
„Shion“, begann er, „diese beiden gehören zu einer Gruppe Verstoßener, die von Eser Krus Armee übrig geblieben sind. Sie sind von seiner Magie genauso gezeichnet wie die Welt um uns herum.“
Er wandte sich zu Hajia um und sah dann wieder in die rotglühenden Augen des schwarzen Löwen, die sich wie zwei Tore zur Hölle öffneten. Sie musterten die Fremden mit unverhohlener Abneigung.
„Sie haben mich gefangen genommen, damit ich sie zu dir führe. Sie hoffen auf Hilfe gegen die dunkle Magie, die in ihnen wütet und sie verzehrt.“
Talon hob seine gefesselten Hände ein Stück an und richtete mit einem Blick auf N'kele, der neben Shion seinen Platz eingenommen hatte, dessen Aufmerksamkeit auf den Lederriemen. Der Wächter mit der bronzenen Haut erwachte aus seiner Erstarrung, Eser Krus Gefolgsleute hier im Tempel zu wissen, und nickte unmerklich.
„Wir müssen alles tun, um diesen Prozess aufzuhalten … – und habe ich noch Hoffnung, dass wir einen Weg finden werden. Doch weder für diese beiden, noch für ihre Gefährten. Sie müssen sterben!“
Shions mächtiger Kopf nickte nur knapp. Augenblicklich reagierten die Wächter um sie herum. Hajia schrie wutentbrannt auf.
Die ganze Zeit hatten ihre Finger auf dem kühlen Stein der Löwenstatue unter ihren Gewändern gelegen. Als sie Talons Worte hörte, zuckte ihre freie Hand auf den Wächter zu ihrer Linken zu. Sie tauchte unter dem vorstoßenden Speer hindurch und legte die Hand auf den nackten Oberschenkel des Kriegers. Wie vom Blitz getroffen fiel der hochgewachsene Mann zu Boden. Ein Ausdruck der Überraschung verzerrte sein lebloses Gesicht.
Nur wenige Augenblicke später hatte die Frau das Leben aus dem Körper aufgesaugt und fuhr in einer geschmeidigen Bewegung herum. Sie wollte ihrem Gefährten zur Hilfe kommen, der sich etwas hinter ihr gehalten hatte. Für einen Moment schien es, als könne er sich der vier Wächter tatsächlich erwehren, die ihn einkreisten.
Doch als die Lanzen zustießen und den hünenhaften Körper zu Fall brachten, löste sich ein entsetztes Krächzen von Hajias Lippen. Wie von einer inneren Kraft getrieben preschte sie vorwärts.
„N'kele“, rief Talon nur und riss die Hände hoch. Shions Wächter reagierte ohne zu zögern. Die Klinge des Speers fuhr durch die Luft und durchtrennte den breiten Riemen, der Talon band.
Der Mann aus dem Dschungel warf sich zur Seite und rollte über den Sandstein. Hajias Hand wischte knapp an ihm vorbei. Die Frau zischte wütend. „Du hattest nie vor, uns zu helfen!“ Katzengleich fuhr sie herum und konnte nicht sehen, wie hinter ihrem Rücken N'kele seine Lanze zum Stoß angehoben hatte. Doch Talon winkte den alten Wächter zurück. Erst jetzt erkannte die Vermummte die Gefahr, in die sie sich gebracht hatte. Mit einem schnellen Schritt zur Seite änderte sie ihre Position.
„Du suchst den Kampf mit mir?“, lachte sie kehlig auf. Ohne ihr zu antworten, sprang Talon auf sie zu. Die Finger ihrer linken Hand verfehlten ihn erneut. Um ihr Gleichgewicht halten zu können, zog sie ihre Rechte unter den Tüchern hervor. Ihre Finger umklammerten auch weiterhin die Löwenstatue.
Hajia preschte vor, erfüllt von dem Ziel, ihre Hand auf die nackte Haut des verhassten Mannes zu pressen. Doch Talon fing ihren Schwung ab und umklammerte mit der Rechten ihr knochiges Handgelenk.
„Narr!“, schrie sie auf. „Was willst du damit gewinnen? Ich brauche dich nur einmal zu berühren, und dein Leben gehört mir!“
Talons linke Hand schoss vor und legte sich um die schwarze Statue, die Hajia fest umklammert hielt. Alleine durch seine körperliche Überlegenheit drückte er die Arme der Frau allmählich nach hinten.
„Du hast einen Fehler gemacht“, presste er zwischen zwei Atemstößen hervor. „Du hast geglaubt, die Statue gibt dir Macht über mich.“ Er schob seinen Körper vor, so dass die Vermummte unwillkürlich zurückweichen musste. „Doch diese Macht gehört jedem, der von der Schwärze gezeichnet ist und die Statue berührt.“
Mit der Schnelligkeit eines Raubtiers ließ er ihr linkes Handgelenk los und schloss seine Rechte um ihre Kehle. Er zog ihr Gesicht nahe an das seine.
„Glaubst du, du bist die einzige, die die Dunkelheit in sich trägt …?“, schleuderte er ihr mit aller aufgestauter Wut entgegen. Hajias Augen weiteten sich entsetzt vor Erkenntnis, als sie spürte, wie das Leben aus ihrem sterbenden Körper gesogen würde.
Unverständliche Worte drangen über ihre eitrigen Lippen. Auch wenn sie ihr Leben verflucht hatte, so wollte sich nun jede Faser in ihr darin festkrallen und es retten. Hilflos zuckte ihre freie Hand vor. Die brüchigen Nägel ihrer Finger gruben sich tief in Talons Haut, während das Leben noch immer aus ihr floss. Schwach schüttelte sie den Kopf und suchte nach Mitleid in den kalten, blauen Augen, die sich durchdringend ansahen. Dann sackte sie tot zusammen.
Ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, entnahm ihr Talon die Statue und blickte zu dem toten Körper des zweiten Vermummten hinüber. Wellen voller Hass auf alles Lebendige durchzogen seine Adern. Wie ein Ertrinkender sog er mit jedem Atemzug die Luft hörbar ein. Die Welt um ihn herum schien in weite Ferne zu rücken, während die Dunkelheit in ihm aufpeitschte.
„Shion! Was hast du mit mir gemacht?“, brüllte er mit verzerrter, fremdartiger Stimme den schwarzen Löwen an. Bebend wandte sich sein Körper um und suchte den Blick des schattenhaften Wesens. Dieses erwiderte ihn mit unnahbarem Gleichmut.
[Du bist mein Nachfolger], erklärte die tosende Stimme knapp. [Du bist der, der die Kräfte bändigt. Das wird dein Schicksal sein.]
Nur langsam ebbte die lodernde Glut eines unstillbaren Hasses in ihm ab, bis das Gefühl endlich ganz erstarb. Talon keuchte ermattet auf und spürte den kühlenden Wind auf seiner Haut. Doch die Wunde einer abgrundtiefen Leere in seinem Innern konnte er nicht lindern. Müde setzte er sich auf den Stein und verbarg den Kopf zwischen den Händen.


Epilog

Schweigend stand der hochgewachsene Mann am Rand der Treppe und blickte auf die Landschaft, die sich unter ihm öffnete. Seit dem Tod der Aussätzigen waren mehrere Tage vergangen, in denen sich Talon erholt und seine Wunden versorgt hatte.
Er hatte lange Stunden mit Shion verbracht und erzählt, wie sich die Welt außerhalb des Tempels veränderte. Selbst der schwarze Löwe schien im Augenblick nur abwarten zu können und zuzusehen, wie sich Eser Krus Eingriff auswirken würde. Sollte das Vorhaben des toten Hohepriesters tatsächlich Erfolg haben, würde die Welt um sie herum Jahrtausende in die Vergangenheit zurückversetzt werden.
Über den Weg, den der dunkle Löwe für ihn vorgesehen hatte, schwiegen sie sich beide aus. Talon wusste nicht, was auf ihn zukommen würde. Er fühlte nur, dass der Weg, den er bisher gegangen war, jetzt erst zu beginnen schien.



Fortsetzung folgt




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Talon erscheint als eBook kostenlos auf www.talon-abenteuer.de.